Der Weg nach Heilisoe

Part 13

Chapter 133,873 wordsPublic domain

Malte dachte über das Wort nach, während Jörg droben bei Frauke war. Ein seltsamer Mensch, dieser jüngste Treß! Doch vermochte er darum nicht wie einst gering von ihm zu denken. --

Die Festtage waren voll Glanz und Freude, wie sie das Treßhaus lange nicht gesehen. Nicht nur, weil Lichter brannten und der Tisch wohlversorgt war. Mit Jörg war eine andere Luftschicht eingezogen. Er beherrschte das Gespräch und schuf Stimmung, und alle ordneten sich ihm willig unter. Harro war weniger laut und Frauke weniger schweigsam. Überhaupt Frauke! Wer hatte diese kühle Frau so angeregt und warm über die Kunst reden gehört? Wer hätte von ihr erwartet, daß sie so lange zuhören konnte? Immer aufs neue regte sie Jörg an, von seinen Lehr- und Wanderjahren zu erzählen, und er, der sich gegen Frauke bisher ablehnend gezeigt, willfahrte ihr gern; nur in einem nicht: er war nicht zu bewegen, vor ihnen allen zu spielen.

Auch Marfa, die gewöhnlich nur für Harro da war, gab sich jetzt ganz dem Zauber hin, den Jörgs Wesen ausübte, und ließ wieder seit langem ihr schüchternes Lachen hören. Es war eitel Freude im Treßhof.

Nur einmal ... Während sie alle beisammensaßen, erschien Ose im Zimmer. Sie zeigte ein verstörtes Gesicht, doch das bemerkte außer Jörg keiner, da sie sich, nachdem sie den Kreis der Versammelten überblickt, schnell etwas zu schaffen machte und das Zimmer gleich wieder verließ. Als Jörg darauf unter einem Vorwand sich erhob und ihr folgte, fand er sie verstört auf dem oberen Flur.

»Ist etwas geschehen, Ose?«

Sie blickte ihn einen Augenblick zögernd an, dann sagte sie: »Hörst du, Jörg? Sie knarrt wieder.«

Die Diele unter ihrem Fuß gab einen seltsam klagenden Laut von sich.

»Und was bedeutet das, Ose?«

Sie wollte nicht sprechen, und er mußte seine Frage wiederholen.

»Kind, laß dir vor ihnen nichts merken, aber denk' an mich! Es ist wieder einer zuviel hier im Hause.«

»Narretei!« sagte er und kehrte zu den andern zurück. Doch es war gut, daß die Geschwister so eifrig sprachen und seine Bestürzung nicht merkten. Scheu sah er auf sie. Wer sollte der Gehende sein? Einer der Brüder? Plötzlich fiel sein Blick auf Marfa, die seltsam verloren vor sich hinschaute. Er setzte sich an ihre Seite, und während er freundlich wie ein Bruder mit ihr sprach, vergaß er Ose und ihr Sibyllenwort.

Das Schönste für Güldenfey kam, als alle gegangen waren. Da saß sie mit Jörg in dem oberen Saal. Die niedergebrannten Kerzen des Christbaums verbreiteten ihren Duft, und knisternd rührte sich im Wipfel der Tanne das Rauschgold. Die Lampe im Winkelplatz schuf ein sanftes Licht, einen kleinen Kreis, dahinter lag unbegrenzt das Halbdunkel, aus dem von einem Tisch her ein silbernes Gerät aufblitzte.

»Nun will ich spielen«, sagte Jörg.

»O Jörg, für mich?«

»Ja, Güldenfey, für dich allein.« Er trat vor sie hin und legte seine Hände zärtlich um ihren Kopf. »Für dich ganz allein«, wiederholte er. »Wirst du mich verstehen? Wenn du es nicht kannst, kann es niemand.«

»Ich bin so einfältig«, sagte sie zu ihm aufblickend.

Er beugte sich nieder und küßte andächtig ihre Stirn. »Du weißt nicht, ein wie hohes Lob du dir damit erteilst, du Einfältige unter Zwiefältigen«, sagte er. »Es hat einst der Schuster Jakob Böhme, der doch ein großer Mann war, das Wesen des Göttlichen gefunden, als er die Sonnenspiegelung in einem Zinngefäß beobachtete. So hab' ich es entdeckt, als ich es in deiner liebevollen Art sich spiegeln sah.«

Güldenfey traten plötzlich die Tränen in die Augen. Wie kam es, daß sie jetzt an die Frau denken mußte, die sie noch immer suchte und nicht fand. Sie erzählte Jörg, was sie wußte und wollte.

