Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg
Part 12
Dagegen hatte die Besetzung dieser Gebiete im Osten und Westen keine nennenswerte Erleichterung unserer Ernährungssituation zur Folge. Die dichte Bevölkerung Belgiens und Nordfrankreichs bedurfte selbst eines sehr erheblichen Zuschusses an Nahrungsmitteln; auch Polens Landwirtschaft hat im Frieden nicht ausgereicht, um die eigene Bevölkerung, die sich in den großen Industriezentren von Warschau, Lodz und Sosnowice stark zusammenballt, mit der erforderlichen Nahrung zu versehen. Litauen und Kurland vermochten bei der Rückständigkeit ihrer Landwirtschaft und ihrer dünnen, durch den Krieg noch weiter verminderten Bevölkerung das Bild nicht wesentlich zu ändern, obwohl unsere Militärverwaltung sich nach besten Kräften und mit Erfolg bemühte, die Produktion zu heben. Die Sorge um die Ernährung der Bevölkerung Belgiens und Nordfrankreichs ist uns in der Hauptsache durch die unter amerikanischer und spanischer Leitung arbeitende »Relief-Commission« abgenommen worden. Die Bedingung für die Versorgung dieser Gebiete mit amerikanischen Einfuhren war allerdings, daß wir uns verpflichteten, nicht nur die von der Kommission eingeführten Nahrungsmittel nicht für deutsche Zwecke zu beschlagnahmen, sondern auch die eigene landwirtschaftliche Erzeugung Belgiens für die belgische Bevölkerung vorzubehalten. Auf diese Weise sind wir zwar der schweren Wahl enthoben worden, entweder die dichte Bevölkerung der besetzten Gebiete durch Zuschüsse aus unseren eigenen knappen Beständen durchzuhalten, oder im Rücken unserer kämpfenden Truppen eine Bevölkerung von vielen Millionen allen Verzweiflungen des Hungers preiszugeben. Aber eine irgendwie nennenswerte Erleichterung gegenüber dem furchtbaren Druck der Hungerblockade haben uns die besetzten Gebiete nicht gebracht.
Auch unsere Bundesgenossen waren uns in diesem Punkte keine Hilfe.
Österreich-Ungarn hatte schon in den Jahren vor dem Kriege aufgehört, einen Überschuß an landwirtschaftlichen Produkten über den stark angewachsenen eigenen Bedarf hinaus zu erzeugen. Immerhin stand die Donaumonarchie in der Deckung ihres Nahrungsbedarfs durch die eigene Erzeugung wesentlich günstiger da als Deutschland. Trotzdem stellte sich bald heraus, daß Österreich-Ungarn gegenüber der durch die Sperrung der Nahrungsmittelzufuhr geschaffenen Lage nicht dieselbe Widerstandskraft aufzubringen vermochte wie Deutschland. Die eigene Produktion ging stärker zurück und wurde weniger scharf erfaßt, der eigene Verbrauch wurde laxer kontrolliert und eingeschränkt als bei uns. In Energie, Organisation und Disziplin vermochte unser Verbündeter mit uns auch auf dem Gebiet der Volksernährung so wenig Schritt zu halten, daß wir, trotz unserer an sich ungünstigeren eigenen Lage, uns sehr bald gezwungen sahen, den Österreichern gelegentlich auszuhelfen.
Eine ähnliche Erfahrung machten wir später, nach der Niederwerfung Serbiens, mit Bulgarien. Auch dieses Bauernland, das im Frieden stets einen Nahrungsüberschuß erzeugte, sah seine landwirtschaftliche Produktionskraft durch den Krieg in einer Weise gelähmt, daß es nicht nur nicht in der Lage war, uns auszuhelfen, sondern selbst in große Ernährungsschwierigkeiten geriet, die schließlich zu dem Zusammenbruch der bulgarischen Armee wesentlich beigetragen haben.
