Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

Part 1

Chapter 12,752 wordsPublic domain

Der Weltkrieg

von

Karl Helfferich

II. Band

Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

1919

Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin

=Alle Rechte=, insbesondere das Recht der Übersetzung, =vorbehalten=.

=Amerikanisches Copyright 1919 by Ullstein & Co, Berlin=

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Inhalt

Vorwort 9

Umfang und Art des Krieges 11-47

Vorbemerkung 13. Übermacht der Entente 14.

=Die militärische Gestaltung des Krieges= 15-22 Mobilmachung und erste Erfolge 15-17. Marneschlacht 18, 19. Die Befreiung Ostpreußens 20, 21. Österreich-ungarische Niederlagen 21. Keine Aussicht auf ein rasches Kriegsende 21.

=Der Krieg und die deutschen Finanzen= 22-34 Bestrebungen des Reichsbankpräsidenten Havenstein 22, 23. Glaube des Auslandes an unsere finanzielle Unterlegenheit 24, 25. Geldmarkt und Börse unter der Einwirkung des Kriegsausbruchs 26-33. Erste Kriegsanleihe 33, 34.

=Der Krieg und die deutsche Wirtschaft= 34-47 »Wirtschaftlicher Generalstab« fehlte 34-36. England geht gleich zum Wirtschaftskrieg über 37-40. Aussichten der Vergeltungspolitik 41. Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung 42-44. Ansichten über die Dauer des Krieges 44, 45. Entstehung der Kriegswirtschaft 45-47.

Die politische und militärische Entwicklung des Krieges bis zum Friedensangebot 49-108

Vorbemerkung 51

=Die Türkei als Bundesgenosse= 52-64 Natürlicher Zwang für die Türkei zum Anschluß 52-54. Dardanellensperre 55, 56. Notwendigkeit der Öffnung des Donauweges 57-60. Versuch der Forcierung der Dardanellen durch die Entente 61-64.

=Italien= 64-71 Neutralität Italiens 64-67. Bülow in Rom 67-71. Italiens Forderungen 68, 69. Italienische Kriegserklärung 69, 70.

=Von der italienischen Kriegserklärung bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg= 71-91 Masurenschlacht 71, 72. Durchbruchsversuche der Entente 72-74. Befreiung Galiziens und Eroberung Polens 74-76. Diplomatisches Ringen auf dem Balkan 77-80. »Lusitania« versenkt 81, 82. Durchstoß nach der Türkei oder Ausnutzung des galizischen Sieges? 82-91.

=Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumänischen Krieg= 91-108 Entente-Offensive im Westen 91-93. Eingreifen Bulgariens, Eroberung Serbiens, Besetzung Salonikis durch die Entente, Kapitulation Montenegros 93, 94. Verfehlter Angriff auf Verdun 95-97. Österreichischer Vorstoß gegen Asiago und Arsiero, Brussiloff-Offensive, Somme-Offensive 1916 97-99. Frage des einheitlichen Oberbefehls im Osten, Hindenburg Chef des Generalstabs des Feldheeres 99-103. Rumäniens Kriegserklärung 104-106. Niederwerfung Rumäniens 106-108.

Finanzielle Kriegführung 109-171

=Reichsschatzamt= 111-115 Übernahme des Reichsschatzamts 111-114. Falsche Sparsamkeit 114, 115.

=Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen= 115-131 Stickstofffrage 115-122. Reichsstickstoffwerke 122-124. Stickstoffhandelsmonopol 124-127. Kriegsrohstoff-Abteilung und Reichsschatzamt 127, 128. Handels-U-Boote 128-131.

=Kriegskosten und Sparsamkeit= 132-139 Entwicklung der Kriegsausgaben 132, 133. »Geld spielt keine Rolle« 134-136. Stabilität der Kriegsausgaben vom Frühjahr 1915 bis zum Herbst 1916. Legendenbildung über Geldverweigerung des Reichsschatzamtes 136-139.

=Die Kriegsanleihen= 139-153 Methoden zur Aufbringung der Mittel für die Kriegführung 139-142. Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht 145. Deutsche und englische Anleihepolitik 145-151. Ungeheure Steigerung der Kriegsausgaben vom Herbst 1916 an 152, 153.

