Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

Part 23

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Diese Beratung fand am 31. August 1916 im Großen Hauptquartier zu Pleß statt. Es nahmen an ihr teil der Reichskanzler, der neuernannte Chef des Generalstabs Generalfeldmarschall von Hindenburg, General Ludendorff, der Chef des Admiralstabs Admiral von Holtzendorff, Admiral von Koch, der Kriegsminister General Wild von Hohenborn, der Staatssekretär des Auswärtigen Amts von Jagow und ich als Staatssekretär des Innern und Stellvertreter des Reichskanzlers. Die gesamte politische, militärische und wirtschaftliche Lage wurde auf das genaueste durchgesprochen, ebenso die technischen Möglichkeiten und die militärischen und wirtschaftlichen Wirkungen des U-Bootkrieges. Die Lage wurde in erster Linie beherrscht durch die rumänische Kriegserklärung und den Einmarsch starker rumänischer Truppen nach Siebenbürgen. Alle Truppen, die wir irgendwo verfügbar machen konnten, mußten gegen Rumänien geworfen werden. Gegenüber Eventualitäten, wie sie ein Bruch mit Amerika und ein starker kombinierter Druck der Entente und der Vereinigten Staaten auf die uns benachbarten Neutralen hervorrufen konnten, war nichts vorgekehrt und konnte in der nächsten Zeit nichts vorgekehrt werden. Unter diesen Umständen sprachen sich die Generale von Hindenburg und Ludendorff dahin aus, daß bis zur Erledigung der rumänischen Gefahr die Oberste Heeresleitung eine Verantwortung für die Einleitung des uneingeschränkten U-Bootkrieges nicht übernehmen könne.

Der Verlauf der Beratung ließ keinen Zweifel daran bestehen, daß die beiden Generale an sich dem uneingeschränkten U-Bootkrieg zuneigten. Es war zu erwarten, daß sie auf die Frage zurückkommen würden, sobald dies der Verlauf der militärischen Operationen in Rumänien gestattete. Die öffentliche Meinung war durch die unausgesetzte Bearbeitung seitens der Befürworter des uneingeschränkten U-Bootkrieges immer mehr für die Überzeugung gewonnen worden, daß wir mit den U-Booten eine Waffe in der Hand hätten, die uns bei richtiger Anwendung gestatte, binnen weniger Monate England auf die Knie zu zwingen und damit allen den Opfern und Leiden des Krieges ein Ende zu machen. Auch in den Reichstagsparteien, die bisher in der U-Bootfrage Zurückhaltung gezeigt hatten, so im Zentrum und bei den Freisinnigen, blieb die U-Bootkrieg-Propaganda nicht ohne Wirkung.

Dies zeigte sich, als Anfang Oktober 1916 der Hauptausschuß des Reichstages sich erneut mit der U-Bootfrage befaßte.

Die Stimmung des Ausschusses war gegenüber dem Monat März, in dem die letzte U-Bootdiskussion stattgefunden hatte, merkbar verändert. Zudem glaubte der Ausschuß aus der Rede, mit der Herr von Bethmann die Erörterung einleitete, und noch mehr aus der Rede des Admirals von Capelle, die auf die Kanzlerrede folgte, eine Verminderung des Widerstandes gegen den uneingeschränkten U-Bootkrieg herauslesen zu können. Auch wirkten auf die Urteilsbildung der Abgeordneten einige sachliche Momente stark ein, die zweifellos die Aussichten eines Erfolges des uneingeschränkten U-Bootkrieges verbessert hatten, so die wesentliche Vermehrung der Anzahl und die erhebliche Verbesserung der Leistungsfähigkeit der U-Boote seit Jahresbeginn, ferner die Bedrohung der Versorgung Englands mit Brotgetreide durch eine mäßige Ernte im eigenen Lande und eine maßlos schlechte Ernte in den Vereinigten Staaten und Kanada. Dazu kam die wachsende Erbitterung gegen die Vereinigten Staaten, die unsere Gegner in immer größerem Umfang mit Kriegsmaterial unterstützten, ja ihnen dadurch die Sommeschlacht in ihren ungeheuren Abmessungen überhaupt erst möglich machten, und die, nachdem wir uns ihrem Druck in der U-Bootfrage gefügt hatten, augenscheinlich keinen Finger rührten, um England, das seinen Hungerkrieg gegen uns und die uns benachbarten Neutralen immer mehr verschärfte, auf den Boden des Völkerrechts zurückzuführen. Ich hatte einen schweren Stand, gegenüber der hierdurch erzeugten Stimmung für Besonnenheit und Erwägung der uns aus einem Übergang zum uneingeschränkten U-Bootkrieg drohenden Gefahren einzutreten.