Auch die Türkei, die schon in Friedenszeiten infolge der Rückständigkeit ihrer eigenen Landwirtschaft einen Getreidezuschuß aus Rußland brauchte, konnte uns keine Hilfe sein.
Dagegen haben allerdings sowohl Bulgarien wie namentlich die Türkei uns mit andern wichtigen Artikeln beliefern können, so mit Ölen und Fetten, mit Tabak, mit Wolle, Baumwolle und Seide, mit Metallen. Freilich waren auch bei diesen Gütern die Mengen beschränkt, nicht nur wegen der an sich nicht sehr erheblichen Produktion, sondern vor allem wegen der geringen Leistungsfähigkeit der Verkehrsmittel. In Friedenszeiten haben jene Länder für ihre Ausfuhr und Einfuhr so gut wie ausschließlich den Seeweg benutzt. Jetzt mußte sich der Export der Türkei auf die eine eingleisige Eisenbahn von Konstantinopel über Sofia zusammendrängen, die zudem für militärische Zwecke fortgesetzt stark in Anspruch genommen war. Auch der Donauweg, der für den Verkehr mit Bulgarien und Rumänien in Betracht kam, war wenig leistungsfähig und mußte während des Krieges erheblich verbessert werden.
So waren wir für unsere Volksernährung im wesentlichen auf die eigene landwirtschaftliche Erzeugung und auf die Zufuhren gestellt, die wir im Kampf mit der britischen Hungerblockade doch noch aus den neutralen Ländern herausholen konnten.
Unsere Landwirtschaft selbst war durch den Krieg in eine schwere Lage gebracht. Die Entziehung der leistungsfähigsten Arbeitskräfte durch die Einberufungen zum Heer, die Verminderung des Pferdebestandes durch den militärischen Bedarf, die infolge der Verwendung der Stickstoffverbindungen zur Sprengstofffabrikation alsbald einsetzende Knappheit an Düngemitteln wurden in ihrer Wirkung noch gesteigert durch ungünstige Witterungsverhältnisse. So kam es, daß der Ernteertrag des Jahres 1917 an Roggen und Weizen sich nur auf 9,2 Millionen Tonnen stellte gegen 16-1/2 Millionen Tonnen in dem allerdings glänzenden Jahr 1913; daß in derselben Zeit die Gerstenernte von 3,6 auf 2,0 Millionen Tonnen, die Haferernte von 9,5 auf 3,6 Millionen Tonnen zurückging. Das Jahr 1916 brachte ein völliges Versagen der Kartoffelernte, die von 54 Millionen Tonnen in den Jahren 1913 und 1915 auf 25 Millionen Tonnen zusammenklappte. Die beiden folgenden Jahre ergaben 34,4 und 29,5 Millionen Tonnen.
Was die Viehzucht anbelangt, so hielt sich unser Bestand an Rindvieh bis in das Jahr 1917 hinein der Zahl nach ungefähr auf der Friedenshöhe. Aber die Knappheit an Futtermitteln, namentlich an Kraftfuttermitteln, führte zu einem starken Rückgang des Lebendgewichtes und vor allem der Milchergiebigkeit. Unser Bestand an Schweinen stellte sich am 1. Juni 1917 nur noch auf 12,8 Millionen Stück, gegen 25,7 Millionen am 1. Dezember 1913. Zu der Verminderung der Stückzahl kam auch hier eine starke Verminderung des Lebendgewichtes und damit der Fetterzeugung.
Diese wenigen Zahlen mögen genügen, um ein Bild davon zu geben, wie schwer und ernst es um die belagerte Festung stand und wieviel darauf ankam, den Druck der Handels- und Hungerblockade zu lockern und aus den neutralen Ländern alles, was immer erreichbar war an Nahrungsmitteln und Rohstoffen, hereinzuholen.
