Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg
Part 25
Am 22. Januar richtete der Präsident Wilson an den amerikanischen Senat eine Botschaft, die er noch am selben Tage den Regierungen der Kriegführenden übermitteln ließ. Die Botschaft gewährt in die Sinnesart und den Gedankengang ihres Urhebers, in dessen Hände der Gang der Geschichte damals das Schicksal des alten Europa gelegt hatte, einen wichtigen Einblick.
Die Botschaft begann mit einer Zensur der Antworten, die die beiden kriegführenden Gruppen auf die Friedensanregung des Präsidenten gegeben hatten: »Die Mittelmächte erwiderten in einer Note, die einfach besagte, daß sie bereit seien, mit ihren Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, um die Friedensbedingungen zu erörtern. Die Mächte der Entente haben viel ausführlicher geantwortet und, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen, so doch mit genügender Bestimmtheit, um Einzelfragen einzubeziehen, die Vereinbarungen, Bürgschaften und Wiederherstellungen angegeben, die ihnen als die unumgänglichen Bedingungen einer befriedigenden Lösung erscheinen. Wir sind dadurch der endgültigen Erörterung des Friedens, der den gegenwärtigen Krieg beenden soll, um so viel nähergekommen.«
Dem Präsidenten fehlte also jedes Verständnis dafür, daß die von den Ententemächten angedeuteten Bedingungen derart waren, daß die Entente selbst eine Erörterung dieser Bedingungen bei dem damaligen Stande des Krieges für ausgeschlossen hielt. Die Ausführlichkeit, mit der die Entente ihr Eroberungs- und Vernichtungsprogramm entwickelt und eine Friedensdiskussion mit den Mittelmächten abgelehnt hatte, war ihm sichtlich wertvoller als die Knappheit, mit der die Mittelmächte sich zur Erörterung eines Friedens, der lediglich Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker sichern sollte, bereit erklärt hatten. Die Bekundung einer so merkwürdigen Befangenheit war eine Bestätigung aller Bedenken, die bisher gegen eine Wilsonsche Friedensvermittlung laut geworden waren, und gleichzeitig eine Warnung für die Zukunft, die später im entscheidenden Augenblick leider nicht genügend beachtet worden ist.
Im Anschluß an diese kurze, für die Frage der Friedensverhandlungen allein unmittelbar wichtige Einleitung entwickelte Wilson ausführlich seine Ideen über das künftige Zusammenleben der Völker. Dem Frieden müsse eine Neuordnung der Völkergemeinschaft folgen, an deren Aufbau die Vereinigten Staaten sich unter allen Umständen beteiligen müßten. Die Grundlage für diesen Neubau werde durch den Friedensschluß gelegt, der dem Völkerkrieg ein Ende zu machen habe. Die Hauptfrage sei: Ist der gegenwärtige Krieg ein Kampf um einen gerechten und sicheren Frieden oder nur für ein neues Gleichgewicht der Kräfte? Nicht Gleichgewicht, sondern Gemeinsamkeit der Macht sei notwendig, nicht organisierte Nebenbuhlerschaft, sondern organisierter Gemeinfriede. Es müsse ein Frieden werden ohne Sieg. Ein Siegfrieden würde von dem Unterlegenen als Demütigung, als Härte, als unerträgliches Opfer empfunden werden und einen Stachel, Rachsucht und bitteres Gedenken hinterlassen, auf dem das Friedensgebäude wie auf Flugsand ruhen würde. Nur ein Friede unter Gleichen verspreche Dauer. Die Gleichheit der Nationen müsse eine Gleichheit der Rechte sein, ohne Unterschied zwischen Großen und Kleinen. Das Recht müsse gegründet sein auf die gemeinsame Kraft, nicht auf individuelle Nationen. »Die Menschheit hält jetzt Ausschau nach der Freiheit des Lebens, nicht nach dem Gleichgewicht der Macht.« Neben der Gleichberechtigung der organisierten Völker sei für einen dauernden Frieden erforderlich, daß die Regierungen ihre Macht von der Zustimmung der Regierten ableiteten. Er halte es z. B. für ausgemacht, daß die Staatsmänner überall über die Herstellung eines einigen, unabhängigen, selbständigen Polen einig seien. Soweit wie möglich, sollte überdies jedes große Volk eines direkten Ausganges zu den Heerstraßen der See versichert sein, wenn nicht durch Gebietsabtretung, so durch Neutralisierung der Zugangswege. Die Seewege selbst müßten gleichfalls sowohl durch gesetzliche Bestimmung, wie auch tatsächlich frei sein. »Freiheit der Meere ist eine Conditio sine qua non für den Frieden, für Gleichheit und Zusammenarbeit.« Wilson sprach dann weiter von der Notwendigkeit der Rüstungsbeschränkungen zu Wasser und zu Land. Die Rüstungsfrage sei am unmittelbarsten und einschneidendsten mit dem künftigen Geschick der Völker und des Menschengeschlechtes verknüpft.