=Kriegssteuern= 153-168 Kriegssteuern als Ergänzung der Anleihepolitik? Vergleich mit England 153-159. Kriegsgewinnsteuer, Verbrauchs- und Verkehrssteuern im Reichstage 160-168.

=Finanzielle Vorschüsse an unsere Verbündeten= 168-171

Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft 173-282

=Reichsamt des Innern= 175-183 Übernahme des Reichsamts des Innern 175-177. Geschäftsbereich des Reichsamts des Innern, Kriegsrohstoffabteilung, Kriegsernährungsamt 177-183.

=Deutschland als belagerte Festung= 184-201 Skagerrak, Kreuzerkrieg 184, 185. Londoner Deklaration, Ausdehnung des Bannwarenbegriffes 185-188. Die Nordsee von England zum Kriegsgebiet erklärt, Verhalten der Neutralen 188-191. Kontrolle des neutralen Handels 191-196. Rohstoffbezug aus den besetzten Gebieten 196-198. Ernährungsschwierigkeiten bei den Verbündeten 198-200. Ernteerträgnisse und Veränderungen des Viehbestandes in Deutschland 200, 201.

=Der Wirtschaftskampf um die Neutralen= 202-221 Deutscher Gegendruck auf die Neutralen 202, 203. Reglementierung und Zentralisation der Ausfuhr und Einfuhr 203, 204. Wirkungen des planlosen Einkaufs 205, 206. Zentral-Einkaufs-Gesellschaft 207-209. Planmäßige Verbindung von Ausfuhrgenehmigungen, Einfuhrgeschäften und Kreditabmachungen 210-215. Günstige Gestaltung unserer Einfuhr 215-221.

=Die innere Kriegswirtschaft= 221-249

=Die Technik im Dienste der Kriegswirtschaft= 222-227 Steigerung der wirtschaftlichen Kräfte 222, 223. Ersatzstoffe, neue Erfindungen 224-227.

=Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der Arbeitskräfte= 227-232 Umstellung der Produktion 227, 228. Umgruppierung der Arbeiterschaft 228-231.

=Verbrauchsregelung und Volksernährung= 232-240 Höchstpreise, Rationierung, Beschlagnahme, Bewirtschaftung 232-234. Kriegsgetreidegesellschaft 235-237. Reglementierung und Syndizierung des Handels, Kriegswirtschaftliche Reichsstellen 238. Übertreibung der Zwangswirtschaft 239, 240.

=Bewirtschaftung der Rohstoffe= 240-249 Beschlagnahme und Bewirtschaftung 240, 241. Kriegsrohstoff-Gesellschaften 241-243. Rationelle Ausnutzung der Höchstleistungsbetriebe, Zeitungsgewerbe 243-249.

=Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm= 249-282 Munitionskrisis 249-254. Hindenburg-Programm, Hilfsdienstgesetz 254-259. Kriegsamt und Durchführung des Hilfsdienstgesetzes 259-272. Abkehrschein 273, 274. Lohntreiberei 275, 276. Kritik des Hindenburg-Programms und des Hilfsdienstgesetzes 276-278. Transport- und Kohlenkrisis 278-281. Finanzielle Überspannung 281. Überschätzung der deutschen Volks- und Wirtschaftskraft 282.

Friedensbemühungen und U-Bootkrieg 283-430 Kriegführung und Diplomatie als Mittel der Politik 285-288.

=Die Friedensfrage= 288-299 Langsame Gewöhnung an den Gedanken des Erschöpfungskrieges 288-290. Bethmann Hollwegs Kriegsziele 290-292. Deutschlands Friedensbereitschaft, Vernichtungswille der Entente 292-294. Bemerkungen zur Politik des Kanzlers 294-299.

=Die erste Phase des U-Bootkriegs= 300-325 Tirpitz über die Möglichkeit eines U-Bootkrieges 300. Bekanntmachung des U-Boot-Handelskrieges 301, 302. Der Kaiser über die Kriegführung 303. Schonung der neutralen Schiffe 304. Englands Abhängigkeit vom Schiffsverkehr 304-306. Proteste der Neutralen 306, 307. Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 307-314. Versenkung der »Lusitania« 314-317. »Freiheit der Meere« 318-323. »Arabic« versenkt 323-325.