Der Wirtschaftskampf um die Neutralen
Die Mittel des Gegendruckes, die uns gegenüber dem Druck Englands auf die Neutralen zur Verfügung standen, waren bescheiden. Die Zeiten, in denen der Verkäufer im allgemeinen in der schlechteren Lage ist als der Käufer, in denen die Konkurrenz des Angebots meist größer ist als die Nachfrage, waren mit Kriegsausbruch vorbei. Von jetzt ab beherrschte der Warenhunger den internationalen Handel. Auch für die Neutralen war jetzt die erste Frage nicht mehr: »Was kann ich dir verkaufen?« sondern: »Was kannst du mir liefern?«
Der Welthandel ist in der Hauptsache Seehandel. Da unsere Feinde die See beherrschten, konnten sie den Neutralen nicht nur die Erzeugnisse ihres eigenen Landes und ihrer weltumfassenden überseeischen Besitzungen je nach Belieben liefern oder vorenthalten, sondern darüber hinaus hatten sie es in der Hand, die Erzeugnisse der ganzen überseeischen Welt den europäischen Neutralen zu sperren. Sie haben von dieser Möglichkeit ohne jede Rücksicht auf das Völkerrecht den brutalsten Gebrauch gemacht.
Uns stand demgegenüber nur unsere eigene, durch den Krieg ebensosehr beeinträchtigte wie in Anspruch genommene Erzeugung zu Gebote. Darunter wichtige Dinge, wie Kohlen, Eisen und Stahl, Teerfarben, Arzneimittel, Kali und ähnliches. Aber einmal konnten wir auch von diesen Dingen nur beschränkte Mengen abgeben; ferner waren Kohlen und Eisen immerhin der Konkurrenz von englischer und auch amerikanischer Seite ausgesetzt; schließlich ist der stärkste Druck immer noch der Hunger, den die Entente durch die Sperrung der Zufuhr an Nahrungs- und Futtermitteln in Wirkung setzen konnte. Es handelte sich darum, mit den wenigen Trümpfen, die wir in unserm Spiel hatten, das möglichste an Vorteilen herauszuholen.
Dazu war nötig die planmäßige Verfügung über unsere für die Ausfuhr verfügbaren Waren. Schon die unbedingte Sicherung des eigenen Bedarfs für Kriegs- und Wirtschaftszwecke hatte bald einzelne Ausfuhrverbote erforderlich gemacht. Die Notwendigkeit, unsere Ausfuhr als Mittel im Wirtschaftskampf um die Neutralen zu verwerten, machte es vollends unmöglich, die Ausfuhr und die Ausfuhrbedingungen in dem Belieben des einzelnen Produzenten oder Händlers zu belassen.
Nicht minder wurde eine Regelung der Einfuhr notwendig.
Wir konnten einmal die ohnedies gewaltigen Schwierigkeiten der Heranziehung ausländischer Zufuhren nicht dadurch ins Ungemessene steigen lassen, daß deutsche Aufkäufer auf den überlaufenen neutralen Märkten sich gegenseitig eine schrankenlose Konkurrenz machten, die Preise unvernünftig in die Höhe boten und die sonstigen Gegenforderungen des Auslandes maßlos erhöhten.
Wir mußten ferner mit unserer beschränkten Kaufkraft für ausländische Waren haushalten und die für uns beschaffbaren Beträge an fremder Valuta für den Ankauf der am dringlichsten benötigten Waren verwenden.
Schließlich ließ die Tatsache, daß die Einfuhr wichtiger Waren nur in bestimmten Mengen und nur gegen Zugeständnisse unsererseits auf dem Gebiete der Ausfuhr zu erreichen war, gar keine andere Wahl als eine planmäßige Regelung auch der Einfuhr.
Das sind die zwingenden Gründe, aus denen die vielgescholtene Reglementierung und Zentralisation unserer Aus- und Einfuhr entstand.