Das waren Gedanken von einer großen Konzeption und hohem idealem Flug. Aber ihre Verwirklichung war abhängig, wie das Wilson auch selbst ausgeführt hat, von der Lösung der unmittelbar praktischen Frage der Beendigung des Weltkrieges. Und in diesem Punkte brachte Wilsons Botschaft weniger als nichts; denn sie enthüllte nur seine völlige Verständnislosigkeit für unsere und unserer Verbündeten Lebensrechte und Lebensbedürfnisse und für das Ungeheuerliche der Forderungen der Entente, die nach deren eigenem Eingeständnis nicht durch einen Frieden ohne Sieg, sondern nur nach völliger Niederwerfung der Mittelmächte erreichbar waren.
Allerdings schien es noch einmal, in allerletzter Stunde, als wolle und könne Herr Wilson einen Ausweg finden.
Am Sonntag, 28. Januar 1917, ließ mich der Kanzler noch abends gegen 10 Uhr zu sich bitten. Es war ein Telegramm des Grafen Bernstorff eingegangen, das nach meiner Erinnerung folgenden Inhalt hatte: Oberst House habe ihm im Auftrag des Präsidenten Wilson mitgeteilt, der Präsident gebe trotz der Ablehnung der Entente die Hoffnung nicht auf, den Frieden zustandezubringen, und sei bereit, seine Bemühungen nach dieser Richtung wieder aufzunehmen. Diese seine Bemühungen würden ihm wesentlich erleichtert werden, wenn wir uns bereit fänden, ihm unsere Friedensbedingungen mitzuteilen. Graf Bernstorff bat, unter diesen Umständen die ihm zur Übergabe am 31. Januar bereits übermittelte Note, enthaltend die Ankündigung des uneingeschränkten U-Bootkriegs, vorläufig einbehalten zu dürfen, und empfahl, dem Wunsche des Präsidenten Wilson nach Mitteilung der Friedensbedingungen zu entsprechen.
Der Kanzler, der hier noch einmal die Hoffnung aufleuchten sah, es könne der Krieg mit Amerika vermieden und vielleicht sogar der Friede erreicht werden, war in einer Erregung, wie ich sie nie an ihm gesehen habe. Er war entschlossen, Wilson durch Bernstorff in großen Umrissen die Friedensbedingungen mitzuteilen, die wir für den Fall des Zustandekommens der von uns vorgeschlagenen Friedensverhandlungen als unsern Vorschlag mitbringen wollten. Schwierig lag die von Bernstorff erbetene Einbehaltung der U-Bootnote; denn die U-Boote waren längst nach ihren Stationen, die zum Teil weit im Westen Irlands lagen, unterwegs und wahrscheinlich nicht zu erreichen.
Der Kanzler entschloß sich, noch am gleichen Abend mit dem Staatssekretär Zimmermann nach dem Großen Hauptquartier zu reisen. Dort wurde ein Antworttelegramm an den Grafen Bernstorff vereinbart des Inhalts, daß wir die neue Initiative des Präsidenten auf das freudigste begrüßten und den Botschafter ermächtigten, dem Präsidenten die Grundzüge unserer Friedensbedingungen, wie sie bei unserm Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 ins Auge gefaßt waren, zu seiner persönlichen Information mitzuteilen. Dies solle gleichzeitig mit der Übergabe der U-Bootnote geschehen. Die Zurückhaltung der letzteren sei unmöglich, da die Boote mit den Befehlen sich bereits auf ihren Stationen befänden und für einen Gegenbefehl größtenteils nicht erreichbar seien. Wir seien jedoch bereit, den neuen U-Bootkrieg alsbald einzustellen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelungen sein würde, eine Erfolg versprechende Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.
