Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

Part 4

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Für diese Lösung setzten sich Kanzler und Auswärtiges Amt bei der Obersten Heeresleitung, an deren Spitze damals bereits in Vertretung des schwer erkrankten Generalobersten von Moltke der General von Falkenhayn stand, mit allem Nachdruck ein; es wurde jedoch stets die militärische Unmöglichkeit der Erfüllung dieser Forderung geltend gemacht. Als die Türkei, die damals schon an Munitionsmangel litt, immer stärker drängte, machte das Auswärtige Amt einen erneuten Versuch, zu dem auch meine Mitwirkung auf Grund meiner Kenntnis der Verhältnisse des näheren Orients herangeholt wurde. In Brüssel, wohin ich gerade von einem Besuch im Großen Hauptquartier zurückgekehrt war, erhielt ich am 28. November ein Telegramm des Unterstaatssekretärs Zimmermann, das mich ersuchte, beim Reichskanzler, beim Generalstabschef und nötigenfalls beim Kaiser selbst mit den stärksten Argumenten für eine sofortige Aktion zur Besetzung des Negotiner Kreises und Freimachung des Donauweges einzutreten. Ich entschloß mich, sofort wieder nach Charleville zu fahren. Als ich am Abend des 29. November dort ankam, stellte sich heraus, daß am Vormittag der Reichskanzler nach Berlin, der Kaiser und General von Falkenhayn nach dem östlichen Kriegsschauplatz abgereist waren. Ich wandte mich an den General Wild von Hohenborn, der damals den Generalquartiermeister vertrat. Er sagte mir, daß beim Generalstab wenig Neigung für die serbische Operation bestehe, da auf den Hauptkriegsschauplätzen jeder Mann gebraucht würde. Aus diesem Grund habe sich der General von Falkenhayn bisher gegenüber den Wünschen des Auswärtigen Amts ablehnend verhalten und zunächst nur einmal den Obersten Hentsch zur Prüfung der Verhältnisse an Ort und Stelle nach dem Eisernen Tor geschickt. Aus den Darlegungen des Generals von Wild entnahm ich, daß man in den leitenden militärischen Kreisen die Voraussetzungen, unter denen allein die Türkei überhaupt erst aus einem stark exponierten Angriffspunkt zu einem wertvollen Verbündeten gemacht werden und außerdem Bulgarien für den Anschluß an uns gewonnen werden könne, nicht genügend würdigte. General von Wild versprach mir, meine Gesichtspunkte alsbald an den General von Falkenhayn zu telegraphieren. Es blieb aber bei der Ablehnung.

Es war für mich schmerzlich, zu sehen, wie statt dieser so dringlichen Öffnung des Donauweges, der uns in der Folgezeit viel schwere Sorgen erspart und unserer Gesamtaktion eine so viel wuchtigere Schlagkraft gegeben hätte, die österreichisch-ungarischen Truppen mit starkem Kräfteeinsatz Serbien am andern Ende anpackten. Von Bosnien aus rückte gegen Ende November eine starke Armee in Serbien ein und erzielte in heftigen Kämpfen gute Fortschritte. Am 2. Dezember, dem 66. Jahrestag der Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph, wurde Belgrad angegriffen und genommen. Aber bald stießen die österreichisch-ungarischen Truppen in dem unwegsamen westserbischen Gebirgsland auf große Schwierigkeiten. Schon am 9. Dezember waren sie gezwungen, den Rückzug unter Preisgabe vielen Materials und zahlreicher Gefangener anzutreten. Am 15. Dezember mußte auch Belgrad wieder geräumt werden. Ich kann als Laie die Frage nicht entscheiden, ob nicht der gleiche Kraftaufwand, der hier nutzlos verpufft wurde, am Negotiner Donaubogen eingesetzt genügt hätte, um die Verbindung mit Bulgarien und der Türkei damals schon herzustellen und zu sichern. Zunächst war durch den österreichischen Mißerfolg diese Möglichkeit auf absehbare Zeit verschlossen. Erst zehn Monate später ist die damals schon so dringend empfohlene Aktion in Angriff genommen und durchgeführt worden.

In der Zwischenzeit mußte sich die Türkei, so gut es ging, behelfen, ohne uns über die Sperrung der Dardanellen hinaus einen wesentlichen Vorteil bringen zu können.