=Der verschärfte U-Bootkrieg= 325-338 Lansings Vorschlag über die U-Boot-Kriegführung an die Entente-Vertreter 325-328. Wiederaufnahme der »Lusitania«-Angelegenheit 328, 329. Stellung der militärischen Führung und des Kanzlers zum uneingeschränkten U-Bootkrieg 329, 330. Verschärfter U-Bootkrieg 330, 331. Haltung Amerikas 332-335. Forderung des uneingeschränkten U-Bootkrieges, Denkschrift des Admiralstabes 335, 336. Tirpitz' Rücktritt 337. Reichstag und U-Bootkrieg 337, 338.

=Der »Sussex«-Fall= 338-349

Note Wilsons 339-342. Amerika oder Verdun? 343. Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 344-347. Einstellung des verschärften U-Bootkriegs 347-349.

=Die Bemühungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen Friedensschritt= 349-355 Ineinandergreifen der U-Boot- und Friedensfrage 349, 350. Bemühungen bei Wilson 351-353. Gerards Reise nach Amerika, Wilsons Zurückhaltung 353-355.

=Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt= 355-379 Presserede Greys 355, 356. Günstige militärische Position für einen Friedensschritt 356-358. Antwort an Grey 359, 360. Deutscher Friedensvorschlag an die kriegführenden Staaten 360-369. Friedensnote Wilsons an alle Mächte 369-372. Zustimmende Antworten Deutschlands und seiner Verbündeten, schroff ablehnende Antworten der Alliierten 372-379.

=Der uneingeschränkte U-Bootkrieg= 379-430 Keine amerikanische Bemühung zur Aufhebung der Blockade 379-381. Wiederaufnahme der U-Bootfrage 381-383. Verhandlungen im Hauptausschuß über den U-Bootkrieg, meine Stellungnahme gegen den U-Bootkrieg 383-390. Zentrumserklärung und ihre Wirkung auf die Stellung des Kanzlers zu den militärischen Instanzen 390-394. Gutes Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs vom Oktober 1916 an 395. Admiralstab und Oberste Heeresleitung verlangen den uneingeschränkten U-Bootkrieg 395-399. Festmahl der amerikanischen Handelskammer 399-403. Neue Denkschrift des Admiralstabes 403-408. Entscheidung für den uneingeschränkten U-Bootkrieg, Vorgänge in Pleß 408-412. Meine persönliche Entschließung 412, 413. Wilsons Botschaft an den Senat 414-417. Wilson ersucht um Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 417-419. Überreichung der deutschen U-Boot-Note, Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 419-421. Die Auffassung Bernstorffs 421-428. Urteil über Wilson als Friedensstifter 428-430.

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Vorwort

Das ungeheure Geschehen des Weltkrieges gliedert sich dem rückwärtsschauenden Blick deutlich in zwei große Abschnitte.

Der erste fand seinen Abschluß mit dem Verbluten der fast fünfmonatigen Offensive unserer Feinde auf den Schlachtfeldern der Somme, mit der Niederwerfung Rumäniens und mit dem Scheitern des Friedensvorschlages der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916 wie des Friedensschrittes des Präsidenten Wilson vom 21. desselben Monats.

Die im Januar 1917 beschlossene Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges leitete hinüber zu dem zweiten Hauptabschnitt, der durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in die Reihe der Kriegführenden sein Gepräge erhielt.

Der Darstellung des ersten dieser beiden großen Abschnitte des Krieges gilt der vorliegende Band (Band II des Gesamtwerkes).

Der letzte Band, enthaltend die Darstellung des Krieges bis zum Ausbruch der Revolution und zum Abschluß des Waffenstillstandes befindet sich bereits im Druck und wird in Bälde ausgegeben werden.

