Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

Part 24

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In Pleß fanden wir bei dem Feldmarschall und dem General Ludendorff -- der Kaiser war nicht anwesend -- einen Empfang, der mit dem Worte »eiskalt« noch milde bezeichnet ist. Die Differenzen der letzten Zeit -- was mich betrifft vor allem über die Behandlung des Hilfsdienstgesetzes -- hatten offenbar eine starke Verstimmung hinterlassen. In der Sache erkannten die beiden Generale unsern Standpunkt in der Frage der bewaffneten Handelsschiffe nach kurzer Erörterung als berechtigt an. Ich hatte den Eindruck, daß sie auf dieses Zwischenstadium keinen allzu großen Wert legten, daß es ihnen vielmehr auf die baldige Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges ankomme. In dieser Frage erklärte der Kanzler, seine Haltung von der endgültigen Stellungnahme der Entente zu dem Friedensschritt der Mittelmächte und Wilsons sowie von der weiteren Entwicklung der Gesamtlage abhängig machen zu müssen. Er könne sich jetzt noch nicht festlegen. Die Sache werde im gegebenen Moment zu prüfen sein, und wenn dann eine Übereinstimmung zwischen der Obersten Heeresleitung und ihm nicht zu erzielen sei, werde der Kaiser zu entscheiden haben. Materiell wurde diese Frage nicht eingehend behandelt. Ich begnügte mich auszuführen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg sicherlich England erheblich schädigen werde, daß aber niemand mit Sicherheit behaupten könne, daß England innerhalb einer bestimmten Zeit zum Frieden gezwungen werde; trotz der schlechten Welternte bleibe das Risiko für uns enorm.

Wenige Tage nach unsrer Rückkehr nach Berlin traf die Antwort der Entente auf unsern Friedensvorschlag ein. Der Kanzler hatte das berechtigte Gefühl, daß diese Antwort trotz aller ihrer Schroffheit eine vorsichtige Behandlung erfordere. Wenn schon unsere Bemühungen um den Frieden scheiterten, so mußte wenigstens vor aller Welt klargestellt werden, daß die Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges ausschließlich auf die Entente falle. Ich habe Grund zur Annahme, daß der neue österreichisch-ungarische Minister Graf Czernin, der kurz zuvor Herrn von Burian ersetzt hatte und der am 8. Januar gleichzeitig mit dem Staatssekretär Zimmermann im Großen Hauptquartier weilte, derselben Ansicht war. Zu einer vorsichtigen Behandlung mahnte, abgesehen von allen andern gewichtigen Gründen, auch die Haltung Bulgariens, das sich wegen einer Differenz mit unserer Obersten Heeresleitung über die Dobrudscha verstimmt zeigte und dessen Ministerpräsident sich beeilt hatte, auf die Antwort der Entente in der Sobranje zu erklären, Bulgariens Ansprüche seien bescheiden und würden von der Entente -- die Bulgarien in ihrer Antwort nicht erwähnt hatte -- als legitim anerkannt.

In dieser schwierigen und aufs äußerste gespannten Lage fand am Abend des 6. Januar 1917 im Hotel Adlon das später vielbesprochene Festmahl der amerikanischen Handelskammer zu Berlin zu Ehren des aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrten Botschafters Gerard statt. Das Festmahl war seit längerer Zeit angesagt, und der Staatssekretär Zimmermann hatte es übernommen, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache zu halten. Da jedoch Graf Czernin mit Zimmermann am Morgen des 6. Januar aus dem Großen Hauptquartier nach Berlin gekommen war und Zimmermann denselben Abend mit dem Grafen Czernin bei dem österreichisch-ungarischen Botschafter zubringen mußte, ersuchte mich der Reichskanzler, an Stelle Zimmermanns bei der Begrüßungsfeier der amerikanischen Handelskammer zu sprechen. Ich entledigte mich dieser Aufgabe in einer mit dem Reichskanzler und Zimmermann vereinbarten Ansprache, in der ich nach einigen höflichen Wendungen für die Bemühungen des Botschafters, mit dem Studium der deutschen Sprache auch in den Geist des deutschen Wesens einzudringen, die meist seit langen Jahren in Deutschland ansässigen Mitglieder der amerikanischen Handelskammer als Zeugen dafür anrief, »daß unser einziger Ehrgeiz war, im friedlichen Wettbewerb der Völker durch Arbeit und Tüchtigkeit uns emporzuringen, durch Hebung unseres geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen Standes uns unsern Platz in der Welt zu gewinnen und zu behaupten«. Nach einigen Worten über den »Militarismus« Deutschlands und seiner Feinde fuhr ich fort:

»Ich hätte noch manches hinzuzufügen, was Ihr und unser Herz bewegt. Aber als Gast an einem neutralen Tische will ich nicht über Dinge reden, die die Welt entzweien. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wollte ich Ihrer Neutralität zu nahe treten, als wollte ich bei Ihnen für unsere Sache werben. Sie wissen, wir verlangen von den Neutralen nichts, keine Hilfe, keine Begünstigung, nichts als Neutralität. Freilich eine Neutralität, die beide Parteien mit gleichem Maße mißt, beiden Parteien in gleichem Maße Achtung erweist angesichts eines Völkerringens auf Leben und Tod, wie es die Welt noch nicht gesehen. Als Kaufleute, die seit langen Jahren unter uns leben, haben Sie Verständnis für unsere Sinnesart und unsere Lebensnotwendigkeiten. Sie bilden für dieses Verständnis eine Brücke über den Ozean. Ich bin überzeugt, daß diese Brücke von Nutzen sein wird jetzt bei der Fortdauer des Krieges, wie sie durch die Zurückweisung der vorgeschlagenen Friedensverhandlungen notwendig wird, und auch späterhin, wenn es gilt, die Fäden des geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs zwischen unsern Ländern wieder aufzunehmen und fortzuspinnen.«

Ich schloß mit dem Wunsche, daß die friedlichen Schiffe des Kaufmannes bald wieder zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten das jetzt gefesselte, künftighin freie Meer befahren möchten zum Wohle der beiden Länder und Völker.

Auf diese jedenfalls nicht überschwengliche Begrüßung, die einen ernsten Hinweis auf die dunkle Wolke enthielt, die seit langer Zeit über dem Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika lag, antwortete Herr Gerard in einem auffallend herzlichen und freundschaftlichen Tone. Seine Ansprache gipfelte in der Versicherung, daß die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland niemals besser gewesen seien, als in diesem Augenblick, und daß die Fortdauer dieser ausgezeichneten Beziehungen gewährleistet sei, solange Männer wie Bethmann Hollweg, Helfferich, Zimmermann, Hindenburg, Ludendorff und Holtzendorff die Geschicke Deutschlands leiteten.

Noch am späten Abend erschien der Staatssekretär Zimmermann. In kurzer Rede sprach er die Überzeugung aus, daß die freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen, die ihn mit dem amerikanischen Botschafter schon vor dessen Reise verbunden hätten, sich weiter so freundlich gestalten würden, wie der Botschafter es ausgedrückt habe.

Die Veranstaltung und die bei ihr gehaltenen Reden haben damals großes Aufsehen erregt. Ich bin in der Presse und später auch im Hauptausschuß des Reichstags heftig angegriffen worden, daß ich überhaupt bei der Empfangsfeier für Herrn Gerard erschienen sei, und wenn schon -- daß ich mich dem Ehrengast gegenüber höflich und nicht wie ein Hausknecht benommen habe. Der politische Unverstand, der uns Deutsche auszeichnet, ist mir selten klarer zum Bewußtsein gekommen als bei dieser Gelegenheit. Jedermann mußte fühlen, daß es in jener Zeit um die letzte Entscheidung darüber ging, ob es gelingen würde, Amerika aus dem Krieg zu halten. Und wenn auch mit einem »after dinner speech« keine großen Wirkungen erzielt werden können, so wäre eine so offenkundige Brüskierung des amerikanischen Botschafters wie das Fernbleiben von jener Veranstaltung oder das gegen jede amerikanische Auffassung verstoßende Stummbleiben das sicherste Gegenteil der Wahrung unserer Interessen gewesen. Es kam nur darauf an, mit der gebotenen Courtoisie die Wahrung unseres Standpunktes und unserer Würde zu verbinden. Ich glaube, diesem Gebot der Lage gerecht geworden zu sein.

Für die Überschwenglichkeit des Herrn Gerard trifft mich keine Verantwortung. Sie hat mich an jenem Abend erstaunt. Mein Erstaunen ist gewachsen, nachdem ich in dem Buch des Herrn Gerard gelesen habe, daß dieser bereits vor jenem Abend zuverlässige Mitteilungen darüber bekommen haben will, daß die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges beschlossene Sache sei. Wenn dies der Fall war, wenn Herr Gerard infolgedessen zu der Feier vom 6. Januar mit der Sicherheit kam, daß der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland bevorstehe, wie konnte er dann von den Beziehungen zwischen den beiden Völkern, die niemals besser gewesen seien, in so hohen Tönen reden?