Ein Versuch Envers, im armenischen Hochland gegen das russische Kaukasusgebiet vorzustoßen, blieb mangels genügender rückwärtiger Verbindungen in den Anfängen stecken und führte schließlich infolge der feindlichen Haltung der armenischen Bevölkerung zu schweren Rückschlägen. An dem türkischen Ufer des Persischen Golfs setzten sich die Engländer mit indischen Truppen fest und bereiteten eine Operationsbasis für die Eroberung Mesopotamiens vor, ohne daß die Türken sie aus einer durch keine Eisenbahn überbrückten Entfernung von mehr als tausend Kilometern ernstlich daran hindern konnten. Ägypten wurde im Dezember 1914 zum britischen Protektorat erklärt, nachdem schon vor dem Eintritt des Kriegszustandes zwischen England und der Türkei die britische Regierung die ägyptische Regierung gezwungen hatte, den Kriegszustand gegenüber den Mittelmächten zu proklamieren. Mehr als gelegentliche Patrouillen- und Bandenvorstöße gegen den Suezkanal, die keinerlei nachhaltigen Erfolg hatten, vermochten die Türken im Winter 1914/15 nicht zu unternehmen.

Dagegen machten die Verbündeten vom Februar 1915 an außerordentliche Anstrengungen, die Dardanellen zu bezwingen und so einen entscheidenden Stoß zu führen, der sowohl die Türkei ins Herz treffen, wie auch die unterbrochene Verbindung zwischen Rußland und den Westmächten wiederherstellen sollte. Letzteres erschien um so notwendiger, als die Russen gerade damals in der »Winterschlacht in den Masuren« eine Niederlage erlitten, in der ihre Verluste an Menschen und namentlich Material so gewaltige waren, daß es in Frage gestellt schien, ob die russische »Dampfwalze« sich ohne ausgiebige Nachhilfe von außen werde wiederherstellen lassen.

In England waren die Meinungen über die Zweckmäßigkeit des Dardanellenunternehmens geteilt. Churchill setzte es gegen allen Widerspruch durch, insbesondere auch gegen den Widerspruch des Lord John Fisher, des Ersten Lords der Admiralität.

Am 19. Februar begann eine mächtige Schlachtflotte die Außenforts der Dardanellen zu bombardieren. Damit war das Signal zu dem gewaltigsten Ringen gegeben, das diese seit dem Trojanischen Krieg so viel und heiß umstrittenen Meerengen je gesehen hatten. Die veralteten und schwachen Forts am Dardanelleneingang wurden niedergelegt, und Anfang März konnte der Versuch, die starken Innenforts zu bezwingen, ins Werk gesetzt werden. Der Versuch scheiterte. Am 18. März büßten die Angreifer drei Schlachtschiffe ein, zwei englische und ein französisches. Man sah ein, daß ohne ein starkes Landungskorps nicht vorwärts zu kommen sei.

Ein solches mußte erst zusammengestellt und herbeigeholt werden; denn die wenigen Bataillone Senegalesen und Zuaven, mit denen man anfänglich auszukommen gehofft hatte, genügten nicht entfernt, und die griechische Hilfe, die man erwartete, blieb aus. Man griff auf die in Ägypten versammelten Truppen, hauptsächlich Australier und Neuseeländer, zurück. Am 25. April 1915 erfolgte die erste Landung auf der Halbinsel Gallipoli.

Die auf Gallipoli zusammengezogene türkische Armee leistete den Angreifern, die ihre Forts und Feldbefestigungen Tag und Nacht mit einem Eisenhagel aus Land- und Schiffsgeschützen aller Kaliber überschütteten, den zähesten Widerstand. Eine unerwartete aber wirksame Unterstützung erhielt sie durch deutsche U-Boote, die plötzlich vor den Dardanellen erschienen, vom 25. bis 27. Mai die drei britischen Panzerschiffe »Triumph«, »Majestic« und »Agamemnon« torpedierten und durch die beständige Bedrohung die großen Schlachtschiffe von der Halbinsel fernhielten. Aber eine schwere Sorge lastete auf den braven Verteidigern: der Munitionsmangel. Der tägliche Verbrauch war bei aller Sparsamkeit enorm; Rumänien ließ keine Munition durch; Serbien hielt immer noch den Negotiner Donaubogen; unsere U-Boote konnten bei ihrem beschränkten Tonnengehalt höchstens Zünder und ähnliche Dinge, aber keine Granaten heranschaffen. Der Energie und Geschicklichkeit eines deutschen Seeoffiziers gelang es, in Konstantinopel eine behelfsmäßig ausgestattete Munitionsfabrik gewissermaßen aus dem Boden zu stampfen; aber deren Leistungsfähigkeit konnte nicht entfernt auf die Höhe des Bedarfs der Gallipoli-Armee gesteigert werden. Die Telegramme unseres Botschafters verlangten immer dringender die Öffnung eines Weges für ausreichende Munitionszufuhr. Wiederholt schien die letzte Stunde geschlagen zu haben. Mehr als einmal war nach heftigen Angriffen der Vorrat der Artilleriemunition so vollständig erschöpft, daß einem erneuten Angriff des Feindes der Erfolg sicher gewesen wäre. Churchill sprach damals das Wort: »Nur wenige Meilen trennen uns vom Ziel und vom endgültigen Sieg.« Er wußte selbst nicht, wie nahe er oft an Ziel und Sieg war.