Die dem Präsidenten Wilson mitgeteilten Bedingungen, die wir zur Grundlage von Friedensverhandlungen zu machen beabsichtigten, waren die folgenden:
Zurückerstattung des von Frankreich besetzten Teiles von Ober-Elsaß.
Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Rußland strategisch und wirtschaftlich sichernden Grenze.
Koloniale Restitution in Form einer Verständigung, die Deutschland einen seiner Bevölkerungszahl und der Bedeutung seiner wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert.
Rückgabe der von Deutschland besetzten französischen Gebiete unter Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigungen sowie finanzieller Kompensationen.
Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien für die Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der belgischen Regierung festzustellen wären.
Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschluß zu restituierenden Gebiete.
Schadloshaltung der durch den Krieg geschädigten deutschen Unternehmungen und Privatpersonen.
Verzicht auf alle wirtschaftlichen Abmachungen und Maßnahmen, welche ein Hindernis für den normalen Handel und Verkehr nach Friedensschluß bilden würden, unter Abschluß entsprechender Handelsverträge.
Sicherstellung der Freiheit der Meere.
Die deutsche Regierung erklärte sich ferner bereit, auf der Basis der Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson an der von ihm nach Beendigung des Krieges angestrebten internationalen Konferenz teilzunehmen.
Das Telegramm an den Grafen Bernstorff ist am 31. Januar 1917, unmittelbar nach Überreichung der U-Bootnote an Herrn Gerard, den Mitgliedern des Hauptausschusses des Reichstags in geheimer Sitzung mitgeteilt worden. Auch die Mehrheitssozialdemokraten erkannten es als einen Versuch an, die Vereinigten Staaten dem Kriege fernzuhalten und den Weg zum Frieden offenzuhalten. Die Grundlinien unseres Friedensprogramms gaben wegen ihrer Bescheidenheit Anlaß zur Kritik. Die Sprecher der beiden konservativen Parteien, der Nationalliberalen und des Zentrums, wenn ich mich recht erinnere, auch der Freisinnigen, sprachen den Wunsch aus, der Kanzler möge sich, wenn es nun doch noch zu Friedensverhandlungen kommen sollte, nicht an dieses Programm für gebunden halten.
Es kam nicht zu Friedensverhandlungen, sondern sofort nach Überreichung der Note zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche und einige Wochen später zur Kriegserklärung.
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Ich habe mich bemüht, im Vorstehenden die verwickelten Zusammenhänge zwischen den Friedensbemühungen, denjenigen der Reichsregierung wie denjenigen Wilsons, und dem U-Bootkrieg zu entwirren und klarzulegen. Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich die Vorgänge dargestellt, wie ich sie im Werden gesehen habe. Ich weiß, daß andere, darunter auch solche Persönlichkeiten, die jene tragische Entwicklung handelnd miterlebt haben, nicht in allen Punkten mit meiner Auffassung der Geschehnisse übereinstimmen, ja in wesentlichen Punkten von meiner Auffassung abweichen. Das gilt vor allem von dem Grafen Bernstorff, der als Botschafter in den Vereinigten Staaten auf seinem Posten jenseits des Atlantischen Ozeans die Friedensbemühungen und die zum Krieg mit Amerika führende Entwicklung mitgemacht hat.
Graf Bernstorff war damals und ist wohl heute noch nicht nur davon überzeugt, daß der Präsident Wilson in jener Zeit ehrlich den Frieden wollte, sondern auch daß er den beiden kriegführenden Parteien ohne Voreingenommenheit gegenüberstand und bereit war, einen für uns annehmbaren und erträglichen Frieden durchzusetzen. Die Friedensbemühungen des Präsidenten Wilson hätten nach seiner Überzeugung zum Erfolg geführt, wenn nicht wir, die wir doch selbst den Präsidenten fortgesetzt zur Friedensvermittlung gedrängt hätten, in dem Augenblick, wo der Erfolg reifte, mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg dem Präsidenten geradezu ins Gesicht geschlagen, jede Friedensmöglichkeit zerstört und Amerika zum Krieg gegen uns gezwungen hätten.
Ich selbst habe bis zur letzten Möglichkeit dafür gekämpft, daß die Entscheidung über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges vertagt werde, bis sich die Auswirkung unseres Friedensschrittes wie desjenigen des Präsidenten Wilson vollkommen übersehen lasse. Wenn ich der Auffassung des Grafen Bernstorff entgegentrete, so plädiere ich also gewiß nicht in eigener Sache, sondern lediglich im Interesse der Aufklärung und der geschichtlichen Wahrheit.