Als sie geendet hatte, trat er still an den Flügel und spielte. O ja, Güldenfey verstand ihn. Es war eitel Trost, was die Töne ihr sagten. Sie wußte, daß sie finden würde.

Die Töne verklangen leise wie ferne Glocken. Dann erhob er sich und empfing ihre beiden Hände, die sie ihm entgegenstreckte. »Weißt du es nun, Güldenfey?« fragte er.

»Ja, ich weiß.«

»Ich glaube, wir Treß tragen schwer an alter Schuld ...«

»Ja, Jörg.«

»Aber mir ist nicht bange, solange ich weiß, daß das Gallion am Schiff des Fliegenden Holländers unsere Güldenfey ist. Und nun will ich dir noch eins verraten: Im Frühjahr gebe ich hier in unsrer Stadt mein erstes Konzert, und was ich dann spielen werde, das hast du soeben gehört.«

Das letzte Warten

Schlaf, du Arzt aller Belasteten, wo bleibst du?

Malte Treß konnte nicht mehr schlafen. Er lag auf seinem Lager; bis ihm die Augen vor Müdigkeit zufielen, las er, aber er fürchtete sich, die Hand nach der Lampe auszustrecken und das Licht zu löschen. Sobald das Dunkel ihn umgab, stürzten sich die Gedanken feindlich auf ihn und nagten mit scharfen Zähnen: Kurse, Wechseltermine, Verbindlichkeiten, der Ring -- Usadel.

Seine Seele wurde im Dunkel zu einem weiten Hohlraum, in dem alle Geräusche des Tages schrecklich widerhallten, vor dessen gläsernen Wänden fratzenhafte Gesichter drohend auf und nieder tanzten. Es half nicht, sie zu beschwören: Was wollt ihr? Alles ist geregelt, und was noch nicht im Gleichmaß ist, wird es morgen sein. Sie kamen und quälten und mürbten.

Also wieder Licht machen, wieder die Gedanken in die Fährte eines spannenden Buches hetzen, wieder der dumpfen Erschöpfung verfallen! Und wieder begann im Finstern das boshafte Spiel. Es mußte die horizontale Lage schuld sein; das Blut bedrängte das Gehirn. Er erhob sich, kleidete sich an und ging in sein Arbeitzimmer hinab.

Wie ein in langer Verfolgung Gehetzter sank er in seinen Stuhl. Doch die auf dem Tisch gehäuften Schriftstücke widerten ihn an. Ja, Arbeit in froher morgendlicher Frische! Doch dieses Schleppen von Seite zu Seite, dieses verdrossene Blätterwenden schaffte nichts. Der Schlag der Uhr ging durch das Gemach, der Arm mit der Hippe sank herab. =Carpe diem.= Ach, der nur konnte den Tag wahrnehmen, dem die Nacht den sänftigenden Mohntrank gereicht hatte.

Was war das? Schritte in der Nacht. Nicht Schritte derer, die nach Hause eilen, oder tappende Schritte später Zecher; es waren zögernde Schritte, hin und her, hin und her, Schritte eines Wartenden. Der Wächter? Nein, der ging durch Hof und Flur. Malte wußte, welche Schritte das waren.

Er zog den Mantel an und trat hinaus: es war niemand zu sehen. Malte ging auf den Markt, ging durch die Straßen, war auf der Flucht vor sich selbst.

Eine kleine Wolke hatte eine feine Schneeschicht auf die Dächer und das Pflaster ausgebreitet, zwischen weißen Wölkchen und Sternensplittern stand der volle Mond. Wie schlafende Ungetüme lagen die zackigen Schatten der Giebel auf dem weißen Straßendamm, und das Dunkel barg sich in die Pfeilernischen der Mauern. Über dem stumpfen Turm St. Jürgens spannte sich wie ein funkelnder Kronenzirkel der gelbe Lichtrand, der die Mondschale umgab, und ein bläuliches Licht spielte um die Särge im Schaufenster des Tischlers.