Diese zwingenden Gründe wurden, wie die ganze Tragweite des Wirtschaftskrieges, nicht von Anfang an voll erkannt. Aber immerhin zeigten weite und wichtige Kreise unseres Wirtschaftslebens schon in den ersten Tagen und Wochen des Krieges ein richtiges Gefühl für die Notwendigkeit einheitlichen Vorgehens beim Einkauf im neutralen Ausland. Die damals schon aus der Initiative unserer industriellen und kommerziellen Kreise geschaffenen Organisationen sind später ausgebaut und mit anderen, vielfach nach ihrem Vorbild geschaffenen Einrichtungen in den Dienst der Kriegshandelspolitik gestellt worden. Vielfach aber fehlte das Verständnis für die Notwendigkeit einer einheitlichen und planmäßigen Leitung unserer Einkaufs- und Verkaufsgeschäfte mit den Neutralen in einem geradezu erstaunlichen Maße. Es blieb dann nichts übrig, als mit den Machtmitteln, die der Reichstag dem Bundesrat übertragen hatte, auch gegen den Willen der unmittelbar beteiligten Kreise durchzugreifen.
Schon als Schatzsekretär hatte ich in wichtigen und bezeichnenden Fällen Veranlassung, mich mit diesen Fragen zu befassen.
Die Einkäufe für den Bedarf des Feldheeres auf den neutralen Märkten, die damals noch einen verhältnismäßigen Überfluß an Fleisch, Fett, Butter und Käse hatten, erforderten sehr hohe und fortgesetzt steigende Summen. Die Ursache war, daß die mit dem Einkauf beauftragten militärischen Stellen auf diesen Märkten nicht nur mit dem Ausland, sondern auch mit deutschen Einkäufern der verschiedensten Art, mit Händlern, industriellen Werken, Kommunen, Einkaufsgesellschaften usw., ebenso mit Einkäufern für den österreichischen Heeres- und Zivilbedarf zu konkurrieren hatten. Man trieb sich gegenseitig die Preise hoch mit der Wirkung, daß die Verkäufer, je mehr die Preise stiegen, desto mehr auf weitere Preissteigerungen spekulierten und die Ware zurückhielten. Sehr schlimm lagen die Verhältnisse auf dem dänischen Buttermarkt. Ich setzte im Herbst 1915 die Zentralisation des Einkaufs unter Einbeziehung Österreich-Ungarns durch mit dem Erfolg, daß der Butterpreis, der bis auf 275 Kronen für 50 kg gestiegen war, in nicht allzu langer Zeit auf 152 Kronen zurückgebracht wurde und außerdem die Ankäufe für Deutschland und Österreich-Ungarn erheblich gesteigert werden konnten. Für das Reich wurden monatlich eine ganze Anzahl von Millionen gespart, und für die Bevölkerung wie für das Heer wurde die Butterversorgung verbessert.
Noch weit schlimmer lagen die Dinge auf dem rumänischen Getreidemarkte.
Nachdem die überseeische Zufuhr von Getreide und Futtermitteln für uns abgeschnitten und für die europäischen Neutralen auf ein Mindestmaß eingeschränkt worden war, blieb uns und unsern österreichisch-ungarischen Verbündeten als einziges Land, aus dem größere Mengen bezogen werden konnten, das damals noch neutrale Rumänien. Die Jahre 1914 und 1915 brachten in Rumänien reiche Ernten, für die infolge der Dardanellensperre ein anderer Absatz als an die Mittelmächte zunächst nicht in Frage kommen konnte. Außerdem war Rumänien dem Druck des britischen Wirtschaftskrieges entrückt. Rein wirtschaftlich waren also die Voraussetzungen für den Bezug von Getreide und Futtermitteln, namentlich Mais, aus Rumänien durchaus günstig. Politisch allerdings war die Haltung Rumäniens von Anfang an zweifelhaft, und die rumänische Regierung mit ihrem ganzen Beamtenapparat, ebenso die rumänische Landwirtschaft und der rumänische Handel waren geneigt, die Notlage der Mittelmächte nach Kräften auszunutzen. Wir erleichterten ihnen dieses Spiel. Noch viel mehr als auf den dänischen Buttermarkt stürzten sich der reelle und unreelle Handel, die Einkäufer der Militärverwaltung, wirtschaftlicher Unternehmungen, von Städten und Landwirtschaftskammern auf die rumänischen Vorräte. Die Rumänen verkauften zu immer höheren Preisen -- ich glaube für Mais wurden schließlich an die tausend Mark für die Tonne bezahlt, -- ließen sich bar bezahlen, legten aber dem Abtransport solche Schwierigkeiten in den Weg, vor allem indem sie die tatsächlich vorhandenen Transportschwierigkeiten ins maßlose übertrieben, daß so gut wie nichts aus Rumänien herauskam. Es lagerten schließlich in Rumänien etwa 700000 Tonnen Getreide im Ankaufswert von etwa 200 Millionen Mark, die von uns und unsern Verbündeten bezahlt waren, aber nicht abtransportiert werden konnten. Weitere große Mengen Getreide waren noch verfügbar, aber die Rumänen, die inzwischen ihrerseits den ganzen Getreideverkauf syndiziert hatten, verlangten unerschwingliche Preise und unerfüllbare Zahlungsbedingungen.