An jenem Abend war über die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges noch keinerlei Beschluß gefaßt. Persönlich hatte ich noch die Hoffnung, daß man vor jeder Entscheidung die Auswirkung der deutschen und der amerikanischen Friedensaktion abwarten werde.

Aber allerdings -- die Entscheidung sollte rascher erfolgen, als ich damals nach dem Ergebnis der Besprechung im Großen Hauptquartier vom 29. Dezember erwartete.

Am 8. Januar erhielt der Kanzler vom Feldmarschall von Hindenburg eine telegraphische Mitteilung, die ihn bat, alsbald nach dem Großen Hauptquartier zur erneuten Besprechung der U-Bootfrage zu kommen; die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges könne keinesfalls über den 1. Februar hinaus verschoben werden. Kurz vorher hatte der Chef des Admiralstabs dem Kanzler eine neue Denkschrift übergeben, die er auch mir mit einem Schreiben vom 6. Januar zustellte. Die Denkschrift selbst war schon vom 22. Dezember datiert. Sie bezifferte den für die Versorgung Englands noch zur Verfügung stehenden britischen Schiffsraum auf höchstens 8 Millionen Bruttotonnen und berechnete, daß man neben einer monatlichen Versenkung von 600000 Tonnen mit einer Abschreckung von mindestens zwei Fünfteln der auf England fahrenden neutralen Tonnage mit Sicherheit rechnen könne. Dadurch werde der Seeverkehr Englands im Laufe von fünf Monaten um 39 vom Hundert verringert, und eine solche Verringerung werde England nicht ertragen können. Der U-Boot-Kreuzerkrieg dagegen werde in derselben Zeit, auch wenn die bewaffneten Handelsschiffe freigegeben würden, nur 18 vom Hundert des britischen Seeverkehrs in Wegfall bringen können, und das werde nicht genügen, um England zum Frieden zu bringen. Zwar sei der Krieg mit Amerika eine so ernste Angelegenheit, daß alles geschehen müsse, um ihn zu vermeiden; aber die Scheu vor dem Bruch dürfe nicht dazu führen, im entscheidenden Augenblick vor dem Gebrauch der Waffe zurückzuschrecken, die uns den Sieg verheiße. Um rechtzeitig vor der neuen Ernte die nötige Wirkung erzielen zu können, müsse der uneingeschränkte U-Bootkrieg spätestens am 1. Februar beginnen. Ein energisch und mit aller Kraft geführter Schlag gegen den englischen Schiffsraum verspreche unbedingt sicheren Erfolg. Er, der Chef des Admiralstabs, stehe nicht an zu erklären, daß wir, wie die Verhältnisse jetzt lägen, mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg England in fünf Monaten zum Frieden zwingen könnten.

Der Eindruck dieser Denkschrift auf den Kanzler wurde verstärkt durch Mitteilungen, die ihm eine Autorität ersten Ranges unserer Hochseeflotte über ihre absolute Zuversicht auf den Erfolg des uneingeschränkten U-Bootkrieges in diesen gleichen Tagen machen ließ.

Der Kanzler entschloß sich, noch am Abend des 8. Januar nach dem Großen Hauptquartier zu reisen. Vor seiner Abreise besprach er die Lage mit Zimmermann und mir. Ich machte starke Ausstellungen an den Berechnungen des Admiralstabes. Außerdem aber waren wir alle drei uns darüber einig, daß vor allem weiteren das Auswirken der Friedensaktion, zum mindesten die Antwort der Entente an Wilson, abgewartet werden müsse.

Mir war klar, daß der Kanzler beim Durchsetzen dieses Standpunktes einen schweren Kampf würde durchkämpfen müssen, und ich machte mir Vorwürfe, daß ich nicht mit aller Entschiedenheit darauf bestanden hatte, ihn nach dem Hauptquartier zu begleiten. Die Sache ließ mir keinen Schlaf. Ich arbeitete in der Nacht noch einmal die ganze 37 gedruckte Folioseiten starke Denkschrift des Admiralstabs durch und schrieb ein ausführliches Telegramm an den Kanzler, in dem ich die meines Erachtens für die Beurteilung des Erfolgs des uneingeschränkten U-Bootkriegs entscheidenden Punkte zusammenfaßte, und das ich am Morgen dem Kanzler durch Fernschreiber nach Pleß übermitteln ließ.

