Der Weg nach Heilisoe

Part 8

Chapter 83,679 wordsPublic domain

Er las: »Treffe mit dem Schwedenzug heute nachmittag auf dem Stadtbahnhof ein. Verspätung infolge des Eisganges wahrscheinlich. Unterbreche die Fahrt dort auf kurze Zeit, um mit Ihnen Rücksprache wegen der von Ihnen gewünschten Geschäftsverbindung zu nehmen. Da ich wenig Zeit habe, ersuche um Bereitstellung alles Nötigen. Bitte, Aufsehen zu vermeiden. Usadel.«

Malte las aufs neue und ein drittes Mal.

Er setzte sich im Pelz an seinen Schreibtisch, ein tiefes Aufatmen hob seine Brust. War es die Entlastung von einer Sorge? Gewiß. Aber auch das Auflehnen gegen eine neue beängstigende Spannung. Usadel kam. Die Entscheidung war ganz nahe gerückt.

Die Entscheidung! Er fühlte sich plötzlich hilflos, entleert, aufgesogen. Wie ärgerlich, daß Häberle nicht da war! Malte vergaß ganz, wie oft ihn die besorgliche Vorsicht seines Prokuristen verdrossen hatte. Jetzt empfand er den leeren Platz draußen als einen Mangel. Die ruhige Sicherheit, die von dem Manne ausging, fehlte ihm.

Was bedeutete das: Bereitstellung alles Nötigen? Wollte Usadel Einblick in die Bücher nehmen? Natürlich, er mußte sicher gehen.

Malte trat an die Tür: »Herr Braun, bitte!«

Der älteste Buchhalter trat ein.

»Die Geschäftsbücher mit einem vorläufigen Abschluß müssen bis vier Uhr vorliegen. Dringende Angelegenheit.«

»Es soll geschafft werden.«

»Gut! Haben Sie alles zur Hand?«

»Gewiß, Herr Konsul. Wo sollen die Bücher ausliegen?«

Malte überlegte. Sein erster Gedanke war: hier! Es schmeichelte ihm, den Beherrscher des Geldwesens durch die neuen Räume und den eindrucksvollen Betrieb zu führen. Doch sie waren hier nicht vor Störung sicher. Aufsehen vermeiden! Der Treßhof erzwang schon wegen seines Alters Ehrfurcht.

»Im Beratungzimmer des Treßhofes«, bestimmte er.

Das Telegramm in der Hand haltend, stieg Malte in die Wohnräume hinauf. Frauke saß am Schreibtisch und schrieb in ihrer spitzen Perlschrift einen Brief. Er legte das Blatt vor sie hin.

»Entschuldige Frauke! Ich denke, es wird dich freuen.«

Sie las und sah dann ruhig auf. »So, Usadel! Nun, ich wünsche dir Glück!«

Der Panzer ihrer kühlen Gelassenheit war doch undurchdringlich. Malte schritt im Zimmer auf und nieder. »Es handelt sich um den Beitritt, Frauke. Ich muß mich entscheiden. Was rätst du, das ich tun soll?«

Sie legte die Feder nieder und wandte sich ihm zu. In ihrem Blick war Erstaunen, das ihn beschämte: Soll ich sagen, was deine Sache ist? »Das mußt du selbst wissen, Malte. Oder frage Onkel Rolf.«

»Gewiß«, murmelte er. »Du solltest nur sehen, daß ich Wert darauf lege, deine Meinung zu hören.«

Ob man einen Imbiß vorsetze? Frauke stimmte zu, sie werde dafür Sorge tragen. Und der Wagen? Natürlich, der Kraftwagen stand bereit.

Malte verließ das Haus ein wenig bekümmert. Etwas in seinem Innern lag brach, ein umhegter Fleck inmitten bestellter Felder, der ohne Blühen war, der immer den Anblick winterlicher Starre bot.

Auf der Straße grüßte man ihn ehrerbietig, der Aldermann Hofmeister redete ihn zutraulich an. Die Achtung, die man ihm erwies, belebte sein Selbstbewußtsein wieder. Wenn sie wüßten, welche Pläne er auszuspinnen im Begriff war! Die Alten würden Augen machen.