Endlich kam die Erlösung. Im Oktober 1915 reichten wir uns über Serbien hinaus mit Bulgarien die Hände, der Donauweg war frei, die Dardanellen und Konstantinopel waren gerettet. Die Entente mußte sich von der Aussichtslosigkeit weiterer Versuche überzeugen. Schon am 2. November 1915 nannte der britische Premierminister im Unterhaus das Dardanellenunternehmen »a disappointment and failure«. Im Januar 1916 wurden bei Nacht und Nebel die letzten Reste des Landungskorps eingeschifft. Die Gräber von vielen Zehntausenden sind, wie die Tumuli von Troja, das Denkmal des gewaltigen Ringens.

Italien

Während uns in der Türkei ein neuer Bundesgenosse entstand, der das Kräfteverhältnis zwischen uns und der übermächtigen feindlichen Koalition immerhin zu unsern Gunsten verbesserte und uns einige Aussicht bot, aus der eisernen Umklammerung den Weg ins Freie zu gewinnen, rückte unser italienischer Dreibundgenosse, der mehr als drei Jahrzehnte hindurch die gute Zeit mit uns geteilt, sich dabei wohl befunden hatte und zu neuer Blüte erstarkt war, immer deutlicher von uns nach dem Lager der Entente hinüber.

Aus den Gründen, die ich im ersten Band dieses Werkes entwickelt habe, mußten die Mittelmächte für den Ernstfall eines Krieges mit einer England einschließenden Koalition damit rechnen, daß Italien sich auch bei einem unzweifelhaften Vorliegen des Casus foederis der Verpflichtung zur Waffenhilfe entziehen würde. Erwarten durfte man auf Grund der mehr als dreißigjährigen Gemeinschaft eine unzweideutige und wohlwollende Neutralität. Auch Bismarck hatte damit gerechnet, daß im Kriegsfall der Dreibundvertrag Italien zum mindesten abhalten werde, sich zu unseren Feinden zu schlagen, daß er ferner Österreich-Ungarn gestatten werde, seine italienische Grenze zu entblößen, und daß er andererseits einige französische Armeekorps an den Seealpen binden werde.

Italien erklärte in der Tat eine freundschaftliche Neutralität. Aber seine Handlungen standen mit dieser Erklärung von Anfang an nicht in Einklang.

Die Mitteilung der Neutralität an Frankreich erfolgte in Formen, die dort einen Begeisterungssturm erregten und der französischen Regierung die Gewißheit gaben, daß sie ohne Gefahr den letzten Mann von der Alpengrenze abziehen und gegen die deutsche Armee ins Feld stellen könne. Dagegen holte Italien gegenüber den Mittelmächten den Artikel 7 des Dreibundvertrags hervor, der ihm für den Fall einer Machterweiterung Österreich-Ungarns auf dem Balkan eine Kompensation in Aussicht stellte. Indem Italien sich seiner Verpflichtung aus dem Dreibundvertrag entzog, machte es aus dem gleichen Vertrag Rechte geltend. Die Mittelmächte erkannten den Anspruch Italiens ausdrücklich an für den Fall, daß die im Bündnisvertrag vorgesehene Voraussetzung der Erweiterung der österreichisch-ungarischen Machtsphäre auf dem Balkan, die nach den Erklärungen des Wiener Kabinetts nicht in dessen Absicht lag, tatsächlich eintreten sollte. Gebessert wurde durch diese Anerkennung nichts.