In meinen Erwiderungen auf Ausführungen aus der Mitte der Kommission bemühte ich mich, die Sachlage mit aller Ruhe und Objektivität darzustellen. Ich gab ohne weiteres zu, daß durch die Gestaltung der Welternte des Jahres 1916 die Möglichkeit gewachsen sei, Englands Ernährung durch den U-Bootkrieg zu erschweren, vielleicht sogar zu gefährden. Englands eigene Ernte an Brotgetreide hatte im Jahre 1916 nur 6 Millionen Quarters, gegen 8,7 Millionen Quarters im Vorjahre ergeben. Die Weizenernte der Vereinigten Staaten und Kanadas wurde für 1916 auf nur 21-1/2 Millionen Tonnen geschätzt gegen 37-1/2 Millionen Tonnen im Vorjahre. Dabei hatte England im abgelaufenen Erntejahre aus diesen beiden zunächst gelegenen Gebieten nicht weniger als 88% seines Einfuhrbedarfs gedeckt. Ein Zurückgreifen auf Argentinien oder gar auf Indien und Australien war angesichts des fühlbaren Mangels an Frachtraum außerordentlich erschwert; denn der Frachtweg aus diesen Gebieten nach England war zwei- bis dreimal so lang wie der Frachtweg aus Nordamerika, die Heranführung derselben Getreidemenge erforderte also den zwei- bis dreifachen Schiffsraum. Die sichtbaren Getreidevorräte Englands waren in der zweiten Septemberhälfte 1916, nach Einbringung der englischen Ernte, zum erstenmal niedriger als zur gleichen Zeit des Vorjahres; sie betrugen 8,6 gegen 10,6 Millionen Quarters, während sie sich zu Anfang Mai 1916 um 1,8 Millionen Quarters höher gestellt hatten als Anfang Mai 1915.

Aber ich konnte nicht umhin, diesem für den Erfolg des uneingeschränkten U-Bootkrieges günstiger gewordenen Moment gewichtige Zweifel entgegenzustellen.

Schon auf dem Gebiet der Brotgetreideversorgung Englands durften die großen amerikanischen Bestände aus der vorjährigen Ernte nicht vernachlässigt werden. Ob es möglich sein würde, die Zufuhren aus diesen Beständen und der allerdings knappen neuen Ernte im Wege des uneingeschränkten U-Bootkrieges so weit zu verringern, daß sie zur Ergänzung des in England liegenden, für mindestens 4-1/2 Monate genügenden Bestandes nicht ausreichen würden, war zum mindesten eine offene Frage.

Ebenso mußte ich den Berechnungen entgegentreten, die beweisen sollten, daß eine monatliche Versenkung von 600000 Tonnen Handelsschiffsraum genügen werde, um England innerhalb einer bestimmten Zeit -- es wurde von 6 bis 8 Monaten gesprochen -- auf die Knie zu zwingen oder wenigstens mürbe zu machen. Ich stellte fest, daß die britische Handelsflotte (ohne diejenige der Dominions und Besitzungen) nach den letzten Ausweisen im Juni 1916 noch 18825000 Bruttotonnen stark war. Ich gab zu, daß davon etwa 7 Millionen für militärische Zwecke in Anspruch genommen seien und daß die für den privaten Handelsverkehr verbleibenden rund 12 Millionen im Laufe von 6 bis 8 Monaten durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg auf 8 Millionen Tonnen verringert werden könnten. Aber ich gab zu bedenken, daß die britische Handelsflotte vor dem Kriege fast die Hälfte der gesamten Handelsflotte der Welt ausgemacht hatte, daß sie nicht nur für England, sondern für die halbe Welt die Seefrachten besorgt hatte, daß Deutschlands Handelsflotte, nach England die größte der Welt, vor dem Kriege gerade erst über 5 Millionen Bruttotonnen hinausgewachsen war und daß wir mit diesen 5 Millionen Tonnen über unsere eigene Versorgung hinaus uns gleichfalls einen ansehnlichen Anteil am internationalen Frachtverkehr hatten sichern können. Dazu kam für England die Möglichkeit, im Notfall auf den für militärische Zwecke in Anspruch genommenen Frachtraum zurückzugreifen. Ich zog daraus die Folgerung: »Niemand in der ganzen Welt wird mit Sicherheit behaupten können, England werde nach sechs oder acht Monaten wegen Frachtraummangels nicht mehr in der Lage sein, weiterzukämpfen.«

Ferner warnte ich davor, die britische Zähigkeit, die Möglichkeit für die Engländer, sich in ähnlicher Weise einzuschränken, wie wir es hatten tun müssen, schließlich die britische Fähigkeit, zu organisieren, allzu niedrig einzuschätzen.