In der friedlichen Helle der Straßen wurde Malte ruhiger. Das Leben selbst war nicht so arg wie sein Spuk. Aber er mußte auch wieder durch dunkle Nächte wandern, Nächte, in denen die Wolkensäume über die Häuserfirste schleppten, in denen das einsame Licht auf dem Molenkopf des Hafens fast von der Finsternis verschluckt wurde und die Stimmen des Dunkels schaurig vom Meer herüberdrangen.

Kam Malte nach diesen nächtlichen Gängen heim, fühlte er seine Glieder, als seien sie zerbrochen. Er zerrte seine Kleider vom Leib und warf sich nieder. Doch der herbeigezwungene Schlaf lähmte ihn mehr, als daß er erfrischt hätte, und bleicher noch als gewöhnlich, mit schmerzhaft brennenden Augen erschien er am nächsten Morgen in der Schreibstube.

* * * * *

Auch im Treßhof lag eine, die der Schlaf floh. Harro war verstimmt abgereist und hatte sie in Unfrieden zurückgelassen. Zerpflückter als je war er zum Weihnachtfest gekommen, und Marfas Zärtlichkeit hatte nichts von Wärme in ihm geweckt. Warum mußte sie, da sie ihn in diesem Zustand sah, auch mit ihrem Wünschen nahen!

»Harro, eine Bitte; die erste! Nimm mich mit dir, laß mich bei dir sein. Ich ertrag' das Leben hier nicht mehr. Dieses alte furchtbare Haus, und immer fern von dir. Ich lebe ja nur scheinbar von einer Rückkehr zur andern. Eigentlich bin ich abwesend, und nur, wenn du kommst, erwache ich.«

»Sind sie unfreundlich zu dir?«

»Alle sind sehr, sehr gut. Aber ist das Ersatz?«

»Du lebst hier angenehm. In der Hauptstadt müßtest du sehr vorliebnehmen.«

»Was bedeutet das mir?«

»Ich bin oft auf Reisen.«

»Ich werde dich begleiten.«

Marfa hatte ihn daran erinnert, wie wenig sie verlange. Seine schon lange pochende Ungeduld hatte die Fesseln abgeworfen, er war heftig geworden. Was half es, daß sie sich ergab und demütig um Verzeihung bat! Es blieb ein bitterer Rest: Unwille über unmögliche Ansprüche bei dem einen; Trauer darüber, daß sie nicht verstanden werde, bei Marfa.

Nun lag sie Nacht um Nacht wach und sann und sann. Sollte sie ihn auch verlieren, den Einzigen, den sie noch auf der weiten Welt besaß? Oder hatte sie ihn schon eingebüßt? Der Bruch ihres Lebens, der sich nie ganz geschlossen, klaffte in ihr auf, ihre Seele blutete.

Ihre ganze Vergangenheit wurde in harter Deutlichkeit lebendig, vor allem das Entsetzliche, das sie wie eine offene Wunde mit sich trug. Dagegen half kein Vergessen.

Und dieses Haus mit seinen schreckhaften Geräuschen störte alles in ihr wieder auf: das von den Speichern rieselnde Tauwasser, die Klagelaute des Katers Murr, das Ächzen und Pfeifen der Winde, der ganze von Alter und Spuk gesättigte Dunstkreis dieses Gemäuers mit seinen düsteren Böden und Gängen und Winkeln. --

Einmal erwachte Güldenfey und erhob sich, um aus dem Fenster zu schauen. Es war eine jener Januarnächte, von denen man glaubt, daß sie nie enden, weil ihr Dunkel zu schwer auf der Erde zu lasten scheint, als daß es die ferne Sonne verdrängen könnte. In die Finsternis grub sich eine Lichtbahn, die von Marfas Fenster ausging.

Güldenfey blickte auf die Uhr; es war die vierte Stunde nach Mitternacht. Ob Marfa etwas zugestoßen sein konnte? Sie warf ihr Morgenkleid über und pochte an Marfas Tür.

Diese lag mit völlig wachen Augen da, hatte die Hände ergeben gefaltet und versuchte zu lächeln. Güldenfey erklärte ihr Kommen und fragte nach Marfas Befinden.