Onkel Rolf war noch auf dem Gericht. Malte fragte, ob jener sich ihm als Beisitzer zur Verfügung stellen wolle.

»Als Beisitzer, mein Lieber?«

Da der Name Usadel fiel, zeigte er ein erstauntes Gesicht.

»Der kommt hierher? Das ist unmöglich. Er schickt einen seiner Direktoren.«

Malte legte die Drahtnachricht vor.

»Hast du mit Klaus schon gesprochen?«

»Mit Klaus? Du siehst, die Sache ist vertraulich. Übrigens setzt dein Sohn seine Mittagszeit schon recht frühzeitig an.«

Rolf wurde bedenklich. Der Zeigefinger mit dem Siegelring rieb das Kinn. »Ja, eigentlich, da es eine rein geschäftliche Sache ist ... Wird denn ein Vertrag zu schließen sein?«

»Du begreifst, lieber Onkel, daß ich darüber nichts sagen kann. Ein Vertrag? Nein, es handelt sich zunächst um eine Rücksprache.«

Malte, der eine lebhafte Zustimmung erwartet hatte, wurde etwas ungeduldig. Schließlich war sein Vorschlag doch ein Vertrauensbeweis.

»Du magst es nicht gern tun, Onkel?« sagte er knapp.

»Offen gesagt: nein, Malte. Ich würde vielleicht als zudringlich empfunden werden. Man wünscht mit dir allein zu verhandeln.«

»Gut! Du kannst recht haben.«

Er verabschiedete sich, ohne Empfindlichkeit zu zeigen. Eigentlich war es ihm lieb, daß der Onkel sich ihm versagte. Nun er sich auf sich selbst gestellt sah, fand er seine alte Zuversicht wieder.

Also zum Treßhof, wo er Mellin und Telge die Herrichtung und Heizung des Beratungzimmers anempfahl. Dann nach Haus.

Nach dem Essen ging er wieder in sein Arbeitzimmer. Er wollte sich sammeln, alle Möglichkeiten erwägen, denn er sollte in entscheidender Stunde allein seinen Mann stellen. Malte wußte, wieviel vom ersten Eindruck abhing, zumal bei den Gewaltigen des Geldwesens.

Die Zeitungen! Sie konnten warten. Aber da war eine mit Rotstift aufdringlich bezeichnete Stelle. Er las und erschrak.

Es war ein aufreizender Artikel gegen das Treiben der Treuhandgesellschaften, den Harro geschrieben. Andeutungen, die auch den Uneingeweihten nicht in Zweifel ließen, wer gemeint sei, waren reichlich vorhanden. Die Absicht, den Vorstoß einer Partei damit anzukündigen, war offenbar.

Wie peinlich! Wenn Usadel dies gelesen, konnte es übel auslaufen, denn Maltes Zusammenhang mit dem Politiker Doktor Treß war ihm sicherlich bekannt. Man mußte Harro verständigen.

Auf eine Anfrage war vom Bahnhof mitgeteilt worden, der Schwedenzug habe eine halbe Stunde Verspätung. Als Malte eintraf, ward eben eine volle Stunde Versäumnis gemeldet. Malte betrat den Bahnsteig.

Der Wintertag ließ sich sanft in den weiten Mantel der kommenden Nacht hüllen. Den westlichen Himmel deckte eine brandige Glut, deren Widerschein der Schnee der Dächer auffing. Der Rauch der Schlote stieg kerzengerade in die flimmernde Luft.

Die Geräusche des Fahrtbetriebes klangen in das leise Summen unruhig schreitender Menschen vor den Schranken: der Pfiff einer Maschine, das Kreischen der Räder am Bremsklotz. Ein Personenzug fuhr ein und entleerte sich; Frauen mit Lastkörben schoben sich an Malte vorüber. Dann schleppte eine Maschine die leeren Wagen aus der Halle.

Endlich erging die Meldung, der erwartete Zug werde einlaufen. Die Post- und Gepäckkarren wurden vorgefahren, und Reisende strömten herzu; die ganze Unrast des Verkehrs, die durch das Warten gesteigert war, flutete um Malte. Dann schob sich mit glühenden Augen, unter stoßenden Atemzügen der rollende Zyklop herein, der die lange Kette vereister Wagen schleppte.