Auch wirtschaftlich ließ Italien uns im Stich. Es erschwerte und verhinderte die Durchfuhr wichtiger Stapelartikel nach Deutschland, ja sogar den Abtransport der bei Ausbruch des Krieges in italienischen Häfen mit Bestimmung für Deutschland bereits lagernden Güter. Die Aussicht, auf dem Wege über das verbündete, aber in diesem Krieg neutral bleibende Italien die gegen uns geplante Wirtschaftsblockade vereiteln zu können, mußte von vornherein aufgegeben werden.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier zu schildern, wie eine raffinierte Bearbeitung der italienischen Presse und Straße das Land für den Verrat an dem alten Bundesgenossen reif machte. Ich beschränke mich auf die Feststellung des Ergebnisses.

Bereits im Oktober 1914, als der plötzliche Tod San Giulianos, der noch im Jahre 1912 die Erneuerung des Dreibundvertrages unterzeichnet hatte, die Neubildung des italienischen Kabinetts nötig machte, trat die Abkehr von den Mittelmächten unverhüllt in Erscheinung. Nachfolger San Giulianos wurde Sidney Sonnino, ein Mann, von dem ein italienisches Wort sagt, er sei »mezzo Ebreo, mezzo Inglese« -- halb Jude und halb Engländer -- und dessen Parteinahme für England allbekannt war. Am 3. Dezember sprach Salandra, der das Präsidium auch des neuen Kabinetts behalten hatte, in der italienischen Kammer die bedenklichen Worte von der »tätigen und wachsamen Neutralität«, der »stark gewappneten Neutralität« und »den gerechten Ansprüchen«, die Italien zu verwirklichen habe. Diese Worte deuteten an und verhüllten zu gleicher Zeit, was sich in den geheimen diplomatischen Verhandlungen abspielte: Das neue italienische Kabinett, umworben von Versprechungen und bedrückt von Drohungen der Entente, getrieben von dem sich immer mehr erhitzenden Nationalismus und Irredentismus der Straße, dabei dem Zug des eigenen Herzens folgend und fast mehr schiebend als geschoben, verlangte von Österreich-Ungarn die im Dreibundvertrag vorgesehene Kompensation unabhängig von dem tatsächlichen Eintritt der zu kompensierenden österreichisch-ungarischen Machterweiterung auf dem Balkan, lediglich auf Grund der damals von der österreichisch-ungarischen Armee eingeleiteten und dann so unglücklich verlaufenen neuen Operation gegen Serbien; es verlangte die Kompensation nicht, wie es dem Sinn des Vertrages entsprach, auf dem Balkan, sondern es richtete seine begehrlichen Augen auf Trient und Triest; es forderte schließlich nicht eine Kompensation für später, sondern sofortige Auslieferung der verlangten Gebietsteile.

Eine Gefühlspolitik hätte diese Zumutungen auf jede Gefahr hin mit Entrüstung zurückgewiesen. Aber Gefühlspolitik verbot sich für die Mittelmächte bei der ernsten Lage, in der sie sich befanden, von selbst. Es galt, Figuren zu opfern, um nicht mit Sicherheit das Spiel um die eigene Existenz zu verlieren.

Die deutsche Regierung schickte den Fürsten Bülow, der sich zur Verfügung gestellt hatte, als außerordentlichen Botschafter nach Rom, damit er als bester Kenner der italienischen Personen und Verhältnisse mit seinem ganzen Ansehen und seiner ganzen diplomatischen Geschicklichkeit helfe, das Äußerste zu vermeiden.

Es bedurfte eines starken Druckes auf unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen, um überhaupt die Grundlage für Verhandlungen zu schaffen und späterhin den Abbruch infolge der immer maßloser werdenden italienischen Ansprüche zu verhüten. Noch Ende Januar 1915 sagte der damalige Erzherzog-Thronfolger, der spätere Kaiser Karl, bei einem Besuch im Großen Hauptquartier unserem Kaiser, wie schwer es dem Kaiser Franz Joseph werde, sich vor den italienischen Zumutungen zu beugen. Kaiser Wilhelm hat mir Anfang Februar gesagt, er könne es als Souverän und Verbündeter nicht übers Herz bringen, auf den alten Kaiser in dieser furchtbaren Sache zu drücken. Er sei dem Baron Burian, der vor kurzem seinen Antrittsbesuch als neuernannter Minister des Auswärtigen gemacht habe, dankbar für den Takt, mit dem dieser es unterlassen habe, ihn auf die Trentinofrage anzusprechen. Die Aufgabe, Österreich-Ungarn zu den unvermeidlichen Zugeständnissen zu bewegen, müsse ihm von seinen Staatsmännern abgenommen werden.