Auch hier konnte nur die Zentralisation des Einkaufs helfen, zugleich mit einer einheitlichen Disposition über die von uns für den Abtransport zur Verfügung zu stellenden Transportmittel.
Auf mein Betreiben wurde in schwierigen Verhandlungen die Zentralisation durchgesetzt und das Einkaufsgeschäft der Zentraleinkaufsgesellschaft, der später aus Unkenntnis und Unverstand so viel angefeindeten Z. E. G., übertragen. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schloß sich ihrerseits mit der österreichischen Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt und der ungarischen Kriegs-Produkten-Aktiengesellschaft zu einheitlichem Vorgehen zusammen.
Schon im September 1915, also noch vor Beginn des Feldzuges gegen Serbien, konnte mit dem Abtransport von Getreide begonnen werden.
Der rasche und glückliche Verlauf des serbischen Feldzuges hatte einmal die Wirkung, der Ententefreundschaft in Rumänien einen Dämpfer aufzusetzen; dann aber machte er den Donauweg für den Abtransport des rumänischen Getreides frei.
Es gelang nun der Zentraleinkaufsgesellschaft, im Dezember 1915 und im März 1916 mit der rumänischen Regierung Verträge abzuschließen, durch die den Mittelmächten rund 2,7 Millionen Tonnen Getreide zu erträglichen Preisen und Zahlungsbedingungen gesichert wurden. Die Verträge kamen zustande, obwohl die Ententeregierungen, vor allem die britische Regierung, mit allen Mitteln versuchten, den Abschluß zu vereiteln. Ein Versuch Englands, die rumänischen Getreidebestände durch Ankauf zu hohen Preisen und Einlagerung in Rumänien für die Mittelmächte zu sperren, kam zu spät und gelang nur in bescheidenen Grenzen.
Die großen Schwierigkeiten des Abtransportes wurden durch ein Zusammenwirken der Einkaufsgesellschaften mit dem Chef des deutschen Feldeisenbahnwesens und der österreichisch-ungarischen Zentraltransportleitung überwunden. Die Durchfahrt durch das Eiserne Tor wurde verbessert und zweckmäßig organisiert. Die ungarischen Bahnen, auf denen der weitere Abtransport sich zum großen Teile zu vollziehen hatte, wurden durch Verlängerung der Ausweichgleise usw. leistungsfähiger gemacht. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schuf sich in kurzer Zeit eine ansehnliche Donauflotte und sorgte für die nötigen Umschlags- und Umladeeinrichtungen.