Vor allem aber hob ich die Gefahren eines Bruches und Krieges mit den Vereinigten Staaten hervor. Aus der Mitte des Ausschusses wurde die Ansicht geäußert, daß Amerika wegen des U-Bootkrieges nicht mit uns brechen oder jedenfalls nicht Krieg mit uns machen werde. Demgegenüber führte ich aus: »Ich habe im Laufe der Zeit von allen den Leuten, die aus Amerika herübergekommen sind und die ich gesehen habe, nie eine andere Ansicht gehört als die: Wenn ihr den rücksichtslosen U-Bootkrieg anfangt, dann habt ihr den Bruch und den Krieg mit Amerika.«

Den immer wieder hervortretenden Zweifeln, ob Amerika, wenn es uns den Krieg erkläre, der Entente erheblich mehr nutzen und uns erheblich mehr schaden könne wie jetzt schon im Zustand der sogenannten Neutralität, konnte ich nicht beitreten. Ich legte dar, daß die finanzielle Hilfe, die von den Amerikanern den Ententemächten bisher nur in verhältnismäßig engen Grenzen und zu recht schweren Bedingungen gewährt worden war, ohne weiteres einer ganz erheblichen Steigerung fähig sei; daß ferner die amerikanische Stahlproduktion, die mit 40 Millionen Tonnen jährlich fast dreimal so groß war wie die unserige, den Amerikanern im Falle ihres Eintritts in den Krieg eine gewaltige Steigerung ihrer Erzeugung von Kriegsgerät und Material ermögliche; daß schließlich die Gefahr der Unterstützung der Entente durch Truppensendungen kein Hirngespinst sei. »Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben,« so führte ich aus, »liegen doch zum großen Teil darin, daß die andern die große Überlegenheit an Menschenmaterial haben. Glauben Sie unsere Position dadurch zu verbessern, wenn Sie ein kultiviertes Land mit einer starken, kräftigen Rasse, mit mehr als 100 Millionen Einwohnern auf die andere Seite werfen?« Auch die Hoffnung, daß es unsern U-Booten gelingen werde, Munitions- und Mannschaftstransporte von Amerika nach dem westlichen Kriegsschauplatz zu verhindern, konnte ich nicht ohne Widerspruch lassen, obwohl ich wußte, daß diese Hoffnung von maßgebenden Persönlichkeiten in der Marine geteilt wurde. »Mein Optimismus geht jedenfalls nicht so weit, zu bezweifeln, daß Amerika im Kriegsfall beträchtliche Mengen von Truppen herüberschaffen kann, auch angenommen, daß wir manchen Transportdampfer versenken. In Saloniki sollen noch 400000 Mann und mehr stehen. Diese ganze Armee ist antransportiert worden und erhält ihren Nachschub an Ersatz, Munition und Proviant, trotzdem unsere U-Boote ihre Tätigkeit im Mittelmeer ausüben. Die Truppentransportdampfer sind eben auf ihrer Fahrt viel besser gesichert als andere Dampfer.«

Auch die Wirkungen eines Krieges mit Amerika auf unsern späteren Wiederaufbau bat ich zu berücksichtigen. Die Wiederherstellung unserer Außenbeziehungen nach dem Krieg sei viel schwerer, als die meisten es sich denken. »Wenn aber die Neutralität überhaupt aufgehört hat, dann kann dasjenige, was heute die Entente träumt, Wirklichkeit werden, nämlich der Wirtschaftskrieg nach dem Krieg; dann mögen wir noch für Jahre der boykottierte Hund sein, dem kein Mensch auf der ganzen Welt ein Stück Brot gibt.«

Vor allem aber müßten wir uns eines vor Augen halten: »Wenn die Karte des rücksichtslosen U-Bootkriegs ausgespielt wird und sie sticht nicht, dann sind wir verloren, dann sind wir auf Jahrhunderte hinaus verloren.«