Berlin, im Juni 1919 =Karl Helfferich=

Umfang und Art des Krieges

Ein ungeheures Schicksal war über das deutsche Volk hereingebrochen. Allein mit unseren österreichisch-ungarischen Verbündeten fanden wir uns gegenüber der russisch-französisch-englischen Koalition, die von vornherein durch Belgien, Serbien und Montenegro verstärkt war und der sich noch im Laufe des August auch Japan zugesellen sollte. Unser italienischer Dreibundgenosse dagegen lehnte es ab, den Bündnisfall als gegeben anzusehen, und erließ eine Neutralitätserklärung, die den französischen Ministerpräsidenten zu Worten hoher Freude und die französische Kammer zu einer stürmischen Ovation für die »lateinische Schwester« veranlaßte. Auch Rumänien, das seit vielen Jahren durch eine geheime Militärkonvention mit uns verbunden war, hielt sich abseits; König Carol war nicht stark genug, gegen seine widerstrebenden Minister und die ententefreundliche öffentliche Meinung die Erfüllung der von ihm übernommenen Verpflichtungen durchzusetzen.

Die Übermacht der Feinde war erdrückend. Allein Rußland und Frankreich vermochten eine Truppenmacht ins Feld zu stellen, die der vereinigten deutschen und österreichisch-ungarischen erheblich überlegen war. Allein die britische Flotte war eine gewaltige Übermacht gegenüber den vereinigten Flotten Deutschlands und seines Bundesgenossen. Nicht minder war finanziell und wirtschaftlich das ungeheure Übergewicht auf der andern Seite, und schon die ersten Tage des Krieges zeigten, daß unsere Feinde, namentlich England, entschlossen waren, dieses Übergewicht bis zum äußersten auszunutzen.

Auch das stärkste Herz mußte sich von der Sorge bedrückt fühlen, wie das deutsche Volk sich der furchtbaren Übermacht sollte erwehren können. Es brauchte der ganzen Kraft, die nur das Bewußtsein der guten Sache verleiht, um die bangen Zweifel zu verscheuchen und die mutige Zuversicht zu schaffen, mit der das deutsche Volk in den Kampf um sein Dasein und seine Zukunft ging.

Die Straßen hallten wider von dem festen Tritte der Jungmannschaften und der Landwehrmänner, die, blumengeschmückt und vaterländische Lieder singend, ausmarschierten. Die Hoffnungen und die heißen Wünsche des ganzen deutschen Volkes begleiteten sie. Der Abschiedsschmerz und die Sorge um das Wiedersehen gingen unter in der Hingabe an das bedrohte Vaterland. Alles schien klein geworden, was bisher das Leben ausgefüllt hatte; es gab nur noch eines: die Verteidigung des deutschen Bodens und der deutschen Volksgemeinschaft. In diesem Gedanken fand sich ganz Deutschland in erhebender Einheit zusammen, alle Stämme, alle Klassen, alle Parteien. Und diese Einheit, aus der höchsten Not des Vaterlandes geboren, erschien als Gewähr des Sieges.

Die militärische Gestaltung des Krieges

Die Mobilmachung und der Aufmarsch unserer Truppen vollzogen sich mit der größten Ordnung und Präzision. Der Kriegsminister hat mir gegen Abschluß der Mobilisationsperiode erzählt, daß nicht eine einzige Rückfrage der Generalkommandos bei der Zentralinstanz erforderlich gewesen sei. Am 16. August, nach Vollendung des Aufmarsches, begab sich der Kaiser mit dem Großen Hauptquartier in aller Stille von Berlin nach Coblenz.

Inzwischen harrte das deutsche Volk mit atemloser Spannung der ersten Nachrichten von den Kriegsschauplätzen.

Mit besonderer Sorge blickte mancher nach der Nordsee in der Erwartung, daß die dort versammelte britische Flotte, das gewaltigste Geschwader, das je die Welt gesehen hatte, ohne Zögern zu dem so oft angekündigten Vernichtungsschlage gegen unsere junge Marine ausholen werde. Aber der erwartete Angriff erfolgte nicht. Die britischen Kriegsschiffe begnügten sich mit der Jagd auf wehrlose deutsche Handelsschiffe und dem Anhalten neutraler Fahrzeuge, von denen sie im Widerspruch zu allem Völkerrecht deutsche Passagiere und deutsches Gut herunterholten. Dagegen lösten einige kühne Taten unserer Marine großen Jubel aus, so gleich in den ersten Tagen des Krieges der Durchbruch der »Göben« und der »Breslau« durch ein starkes feindliches Geschwader bei Sizilien und ihr Einlaufen in die Dardanellen, vor allem aber die Versenkung der drei englischen Kreuzer durch das U-Boot des Kapitänleutnants Weddigen.