Der Erfolg war, daß es gelang, bis zum Ausbruch des Krieges mit Rumänien das angekaufte Getreide abzutransportieren. Deutschland hat in dem kritischen Frühjahr und Sommer 1916 aus Rumänien Getreidezufuhren von mehreren hunderttausend Tonnen monatlich erhalten. --
War die Zentralisation der Einfuhr in den Händen weniger, nach kaufmännischen Grundsätzen arbeitender und nach einheitlichen Direktiven handelnder Organisationen eine unerläßliche Voraussetzung für ein erfolgreiches Vorgehen auf den neutralen Märkten, so genügte sie doch für sich allein keineswegs, um einen Erfolg zu sichern. Die planmäßige Tätigkeit unserer Einkaufsorgane mußte Hand in Hand gehen mit der planmäßigen Verfügung über unsere Ausfuhr, und da sich bald zeigte, daß unsere Ausfuhr in ihrem Geldwert weit zurückblieb hinter der Einfuhr, die wir benötigten und uns, eine Lösung der Bezahlungsfrage vorausgesetzt, beschaffen konnten, so kam als Drittes hinzu die Beschaffung der für die Bezahlung des Einfuhrüberschusses erforderlichen ausländischen Zahlungsmittel.
In der Ausnutzung unserer für die Neutralen willkommenen oder gar notwendigen Ausfuhrwaren für die Zwecke der Sicherung von Zufuhren an für uns notwendigen Rohstoffen und Lebensmitteln konnte nicht nach einer einheitlichen Schablone verfahren werden. Die Verhältnisse für ein Operieren mit unsern Ausfuhrwaren lägen in einem jeden der neutralen Länder anders. Der Grad ihrer Abhängigkeit von unserer Ausfuhr war ebenso verschieden wie der Grad ihrer Abhängigkeit von der Entente; und auch in den einzelnen neutralen Ländern erfuhr dieses Verhältnis während des Krieges fortgesetzt Verschiebungen.
In großen Zügen entwickelte sich unser Vorgehen so, daß in der ersten Zeit des Krieges vorwiegend einzelne Kompensationsgeschäfte mit unsern neutralen Nachbarn abgeschlossen wurden; d. h. wir machten einzelne wichtige Ausfuhrgeschäfte abhängig von bestimmten Gegenleistungen der Neutralen für unsere Versorgung. Unabhängig von diesen Warengeschäften, gelegentlich auch in Verbindung mit ihnen, wurde mit neutralen Geldinstituten über die Eröffnung von Krediten für die Bezahlung unseres Einfuhrüberschusses verhandelt. Es stellte sich nun bald heraus, daß der Weg des Einzelaustausches nicht immer vorteilhaft und nicht immer gangbar für uns war, vor allem aber, daß nur ein bescheidener Teil unseres Einfuhrbedarfs durch einzelne Kompensationsgeschäfte gedeckt werden konnte. Man kam deshalb allmählich zu umfassenderen Abmachungen mit den neutralen Staaten, in denen man sich gegenseitig eine Berücksichtigung der beiderseitigen Interessen bei der Handhabung von Ausfuhrgenehmigungen und Ausfuhrverboten zusicherte. Dabei handelte es sich für uns darum, durch ein weitherziges Entgegenkommen in unserer Ausfuhrpolitik den Widerstand der Neutralen gegen den Druck der Entente zu stärken, vor allem zu verhindern, daß die Neutralen sich dem Verlangen der Entente nach dem Erlaß von Ausfuhrverboten fügten, oder zu erreichen, daß bereits erlassene Ausfuhrverbote dauernd oder wenigstens für einen bestimmten Zeitraum wieder aufgehoben würden. Wenn auch diese Abmachungen insofern der Präzision des Einzelaustauschgeschäftes ermangelten, als Leistung und Gegenleistung nicht ziffernmäßig festgelegt war, so hatten wir doch eine wirksame Handhabe, um auf eine sinngemäße Ausführung zu dringen. Erfüllte ein neutraler Staat die Erwartungen nicht, auf Grund deren wir uns entgegenkommend gezeigt hatten, so waren wir in der Lage, unsere Ausfuhren nach diesem Staat entsprechend einzuschränken und damit einen Druck auszuüben. So hat die Schweiz im Spätsommer 1916 unter dem Druck Frankreichs und Englands die Ausfuhr aller Waren, die von der Entente zu Bannware deklariert worden waren, nach Deutschland eingestellt. Wir gingen, als alle unsere Vorstellungen daran scheiterten, daß die Entente die Schweiz unter dem stärksten Druck hielt, auch unsererseits mit dem stärksten Druck vor, indem wir eine Ausfuhrsperre für Kohle, Eisenwaren und andere für die Schweiz unentbehrlichen Güter in die Wege leiteten. Der Erfolg war, daß schließlich eine für uns erträgliche Einigung zustande kam.