Malte hatte sich so aufgestellt, daß er die Aussteigenden überschauen konnte. Es waren nicht viele, die meisten fuhren weiter. Keiner von denen, die an ihm vorübereilten, konnte der Erwartete sein. Der Bahnsteig wurde leer. Sollte eine Versäumnis eingetreten sein? Lag auf seinem Schreibtisch zu Hause schon die Nachricht? Zögernd ging er am Zug entlang.

An dem Fenster eines hell erleuchteten Abteils zeigte sich ein kahler Kopf. Die Lippen bewegten sich mechanisch, nicht wie im Gespräch, sondern als sagten sie etwas her. Über die Platte des Klapptisches beugte sich schreibend oder lesend ein gekräuselter Mädchenkopf. In der Nähe stand auf dem Bahnsteig eine Gruppe schwatzender Menschen: vier oder fünf Männer und ein Mädchen, dessen Gesicht in dem umgelegten Pelz verschwand.

Aus dieser Gruppe löste sich ein Herr und trat, als Malte sich näherte, auf ihn zu: »Herr Konsul Treß vielleicht? Sie erwarten --«

Malte bejahte: »Herrn Usadel.«

Der Herr hob den Hut und nannte einen Namen. »Bitte, einen Augenblick Geduld. Herr Usa--del -- der Name betont sich auf der letzten Silbe -- diktiert noch.«

»Im Zug? Doch der wird sofort abfahren.«

»O, der Schaffner weiß Bescheid.«

Malte erfuhr, daß die Wartenden das Gefolge waren: ein Kanzlist, ein Geheimpolizist, ein paar Berichterstatter und die zweite Schreiberin.

»Dort kommt Herr Usadel schon!«

Dem Wagen entstieg jener Mann, den Malte am Fenster beobachtet hatte. Das also war der vielgenannte Große! Einfach gekleidet, ein wenig unbehilflich und scheu. »Freut mich, Herr Konsul. Ich habe warten lassen. Bedaure. Haben Sie einen Raum für eine einstündige Besprechung bereit?«

Die Worte kamen kurz, in etwas heiserem Ton. Er streckte ein paar Finger zur Begrüßung von sich. Der weitkrempige Hut verschattete das Gesicht. Er wandte sich zu seinen Leuten.

»Haben wir heut' noch Verbindung nach Berlin?«

Der Kanzlist meldete, daß nach dem Fahrplan keine Verbindung möglich sei.

»Also einen Extrazug, Herr Direktor!«

Er schickte sich an, zu gehen; Malte und der Herr, der sich ihm vorgestellt hatte, traten an seine Seite, die andern blieben zurück. Einen Extrazug! dachte Malte. Wenn er so viel draufgibt, was mag er dann fordern! Als sie auf die Straße traten, ließ Telge den Motor anlaufen, und sie stiegen ein.

Malte war ein wenig beunruhigt. Es war ihm peinlich, daß Usadel einen Zeugen bei sich hatte, während er den beiden allein gegenüberstand. Also galt es, aufs höchste gesammelt sein, jedes Wort zweimal wägen. Er fragte nach dem Ergehen seines Gastes, nach dem Befinden während der Reise. Doch Usadel schien ermüdet zu sein, er antwortete einsilbig, und Malte erfuhr nur, daß jener tatsächlich aus Amerika über Schweden komme. Als sie auf dem schmalen Damm zwischen den Teichen fuhren, lehnte sich Usadel vor und schaute einen Augenblick auf die dunklen Gestalten der Schlittschuhläufer, die sich noch auf dem Eis bewegten.

»Das sind die Teiche, denen die Stadt zu Wallensteins Zeit ihre Rettung dankt, Herr Usadel«, sagte Malte beflissen.

Er sah im Licht einer Laterne, wie sich Usadels Lippen ein wenig verzogen. War es Spott? Oder Verlegenheit?

»Der hat auch seinen Vorteil nicht verstanden«, sagte er. »Um diese Jahreszeit wär' es ihm besser geglückt.«

Gleich darauf wandte er sich an Malte: »Der Politiker Treß ist Ihr Bruder?«

Jetzt kommt es! dachte Malte, als er bejahte.

