Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

Part 22

Chapter 223,171 wordsPublic domain

»Getragen von dem Bewußtsein ihrer militärischen und wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen aufgezwungenen Kampf nötigenfalls bis zum äußersten fortzusetzen, zugleich aber von dem Wunsch beseelt, weiteres Blutvergießen zu verhüten und den Greueln des Krieges ein Ende zu machen, schlagen die vier verbündeten Mächte vor, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten. Die Vorschläge, die sie zu diesen Verhandlungen mitbringen werden und die darauf gerichtet sind, Dasein, Ehre und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker zu sichern, bilden nach ihrer Überzeugung eine geeignete Grundlage für die Herstellung eines dauerhaften Friedens.

»Wenn trotz dieses Anerbietens zu Frieden und Versöhnung der Kampf fortdauern sollte, so sind die vier verbündeten Mächte entschlossen, ihn bis zum siegreichen Ende zu führen. Sie lehnen aber feierlich jede Verantwortung dafür vor der Menschheit und der Geschichte ab.«

Am gleichen Tage wurde ein Kaiserlicher Armeebefehl erlassen, der lautete:

»Soldaten! In dem Gefühl des Sieges, den Ihr durch Eure Tapferkeit errungen habt, haben Ich und die Herrscher der treu verbündeten Staaten dem Feinde ein Friedensangebot gemacht. Ob das damit verbundene Ziel erreicht wird, bleibt dahingestellt. Ihr habt weiterhin mit Gottes Hilfe dem Feind standzuhalten und ihn zu schlagen.«

Die Aufnahme, die der Friedensvorschlag in Deutschland fand, war nicht einheitlich zustimmend. In den konservativen und überwiegend auch in den nationalliberalen Kreisen fürchtete man, der Vorschlag könne im Ausland als Schwächezeichen ausgelegt werden und die Wirkung unserer Siege in Rumänien beeinträchtigen. In den Kreisen derjenigen, die an sich den Friedensvorschlag als einen ernsthaften Versuch, Deutschland und die Welt von dem Elend des Krieges zu befreien, aufrichtig willkommen hießen, bemängelte man vielfach, daß in dem Vorschlag unsere konkreten Friedensbedingungen nicht aufgezählt waren.

Beide Ausstellungen halte ich auch heute noch für unberechtigt.

Es handelte sich darum, entweder zum Frieden zu kommen, oder vor der ganzen Welt, sowohl vor dem eigenen Volke, wie vor den Völkern der Neutralen und unserer Feinde die Verantwortlichkeit für die Fortdauer des Krieges festzustellen. Wenn der Krieg weitergehen sollte, dann brauchte vor allem unser eigenes Volk angesichts des ungeheueren auf ihm lastenden Druckes eine moralische Rückenstärkung in dem Bewußtsein, daß es nicht an uns lag, wenn Friedensverhandlungen nicht zustandekamen. Die Gefahr, daß unsere Feinde unser Angebot als Schwäche auffassen könnten, durfte demgegenüber nicht den Ausschlag geben; durch die Wahl des Zeitpunktes war zudem dieser Gefahr nach Möglichkeit vorgebeugt worden.

Eine öffentliche Enthüllung unserer einzelnen Friedensbedingungen wäre, solange die grundsätzliche Bereitwilligkeit unserer Feinde, mit uns über einen Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unseres Volkes wahrenden Frieden zu sprechen, nicht vorlag, das Gegenteil von Zweckmäßigkeit gewesen. Wir hätten uns ganz einseitig festgelegt, uns dadurch gegenüber unseren Gegnern stark in Nachteil gesetzt und jede Verhandlung über die einmal öffentlich genannten Punkte außerordentlich erschwert. Es ist leicht, über die »Geheimdiplomatie« zu schelten. Aber solange die menschliche Natur sich nicht von Grund aus geändert hat, wird der Zweck einer jeden Verhandlung, nämlich die Verständigung, in vertraulichen Beratungen stets leichter zu erreichen sein, als wenn der Ringkampf der Verhändler sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt. Wenn unsere Feinde überhaupt Neigung hatten, mit uns über einen Frieden zu sprechen, so mußte es ihnen genügen, daß unsere Friedensnote klar aussprach: Der Krieg ist für uns ein Verteidigungskrieg geblieben; für uns kommt es darauf an, Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer Völker zu sichern; unsere Rechte und Ansprüche stehen in keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen.

