Der Volksbeglücker

Part 2

Chapter 23,687 wordsPublic domain

Unterdessen verging Frau Hellwig vor Sorgen um ihren Jungen, der heute noch seltsamer als sonst war, kein Wort redete und das Abendessen unberührt ließ. Hätte sie in sein Inneres schauen können, die Sorgen wären freilich einem großen Mitleid mit dem armen Grübler gewichen. Schwerblütig, wie er war, legte er dem Vorfall eine übergroße Bedeutung bei. Er litt nicht so sehr unter dem Verrat Ottos, sondern weil er sich selbst untreu geworden war und kein Recht mehr hatte, Pichlern zu zürnen. Denn er war selber feig gewesen. Oder war es etwa nicht Feigheit, zu schweigen, nur weil ein paar Dutzend Augen auf ihn geschaut hatten. Wie sollte er der Wahrheit zum Sieg helfen, wenn er sich fürchtete, sie laut auszusprechen? Beispielgeber hatte er sein wollen -- und war vor sich selbst fahnenflüchtig geworden. Wessen er Otto geziehen, er selbst hatte es begangen -- und besaß nicht einmal eine Entschuldigung dafür.

So peinigte er sich und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden. Er faßte keine guten Vorsätze, denn er hatte alles Zutrauen zu sich verloren. Und es dünkte ihm wertlos, etwas, das er nie hätte tun dürfen, durch den Entschluß gutzumachen, es in Zukunft nicht wieder zu tun. In dieselbe Lage konnte er sich nicht zurückversetzen, die war unwiderruflich vorbei und der Makel nicht mehr wegzuwischen.

An allen Gliedern wie zerschlagen, die trüben Augen dunkel unterrändert, erschien er den nächsten Tag in der Schule. Otto war ebenso überrascht wie dankbar, daß Fritz mit keinem Wort auf das Vorgefallene zurückkam und weiter mit ihm verkehrte, als hätte es nie ein Gestern gegeben. Von dem harten Ringen, das zwischen Abend und Morgen lautlos vor sich gegangen, hatte er freilich keine Ahnung, hätte es auch nicht begriffen. Für ihn war jetzt alles wieder im Gleis, zumal auch Pater Romanus nicht dergleichen tat und es schien, als beabsichtigte er die Geschichte im Sand verlaufen zu lassen. Eine vorläufige Folge sollte sie aber doch haben.

2.

Eines Tages, es war bereits spät im Oktober, kam die schöne achtunddreißigjährige Frau des reichen Kaufmannes Wart zu Hellwig und bat ihn, mit ihr zu gehen, ihr Sohn verlange nach ihm.

Fritz war über dieses Ansinnen sehr verwundert, da er den jungen Wart, der die siebente Klasse des Gymnasiums besuchte, nur aus einem gemeinsamen französischen Lehrkurs ganz flüchtig kannte. Er sagte deshalb der unerwarteten Besucherin, die in ihrem schwarzen Seidenkleide fein und fremd zwischen den vermummten Lehnstühlen stand, hier müsse ein Irrtum vorliegen. Sie aber entgegnete, sie irre sich nicht, ihr Junge habe schon oft von Fritz Hellwig gesprochen, namentlich in der letzten Zeit, als die Geschichte mit dem Religionsprofessor vorgefallen sei.

Fritz aber, der sich nur sehr schwer an Menschen anschloß und vor neuen Bekanntschaften förmlich Angst hatte, antwortete kurz, daß er den Heinrich Wart viel zu wenig kenne und keinen Anlaß habe, ihn zu besuchen. Wenn jener etwas von ihm wünsche, solle er’s in der Schule sagen.