Ich will dem Präsidenten Wilson den ehrlichen Willen, einen nach seiner Ansicht gerechten Frieden herbeizuführen, nicht abstreiten. Aber ich kann ihm weder zubilligen, daß er in der Herbeiführung des Friedens einen besonderen Eifer an den Tag legte, noch daß er -- bei allem subjektiven Bestreben nach Gerechtigkeit -- den beiden kriegführenden Gruppen objektiv dasselbe Maß von Verständnis und Wohlwollen entgegenbrachte.
Anfang Mai 1916 hat nach des Botschafters Gerard eigenem Bericht der Reichskanzler von Bethmann Hollweg diesem gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, der Präsident Wilson werde nunmehr groß genug sein, sich der Sache des Friedens anzunehmen. Damals war es noch ein halbes Jahr bis zur Präsidentenwahl; das Bevorstehen der Präsidentenwahl konnte also noch kein ernstliches Hindernis für eine Friedensaktion sein. Aber der Präsident tat nichts für den Frieden. Er steckte unser Zugeständnis der Einstellung des uneingeschränkten U-Bootkriegs ein und versuchte nicht einmal irgendeinen ernsthaften Schritt, um England zur Rückkehr auf den Boden der völkerrechtlichen Normen des Seekriegsrechts zu veranlassen. Die deutsche Politik ist dabei gewiß nicht frei von Fehlern gewesen. Präsident Wilson hätte sich vielleicht anders verhalten, wenn die Zurückführung des U-Bootkriegs auf die Formen des Kreuzerkriegs nicht erst im Mai 1916 erfolgt wäre, nachdem die durch die Versenkung der »Lusitania« geschaffene kritische Lage durch die Torpedierung der »Arabic« und schließlich der »Sussex« -- um nur die wichtigsten Fälle zu nennen -- eine heillose Erschwerung erfahren hatte, sondern nach meinem leider nicht befolgten Vorschlag schon im Juli-August 1915 in Beantwortung des Angebotes des Präsidenten, mit ihm zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere noch während des Krieges, gegen wen es auch sei, zusammenzuwirken. Aber sei dem, wie ihm wolle -- die Tatsache bleibt bestehen, daß der Präsident Wilson auf die von deutscher Seite schon Anfang Mai 1916 gegebene Anregung, sich der Sache des Friedens anzunehmen, viele Monate hindurch nichts tat, nicht einmal eine Zusage gab, daß er etwas tun werde, daß er schließlich mit einem Friedensschritt erst hervortrat, nachdem Deutschland und seine Verbündeten ihrerseits den Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 gemacht hatten.
Daß der Präsident Wilson in Sprache, in Lebensauffassung und Weltanschauung dem angelsächsischen Kulturkreis angehört und infolgedessen innerlich unsern Feinden nähersteht als uns, ist kein Vorwurf gegen Herrn Wilson, war aber für uns eine Tatsache, die wir ungestraft nicht übersehen durften. Daß Herr Wilson objektiv nicht mit dem gleichen Maße messen konnte, hatte sich bald nach Kriegsausbruch in dem ersten Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gezeigt. Seit den Verhandlungen mit dem Präsidenten vom Oktober-November 1918 über die Herbeiführung eines Waffenstillstandes und die Anbahnung von Friedensverhandlungen sollte auch dem größten deutschen Verehrer Wilsons klar geworden sein, daß dieser Mann nicht imstande ist, sich von Vorurteil und Voreingenommenheit uns gegenüber zu befreien. Was wir von Herrn Wilson an gerechter Würdigung unserer nationalen Ehre und Lebensbedürfnisse zu gewärtigen hatten, war schon geradezu überwältigend zum Ausdruck gekommen in seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917. In dieser Botschaft tat er unsere Bekundung der Bereitwilligkeit zu einem Frieden, der unser Verteidigungsziel verwirklichen und Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer und unserer Verbündeten Völker sichern sollte, kurzerhand ab mit der Behauptung, wir hätten auf seine Friedensanregung »einfach« unsere Bereitwilligkeit erklärt, mit unsern Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, während er die »viel ausführlichere« Antwort unserer Gegner, die nichts weniger als die Zerstücklung Österreich-Ungarns und der Türkei und die Verstümmelung Deutschlands verlangte, als einen Schritt bezeichnete, der die endgültige Erörterung des Friedens »so viel näher« gebracht habe!