Meine Ausführungen machten wohl einigen Eindruck, vermochten aber nicht, einen entscheidenden Erfolg zu erzielen. Ich hatte Veranlassung, in der Diskussion mehrfach auf meine Bedenken zurückzukommen und den eifrigen Verfechtern des uneingeschränkten U-Bootkriegs zu sagen: »Wir wollen doch klar sehen, wir wollen doch genau wissen, wie die Dinge liegen; und sollte der U-Bootkrieg gemacht werden, so soll niemand da sein, der nachher, wenn die Sache etwa schief geht, sagen kann: Ja, wenn man dies und jenes uns gesagt hätte, wenn diejenigen, die an verantwortlicher Stelle stehen, auf dies und jenes hingewiesen hätten.«

Der Kanzler konnte sich darauf berufen, er befinde sich in der Beurteilung der Sachlage in Übereinstimmung mit der Obersten Heeresleitung. Diesem Umstand war es mehr als allen Gründen zu verdanken, daß im Hauptausschuß ein ausdrücklicher Mehrheitsbeschluß zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges verhindert werden konnte. Aber wenn auch kein förmlicher Beschluß zustande kam, so konnte doch der Verlauf der Debatte keine Zweifel daran lassen, wie die Mehrheit der Kommission zu dem U-Bootkrieg stand. Vor allem fiel ins Gewicht, daß die Zentrumsfraktion, die bisher in ihrer großen Mehrheit den Kanzler in seiner Stellungnahme zum U-Bootkrieg gedeckt hatte, folgende Erklärung am 7. Oktober 1916 zu den Akten des Hauptausschusses gab:

»Namens =sämtlicher=[5] Fraktionsmitglieder der Zentrumsfraktion im Ausschuß für den Reichshaushalt ist folgende Erklärung abgegeben worden:

»Für die politische Entscheidung über die Kriegführung ist dem Reichstag gegenüber der Reichskanzler allein verantwortlich. Die Entscheidung des Reichskanzlers wird sich dabei wesentlich auf die Entschließung der Obersten Heeresleitung zu stützen haben. Fällt die Entscheidung für die Führung des rücksichtslosen Unterseebootkrieges aus, so darf der Reichskanzler des Einverständnisses des Reichstags sicher sein.«

[5] Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.

Diese Erklärung der bei den Parteiverhältnissen des Reichstags ausschlaggebenden Fraktion war nicht nur eine Blankovollmacht, sondern geradezu eine Aufforderung an den Reichskanzler, in der U-Bootfrage den Entschließungen der Obersten Heeresleitung zu folgen. Die Oberste Heeresleitung, der natürlich der Gang der Verhandlungen im Hauptausschuß und die Zentrumserklärung nicht verborgen blieben, wußte nunmehr, daß der Reichskanzler, wenn er einem Verlangen der Obersten Heeresleitung nach Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges künftighin sich widersetzen sollte, nicht mehr auf die Deckung durch den Reichstag würde rechnen können.

In der für die weitere Entwicklung des Krieges entscheidenden Frage war damit die Stellung des verantwortlichen Leiters der deutschen Politik gegenüber der Obersten Heeresleitung in einer geradezu verhängnisvollen Weise geschwächt.

Jeder Krieg birgt den Keim von Konflikten zwischen der militärischen Gewalt und der politischen Leitung in sich. Der Krieg als »Mittel der Politik« ist ein gewaltsames und herrschsüchtiges Mittel, das, einmal in Wirkung gesetzt, eigenen Gesetzen zu folgen sucht. Es bedarf einer starken Willenskraft und einer starken Autorität der politischen Leitung, um Herr über den ungebärdigen Diener zu bleiben und zu verhindern, daß das Mittel den Platz des Zweckes usurpiert. Wenn die Gefahr solcher Konflikte in irgendeinem Lande besonders groß war, dann in Deutschland. Eine eiserne militärische Erziehung hatte unser Volk aus Zerrissenheit, Ohnmacht und Elend zu Einheit, Macht und Wohlstand emporgeführt, hatte unser Land, das Jahrhunderte hindurch das Schlachtfeld fremder Völker gewesen war, befreit und gesichert, hatte die Grundlagen geschaffen, auf denen unser Volk in friedlicher Arbeit sich ein wohnliches Haus bauen konnte. Die Leidensgeschichte von Jahrhunderten war es, die unserm Volk die Achtung vor der militärischen Macht und ihren Vertretern anerzogen hatte. Mehr noch als unser Volk stand die Hohenzollerndynastie, deren Oberhaupt uns die Reichseinheit verkörperte, auf der militärischen Tradition. Auch ein an sich durchaus friedlich gerichteter Charakter wie Wilhelm II. war in den großen militärischen Überlieferungen seines Hauses befangen; ja man kann sagen, je weniger er innerlich Krieger und Feldherr war, desto stärker stand er unter dem Bann derjenigen, die Soldatengeist und Feldherrntum kraftvoll verkörperten.