Aber die Neigung, mit uns über den Frieden zu sprechen, bestand bei unseren Feinden nicht. Die Ziele, die sie verfolgten und unbeachtet aller Opfer und Rückschläge zäh im Auge behielten, waren mit der Verteidigung unseres Besitzstandes, mit der Wahrung unserer Ehre, unseres Daseins und unserer Entwicklungsfreiheit nicht vereinbar. Ihre Regierungen fürchteten, durch jede Einleitung eines Friedensgesprächs den auf unsere Niederwerfung gerichteten Kriegswillen zu schwächen, und deshalb hatten sie es ungemein eilig, unseren Vorschlag schroff zurückzuweisen.

Schon am Tage nach unserem Friedensvorschlag, am 13. Dezember 1916 erklärte der französische Ministerpräsident Briand unsere Aufforderung zu Friedensverhandlungen für ein Manöver, um unter den Alliierten Uneinigkeit zu säen, die Gewissen zu verwirren und die Völker zu demoralisieren. Am 16. Dezember wies der neue russische Minister des Auswärtigen, Herr Pokrowsky, den Friedensvorschlag der Mittelmächte »mit Entrüstung« ab und stellte ihm das Ziel gegenüber, »das uns allen am Herzen liegt: die Vernichtung des Feindes;« alle die unzähligen Opfer würden umsonst gebracht sein, wenn man mit einem Feind, dessen Kräfte zwar geschwächt, aber nicht gebrochen seien, einen »vorzeitigen Frieden« schließe. Am 18. Dezember beschwor der italienische Minister des Auswärtigen, Herr Sonnino, die Kammer, nichts zu beschließen, was die Vermutung zuließe, daß Italien in der Aufnahme des von Deutschland gemachten »hinterlistigen Schrittes« eine von seinen Verbündeten verschiedene Haltung einnehmen könnte. Am Tage darauf sprach Lloyd George, der inzwischen Herrn Asquith als Ministerpräsident ersetzt hatte, in der gewohnten Weise über den preußischen Militärdespotismus und verlangte als Voraussetzung für irgendwelche Friedensgespräche von Deutschland »vollständige Wiederherstellung, volle Genugtuung und wirksame Garantien«.

Nun erschien auch der Präsident Wilson auf dem Plan.

Am 21. Dezember 1916 übergab der amerikanische Botschaftsrat in Berlin dem Staatssekretär Zimmermann eine Note, die gleichlautend auch den übrigen kriegführenden Staaten zugestellt wurde.

Die Note enthielt eine Friedensanregung. Der Präsident der Vereinigten Staaten schlug vor, »daß baldigst Gelegenheit genommen werde, von allen jetzt kriegführenden Staaten ihre Ansichten über ihre Bedingungen zu erfahren, unter denen der Krieg zum Abschluß gebracht werden könnte und über die Vorkehrungen, die gegen die Wiederholung des Krieges oder die Entfachung irgendeines ähnlichen Konfliktes in der Zukunft zufriedenstellende Bürgschaft leisten könnten, so daß sich die Möglichkeit biete, sie offen zu vergleichen. Dem Präsidenten, so fuhr die Note fort, ist die Wahl der zur Erreichung dieses Zieles geeigneten Mittel gleich. Er ist gern bereit, zur Erreichung dieses Zweckes in jeder annehmbaren Weise seinerseits dienlich zu sein oder sogar die Initiative zu ergreifen; er wünscht jedoch nicht, die Art und Weise und die Mittel zu bestimmen. Jeder Weg wird ihm genehm sein, wenn nur das große Ziel, das er im Auge hat, erreicht wird.« Die Note wies dann darauf hin, daß die allgemeinen Ziele der beiden kriegführenden Parteien nach den von ihren Staatsmännern abgegebenen Erklärungen dem Wesen nach die gleichen seien. Das Interesse der Vereinigten Staaten an den künftigen Maßnahmen zum Schutz des Völkerfriedens sei ebenso groß, wie das irgendeines anderen Volkes. Das amerikanische Volk und seine Regierung sehnten sich danach, bei der Erreichung dieses Zieles mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln mitzuwirken. Aber erst müsse der Krieg beendet sein. Die konkreten Ziele, für die der Krieg geführt werde, seien niemals endgültig festgestellt worden. Der Welt bleibe es überlassen zu vermuten, »welche endgültigen Ergebnisse, welcher tatsächliche Austausch von Garantien, welche politischen oder territorialen Veränderungen oder Verschiebungen, ja selbst welches Stadium des militärischen Erfolges den Krieg zu Ende bringen würde«. Der Präsident schlage keinen Frieden vor, er biete nicht einmal seine Vermittlung an; er rege nur an, »daß man sondiere, damit die Neutralen und die kriegführenden Staaten erfahren, wie nahe wohl das Ziel des Friedens sein mag, nach dem die ganze Menschheit mit heißem und wachsendem Begehren sich sehnt«.