Solche Erfahrungen führten zu einem weiteren Fortschritt in der Gestaltung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu unsern neutralen Anliegern. Die in ihrer Festsetzung von Leistung und Gegenleistung präzisen Einzelkompensationsgeschäfte waren nur beschränkt anwendbar und reichten nicht aus, um unsern Einfuhrbedarf zu decken; die umfassenderen Verständigungen über gegenseitige Berücksichtigung bei der Handhabung der Ausfuhrregelung waren nicht bestimmt genug, um für beide Teile Lieferung und Bezug auf eine wenigstens für einige Zeit gesicherte Grundlage zu stellen und plötzliche Störungen auszuschließen. Es handelte sich darum, die Vorteile beider Systeme zu verbinden und dabei, wenn irgend möglich, auch die immer schwieriger werdende Finanzierung unserer Bezüge sicherzustellen. Zu diesem Zweck schlug ich vor, den Versuch zu machen, mit unsern neutralen Nachbarn zu Abmachungen zu gelangen, die sich erstens auf einen bestimmten längeren Zeitraum erstreckten, zweitens für diesen Zeitraum bestimmte Leistungen und Gegenleistungen an den für jeden der beiden Teile wichtigsten Ausfuhrgütern vorsahen, drittens gleichzeitig den Überschuß unserer Einfuhr über die Ausfuhr durch bestimmte Kreditvereinbarungen deckten. Auf dieser Grundlage wurde in der Folgezeit mit der Schweiz, mit Holland, mit Dänemark und mit Schweden verhandelt und abgeschlossen.
Daß die immer straffer durchgeführte Reglementierung und Zentralisierung unsrer Einfuhr und Ausfuhr, zu der als notwendige Ergänzung noch die Regelung des Verkehrs in ausländischen Zahlungsmitteln (Devisenordnung) hinzutrat, die Interessen zahlreicher Einzelner und wichtiger Berufsstände schädigte, daß bei der Durchführung manche übertriebene Härte, manche überflüssige Umständlichkeit, mancher vermeidbare Fehler mit unterlief, darüber habe ich nie einen Zweifel gehabt. Insbesondere der Handel, dessen Vermittlertätigkeit kaum mehr ein Arbeitsfeld fand, wurde schwer getroffen. Die Organisationen zur Durchführung der nun einmal durch die Kriegsverhältnisse uns aufgezwungenen einheitlichen und planmäßigen Regelung unseres Außenhandels mußten gewissermaßen aus dem Nichts heraus geschaffen werden. Das notwendige Personal -- es waren bei der Zentraleinkaufsgesellschaft im Jahre 1916 weit über 4000 Angestellte -- mußte aus allen Richtungen der Windrose zusammengeholt, eingegliedert und eingearbeitet werden. Umsätze, die bald in die Hunderte von Millionen, ja in die Milliarden gingen, waren zu bewältigen -- kurz, das größte Warenhandelsgeschäft, das die Welt je gesehen hatte, war aufzubauen und hatte zu arbeiten unter Verhältnissen und nach Methoden, die ohne Vorbild waren. Und über den Köpfen, die das alles zu leisten hatten, schwang der Krieg seine Hetzpeitsche. Alles drängte. Oft kam es für wichtige Entscheidungen und Maßnahmen auf Stunden an. Da hieß es manchmal nach dem alten militärischen Grundsatz zu handeln: Besser ein falscher Entschluß als gar keiner!