Wenn Graf Bernstorff trotz dieser Unzweideutigkeit auch noch in der letzten Januarwoche des Jahres 1917 der Ansicht war und heute noch, wie es den Anschein hat, der Ansicht ist, daß Wilson damals im Begriff gewesen sei, sich für einen für uns annehmbaren und erträglichen Frieden einzusetzen und sich dafür mit Erfolg einzusetzen, so ist das nur erklärlich durch die nachhaltige Wirkung von Suggestionen, denen er seit zwei Jahren ohne das Gegengewicht einer auch nur einigermaßen ausreichenden Fühlung mit der Heimat ausgesetzt war. Der Briefverkehr und jede Art persönlicher Fühlung zwischen Berlin und der deutschen Botschaft in Washington war völlig abgebunden. Die Benutzung unserer eigenen amerikanischen Stationen für drahtlosen Verkehr hatte uns die Regierung der Vereinigten Staaten bald nach Kriegsausbruch für jede Art von Chiffretelegrammen unmöglich gemacht, während die britischen Kabel unbeschränkt unsern Feinden zur Verfügung standen. Die Möglichkeit, durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft in Berlin und der amerikanischen Regierung in Washington Chiffretelegramme an unsern Botschafter gelangen zu lassen, wurde nur innerhalb der engsten Grenzen gewährt. So ist es schließlich zu verstehen, daß unserer Vertretung jenseits des großen Wassers der Kontakt mit dem um seine Existenz ringenden deutschen Volke und das Augenmaß für das uns Notwendige und Erträgliche verlorenging.
Jedenfalls stand für uns in der Heimat um die Mitte des Januar 1917 fest, daß sowohl die deutsche wie auch die amerikanische Friedensaktion an dem unerbittlichen Eroberungs- und Vernichtungswillen unserer Feinde gescheitert seien. Den Temperamentvolleren genügten zur Bestätigung dieser Überzeugung bereits die Reden, mit denen die feindlichen Staatsmänner in den unmittelbar auf den 12. Dezember 1916 folgenden Tagen unsern Friedensvorschlag mit Spott und Hohn zurückwiesen, jedenfalls aber die Antwortnote, die uns die Ententemächte am 31. Dezember 1916 überreichen ließen. Für die Vorsichtigeren war jeder Friedensversuch erledigt mit der ungeheuerlichen Antwort, die Herr Briand namens der Ententeregierungen am 10. Januar 1917 auf den Friedensschritt des Präsidenten Wilson dem amerikanischen Botschafter in Paris übergab. Die Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson vom 22. Januar 1917 konnte diesseits des Atlantischen Ozeans nicht als eine Fortsetzung der Friedensbemühungen, sondern lediglich als eine nur aus unheilbarer Voreingenommenheit erklärliche Parteinahme des Präsidenten Wilson zugunsten unserer Feinde aufgefaßt werden. Niemand in unseren leitenden Kreisen, auch ich nicht, der ich mich bis zur Entscheidung und über die Entscheidung hinaus gegen die alsbaldige Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs eingesetzt hatte, konnte nach diesen Vorgängen noch der Meinung sein, daß man jenseits des Atlantischen Ozeans die Friedensaktion als noch nicht erledigt ansah und an ihre Fortsetzung dachte.
Erst das am 28. Januar abends hier eingegangene Telegramm des Grafen Bernstorff zeigte, daß Präsident Wilson einen erneuten Friedensschritt zu machen beabsichtigte. Auf dieses Telegramm hin ist, soweit ich es beurteilen kann, von deutscher Seite das nach Lage der Dinge überhaupt noch mögliche geschehen, um dem Präsidenten Wilson freies Feld für diesen neuen Versuch zu geben. Der Präsident hat es aber vorgezogen, trotz der Mitteilung der von uns als Grundlage für die erste Friedensaussprache ausgearbeiteten Bedingungen und trotz unserer Bereitwilligkeit, den uneingeschränkten U-Bootkrieg alsbald wieder einzustellen, wenn es ihm gelungen sei, erfolgversprechende Grundlagen für Friedensverhandlungen zu sichern, brüsk jede weitere Verhandlung abzuschneiden und die diplomatischen Beziehungen mit uns ohne jede weitere Begründung abzubrechen.