Dies war der sachliche Kern des Wilsonschen Friedensschritts.

An der Einkleidung dieses Kerns war bemerkenswert einmal die wiederholte starke Betonung des Interesses der Vereinigten Staaten an der baldigen Beendigung des Krieges, das sich schon daraus ergebe, »daß sie offenkundig genötigt wären, Bestimmungen über den bestmöglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte«; ferner eine Bemerkung über das Verhältnis der Wilsonschen Anregung zu dem Friedensschritt der Zentralmächte. Der Präsident, so führte die Note aus, habe sich schon lange mit dem Gedanken seines Vorschlages getragen. Er mache ihn jetzt nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, weil es den Anschein haben könnte, als sei er angeregt von dem Wunsch, im Zusammenhang mit dem jüngsten Vorschlag der Zentralmächte eine Rolle zu spielen. Tatsächlich sei der Gedanke des Präsidenten in keiner Weise auf diesen Vorschlag zurückzuführen, und der Präsident hätte mit seinem Vorschlage gewartet, bis der Vorschlag der Zentralmächte beantwortet worden wäre, wenn seine Anregung nicht auch die Frage des Friedens beträfe, die am besten mit anderen dahingehenden Vorschlägen erörtert werde. Der Präsident stellte also die Unabhängigkeit seiner Anregung von dem Vorschlag der Zentralmächte fest, empfahl aber eine gemeinschaftliche Erörterung.

In der Sache kam die Anregung des Präsidenten Wilson auf das gleiche Ziel hinaus, das den Mittelmächten bei ihrem Friedensschritt vorgeschwebt hatte: ein gegenseitiger Austausch der konkreten Friedensbedingungen. Dieser Austausch mußte, wenn eine einseitige Festlegung des einen oder anderen Teiles vermieden werden sollte, Zug um Zug erfolgen, nach der Ansicht der Mittelmächte am besten in der elastischeren Form eines unmittelbaren und persönlichen Gedankenaustausches der kriegführenden Mächte.

Dem entsprach die Antwort, die wenige Tage nach Überreichung der amerikanischen Note von den Mittelmächten erteilt wurde. Die deutsche Antwort vom 26. Dezember 1916, die derjenigen unserer Verbündeten inhaltlich entsprach, lautete wie folgt:

»Die Kaiserliche Regierung hat die hochherzige Anregung des Herrn Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Grundlagen für die Herstellung eines dauernden Friedens zu schaffen, in dem freundschaftlichen Geiste aufgenommen und erwogen, der in der Mitteilung des Herrn Präsidenten zum Ausdruck kommt. Der Herr Präsident zeigt das Ziel, das ihm am Herzen liegt, und läßt die Wahl des Weges offen. Der Kaiserlichen Regierung erscheint ein unmittelbarer Gedankenaustausch als der geeignetste Weg, um zu dem gewünschten Ergebnis zu gelangen. Sie beehrt sich daher, im Sinne ihrer Erklärung vom 12. d. M., die zu Friedensverhandlungen die Hand bot, den alsbaldigen Zusammentritt von Delegierten der kriegführenden Staaten an einem neutralen Orte vorzuschlagen. Auch die Kaiserliche Regierung ist der Ansicht, daß das große Werk der Verhütung künftiger Kriege erst nach Beendigung des gegenwärtigen Völkerringens in Angriff genommen werden kann. Sie wird, wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, mit Freuden bereit sein, zusammen mit den Vereinigten Staaten von Amerika an dieser erhabenen Aufgabe mitzuarbeiten.«