Die schweren Konflikte, die ein Bismarck, trotz seiner überragenden Persönlichkeit und seiner bei König und Volk fest begründeten Autorität, im Deutsch-Französischen Krieg mit den militärischen Gewalthabern durchzukämpfen hatte, sind bekannt. Dabei dauerte dieser Krieg knapp neun Monate. In dem von Jahr zu Jahr sich hinziehenden Weltkrieg verfügten wir über keinen Staatsmann, dessen Autorität auf dem festen Fundament politischer Großtaten begründet war und dessen Persönlichkeit auf Volk und Kaiser eine bismarckische Wirkung auszuüben vermochte. Dagegen erstrahlte seit der Tannenberger Schlacht das militärische Doppelgestirn Hindenburg und Ludendorff in vollstem Glanz. Das deutsche Volk ist, trotz all des Schrecklichen, das wir jetzt erleben, im Grunde seines Wesens autoritätsbedürftig. Seine ganze Hingabe und seine ganze Hoffnung setzte es auf die beiden Generale, die gleich zu Anfang des Krieges in einer Waffentat ohnegleichen das ostpreußische Land von den russischen Horden befreit hatten und die im weiteren Gang des Krieges mehr als alle andern Feldherrn durch ihre gewaltigen Schläge die Begeisterung des deutschen Volkes an sich fesselten. Dazu kam der Eindruck der menschlich großen Persönlichkeit des Feldmarschalls und der eisernen Willenskraft wie des lodernden Temperaments des Generals Ludendorff. Als der Kaiser Hindenburg den »Heros des deutschen Volkes« nannte, da sprach er aus aller Herzen und vor allem aus seinem eigenen. Gegen Ludendorff hatte er eine gefühlsmäßige Abneigung, aus der heraus er sich ursprünglich gegen die Berufung der beiden an die Spitze der Obersten Heeresleitung sträubte. Auch späterhin ist er mit Ludendorff nie warm geworden, ja er hat mitunter bei vertraulichen Unterhaltungen in heftiger Aufwallung seinem Unmut über Ludendorff Luft gemacht; aber gleichwohl stand er im Banne von Ludendorffs Willensstärke, und vor allem unterwarf er sich der Überzeugung, daß Hindenburg und Ludendorff, die untrennbar waren, in der Leitung der militärischen Operationen unersetzlich seien.

Es war eine Wirkung und gleichzeitig eine Verstärkung des Übergewichts der Heeresleitung über die politische Leitung, wenn jetzt die stärkste Fraktion des Reichstags eine Erklärung abgab, die unzweideutig die Entscheidung über die Schicksalsfrage des U-Bootkriegs in die Hände von Hindenburg und Ludendorff legte.

Wer Ludendorffs Persönlichkeit kannte, der mußte wissen, daß die Forderung der Obersten Heeresleitung auf Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht lange auf sich warten lassen würde. Und dann wurde, das stand jetzt, wo der Kanzler auch des parlamentarischen Rückhaltes beraubt war, für jeden Kenner der Persönlichkeiten und Verhältnisse so gut wie unumstößlich fest, der U-Bootkrieg gemacht. Nichts war mehr stark genug, dies zu verhindern. Der ganze Ingrimm darüber, daß wir seit mehr als zwei Jahren ohne Gegenwehr den schändlichen Hungerkrieg Englands über uns hatten ergehen lassen müssen, während wir nach den Erklärungen der höchsten Marine-Autoritäten über ein sicheres Mittel verfügten, den Hungerkrieg zu brechen, auf einen Schelmen anderthalb zu setzen und dem Kriegsjammer in kurzer Zeit ein Ende zu machen -- der ganze Ingrimm darüber, daß Amerika uns den Gebrauch dieser Waffe verwehrte, während es den Hungerkrieg des Feindes gewähren ließ und die Ententearmeen zu ihren furchtbaren Offensiven mit Kriegsgerät und Munition ausstattete -- dieser Ingrimm war nicht mehr zu bändigen und zu halten in dem Augenblick, wo Hindenburg und Ludendorff den von der Reichstagsmehrheit im voraus gebilligten uneingeschränkten U-Bootkrieg vom Kanzler verlangten.