Aber Usadel nickte und sagte nur: »Sie haben den Artikel gelesen? Er kam just zur Zeit und hat das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte.«

Malte atmete erleichtert auf. Da glitt schon der Wagen in die Torfahrt des Treßhofes und hielt gleich darauf vor der Tür. Mellin stand bereit und öffnete den Schlag.

Was würde Usadel sagen, wenn er den alten Beratungraum betrat, diesen Raum mit den historischen Bildern, der geschnitzten Treppe, dem schönen Gestühl? Es schimmerte alles blank und vornehm. Usadel sagte nichts, er legte den Mantel und den Hut ab, rieb die Handflächen aneinander und sah sich nach einem Sitz um. Was für ein Mensch war das! Seine Gestalt gedrungen und doch nicht feist, seine Farbe von einem eigentümlichen blassen Gelb, seine Gebärden nicht auffallend und doch durchaus bestimmt. Die hohe Stirn, die in den kahlen Schädel hineinwuchs, gab ihm etwas Überragendes, die Augen waren nicht zu bestimmen; sie waren von den Lidern halb verdeckt. Er trug keinen besonderen Zug des Rassefremden. Das war der Mann, der wie ein Schweifstern, von dem keiner wußte, plötzlich aufgetaucht war und in seltsamem Licht über der Menschheit funkelte, von einigen gepriesen, von andern als böses Zeichen gedeutet.

»Die Herren sind erschöpft«, sagte Malte, auf den Tisch deutend, der seitwärts hergerichtet stand. »Darf ich einige Erfrischungen anbieten lassen?«

»Unsre Zeit ist sehr beschränkt, Herr Konsul.«

Es klang drängend. Des Begleiters Augen fuhren begehrlich über die Kristallflaschen, in denen dunkles und goldenes Rebenblut glänzte, aber er setzte sich an Usadels Seite. Malte nahm den beiden gegenüber Platz.

»Sie haben um Anschluß an uns nachgesucht«, begann Usadel. »Es ist nicht unsre Gepflogenheit, kleine Häuser in der Provinz heranzuziehen. Doch in diesem besonderen Fall wäre eine Vereinigung zu erwägen, wenn Sie auf unsre Bedingungen eingehen. Herr Direktor, entwickeln Sie unsern Plan.«

Der Angeredete begann zu sprechen. Jetzt erst betrachtete ihn Malte genau. Sein wulstiges, fahles Gesicht mit den winzigen Bartflecken auf der Oberlippe war das Muster für die Gesichter aller Geldmenschen, die von jagender Arbeit zerrissen sind und deren Unstete den Geist zerpflückt. Malte mußte an die Worte denken, die ihm der blühende Hans Olrogge jüngst über sein Aussehen verwundert zugerufen hatte. War der Mann dort sein Zukunftbild?

Er hatte nicht Zeit, darüber zu grübeln. Sammlung, Sammlung! Nach den ersten Worten begriff er, um was es sich handelte: man wollte den Getreidehandel eines weitreichenden norddeutschen Bezirks in die Hand bekommen; Mittelpunkte sollten geschaffen werden; hier sollte eins dieser Zentren, vielleicht das vornehmste, entstehen. Ob er Sicherheiten dafür biete.

Malte griff nach den Geschäftsbüchern, die ihm zur Hand lagen.

Der Direktor winkte etwas geringschätzig ab. »Darüber sind wir völlig unterrichtet. Sagen Sie uns, ob Sie es sich zutrauen.«

»Wir haben hierzulande viele Genossenschaften«, wandte Malte ein.

Wieder die geringschätzige Geste. »Die bekommen wir alle. Mut, Entschlossenheit, Herr Konsul! Zu haben ist jeder. Nie fragen: Ob?, sondern nur: Wieviel?«

Er machte die Gebärde des Geldzählens und lachte ein trockenes Lachen. Malte blickte auf Usadel. Der saß mit halbverdeckten Augen da und schien gänzlich unbeteiligt wie eine regunglose Amphibie im Sonnenschein. Und doch mußte er Obacht geben. Denn als Malte ihn ansah, verzog sich wieder seine Lippe, nicht zum Lächeln, sondern zu einer eigentümlichen Verzerrung.