Auf eine so schroffe Abweisung war die Frau nicht gefaßt gewesen. Sie brach in Tränen aus und rief ganz aufgeregt, das sei unschön und lieblos gehandelt. Er könne sich denken, daß ihr ungewöhnliches Begehren auch einen ungewöhnlichen Grund haben müsse. Kurz und gut, ihr Sohn sei schwer krank, man wisse überhaupt nicht, ob er wieder aufkommen werde. Heute, nachdem er mehrere Tage im Fieber gelegen und nur fortwährend phantasiert habe, heute habe er auf einmal den Wunsch geäußert, mit Hellwig zu sprechen. Er solle nicht hart sein, vielleicht handle es sich um den Wunsch eines Sterbenden.

Da nahm er wortlos den Hut vom Nagel und ging mit.

In den Gassen war es schon dämmrig, ein steter feiner Regen fiel und schien das Leben in der Stadt langsam auszulöschen. Kein Fuhrwerk rasselte, es bellte kein Hund und nur ab und zu hastete jemand mit aufgespanntem Schirm eilfertig vorbei, den Rockkragen emporgestülpt und die Hosen unten aufgekrempelt, ohne das seltsame Paar zu beachten. Die Frau schritt unbekümmert um den Regen, der ihr ins Gesicht schlug und Perlen in ihr Blondhaar streute, rasch vorwärts. Ihr Kleid knisterte und rauschte über das nasse Pflaster, sie raffte es nicht, hätte auch keine Hand hiezu frei gehabt, denn mit der Rechten hielt sie das Taschentuch vor die Augen, während sie die behandschuhte Linke leicht auf Fritzens Arm legte, als fürchtete sie, er könne ihr noch im letzten Augenblick davonlaufen. Die Sorge war unnötig. Nun er sich einmal entschieden hatte, war zugleich auch jene ruhige Entschlossenheit über ihn gekommen, mit der er stets an die Verwirklichung seiner Vorsätze zu schreiten pflegte. Und wenn sich auch bisweilen mitten in der Ausführung seine noch nicht gefestigte Jugend aus der Bahn drängen ließ, früher oder später vollendete er doch immer, was er sich vorgenommen hatte.

Die schlanke Frau an seiner Seite begann zu sprechen. Erst leise und zögernd, als schämte sie sich. Bald aber vergaß sie die Zurückhaltung, ging aus sich heraus und redete sich das Leid vom Herzen herunter, wie wenn sie sich einem langjährigen älteren Bekannten anvertraute und nicht dem blutjungen Schüler, der trotz seiner Größe im Schultermaß nur wenig höher als sie auf langen Beinen nebenher lief, den Blick geradeaus gerichtet und die Hand zur Faust geschlossen.

Was sie sagte, war nichts anderes als die alte Klage der Mütter heranwachsender Söhne. Aber sie gab nicht dem Sohne schuld, daß er ihr Sorgen mache, sondern sich selbst und quälte sich mit harten Zweifeln, daß sie ihn vielleicht in seiner Entwicklung durch eine fehlerhafte Erziehung verpfuscht oder nicht die Fähigkeit gehabt habe, den sonderbaren Knaben zu verstehen und sicher über die Schwelle der Kindheit hinüberzuleiten.

Seine Begabung, sagte sie, sei ungewöhnlich, reich und vielversprechend seine Anlagen. Aber ihr Mann halte von solchen Sachen nichts und sie, die Mutter, habe vieles, das ihr notwendig schien, unterlassen müssen, um das väterliche Ansehen nicht zu untergraben. Bei dieser zwiespältigen Führung sei der Junge ratlos geworden, sei noch immer unselbständig und unfrei und beuge sich zu sehr vor einem fremden Willen. Am meisten aber betrübe sie seine Art, mit den kleinen Leuten umzugehen, mit Dienstboten, Bettlern und Landstreichern. Überzart und vorsichtig wie mit rohen Eiern, verlegen und schüchtern wie ein Bittender, wo er befehlen sollte -- immer in der Sorge, ja niemandem weh zu tun. Denn er achte das Menschentum auch in seiner erbärmlichsten Fratze, aber -- und das sei ihr Kummer -- darüber vergesse er sein eigenes, lasse sich ausbeuten und habe schon mehr als einmal freiwillig die Strafe auf sich genommen, die ein säumiger Laufbursche oder ein naschhaftes Stubenmädchen verdienten.