Es gab nur einen Ausweg, und das war die Herbeiführung von Friedensverhandlungen; ein Ausweg, den auch -- wie oben dargestellt -- in jener Zeit die Entwicklung der gesamten Kriegslage nahelegte und für den es gelang, sowohl die Oberste Heeresleitung wie vor allem auch den Kaiser zu gewinnen.

In der Zwischenzeit konnten die Wirkungen des U-Bootkriegs auch innerhalb der in den Formen des Kreuzerkriegs gegebenen Beschränkung wesentlich gesteigert werden. Der Admiralstab hatte -- wie oben erwähnt -- nach dem Abschluß der Verhandlungen mit Amerika über den Sussex-Fall den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den britischen Gewässern gänzlich eingestellt und die U-Boote in der Nordsee nur noch zu rein militärischen Zwecken verwendet. Im Oktober 1916 entschloß sich der Admiralstab trotz der Erschwerungen, die der Kreuzerkrieg für U-Boote gerade in den britischen Gewässern wegen der vervollkommneten Abwehrmaßnahmen bot, auch dort den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den Formen des Kreuzerkrieges wieder aufzunehmen. Der Erfolg war ansehnlich. Die im U-Bootkrieg versenkte Tonnage stieg von 101000 Tonnen im Juni und 103000 Tonnen im Juli auf 394000 im Oktober und 416000 im Dezember 1916.

Aber der Admiralstab ließ sich mit diesen Erfolgen nicht genügen.

Zunächst drängte er darauf, daß der »verschärfte U-Bootkrieg«, d. i. der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegen die bewaffneten feindlichen Handelsschiffe wieder aufgenommen werde. Er wußte für diesen Gedanken auch die Oberste Heeresleitung zu gewinnen, die mit ihrer Forderung dringend wurde, nachdem die leitenden Staatsmänner der Entente sich in ihren unmittelbar auf unsern Friedensvorschlag folgenden Reden scharf ablehnend ausgesprochen hatten. Eine amtliche Antwort der Ententemächte auf unsern Vorschlag lag noch nicht vor; der Friedensschritt des Präsidenten Wilson war gerade erst erfolgt. Die elementarste politische Klugheit gebot, einstweilen noch stillzuhalten, auch wenn man sich nach den Reden der feindlichen Staatsmänner damit abfinden mußte, daß es nicht zu Friedensverhandlungen kommen werde.

Am Abend des 28. Dezember 1916 reiste der Kanzler mit dem Staatssekretär Zimmermann und mir nach dem Großen Hauptquartier. Wir besprachen auf der Fahrt die U-Bootfrage. Die Oberste Heeresleitung hatte die sofortige Absendung einer Note an die Vereinigten Staaten über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs gegen die bewaffneten Handelsschiffe ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Friedensaktionen verlangt. Nun stellte sich auch Zimmermann auf den Standpunkt, daß ein solcher Schritt nicht länger verschoben werden dürfe; er schlug vor, höchstens bis zum 2. Januar 1917 zu warten. Ich setzte mich auf das entschiedenste zur Wehr. Die Wirkung des vorgeschlagenen Schrittes auf Amerika mußte nach allem, was vorangegangen war, dieselbe sein, wie diejenige einer Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges überhaupt. Wir zerschlugen mit eigenen Händen den letzten Rest einer Aussicht unserer eigenen und der Wilsonschen Friedensaktion; wir setzten uns darüber hinaus dem Verdacht aus, daß es uns mit unserm Friedensvorschlage gar nicht ernst gewesen sei und daß wir einen Erfolg des Wilsonschen Schrittes verhindern wollten, wenn wir jetzt, ohne eine Antwort abzuwarten und die Friedensaktion sich auswirken zu lassen, eine Maßnahme ergriffen, von der wir uns sagen mußten, daß sie jede Friedensmöglichkeit vernichten und gerade unter diesen Begleitumständen mit Sicherheit nicht nur den Bruch, sondern den Krieg mit Amerika herbeiführen mußte. Der Kanzler stimmte mir bei, und auch Zimmermann schien überzeugt.