»Nein, ich habe noch nicht geschlafen.«

»Aber es ist bald Morgenzeit.«

»O, wenn ich nur vor dem Morgen noch eine Stunde Ruhe finde, bin ich zufrieden.«

»Aber liebes Herz!« Güldenfey kniete an Marfas Lager nieder, strich über die fiebrig heißen Wangen und liebkoste das dunkelbraune Haar, das in zwei schweren Flechten auf den Kissen lag.

»Ich wollte so gern schlafen und kann nicht.« Marfas Gesicht verzog sich wie das eines weinenden Kindes.

Güldenfeys Hände gingen beruhigend über die Stirn der Klagenden. Wie war das schrecklich! Man lag ruhig und unbekümmert Nacht für Nacht, und hinter der Wand war jemand das Opfer quälender Gedanken. Wie da alles Unwirkliche wirklich werden und jeder Gedanke sich drohend in bleichem Nachtlicht gestalten mußte! Güldenfeys Ahnungsvermögen ergründete bereits die ganze Tiefe dieser Not. »Was ist denn, Liebste?« fragte sie. »Harro ...«

»Nein, nein, nicht Harro«, wehrte Marfa ab.

»Also was? Sag' es mir, mein liebes Herz! Wenn du es aussprichst, bist du erleichtert.«

Mit zärtlichen, geduldigen Worten entrang Güldenfey es Marfa: es war die erwachte Vergangenheit, die sie ängstete. Sie hatte nie davon zu ihr gesprochen, sie fürchtete, damit die schrecklichen Gesichte heraufzubeschwören. Nun aber waren sie doch ohnedies gekommen, und Marfa fühlte, daß vielleicht das Sprechen sie erlösen könne.

Dieser Kasernensaal im obersten Stockwerk, durch dessen Fenster die Sonne während der Mittagsstunden bis in den fernsten Winkel stach! Diese rohen, betrunkenen Weiber, die den gefangenen Frauen als Hüterinnen gesetzt waren, und dieser Mann im Mantel, der nächtlich an das Tor pochte. Und Gänge ohne Ende, und Mauern ohne Tor.

»Das ist ja nun alles überwunden«, sagte Güldenfey zart. »Du bist bei uns, und nichts darf dich anrühren.«

Sie tröstete, wie eine Mutter ihr Kind tröstet; sie wußte: Hier helfen nicht verständige Reden, sondern nur Erweise völligen Hingegebenseins. Die Kälte stieg in ihr hoch, sie schlug eine Decke um ihre Schulter und blieb vor dem Lager in ihrer knienden Lage. Und Marfa wurde still.

»So,« sagte Güldenfey, »jetzt versuchen wir es noch einmal, ob der Schlaf nicht kommen will. Hier -- warum hab' ich nur nicht eher daran gedacht! -- ist der Amethyst mit unsrer Mutter Segen, den trägst du auf der Brust, wie schon einmal. Jeden Abend will ich zu dir kommen und ihn dir umhängen.« Sie löste das Kettlein von ihrem Hals und streifte es Marfa über, dann löschte sie das Licht und suchte ihr Lager auf. Aus dem Landhause von jenseits des Teiches ertönte der erste Hahnruf.

Haftete der mütterliche Segen so sichtbar an dem blauen Kristall, den Marfa jetzt während der Nacht und Güldenfey am Tage trug, daß er auch der Zugewanderten half? Marfa fand von nun an die entbehrte Ruhe wieder.

Nachdenklich betrachtete Güldenfey den Stein, den sie doch schon so oft beschaut. Wie weißes Moosgeflecht, das mit goldigem Gekörn bestreut war, wuchs der Bergkristall, der die veilchenfarbenen zehn Blüten trug. Wo war der geheime Sitz der Kraft, die sich dem Träger mitteilte?

An einem Abend, da Güldenfey ihn wieder auf Marfas Zimmer trug, weigerte diese sich, ihn zu nehmen. Sie sah heiter und glücklich aus. »Laß ihn jetzt wieder an deinem Herzen ruhen«, sagte sie. »Wenn ich seiner bedarf, bitte ich um ihn.«

»Aber wenn es nun heute wiederkommt?« sagte Güldenfey.