Die Sprecherin holte tief Atem und fuhr leidenschaftlich fort: „Mein armer Heinz hat den Mut zum Leiden und Schweigen, aber keinen Willen zur Tat! Drum reißt’s ihn so zu Ihnen! Weil Sie haben, was ihm mangelt! Er schwärmt für Sie, ist einfach in Sie vernarrt! Das hat er mir zwar nicht gesagt, aber ich weiß es doch! Ich kenn’ ihn ja durch und durch -- aber nur so, wie Schätze in einem Glaskasten. Ich hab’ keinen Schlüssel, kann nicht zu ihm, ohne eine Scheibe zu zerbrechen. Sie aber könnten es ... Wenn Heinz am Leben bleibt -- er wird -- er muß! -- dann ... nicht wahr, -- Sie werden sein Freund! Er braucht einen starken Menschen, an den er sich klammern, aufrichten, emporranken kann! Der ihn lehrt, auf den eigenen Füßen zu stehen und eine eigne Meinung nicht bloß zu haben, sondern auch durchzusetzen! Dann versprech’ ich mir viel von ihm! Nicht wahr, Sie werden ...?“

In banger Erwartung streckte sie ihm die Hand hin. Doch er schlug nicht ein. Wohl war er mit wachsender Teilnahme ihrem Reden gefolgt, das ganz neue Gebiete vor ihm aufschloß. Hatte die hohe Auffassung einer gewissenhaften Mutter von ihren Pflichten gegenüber dem Kinde mit immer heißerer Ergriffenheit wahrgenommen und über Worte gestaunt, die er niemals einer Frau zugetraut hätte. Aber er war seines Vorsatzes, nie zu lügen, eingedenk und antwortete mit jener ungelenken Rauheit, die bei ihm stets herhalten mußte, wenn er weich zu werden drohte: „Wart ist mir fremd. Ich kann gar nichts versprechen.“

Die Frau ließ mutlos den Kopf hängen. Fritz kam sich wie ein Verbrecher vor, als er den leidvollen Ausdruck ihres Gesichtes wahrnahm. Wie aus einer anderen, lichteren Welt erschien sie ihm, die Verkörperung alles Lieben, Zarten, Gütigen. Eine warme Welle flutete in ihm empor. Am liebsten hätte er ihre Hände gefaßt und um Verzeihung gebeten, daß er ihr weh tat. Aber er biß nur die Zähne zusammen und verdoppelte den Schritt, so daß sie ihm kaum nachkommen konnte.

„Seien Sie wenigstens freundlich zu ihm!“ bat sie.

Und er darauf: „Ich bin kein Lausbub!“

Nun standen sie vor dem alten Bürgerhause auf dem Marktplatz, das mit Erkern und Simsen und Vorsprüngen, mit Luken, Giebeln und steilen Dachflächen düster und massig in die Luft hineinwuchs. Kisten und Fässer und Ballen und Tonnen türmten sich allenthalben im wölbigen Flur, lagen im breiten Stiegenhaus und verengten die kühlen Korridore, überhuscht von den spärlichen Reflexen schwelender Kerzen hinter verstaubten Gläsern.

Polternd klangen die Schritte der beiden im Hinansteigen über die bequeme Holztreppe. Nun hielten sie vor der hohen dunklen Wohnungstür, ein Dienstmädchen öffnete, und sie traten ein. Flüsternd erkundigte sich die Frau nach dem Befinden ihres Kindes und erhielt befriedigende Auskunft. Da öffnete sie eine zweite Tür, winkte Fritz, daß er ihr folgte und schritt durch ein unbeleuchtetes Zimmer mit weitem Raum. Undeutlich hoben sich die Gegenstände aus dem schwachen Lichtschein, den die Straßenlaternen zu den Fenstern hinaufsandten, in florigen Teppichen versank der Fuß, und leis klirrten ein paar Gläser im altdeutschen Schrein. Hellwig tastete sich durch mit vorgestreckten Händen, stieß an einen Stuhl. Da drehte sich wieder eine Tür geräuschlos in den Angeln und ein grün gedämpftes Lampenlicht quoll durch den Spalt.