Auch durch Wilsons Friedensanregung ließen sich die alliierten Regierungen in ihrem Willen, Friedensgespräche zurückzuweisen und den Krieg fortzusetzen, in keiner Weise beeinträchtigen; nur eine kurze Verzögerung in der von Herrn Briand voreilig für den 20. Dezember angekündigten Antwort der Entente auf unseren Friedensvorschlag ist wohl durch den in London und Paris schon am 19. Dezember bekannt gewordenen Friedensschritt Wilsons herbeigeführt worden. Aber in dem Inhalt der Ententeantwort, die am 30. Dezember von Herrn Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris zur Weitergabe an die Zentralmächte überreicht worden ist, hat Wilsons Eingreifen nichts geändert: schroffer und höhnischer abweisend konnte keine Antwort lauten. In tendenziöser Darstellung versuchte sie wieder einmal den Nachweis, daß der »Krieg gewollt, hervorgerufen und verwirklicht worden sei durch Deutschland und Österreich-Ungarn«. Nachdem Deutschland seine Verpflichtungen verletzt habe, könne der von ihm gebrochene Friede nicht auf sein Wort gegründet werden. Eine Anregung ohne Bedingungen für die Eröffnung der Verhandlungen sei kein Friedensangebot. Die durch die Kriegserklärung Deutschlands verursachten Verwüstungen, die zahlreichen Attentate, die Deutschland und seine Verbündeten gegen die Kriegführenden und gegen die Neutralen verübt hätten, verlangten Sühne, Wiedergutmachung und Bürgschaften. Deutschland weiche listig dem einen wie dem anderen aus. Der durch die Zentralmächte gemachte Vorschlag sei in Wirklichkeit nichts als ein Kriegsmanöver, das einen deutschen Frieden aufnötigen solle und beabsichtige, die öffentliche Meinung in den alliierten Ländern zu verwirren. »In voller Erkenntnis der Schwere, aber auch der Notwendigkeiten der Stunde lehnen es die alliierten Regierungen, die unter sich eng verbunden und in voller Übereinstimmung mit ihren Völkern sind, ab, sich mit einem Vorschlag ohne Aufrichtigkeit und ohne Bedeutung zu befassen.«

Da diese Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ, mehr als eine Woche nach dem Friedensschritt des Präsidenten Wilson erfolgte, mußte nicht nur der Friedensvorschlag der Zentralmächte, sondern auch die Friedensanregung Wilsons als gescheitert betrachtet werden. Wieder einmal stellte sich heraus, daß die feindliche Koalition nicht bereit war, über Frieden zu sprechen, solange sie nicht in der Lage war, den Frieden nach ihrem Belieben zu diktieren. Von dem Geist, der bei den Machthabern unserer Feinde trotz des rumänischen Rückschlags herrschte, gibt Zeugnis ein Tagesbefehl des Zaren an die russische Armee und Marine vom 25. Dezember 1916, in dem als russisches Kriegsziel aufgestellt wurde »der Besitz Konstantinopels und der Meerengen, sowie die Schaffung eines in allen seinen drei gegenwärtig getrennten Teilen freien Polens«.

Immerhin konnte man gespannt sein auf die Antwort, die unsere Feinde auf die Friedensanregung Wilsons geben würden. Denn hier stand ihnen nicht ein Feind gegenüber, den sie auf Tod und Leben zu bekämpfen entschlossen waren, sondern der Repräsentant der stärksten neutralen Macht, dessen Haltung für den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung werden konnte.

Es dauerte drei volle Wochen, bis die Alliierten sich über eine Antwort an Wilson geeinigt hatten; erst am 10. Januar 1917 wurde diese von Herrn Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris ausgehändigt.

Die Antwort enthielt viele schöne Worte an die Adresse des Herrn Wilson und über den künftigen Völkerfrieden. In der Sache aber war sie gegenüber der Wilsonschen Anregung eine kaum weniger unverhüllte Ablehnung, wie die Antwort an die Zentralmächte.