Nur mit dem äußersten Widerstreben und bis aufs äußerste zögernd fand die Wiener Regierung sich bereit, die italienischen Forderungen zu diskutieren und schließlich in der Hauptsache zuzugestehen. Am 18. Mai 1915 hat der Reichskanzler von Bethmann Hollweg im Reichstag die österreichischen Konzessionen mitgeteilt, deren Hauptpunkte waren:

1. Der von Italienern bewohnte Teil von Tirol wird an Italien abgetreten.

2. Ebenso das Westufer des Isonzo, soweit die Bevölkerung rein italienisch ist, sowie die Stadt Gradisca.

3. Triest soll zur freien Kaiserlichen Stadt gemacht werden, eine den italienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine italienische Universität erhalten.

4. Die italienische Souveränität über Valona und die dazugehörige Interessensphäre wird anerkannt.

5. Österreich-Ungarn erklärt seine politische Uninteressiertheit an Albanien.

Das Deutsche Reich hatte dem römischen Kabinett gegenüber im Einverständnis mit der österreichisch-ungarischen Regierung die volle Garantie für die loyale Ausführung dieser Anerbietungen übernommen.

Aber Sonnino hatte sich schon im April der Entente gegenüber gebunden. Der volle Umfang der österreichischen Zugeständnisse wurde dem italienischen Volke und seiner Vertretung vorenthalten. Die beiden Kammern des italienischen Parlaments, deren Mehrheit friedensfreundlich war, ließen sich durch die bis zum Weißglühen erhitzte Straße einschüchtern und stimmten der Kriegserklärung zu, die von dem italienischen Botschafter am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1915, in Wien überreicht wurde. »Die Erfüllung der nationalen Aspirationen gegen jede gegenwärtige und künftige Bedrohung« wurde in diesem Dokument als der Kriegsgrund bezeichnet!

Deutschland gegenüber wurde eine Kriegserklärung nicht abgegeben. Auch Deutschland sah zunächst von einer Kriegserklärung ab und beschränkte sich auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Auch der Fürst Bülow hatte den Eintritt Italiens in den Krieg nicht mehr verhindern können. Ob es ihm gelungen wäre, wenn die Wiener Regierung eine größere Entschlußfähigkeit betätigt und rascher mit ihren Zugeständnissen hervorgetreten wäre, ist nachträglich wohl kaum zu entscheiden. Persönlich bin ich der Ansicht, daß die italienische Regierung, nachdem sie einmal den Weg des Verrats und der Erpressung betreten hatte, durch das Mißtrauen des Verräters und Erpressers zwangsläufig in den Krieg getrieben worden ist, und daß von jenem Augenblick an keine Diplomatie und kein Entgegenkommen den Krieg noch verhindern konnte. Auch nach allem, was mir Fürst Bülow über seine römische Mission erzählt hat, ist dieser Eindruck bei mir bestehen geblieben.

War so die Sendung des Fürsten Bülow zum Scheitern verurteilt, so hat der Fürst doch einen in seiner Tragweite kaum hoch genug zu veranschlagenden Erfolg erzielt: er hat es verstanden, die Entscheidung hinauszuschieben bis zu einem Zeitpunkt, in dem die Gestaltung der militärischen Ereignisse unserem Bundesgenossen die Möglichkeit gab, dem italienischen Angriff eine Verteidigung entgegenzustellen. Noch in der letzten Aprilwoche 1915 hat mir der General von Falkenhayn auf meine Frage geantwortet, daß weder die Österreicher noch wir in der Lage seien, einem italienischen Angriff nennenswerte Kräfte entgegenzuwerfen. Die am 2. Mai einsetzende Schlacht bei Gorlice befreite Österreich-Ungarn von der russischen Gefahr und machte ihm rechtzeitig die Hände frei für die Abwehr des italienischen Überfalls.

Von der italienischen Kriegserklärung bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg

Die Mittelmächte waren am Ende des Jahres 1914, wie wir gesehen haben, in die Verteidigung gedrängt, in eine feste Verteidigung im Westen, eine bewegliche im Osten. Es handelte sich für die Leiter ihrer Operationen darum, auch in dieser schwierigen Lage die Initiative zu behalten. Wie die Dinge lagen, konnte sich die Initiative nur im Osten entfalten.