In diesem Telegramm bezweifelte ich zunächst die Berechnung des Admiralstabs, daß in fünf Monaten der Seeverkehr Englands durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg um 39 vom Hundert, durch den U-Boot-Kreuzerkrieg nur um 18 vom Hundert eingeschränkt werde. Ich wies darauf hin, daß im Falle des gerade infolge des uneingeschränkten U-Bootkriegs zu befürchtenden Eintritts der seefahrenden Neutralen in den Krieg die abschreckende Wirkung des U-Bootkriegs auf die neutrale Schiffahrt mindestens zu einem erheblichen Teil aufgehoben werden würde. Ein Beweis, bei welchem Prozentsatz der Einschränkung des britischen Seeverkehrs England nicht mehr durchhalten könne, sei natürlich nicht zu erbringen. Die Angaben der Denkschrift über die Versorgung Englands mit Brotgetreide erkannte ich als vorsichtig an mit dem Hinweis, daß angesichts der knappen Zufuhrmöglichkeiten die britischen Bestände im Laufe des Januar und Februar unaufhaltsam weiter abnehmen würden. Ich gab jedoch zu bedenken:

»Hat der uneingeschränkte U-Bootkrieg den Eintritt Amerikas in den Krieg gegen uns zur Folge, so ist Amerika an dem Siege Englands wie an einer eigenen Sache interessiert. Ist eine Niederlage Englands nur durch ausreichende Getreideversorgung abzuwenden, so muß und kann Amerika zu diesem Zweck ein Opfer bringen, an das es als neutraler Staat nicht denkt: die Einschränkung des eigenen Getreideverbrauchs zugunsten Englands. Die Einschränkung braucht keineswegs durch eine Rationierung des amerikanischen Brotverbrauchs zu erfolgen; es würden große Käufe evtl. Zwangsankäufe der amerikanischen Regierung den Zweck wohl erreichen können. Da die Union mehr als doppelt so viel Einwohner hat wie England, ist jede Beschränkung des Getreideverbrauchs pro Kopf des Amerikaners eine mehr als doppelt so große Zulage pro Kopf des Engländers. Wenn das Schicksal des Krieges davon abhängt, halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß Amerika eine zehnprozentige Einschränkung seines normalen Verbrauchs zugunsten von England durchführen könnte, womit 1,7 Millionen Tonnen, gleich einem englischen Bedarf von drei Monaten, freigemacht würden. Auch wenn hiervon auf dem Weg nach England die Hälfte versenkt würde -- ein Prozentsatz, der weit über die vom Admiralstab berechneten Möglichkeiten hinausgeht --, wäre ein solches Vorgehen für England eine wertvolle, vielleicht die entscheidende Hilfe. So paradox es klingt, ist also die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegenüber dem U-Boot-Kreuzerkrieg in seiner Endwirkung speziell die englische Versorgung mit Brotgetreide nicht verschlechtert, sondern verbessert.«

Ob es beim uneingeschränkten U-Bootkrieg möglich sein werde oder nicht, die Neutralen draußen zu halten, werde sich in einigen Wochen, wenn die Antwortnote der Entente an Wilson vorliegt, besser übersehen lassen als jetzt. Zu überstürzten Entschlüssen liege keine Veranlassung vor. Denn augenblicklich arbeite in Sachen der Versorgung Englands die Zeit nicht gegen, sondern für uns. Der Januar und Februar seien aus natürlichen Gründen der Jahreszeit stets ungünstige Monate für die britische Getreideeinfuhr. Dieses Mal habe die Absenkung der britischen Einfuhr infolge der schlechten amerikanischen Ernte sogar schon im Dezember begonnen; trotz der größten Anstrengungen Englands habe die Getreideeinfuhr der vier Dezemberwochen nur 1410000 Quarters erreicht gegen 1955000 Quarters im Vorjahr. Wenn wir aus den oben entwickelten Gründen die Entscheidung über den uneingeschränkten U-Bootkrieg noch um einige Wochen aussetzten, so hätten wir alle Aussicht, daß sich inzwischen die bereits knappen britischen Getreidebestände noch erheblich weiter verringerten. Je niedriger der Bestand beim Beginn eines uneingeschränkten U-Bootkrieges, desto rascher und sicherer werde der Erfolg sein.