Marfa zog sie an sich und sagte geheimnisvoll: »Vor den Schrecken hat er mich nicht bewahrt, aber ich habe, seit ich ihn trug, eine seltene Kraft in mir wachsen gespürt.« Sie zog Güldenfey an sich und sprach dicht an ihrem Ohr: »Weißt du, was allem Bösen von außen in mir keinen Widerstand bot, das war das Bewußtsein meines unfruchtbaren Lebens: viel gelernt haben und es nicht verwerten können; viel erduldet haben und nicht trösten dürfen; Mutter geworden sein und kein Kind besitzen; einen Mann mein nennen und immer fern von ihm sein -- ist das nicht ein Dasein ohne Frucht und Ernte? Ach, wie bitter haben mich immer meine gebundenen Hände geschmerzt! Und durfte sie doch nicht regen.«

»Ach, Marfa, wir können nicht alle so regsam sein wie Malte und Harro, und vielleicht ist das nicht einmal gut«, sagte Güldenfey.

»Nein, das ist gewiß nicht gut; aber unfruchtbar sein ist etwas andres, Güldenfey! Denke nur, hingehen müssen mit der Gewißheit: Du hast nichts vollbracht! Ich habe nicht allein an mich gedacht, auch an die vielen Helden, die im Kriege gefallen, an die vielen frühverstorbenen Kinder. Warum? Warum?«

»Ach du armes gequältes Herz!« rief Güldenfey.

»Ja, aber nun bin ich so fröhlich und dankbar, daß ich die Antwort erhalten habe. Du kennst doch das Lied, das Harro nicht leiden mochte:

Wenn ich sterbe, werden keine Klageglocken um mich gehn ...

Das sing' ich nun nie mehr!«

Güldenfey sah Marfa überrascht an. Welcher jubelnde Ton trug plötzlich ihre Stimme! »Und das gab dir der Stein, unser Stein?« fragte sie.

»Seit ich ihn trug, bin ich ruhig geworden, und in der Ruhe ging mir auf, was mir Trost gab. War es ein Traum, war es ein Gesicht? Ich weiß es nicht. Aber ich stand drüben am Teich und sah auf das dunkle Gewölk, das den Himmel bedeckte und ahnungschwer über der Erde lag. Mit einem Male tat es sich auf wie ein großes Tor, und ein langer Zug von Erntewagen, die hoch mit Garben beladen waren, fuhr heraus. Jeden der Wagen lenkte ein Soldat, der eine Wunde trug, und kleine Wägelchen voll Frucht kamen, die wurden von kleinen blassen Kindern geführt. Der Zug wuchs und dehnte sich unabsehbar, und der Wagen waren so viele, daß es nicht zu sagen ist.«

»Und dann?« fragte Güldenfey.

»Sie fuhren alle bis zu einem Platz; dort begannen sie ihre Garben abzuwerfen. Eins half dem andern, und sie schichteten einen Ernteschober so hoch, daß ich noch jetzt nicht weiß, wie es möglich war, daß meine Augen eine solche Höhe absehen konnten. Und dann, ja, dann begannen die Körner zu rinnen, ohne daß eine Hand den Dreschflegel rührte, und sie rannen wie ein weizengelber Strom. Und allmählich ward der Fluß weiß, und ich erkannte, daß das Korn sich in Mehl gewandelt hatte. Ganz am Ende aber regten sich Hände, die formten daraus Brot, wundervolles edles Brot, Güldenfey, wie wir es heute nicht mehr genießen. Und andre Arme waren da, die reichten das Brot der Erde. Dort aber strömten die Darbenden zuhauf und empfingen die kostbare Labe und aßen und wurden satt und froh.«

Es war ganz still in dem Zimmer, als Marfa schwieg. Die Hände der beiden Frauen lagen ineinander. Nach einer Weile näherte Marfa ihr Gesicht Güldenfeys Ohr. »Mein kleines Kind hab' ich auch gesehen«, flüsterte sie. »Ich wußte, daß es meins war. Es konnte seine schweren Garben nicht abwerfen, da half ihm ein Soldat, der eine Herzwunde trug.« --

Von diesem Tage an war Marfa heiter. Sie ging mit Güldenfey in die Stadt und hatte Teilnahme für alles, was ihr begegnete. Frauke zeigte erstaunte Augen, als Marfa sie in dem Hause am Markt besuchte.