»Sie haben sich unlängst neue Geschäftsräume eingerichtet,« fuhr der Dritte fort; »das wäre ja für die Vereinigung recht zweckmäßig.«

Das war ihnen auch bekannt? Malte erkannte, daß sie bis ins Kleinste vorbereitet kamen. Aber wie sollte er sich zu dem vorgelegten Plan stellen? Gewinnbringend war er, zu befürchten war nichts, wenn Usadel dahinterstand. Aber schließlich war mancherlei zu bedenken. Er bat um Bedenkzeit.

Plötzlich erwachte Usadel aus seiner Unbeteiligtheit: »Wie lange, Herr Treß? Zehn Minuten, fünfzehn? Ich habe meine Reise nur unterbrochen, um Ihre Entscheidung zu hören. Die Sache ist eilig.«

»Ich erkenne noch nicht klar meinen Vorteil,« sagte Malte etwas bedrückt.

»Das ist mir verständlich«, erwiderte Usadel. »Sprechen Sie weiter, Herr Direktor.«

»Ihr Geschäftsvermögen wird dadurch sichergestellt für die nächste Zeit, daß wir es in unsern Ring mit aufnehmen«, sagte dieser.

»Wäre es nicht ebenso sicher bei mir?«

»Keinesfalls. Geben Sie acht!« Er blickte sich um, ob kein Lauscher da sei. »Man will wieder geregelte Verhältnisse in der Welt schaffen. Deshalb müssen wir Deutschland von den ärgsten Schulden befreien. Man tut das, indem man Geld macht, ganze Wellen von Geld. Wie, fragen Sie? Man wird Papier machen, das nicht da ist, und Gold und Silber nehmen, das noch da ist.«

»Das ist gegen das Gesetz«, warf Malte ein.

Der Direktor zuckte mitleidig die Schulter: »Gesetze!« sagte er. Es klang, als bedaure er einen Verstorbenen.

»Das läßt sich doch niemand gefallen!«

»Meinen Sie! Die Revolution hat gelehrt, daß die Menschheit auf alles Neue geht wie der Fisch auf den Köder. Zahlen verblüffen. Sagen Sie jemandem, er verdiene das Dreifache, keiner fragt, ob Sie ihm Metall oder Papier geben.«

Malte fühlte eine seltsame Beklemmung auf seiner Brust. War das alles ernst gemeint oder ein wirres Spiel?

»Ich kann mir nicht denken --« murmelte er.

»Ja, die Luftzone, in die wir treten, ist sehr ungewöhnlich«, sagte der andere. »Ich verstehe, daß es Sie schwindeln macht. Doch verlassen Sie sich darauf, sie kommt.«

Ja, es war alles klar, was dieser Mensch da vortrug. Wenn es gelang, der Menschheit das Fieber der Gewinnsucht in diesem Maße einzuimpfen, sie mit der Geldmasse über den Geldwert fortzutäuschen, dann war sie blind für alles. Malte gestand sich, daß es der einzige Weg zur Rettung und ein genial erdachter Plan sei, und doch -- es war ein höllischer Plan, der ihn, den Kaufmann alten Blutes, erschauern machte.

Er sah Usadel an; der saß da, als sei er unbeteiligt. Seine Hand lag auf dem Tischrand. Plötzlich fiel es Malte auf, wie brutal diese Hand war, wie ungeformt, zum Zupacken geschickt; die kurzen fleischigen Finger wie Krallen. Sah Usadel Maltes Blick? Die Hand fuhr zurück und zog die Uhr. Das war ein nicht mißzuverstehendes Zeichen.

»Ich verstehe alles«, sagte Malte. »Die Sache ist gut erdacht. Aber, vergeben Sie, Herr Usadel, sie ist doch ein großartig angelegter Betrug!«

Der Direktor fiel ein: »Vielleicht! Was geht das uns an? Wir sind keine Beichtväter für das Gewissen.«

Usadel verzog die Lippe: »Wenn in dieser Zeit das Gewissen wirklich noch da wäre, müßte man es totschlagen.«

Mord des Gewissens! Wo hatte Malte das doch gehört? Der Strand mit den schäumenden Wellen trat ihm in die Erinnerung. Irgendwo dort hatte es jemand gesagt. Sein Blick haftete mit einem Male an dem Schnitzwerk der Treppenbrüstung, haftete an einem Bild. Was war das doch? Der Judaskuß im nächtigen Garten. Was sollte das hier? Er riß sich gewaltsam los. Mit dem allen hatte er ja nichts zu tun. »Man« machte das, und ihm konnte es gleich sein, wer der rätselhafte »Man« war, ihm war verheißen, daß in der hereinbrechenden Sintflut sein Vermögen gerettet werden sollte, alles andre konnte ihm gleichgültig sein. Der Ehrenschild der Treß blieb unbefleckt.