Dort setzte sie bald nach Beginn des Jahres 1915 auf den breiten Flügeln der in gewaltigem Bogen von den Masurischen Seen über das westliche Polen und die Karpathen bis zur ungarisch-rumänischen Grenze geschwungenen Kampffront ein.

An der Karpathenfront gelang es, den Russen Czernowitz wieder abzunehmen und sie in schweren Winterkämpfen über die verschneiten Pässe zurückzuwerfen. Aber die Kraft der dort kämpfenden österreichisch-ungarischen Armee und der sie verstärkenden deutschen Truppen reichte nicht aus, um den Ausgang aus dem Gebirge zu erzwingen und das belagerte Przemysl zu entsetzen. In der zweiten Februarhälfte kam die Angriffsbewegung ins Stocken.

Dagegen führte die Umfassungsschlacht, die Hindenburg am 7. Februar gegen den rechten Flügel der russischen Front einleitete, zu einem vernichtenden Schlag, dessen Wucht selbst Tannenberg übertraf. Acht Tage nach dem Beginn des Ringens war die russische Armee im Raume von Augustow-Suwalki eingekreist, und wenige Tage darauf erreichte die »Winterschlacht in Masuren« mit der Vernichtung der russischen Nordarmee ihren Abschluß.

Ostpreußen war jetzt endgültig von den Russen befreit und vor neuen Einbrüchen gesichert. Die Offensivkraft der russischen Gesamtarmee war durch die Zerschmetterung ihres rechten Flügels und den Verlust seines gesamten Kriegsmaterials auf das schwerste erschüttert. Bis in die Karpathen hinein empfanden die Armeen der Mittelmächte die Entlastung. Ihre Führer sahen den Weg zu einer umfassenden und entscheidenden Offensive geöffnet.

Inzwischen rüttelten an der Westfront Franzosen, Engländer und Belgier mit ihren farbigen Hilfsvölkern unausgesetzt an den deutschen Stellungen, bald in Flandern, im Artois und in der Picardie, bald an der Aisne und in der Champagne, bald vor Verdun und in den Vogesen. Alle diese Vorstöße vermochten das deutsche Stellungssystem wohl da und dort leicht einzubeulen, aber nicht zu erschüttern, geschweige denn zu durchbrechen. Ja, die deutschen Truppen zeigten sich trotz der starken zahlenmäßigen Überlegenheit der Feinde zu kräftigen Gegenstößen fähig. Als sie gegen die Mitte des Januar 1915 in wuchtigem Gegenangriff die Franzosen von den Soissons beherrschenden Höhenstellungen herunterfegten, erzitterte Paris in Panik, und die Feldherren wie die Staatsmänner der Entente mußten sich Rechenschaft geben, daß die Träume vom September ausgeträumt waren, daß nur eine riesenhafte Anstrengung den deutschen Stellungsring würde sprengen können.

Eine solche Anstrengung versuchte der Marschall Joffre um die Mitte des Februar 1915. In breit angelegter Durchbruchsschlacht versuchte er die deutschen Linien in der Champagne zu zerreißen, zum mindesten aber dem in der Masurenschlacht schwer bedrängten russischen Verbündeten eine Entlastung zu verschaffen. Weder das weitere noch auch das engere Ziel wurde erreicht. Nach drei Wochen fast ununterbrochenen Ansturmes mußte das Unternehmen aufgegeben werden.

In den folgenden Monaten lag der Schwerpunkt der Kämpfe bei dem nordwestlichen Frontteil. Am 23. April begannen unsere Truppen einen umfassenden Angriff auf die britischen Stellungen in der Gegend von Ypern. Jetzt, in der besser gewordenen Jahreszeit, wollte unsere Heeresleitung noch einmal den im Spätherbst mißlungenen Versuch machen, hier die feindliche Stellung aus den Angeln zu heben. Die Anfangserfolge waren vielversprechend. Es schien, als ob es gelingen sollte, die Ypernstellung in eine eiserne Zange zu nehmen. Aber auch diesmal blieb dem Heldenmut unserer Truppen der entscheidende Erfolg versagt. Dagegen setzten vom 10. Mai an Franzosen und Engländer mit schweren Angriffen gegen unsere Stellungen auf und an der Lorettohöhe ein. Abermals und dringender denn je brauchte das russische Heer eine Entlastung.