Es mag als ein müßiges Fragen erscheinen, ob es dem Präsidenten Wilson, falls die Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht in jenen kritischen Tagen erfolgt wäre, gelungen wäre, den Frieden herbeizuführen, oder ob wenigstens die Vereinigten Staaten in diesem Falle dem Krieg ferngeblieben wären. Aber diese Fragen haben unser ganzes Volk so sehr in seinen Tiefen erregt, daß es mir ein Bedürfnis ist, auch hierüber ein Wort zu sagen.
Ich halte es für ausgeschlossen, daß die von Wilson gegen Ende Januar 1917 ins Auge gefaßte neue Friedensaktion zu einem für uns annehmbaren Frieden hätte führen können. Die von der Entente aufgestellten Bedingungen, an deren Ernsthaftigkeit wir nicht zweifeln können, waren derart, daß nur ein gänzlich niedergebrochenes Deutschland sie annehmen konnte. Wer hätte es damals in Deutschland wagen können, Elsaß-Lothringen mit weiteren Teilen des linken Rheinufers und unsere Ostmarken preiszugeben, dem deutschen Volk eine gewaltige Kriegsentschädigung aufzuladen, uns für die Zukunft unter die Vormundschaft der Entente zu stellen, dazu unsere Bundesgenossen in der schnödesten Weise der Zertrümmerung preiszugeben? Auch nur ein Status-quo-Frieden wäre nur unter den schwersten inneren Kämpfen durchzufechten gewesen; er wäre durchgefochten worden, aber was darüber hinausging, war schlechterdings unmöglich. Nur wenn der Präsident Wilson bereit gewesen wäre, mit dem ganzen Schwergewicht der amerikanischen Macht auf die Ententemächte zu drücken, um sie zu einer völligen Sinnesänderung zu zwingen, und nur wenn er bei einem solchen Vorgehen die Unterstützung des amerikanischen Volkes und seiner Vertretung gefunden hätte, wäre Aussicht gewesen, zum Frieden zu kommen. Dazu war aber Wilson, der in seiner Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 die unerhörten Kriegsziele der Entente als diskutabel behandelte, ganz offensichtlich nicht bereit, ebensowenig Volk und Kongreß der Vereinigten Staaten. Viel näher lag die Wahrscheinlichkeit eines amerikanischen Druckes auf uns und unsere Verbündeten.
Diese Wahrscheinlichkeit lag um so näher, als sich in der am 21. Dezember 1916 in Berlin überreichten Friedensnote der amerikanischen Regierung der Passus fand, daß die Interessen der Vereinigten Staaten durch den Krieg »ernstlich in Mitleidenschaft gezogen seien«, und daß das Interesse der Union an einer baldigen Beendigung des Krieges sich daraus ergebe, daß »sie offenkundig genötigt wäre, Bestimmungen über den bestmöglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte«. Diese kaum verhüllte Drohung wurde noch deutlicher gemacht durch ein Interview, das der Staatssekretär Lansing bald darauf Vertretern der amerikanischen Presse gewährte und in dem er mit unzweideutigem Hinweis auf Deutschland sagte, Amerika stehe nahe am Krieg.
Es ist also auf der einen Seite so gut wie ausgeschlossen, daß der Präsident Wilson, auch wenn wir damals den uneingeschränkten U-Bootkrieg nicht gemacht hätten, der Welt den Frieden gebracht hätte. Auf der andern Seite ist es nicht völlig ausgeschlossen, daß gerade aus der Fortsetzung der Wilsonschen Friedensaktion der Krieg zwischen Amerika und Deutschland entstanden wäre, der nun aus der Veranlassung des U-Bootkriegs entstanden ist.
Ich bedaure es, daß die Sachlage, die im Januar 1917 zur Klärung drängte, infolge der überstürzten Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs wohl niemals in einer den letzten Zweifel ausschließenden Weise wird aufgehellt werden können. Für mich selbst steht aus dem Miterleben jener kritischen Epoche unerschütterlich fest: Wilsons geschichtliche Mission, der Welt zu einem Frieden unter Gleichen zu verhelfen, ist gescheitert an seiner Verständnislosigkeit für unsere Lebensrechte und Lebensnotwendigkeiten, gescheitert nicht erst in den schwarzen Oktober- und Novemberwochen 1918, sondern schon um die Wende der Jahre 1916 und 1917.