»Es wird Zeit für uns«, sagte Usadel und schob den Stuhl ein wenig zurück. »Herr Konsul, wie ist Ihre Meinung?«

Ein Aufbäumen war in Malte, ein Zurückweichen. Aber zwang er es nicht nieder, so lag all sein stolzes Planen zerstört da. Die Ehre! Und Frauke! Und die Poppelmanns! Er hätte sich für alle Zeit lächerlich gemacht, und das verzieh Frauke am wenigsten. »Ich gehe auf Ihre Vorschläge ein, ich danke Ihnen«, sagte er.

Usadel nickte gleichmütig. »In weniger als einer Woche trifft ein Herr bei Ihnen ein, der die nötige Vollmacht hat. Er wird Sie über die nächsten Maßnahmen unterrichten. Verträge schließen wir nicht. Es bleibt Ihnen wie uns überlassen, mit dreimonatlicher Aufsage unsre Verbindung zu lösen. Wenn Ihnen dafür die Geltung des Ringes nicht genügt, so kann es schriftlich festgelegt werden.«

Ja, Malte wünschte das Schriftstück. Der Direktor lächelte.

Die Herren erhoben sich, ein paar Reden wurden noch getauscht. Der Direktor sandte noch einen sehnsüchtigen Blick nach den Flaschen, Malte lud nochmals ein, aber Usadel lehnte ab. Dieser Mensch schien keiner Nahrung zu bedürfen.

Der Wagen fuhr vor, man stieg ein, und der Treßhof blieb zurück.

Auf dem Bahnhof erwartete das Gefolge die Ankommenden: die Berichterstatter schrieben eifrig auf einen Bogen irgendeine Mitteilung, die noch in der Nacht einer Zeitung zugehen sollte. Die beiden Schreibmädchen blickten aus ihren Pelzen neugierig auf Malte, der Kanzlist meldete, daß der Zug bereitstehe.

Sie hatten auf dem Weg nur wenige Worte gewechselt. Usadel hielt die Angelegenheit für erledigt. Hinter seinen verdeckten Augen zuckten wahrscheinlich schon wieder neue Pläne, denen er nachsann. Malte suchte höflich eine Unterhaltung zu pflegen, aber auch der Direktor, der so geschwätzig gewesen war, verhielt sich schweigsam.

Usadel schob wieder einige Finger vor und faßte dann an den Rand seines Hutes. Wozu noch viele Worte, da der Zweck erreicht war!

»Nun?« fragte er seinen Begleiter, als er sich in das Polster des Wagens fallen ließ.

Der machte eine Gebärde des Zweifels. »Der Mann wurzelt in alten Anschauungen«, sagte er.

»Taugt also nicht für uns.«

»Wenn er sich nicht mausert, nein, Herr Usadel. In Deutschland jedoch gibt es viele von der Art; man muß mit ihnen rechnen, und dieser scheint mir versprechender als mancher andere -- er ist ehrgeizig.«

Malte stand draußen am Wagen und wartete, daß der Zug abfahre. Er grüßte, als sich die Räder in Bewegung setzten; von innen kam kein Dank. Sie arbeiteten wohl schon wieder.

Er ließ sich von Telge nach dem Treßhof fahren, Mellin mußte im Beratungzimmer das Licht andrehen. Dort saß er lange und erwog. Aber seltsam! Immer wieder fand er seinen Blick auf jenem Bild der Treppenbrüstung: wie der bärtige Mann, dessen Hand den gefüllten Geldbeutel umspannt, dem Meister den verräterischen Kuß darbietet. Was hatte das alte Bild zu schaffen mit den Vorgängen dieser wilden Zeit? Er wußte es nicht, er wollte dem nicht nachdenken, und doch trat es ihm aufdringlich nahe.