* * * * *

Es war Tauwetter eingetreten. Ose stand am Fenster und sah besorgt auf die Teiche, wo, unbekümmert um die Risse im Eise, die Jugend fortfuhr, auf Schlittschuhen zu laufen.

»Sie treiben es wieder so lange, bis sich der Teufel sein Opfer geholt hat«, sagte sie.

»Nicht doch, Ose!« bat Marfa.

»Ich treibe keinen Spott mit so ernsten Dingen, Frau Doktor«, sagte die Alte und wandte sich um. »Sie kennen das nicht, aber das ist gewiß, er muß jedes Jahr sein Opfer haben.« Als sie Marfas ungläubige Miene erblickte, begann sie zu erzählen. »Vor vielen hundert Jahren hat der Böse in St. Niklas rumort. Da haben ihn die Priester mit ihren Weihwedeln in den Teich gebannt. Aber bevor er untertauchte, hat er gedroht, sich jährlich einen Menschen herabzuziehen, und das hat er treulich gehalten. Jetzt haben wir schon Mariä Lichtmeß, das ist die schlimmste Zeit.«

Güldenfey holte Marfa ab, die über einem Brief an ihre Tante Honterus saß.

»Ich werde ihn später beenden«, sagte sie und erhob sich.

Der Rauhreif hatte Büsche und Bäume geziert, fern über Heilisoe ballte sich Gewölk, das Schnee verhieß.

»Ich begleite dich heute auf deiner Suche«, sagte Marfa. »Wir müssen uns wieder einmal nach Frau Jobst umtun.«

»Ach, Marfa, das ist nichts, was dir Freude macht«, entgegnete Güldenfey. »Diese Gassen in der Sachsenstadt! Und wir finden sie doch nicht. Du glaubst nicht, wie verzagt ich bin.«

Aber Marfa sprach ihr so freundlich zu, daß Güldenfey wieder Mut faßte, und sie suchten Häuser auf, in denen Güldenfey noch nicht gewesen war.

Es war vergeblich. Überall die gleiche nichtssagende Auskunft, das gleiche stumme Verneinen.

»Sie wohnt wohl gar nicht mehr in der Stadt«, klagte Güldenfey. »Aber auf den Ämtern wissen sie auch nichts.«

»Nun, du wirst sie finden«, tröstete Marfa. »Laß uns jetzt noch zu Engelke gehen.«

Auf dem Heimweg erzählte Marfa, was Ose ihr von dem Opfer, das der Teich jährlich fordere, mitgeteilt hatte.

Güldenfey, die jetzt, da sie Marfa froh sah, so gern lachte, wurde ernst. »Die Gefahr, die den Leichtfertigen von den Teichen droht, muß schon lange bestehen, sonst wäre jene Sage nicht entstanden«, sagte sie. »Wirklich verunglücken hier jährlich Menschen.«

Sie schritten durch die Anlagen, die den Stadtteich umgaben. Ein Sicherheitwachmann ging, die Hände auf den Rücken gelegt, in gemessenem Schritt vor ihnen her. Als sie den Mann erreichten, blieb dieser plötzlich stehen und spähte scharf auf den Teich hinaus. »Also da haben wir das Unglück«, sagte er laut.

»Welches Unglück?« fragte Güldenfey, gleichfalls stehenbleibend.

»Ein Junge ist eingebrochen«, sagte er ärgerlich. »Da sind nun ein Dutzend Warnungtafeln ausgehängt, und trotzdem müssen sie auf das brüchige Eis gehen. Schadet ihnen gar nicht.«

Auf dem Eise liefen die Leute zusammen und umstanden die Stelle, von der aus jetzt klägliche Hilferufe ertönten; keiner aber wagte sich dem Spalt zu nähern, in den der Verunglückte geglitten war. Man sah ihn, wie er sich an den Rand des Eises klammerte.

»Helfen Sie doch«, bat Güldenfey dringlich.