Auch dieser letzte Versuch, wenigstens eine Vertagung zu erreichen, änderte nichts mehr an der Entscheidung.

Der Kanzler kam unerwarteterweise schon in der Frühe des 10. Januar aus Pleß zurück. Er schickte mir den Chef der Reichskanzlei, der mir sagte: »Der Rubikon ist überschritten.«

Ich war durch diese Mitteilung auf das schwerste erschüttert.

Nach kurzer Aussprache bat ich Herrn Wahnschaffe, dem Kanzler zu sagen, daß ich bei aller Treue und Ergebenheit für seine Person diesen Weg nicht mitgehen könne und meine Entlassung nehmen würde. Wahnschaffe erwiderte, mein Abgang würde für mich selbst natürlich der bequemste Ausweg sein. Der Kanzler seinerseits habe aus Gründen zwingender Natur davon Abstand genommen, auf seiner ursprünglichen Ansicht, den Abschied zu nehmen, zu beharren. Der Kanzler habe den Wunsch, sich mit mir persönlich über alles auszusprechen, und lasse mich bitten, bis dahin keine Entschlüsse zu fassen.

Ich sah den Kanzler an diesem und an dem folgenden Tage nicht. Ich ging erst zu ihm, als er mich am Abend des 12. Januar zu sich bitten ließ.

Er schilderte mir die Vorgänge in Pleß. Schon bei der Ankunft habe ihm der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, mitgeteilt, der Kaiser habe sich nach schweren inneren Kämpfen zu der Überzeugung durchgerungen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht zu vermeiden sei. In der Beratung am Vormittag beim Generalfeldmarschall habe dieser mit dem General Ludendorff auf das eindringlichste verlangt, daß das an allen Fronten in schweren Kämpfen stehende Landheer moralisch und materiell durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg Unterstützung erhalte. Im Westen sei für das Frühjahr mit einer neuen Offensive der Franzosen, Engländer und Belgier zu rechnen, die an Wucht sogar die Somme-Offensive des verflossenen Halbjahres übertreffen werde. Jede Möglichkeit der Einschränkung der Zufuhr von Material und Mannschaften an den Feind müsse unter allen Umständen wahrgenommen werden. Zeit sei nicht zu verlieren. Wenn der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht zum 1. Februar eröffnet werde, könnten sie, die beiden Generale, die Verantwortung für den Gang der militärischen Operationen nicht übernehmen. Auf der andern Seite seien sie bereit, die Verantwortung für alle militärischen Folgen des uneingeschränkten U-Bootkrieges zu tragen, auch für die Folgen eines Eingreifens der europäischen Neutralen und Amerikas. Dem Eingreifen Amerikas legten sie übrigens keine allzu große Bedeutung bei.

Der Chef des Admiralstabs habe sich mit seinen bekannten Argumenten mit der größten Entschiedenheit für die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs am 1. Februar eingesetzt.