Und noch eins. Er sah Jörg vor sich, wie er nach dem Spiel in St. Niklas in jenem Zimmer des Hauses am Markt stand, innerlich in Begeisterung erglühend, sein Gesicht besonnt: Wir sind doch die Könige!

Er hatte bei sich gedacht: Welchen unbändigen Stolz trägt doch der arme Wicht! Wir königlichen Kaufleute und dieser Tastenschläger! Jetzt beneidete er ihn. Ihm war, als dürfe er das Recht des königlichen Menschen heute nicht für sich in Anspruch nehmen. Seufzend erhob er sich und verließ das Haus. --

In Fraukes Zimmer fand er Klaus, der eine Mappe mit Stichen mitgebracht hatte, die Blätter ausbreitete und einige Feinheiten erläuterte. Malte stellte sich hinter ihn und hörte zu. Er wußte, daß Frauke, die den Vetter wegen seiner Sucht, sich etwas stutzerhaft zu kleiden, verspottete und ihn leicht als einen gutmütigen Hausnarren behandelte, in Kunstfragen sein Urteil gelten ließ.

Plötzlich sah Frauke zu Malte auf. »Weißt du schon, daß Klaus uns verlassen will?« fragte sie.

Klaus legte die Stiche zusammen. Es war ihm sichtlich peinlich, daß Malte ihn so verwundert betrachtete.

»Er will heiraten«, fügte Frauke hinzu.

Güldenfey? dachte Malte. Hat er mit ihr gesprochen? Hat sie sich vielleicht in Rücksicht auf mich bereit erklärt? Er fühlte ein lebhaftes Bedauern.

»Er hat eine kleine Witwe gefunden, die ihn bezaubert«, fuhr Frauke fort.

Klaus lachte verlegen. Was würde Malte jetzt sagen? Doch Malte sagte nichts, er ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. Als das Mädchen erschien, bestellte er Schaumwein. Ein plötzlicher Rausch war über ihn gekommen, seine Augen glänzten. Frauke blickte ihn erstaunt an: er war leuchtend wie damals in Harvestehude.

»Wir wollen dem Glück Willkomm bieten«, sagte er, als er die Gläser füllte. »Dir, Klaus, und uns! Ich habe heute mit Usadel abgeschlossen!«

Das Skelett im Hause

Harro kam nicht. Marfa saß am Fenster ihres Zimmers, das neben Güldenfeys Zimmer lag, sah über die Teiche hin und wartete. Ihr Leben war nur ein Warten. Die alten Weiden dort drüben begrünten sich, standen in vollem Laub, wurden fahl, starben ab. War es die Zeit, da die Primeln ihre Augen aufschlugen? Flossen die schweren Ströme des Lichts über die dürftigen Erdwellen von Heilisoe? Ging der Herbst in knisterndem Brokat oder standen die Bäume in winterlichem Rauhfrost wie arme bettelnde Waisenkinder? Sie wußte es nicht, sie achtete dessen nicht. Sie zählte nicht mehr nach Jahreszeiten, sie zählte nur noch Harros Besuche.

Seit ihr das Leben ihres Kindes entglitten, hing sie sich mit einem Verlangen, das sie verzehrte, an ihn, den Einzigen, den sie noch besaß. Haushaltssorgen hatte sie nicht, andre Beschäftigungen befriedigten sie nicht. Alles, was die Frau in dieser nothaften Zeit die Hände regen ließ, um den Schwestern zu helfen, schien Marfas Seele in jenem Kasernensaal in Riga verloren zu haben, wo täglich der Tod in die Schar der gefangenen Frauen griff und die auf ihn harrenden mehr quälte als die fortgeführten.

Harro! Warum mußte er fern von ihr sein? Während einer Zeit schrieb sie endlos lange Briefe an ihn. Sie gab es auf, als sie merkte, daß er nur die ersten Seiten las. Stieg er aus dem Bahnwagen, den sie, seit einer Stunde auf dem windigen Bahnsteig stehend, erwartet hatte, so überströmte sie ihn mit einer kindlich-stürmischen Freude. Doch am Abend schon begann sie die Stunden zu zählen, die sie noch von seiner Abfahrt trennten.