Von den Kriegsschauplätzen zu Lande kam die erste wichtige Nachricht am Morgen des 7. August: ein von einer kleinen Truppe unternommener Handstreich auf Lüttich sei nicht geglückt. Um so freudiger wurde am Abend desselben Tages die Nachricht aufgenommen, daß die Festung Lüttich in unseren Händen sei. Das war der erste große Erfolg. Er war zu verdanken dem vor nichts zurückschreckenden Draufgängertum des damaligen Generalmajors Ludendorff und der alle bisherigen Begriffe übersteigenden Wirkung unserer 42-cm-Geschütze, die mit ihren Geschossen auf große Entfernungen die stärksten Panzertürme wie irdene Töpfe zerschlugen.

Nun war die erste Bresche gelegt. Es folgte der unaufhaltsame Vormarsch unserer Truppen durch Belgien, die Besetzung von Brüssel, die Einnahme von Namur und die Schlachten bei Mons, Charleroi, Dinant, Neufchâteau und Longwy, in denen unsere Armeen sich den Weg nach Frankreich bahnten; dann die wuchtigen Schläge, die das britische Hilfskorps in viertägiger Schlacht von le Cateau und Landrecies über Cambrai und St. Quentin warf und großenteils vernichtete. Inzwischen hatte die Armee des bayrischen Kronprinzen die in das deutsche Lothringen eingedrungenen Franzosen zwischen Metz und den Vogesen gefaßt und in einer großen Schlacht geschlagen. Kleinere Mißerfolge, wie die Schlacht von Mülhausen, in der die geplante Abschnürung der französischen Truppen nicht gelang, taten dem erfreulichen Gesamtbilde keinen Eintrag. Unaufhaltsam schienen sich die gewaltigen deutschen Heeresmassen vorwärts zu wälzen und jeden Widerstand vor sich zu zerbrechen. Am 4. September konnte der Kaiser in Luxemburg, wohin inzwischen das Große Hauptquartier verlegt worden war, zu mir sagen: »Wir haben heute den fünfunddreißigsten Mobilmachungstag. Reims ist von unsern Truppen besetzt, die französische Regierung hat ihren Sitz nach Bordeaux verlegt, unsere Kavalleriespitzen stehen 50 Kilometer vor Paris!«

Freilich, als ich am Abend desselben Tages, vor meiner Rückreise in die Heimat, den Chef des Generalstabs des Feldheeres besuchte, erhielt das glänzende Bild, das ich mir aus den Berichten über die Siege und den Vormarsch unserer Truppen gemacht hatte, einen ernsten Schatten. Ich fand den Generalobersten von Moltke keineswegs in froher Siegesstimmung, sondern ernst und bedrückt. Er bestätigte mir, daß unsere Vortruppen 50 Kilometer vor Paris standen; »aber« -- fügte er hinzu -- »wir haben in der Armee kaum mehr ein Pferd, das noch eine andere Gangart als Schritt gehen kann.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Wir wollen uns nichts vormachen. Wir haben Erfolge gehabt, aber wir haben noch nicht gesiegt. Sieg heißt Vernichtung der Widerstandskraft des Feindes. Wenn sich Millionenheere gegenüberstehen, dann hat der Sieger Gefangene. Wo sind unsere Gefangenen? Einige zwanzigtausend in der Lothringer Schlacht, da noch zehntausend und dort vielleicht noch zwanzigtausend. Auch die verhältnismäßig geringe Zahl der erbeuteten Geschütze zeigt mir, daß die Franzosen sich planmäßig und in Ordnung zurückgezogen haben. Das Schwerste steht uns noch bevor!«

Die folgenden Tage brachten die große französische Gegenbewegung, die man sich gewöhnt hat, als die »Marneschlacht« zu bezeichnen. Trotz taktischer Erfolge unseres schwer angegriffenen rechten Flügels endigten die Kämpfe mit einem strategischen Rückzuge. Unsere Generalstabsberichte zeigten in den kritischen Tagen eine Zurückhaltung, die unserm Volk den Ernst der Lage nicht zum Bewußtsein kommen ließ. Die damals bei uns noch nicht veröffentlichten französischen und englischen Heeresberichte der zweiten Septemberwoche strömten über von Siegesjubel. Namentlich die französischen Berichte ließen unsere Armeen in voller Auflösung und in unaufhaltsamer Flucht erscheinen. Auch die privaten Nachrichten, die von der Front ihren Weg nach der Heimat fanden, lauteten nicht ermutigend. Es waren für den Wissenden sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte.