Angesichts der Bestimmtheit, mit der Hindenburg und Ludendorff die Entlastung der Fronten durch den sofortigen Beginn des uneingeschränkten U-Bootkriegs als unerläßlich bezeichneten und mit der sie die Verantwortung für alle militärischen Folgen des U-Bootkriegs auf sich nahmen, und angesichts der Sicherheit, mit der nicht nur der Chef des Admiralstabs, sondern auch die Hochseeflotte und der früher dem uneingeschränkten U-Bootkrieg abgeneigte Staatssekretär des Reichsmarineamtes innerhalb weniger Monate den vollen Erfolg des uneingeschränkten U-Bootkriegs in Aussicht stellten, ja gewährleisteten, habe er, der Kanzler, sich die Frage vorlegen müssen, ob er vor seinem Gewissen berechtigt sei, dem Kaiser zu raten, dem Antrag der Obersten Heeresleitung und des Admiralstabs nicht zu entsprechen. Sein nächster Gedanke sei gewesen, seinen Abschied zu erbitten und zu der auf abends 6 Uhr beim Kaiser angesetzten Besprechung nicht mehr zu erscheinen. Von dieser Absicht habe er auch dem Chef des Zivilkabinetts Mitteilung gemacht. Er habe sich jedoch, so schwer es ihm gefallen sei, überzeugen müssen, daß er sich auf diese Weise nicht der Verantwortung entziehen dürfe. Nachdem die Oberste Heeresleitung die Frage so gestellt habe, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg unvermeidlich geworden sei, und nachdem er dessen Verhinderung, wenn sie überhaupt noch möglich gewesen wäre, nicht auf seine Verantwortung habe nehmen können, sei er verpflichtet, alles zu tun, um dem U-Bootkrieg zum Erfolg zu verhelfen. Dazu gehöre, daß sich das deutsche Volk und unsere Verbündeten geschlossen hinter den U-Bootkrieg stellten. Wenn er wegen der Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs seinen Abschied nehme, so werde das einerseits die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht verhindern, andrerseits den inneren Streit über den U-Bootkrieg, der mit dem endgültigen Entschluß, den U-Bootkrieg zu machen, verstummen müsse, geradezu auf die Spitze treiben, ja die innere Front gänzlich zertrümmern; es werde ferner die Zustimmung unserer Bundesgenossen für den uneingeschränkten U-Bootkrieg und damit unser Bündnissystem selbst auf das äußerste gefährden. Auch ich müsse mir die Gewissensfrage stellen, ob ich mit der Einreichung meines Abschieds eine Demonstration machen dürfe, die an der bereits für den 1. Februar befohlenen Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht das mindeste ändere, dafür aber Verwirrung in die eigenen Reihen und in die Front unserer Bundesgenossen tragen, bei uns das Vertrauen in den Erfolg des U-Bootkriegs schwächen und bei unsern Gegnern und den Neutralen von vornherein Zweifel an unserm Erfolg hervorrufen müsse; dies lediglich auf mein persönliches Urteil hin, mit dem ich nachgerade unter den kompetenten Ratgebern der Krone isoliert sei, und angesichts der Tatsache, daß doch auch nach meiner Auffassung die Aussichten eines Erfolges des U-Bootkriegs sich erheblich gebessert hätten. Ich müsse mir diese Gewissensfrage um so mehr vorlegen, als es sich in erster Linie um eine Angelegenheit der auswärtigen Politik und der Kriegführung handele, also um eine Frage, die nicht in das Gebiet meiner Verantwortlichkeit falle.

Es war für mich die schwerste Entscheidung meines Lebens.

Sie wurde mir etwas erleichtert dadurch, daß der Kanzler mir die gerade durch Wolff veröffentlichte Antwortnote der Entente an den Präsidenten Wilson zeigte, die durch die Maßlosigkeit der angedeuteten Kriegsziele und die Unverschämtheit der Weigerung, sich mit Deutschland auf gleichen Fuß stellen zu lassen, jede Friedensmöglichkeit verschüttete und jeden halbwegs unbefangenen Beurteiler von unserm Recht zur äußersten Notwehr überzeugen mußte.

Sie wurde mir erschwert durch die Erwägung, daß es hier nur ein Entweder -- Oder gebe: Entweder protestieren und gehen, oder bleiben, dann aber die einmal gefallene Entscheidung hinnehmen, sich auf ihren Boden stellen und auf diesem Boden kämpfen, wie der General seine Schuldigkeit tut, auch wenn er bei der Feststellung des Operationsplanes seine Ansicht nicht durchgesetzt hat.

Ich schied von dem Kanzler mit der Zusage, daß ich ihm helfen würde, die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs vor dem Reichstag soweit zu vertreten, wie es mir nach Lage der Dinge möglich sei.

Der im Großen Hauptquartier gefaßte Beschluß war dahin gegangen, daß in einem näher umschriebenen Sperrgebiet um die britischen Inseln und im Mittelmeer vom 1. Februar an der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegen jeglichen Seeverkehr geführt werden sollte. Der Beschluß war bis zum letzten Augenblick geheimzuhalten. Erst am 31. Januar sollte der uneingeschränkte U-Bootkrieg den Neutralen angekündigt werden, jedoch mit der Maßgabe, daß neutrale Schiffe, die am 1. Februar auf der Fahrt nach Häfen im Sperrgebiet sein sollten, während einer »angemessenen Frist« geschont werden sollten.

Ich fand diese Art der kurzen Ankündigung ebenso sinnlos wie provozierend. Aber die Marine hatte auf dieser Inszenierung aus »marinetechnischen Gründen« bestanden, und die Befehle waren, als ich davon erfuhr, schon hinausgegangen.

Mit Spannung wartete ich nun, wie Herr Wilson sich bis zur Bekanntgabe der Eröffnung des neuen U-Bootkriegs zu der unerhörten Antwort der Entente auf seine Friedensanregung stellen werde. Hier lag vielleicht noch ein kleiner Funken von Hoffnung.