»Die Alliierten empfinden,« so hieß es in der Note, »ebenso tief wie die Regierung der Vereinigten Staaten den Wunsch, möglichst bald diesen Krieg beendet zu sehen, für den die Mittelmächte verantwortlich sind und der der Menschheit grausame Leiden auferlegt; aber sie sind der Ansicht, daß es unmöglich ist, heute bereits einen Frieden zu erzielen, der ihnen die Sühnen, Wiedergutmachung und Bürgschaften sichert, auf die sie ein Recht haben infolge des Angriffs, für den die Mittelmächte die Verantwortung tragen und der gerade darauf abzielt, die Sicherheit Europas zugrundezurichten.« Nach langen Beschwerden über die völkerrechtswidrige und grausame Kriegführung der Mittelmächte, die zu einem ständigen Hohn auf Menschlichkeit und Zivilisation geworden sei, erklärte die Note, die den Mittelmächten durch Vermittlung der Vereinigten Staaten überreichte Antwort auf deren Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 beantworte die von der amerikanischen Regierung gestellte Frage. Im übrigen seien die Kriegsziele der Alliierten wohlbekannt; sie seien mehrfach in Erklärungen der Oberhäupter der verschiedenen Regierungen dargelegt worden. »Diese Ziele werden in den Einzelheiten mit allen Kompensationen und gerechtfertigten Entschädigungen für den erlittenen Schaden erst in der Stunde der Verhandlungen auseinandergesetzt werden. Aber die zivilisierte Welt weiß, daß sie alles Notwendige einschließen und in erster Linie die Wiederherstellung Belgiens, Serbiens und Montenegros, die ihnen geschuldeten Entschädigungen, die Räumung der besetzten Gebiete von Frankreich, Rußland und Rumänien mit den gerechten Wiedergutmachungen, die Reorganisation Europas, Bürgschaft für einen dauerhaften Frieden, die Zurückgabe der Provinzen und Gebiete, die früher den Alliierten durch Gewalt oder gegen den Willen der Bevölkerung entrissen worden sind, die Befreiung der Italiener, Slawen, Rumänen, Tschechen und Slowaken von der Fremdherrschaft, die Befreiung der Bevölkerungen, die der blutigen Tyrannei der Türken unterworfen sind, und die Entfernung des Osmanischen Reiches aus Europa, weil es zweifellos der westlichen Zivilisation fremd ist.« Die Note fügte hinzu, es sei selbstverständlich niemals die Absicht der alliierten Regierungen gewesen, die »Vernichtung der deutschen Völker und ihr politisches Verschwinden« anzustreben; sie wollten nur die Sicherung des Friedens auf der Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und der unverletzlichen Treue, welche die Regierung der Vereinigten Staaten stets beseelt habe.

Eine besondere Verschärfung erfuhr die Ablehnung irgendwelcher Friedensgespräche mit den Zentralmächten durch die Verwahrung gegen eine Gleichstellung mit diesen. »Mit Genugtuung,« so hieß es in der Note, »nehmen die Alliierten zur Kenntnis, daß die amerikanische Mitteilung in keinem Zusammenhang steht mit dem Schritt der Mittelmächte; sie zweifeln nicht an dem Entschluß der amerikanischen Regierung, selbst den blassen Anschein einer auch nur moralischen Unterstützung der verantwortlichen Urheber des Krieges zu vermeiden. Die Alliierten Regierungen halten es für ihre Pflicht, sich in der freundschaftlichsten aber klarsten Weise gegen eine Gleichstellung auszusprechen, welche auf öffentlichen Erklärungen der Mittelmächte beruht und in direktem Widerspruch zur offenkundigen Sachlage steht, sowohl bezüglich der Verantwortlichkeiten in der Vergangenheit wie betreffs der Bürgschaften für die Zukunft. Präsident Wilson hat durch ihre Erwähnung gewiß nicht beabsichtigt, sich ihnen anzuschließen.«

Schallender konnte die Friedenstür nicht zugeworfen werden. Wenn sich die Alliierten bei Herrn Wilson verbaten, von ihm mit den Mittelmächten auf gleichem Fuß behandelt zu werden, so war das eine in ihrer Schärfe kaum zu übertreffende Zurückweisung aller guten Dienste, die ein Dritter zur Herbeiführung einer Verständigung zwischen den beiden kriegführenden Gruppen überhaupt anbieten konnte.