Der Mann blickte sie strafend an und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht meine Aufgabe«, sagte er. »Überdies, helfen kann da keiner.«

War denn unter dem Beamtenrock keine menschliche Regung mehr? Güldenfeys Gesicht rötete der Zorn. »Es ist ein Mensch in Not, und Sie können fragen, ob es Ihres Amtes ist, ihm zu helfen? Schämen Sie sich!«

Der Mann sah an sich nieder. Es war nicht Scham; er erwog wohl, ob er seine Uniform der Möglichkeit, naß zu werden, aussetzen könne. Aber er verharrte in seiner Untätigkeit.

Als Güldenfey sich von ihm abwandte, sah sie Marfa nicht mehr an ihrer Seite; sie war die Uferböschung hinabgestiegen und lief jetzt über das Eis der Unfallstelle zu. Güldenfey folgte ihr, sie rief ihren Namen, doch Marfa hörte nicht. Immer eiliger strebte sie fort. Himmel, sie würde doch nicht ...!

Da Güldenfey in den Kreis der Gaffer trat, sah sie Marfas Hut und Mantel auf dem Eise liegen, sie selbst schob sich kriechend dem Knaben zu, dessen erstarrte Hände den Kopf mühsam über Wasser hielten.

»Halt aus, ich komme!«

Die umherstehenden Menschen rührten sich nicht. Aber plötzlich schrien sie auf und wichen erschreckt zurück. Das Eis war geborsten und die Retterin in das Wasser gestürzt. Der Knabe war verschwunden.

Jetzt vollzog sich alles blitzgleich. Marfa tauchte wieder auf, sie hatte den Knaben im Arm, sie stieß sich auf das Eis zu. Aber sie hatte sich und das Kind zu halten. Wie lange sollte das währen? In Güldenfeys Herz preßte sich alles Blut zusammen.

»Marfa!« rief sie. »O Marfa!«

Sollte dies das Ende sein? Noch nicht. Es vollzog sich jetzt für Güldenfey alles wie hinter Schleiern. Ein Brett, ein beherzter Mann, ein Arm streckte sich. Das Eis hielt, gottlob, es hielt. Der Knabe erschien. Wie lange es währte! Jetzt wurde auch Marfa heraufgezogen.

Man legte sie dahin, wo das Eis fest war, und deckte den Mantel über sie. Zwei Augenblicke lag sie wie bewußtlos, nur schwer keuchend, dann sprang sie auf und schüttelte das Wasser von sich. »Der Knabe!« sagte sie. Sie ergriff ihn, hob ihn in ihren Arm, und in triefendem Haar und schleppendem Kleid trug sie ihn an das Ufer. Güldenfey ging an ihrer Seite. Nach Hause, dachte sie, nur schnell nach Hause! Doch Marfa schien die Kälte der durchnäßten Kleider nicht zu spüren.

Am Ufer stand der Wachmann, sein Schreibbuch in der Hand haltend. In seiner Dienstanweisung war wohl gefordert, daß er den Vorfall mit den Namen der Beteiligten zu verzeichnen habe. Der Zuschauer wollte sich plötzlich im Mittelpunkt wichtig fühlen.

»Gehen Sie!« sagte Güldenfey. War es das Wort, war es ihr Blick -- der Mann trat bestürzt zurück und steckte sein Buch ungenützt ein.

Endlich, endlich lag Marfa in den Kissen. Ose lief mit Wärmbecken und Teetassen ab und zu, und Güldenfey rieb und bürstete unaufhörlich das feuchte Haar. Draußen läutete es: Blumen wurden hereingebracht, Grüße gesagt. Im Vorzimmer stand Malte und wartete auf den Bescheid, ob er Harro benachrichtigen solle. Nein? Güldenfey würde ihm gleich schreiben? Gut; es war ja alles glücklich abgelaufen. Weshalb Harro beunruhigen?

»Sieh, Liebste«, sagte Güldenfey und wies ihr einen prunkenden Strauß. »Von Olrogges.«

Marfas Hand glitt zärtlich über die Blumen. »Komm nahe«, bat sie, und da sich Güldenfey zu ihr neigte: »Was meinst du, werde ich jetzt wohl auch einen Erntewagen fahren dürfen?«

»Einen großen und sehr vollen,« erwiderte Güldenfey; »doch dein Korn ist ja noch lange nicht reif.«

»Glaubst du nicht?« fragte Marfa. Und nun ging ihre fast übermütige Heiterkeit, die sie seit ihrer Tat gezeigt, in ein sinnendes Schweigen ein. --