Allmählich klärte sich die Lage. Unsere Armeen hatten eine stark befestigte Verteidigungsstellung zwischen Noyon, nördlich Reims und Verdun bezogen, an der sich der französische Gegenstoß endgültig brach. Französisch-englische Versuche, uns durch Überflügelung in der rechten Flanke zu fassen, wurden abgewiesen, wiederholten sich aber immer wieder, und zwar fortschreitend in nördlicher Richtung. Alle Versuche des Feindes, durchzubrechen und unsere rückwärtigen Verbindungen zu bedrohen, wurden in heftigen Kämpfen, so bei Bapaume und Albert, abgewiesen.

Mit der Einnahme von Antwerpen am 9. Oktober und der bald darauf folgenden Besetzung von Ostende war für unsern rechten Flügel eine starke Anlehnung an die Nordsee gewonnen. Aber unserem Versuche, mit dem Einsatz unserer besten Kraft an der Yser und bei Ypern die feindliche Front zu zerbrechen, die Heere der Verbündeten vom Meere abzudrängen und sie endgültig zu überflügeln, blieb, trotz des beispiellosen Heldenmutes unserer Freiwilligen-Regimenter und aller unsagbaren Opfer, der Erfolg versagt. Nachdem der Feind zur Unterstützung seiner erlahmenden Widerstandskraft das Meer ins Land hereingelassen und den größten Teil des Kampfgeländes in Sumpf und See verwandelt hatte, flaute im November nach einer letzten gigantischen Anstrengung bei Ypern das furchtbare Ringen ab. Auch hier erstarrte der Kampf zum Stellungskrieg. Ebenso blieben unsere Versuche, auf unserm linken Flügel die Sperrfortkette Verdun-Toul zu sprengen, trotz einzelner Erfolge im ganzen fruchtlos. Der Feldzug auf dem westlichen Kriegsschauplatze war im November auf der ganzen Linie zum Stehen gekommen. Die Hoffnungen auf eine schnelle Entscheidung und ein baldiges Ende des Krieges mußten begraben werden.

Auch im Osten war inzwischen schwer gekämpft worden. Gleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten hatte es sich gezeigt, wie weit die russische Mobilmachung an unsern Grenzen bereits vorgeschritten war. Unsere in Ostpreußen stehenden schwachen Kräfte wurden alsbald von einer großen Armee angegriffen und mußten, trotz heldenhafter Gegenwehr, wertvolle Teile der Provinz dem Feinde preisgeben. Sengend und brennend, plündernd und mordend ergossen sich die russischen Horden über das blühende Land. Das über Erwarten rasche Vordringen des Feindes, die verzweifelten Hilferufe der Einwohner und die Entrüstung über die russische Barbarei bestimmten unsere Oberste Heeresleitung, früher als ursprünglich geplant eine Gegenaktion in die Wege zu leiten. Der General von Hindenburg, der kurz vor dem Kriege seinen Abschied genommen hatte, wurde zum Führer der neuzubildenden Ostarmee ausersehen, der Generalmajor Ludendorff wurde zu seinem Stabschef ernannt. Dem Genie der beiden sich gegenseitig auf das Glücklichste ergänzenden Feldherren gelang es, in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen die gewaltige russische Übermacht vernichtend zu schlagen und unsere Ostmark vom Feinde zu befreien. Der Jubel in ganz Deutschland war grenzenlos. Die Namen Hindenburg und Ludendorff waren in aller Munde; ihre mit einem Schlage gewonnene Volkstümlichkeit ist während des ganzen Krieges von keinem andern Feldherrn oder Staatsmann auch nur annähernd erreicht worden.