Sachlich bedeuteten die von den Ententeregierungen kurz umrissenen Friedensbedingungen nichts anderes als die völlige Zertrümmerung der Türkei, die völlige Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie, die Verstümmelung und Erniedrigung Deutschlands. Die Alliierten hatten recht, wenn sie feststellten, daß es unmöglich sei, einen diesen Wünschen entsprechenden Frieden jetzt schon zu erzielen; denn nur von einem völlig niedergeworfenen Gegner konnten sie annehmen, daß er solche Bedingungen auch nur einen Augenblick zur Diskussion stellen lassen würde.

Der Fall lag also klar: Die Mittelmächte waren bereit, über einen Frieden zu sprechen, der ihr Verteidigungsziel erfüllte und Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker sicherte; die Entente lehnte eine Verhandlung auf dieser Grundlage mit der offenen Begründung ab, daß sie auf der Zertrümmerung, Verstümmelung und Erniedrigung der Mittelmächte bestehe, ein »Friedensziel«, für das auch nach ihrer Auffassung die Mittelmächte noch nicht reif waren.

Wie Herr Wilson sich zu dieser Antwort stellte, werden wir später sehen.

Der uneingeschränkte U-Bootkrieg

Die deutsche Note vom 4. Mai 1916 hatte den U-Bootkrieg auf den Kreuzerkrieg zurückgeführt und dadurch den Frieden mit Amerika erhalten. Damit war die äußerste Erschwerung vermieden worden für eine Zeit, die uns erst den gewaltigen Stoß der Russenoffensive in Wolhynien und Galizien und die erfolgreiche Erneuerung der italienischen Offensive am Isonzo, dann die an Einsatz und Dauer alles übertreffenden Angriffe der Franzosen und Engländer an der Somme und schließlich den rumänischen Überfall brachte.

Wir hatten uns Amerika gegenüber für die Führung des U-Bootkrieges freie Hand vorbehalten für den Fall, daß unsere Erwartung, es möchte der Regierung der Vereinigten Staaten gelingen, die Beobachtung der völkerrechtlichen Normen der Seekriegführung auch bei England durchzusetzen, sich nicht erfüllen sollte.

Die Erwartung erfüllte sich nicht. Von irgendwelchen ernstlichen Versuchen der amerikanischen Regierung, England und die übrigen Ententemächte zur Aufgabe ihrer völkerrechtswidrigen Handels- und Hungerblockade zu veranlassen, ist in der Folgezeit nichts bekannt geworden.

Die Propaganda zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges war unter dem Eindruck der unmittelbaren Gefahr des Bruches mit Amerika vorübergehend abgeflaut. Im Laufe des Sommers kam sie neu in Gang. Auch die Marine begann, die Frage des U-Bootkrieges wieder aufzunehmen, zumal da der gewaltige Einsatz von Material in der Sommeschlacht die Erwägung nahelegte, ob nicht unseren Feinden die Zuführung dieses Materials durch eine wirksamere Gestaltung des U-Bootkrieges einigermaßen verknappt werden könnte. Auch von dem Admiral von Capelle, der im Frühjahr noch mit aller Entschiedenheit die Meinung vertreten hatte, daß die auf den unbeschränkten U-Bootkrieg gesetzten Hoffnungen seiner Befürworter übertrieben seien und daß angesichts des zweifelhaften Erfolges die politischen Bedenken den Ausschlag geben müßten, hatte ich den Eindruck, daß er mehr und mehr auf den Standpunkt kam, wenn jetzt die Oberste Heeresleitung den unbeschränkten U-Bootkrieg zur Entlastung der schwer kämpfenden Westfront verlange, dann werde die Marine ihre Hilfe nicht verweigern können, auch wenn man diese Hilfe bescheiden veranschlage.

Inzwischen war der U-Boothandelskrieg um England herum gänzlich oder fast gänzlich eingestellt worden, während er im Mittelländischen Meer mit leidlichem Erfolg in den Formen des Kreuzerkrieges fortgesetzt wurde. Die Versenkungen gingen nach den Angaben des Admiralstabs von 225000 Tonnen im Monat April 1916 auf 101000 Tonnen im Juni 1916 zurück.

Gegen Ende August 1916 nahm der Chef des Admiralstabs die U-Bootfrage offiziell wieder auf. Er teilte dem Reichskanzler mit, daß er nach genauer Prüfung der Verhältnisse die Überzeugung gewonnen habe, daß jetzt der Zeitpunkt für die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkriegs gekommen sei, und beantragte eine alsbaldige Beratung der Angelegenheit.