Sie waren im Krankenzimmer. Mit der Schmalseite an die Wand gerückt, von den drei anderen Seiten frei zugänglich, schob sich ein breites Eichenbett bis in die Mitte des Gelasses. Darinnen war, fast so weiß wie die Kissen und Linnen, ein mageres Antlitz sichtbar, von einem dichten Kranz tiefschwarzer Haare eingefaßt und von zwei mächtigen dunklen Augen überleuchtet, die es ganz beherrschten und noch abgezehrter erscheinen ließen.

Frau Wart war sofort bei ihrem Sohne.

„Wie geht’s dir, mein Junge? Hast du auch brav geschlafen?“ fragte sie und war prächtig anzusehen in der wohltuenden und beruhigenden Heiterkeit, hinter der sie alle ihre angstvolle Sorge barg. Der Kranke gab keine Antwort, sondern schaute mit seinen glänzenden Fieberaugen an ihr vorbei auf Fritz, der stumm unter dem schweren Türvorhang stand. Sie bemerkte den Blick, nickte ihm zu und lächelte: „Ist’s dir recht? Du hast ihn ja haben wollen.“

Da stieg ein sachtes Wellchen Blutes in das eingefallene Gesicht, leuchtete durch die Haut und warf einen zartroten Schein darüber.

„Guten Abend, Hellwig,“ sagte er leise und ließ die Augen nicht von ihm.

Nun kam Fritz näher, hielt am Fußende des Bettes und sagte: „Servus, Wart! Was treibst du denn für Geschichten? Krank sein -- das gibt’s doch nicht! Sieh lieber, daß du bald wieder ins Französisch kommst.“

Die Mutter tat einen tiefen, freien Atemzug. Sie hatte heimlich vor diesem Zusammentreffen gebangt, hatte gefürchtet, daß Hellwigs kantige Art den Kranken verletzen und aufregen könnte. Nun sah sie den warmen Blick, hörte den herzlichen Klang der vor kurzem noch so trotzig rauhen Stimme und schämte sich im stillen ihrer argen Meinung.

„Bleib nur liegen, du!“ flüsterte sie beglückt und drückte ihren Jungen, der sich aufrichten wollte, in die Kissen zurück. „Herr Hellwig setzt sich zu dir, da könnt ihr reden ... aber nicht zu lang, nicht wahr?“

Bittend schaute sie den Besucher an und wies auf einen Stuhl neben dem Lager.

„Ich könnt’ ebenso gut stehen!“ entgegnete Fritz wieder kalt abweisend. Als er jedoch die ängstlich-erwartungsvolle Miene des andern sah, verstummte er und setzte sich.

Geräuschlos glitt die Frau aus dem Gemach. Im dunklen Nebenzimmer verließ sie die mühsam behauptete Fassung. Sie hatte Hellwig auf ihre eigene Verantwortung herbeigeholt, versprach sich davon eine raschere Wendung zum Gesunden. Wenn nur, ach, wenn nur endlich alle Gefahr vorüber wäre! Und die Sorge um das Leben des Kindes senkte sich wieder schwer und lautlos auf das blonde Haupt, die schlanken Schultern und drückte sie nieder. Wie unter eine wuchtende Last geduckt, stand sie ohne Regung und versuchte mit beiden Händen das übermächtig schlagende Herz zu halten. --

„Was willst du von mir?“ fragte Hellwig den Kranken. Der schaute hilflos gegen die Zimmerdecke und dann suchend im Raum umher. Da fiel sein Blick auf einige Bücher, die in grünen Einbänden neben der Lampe und zwischen Arzneiflaschen auf dem Tisch lagen. Wie Erlösung überkam es ihn.

„Mutter hat mir Darwin geschenkt!“ sagte er lebhaft. „Die große Ausgabe. Den mußt du lesen, ich leih’ dir ihn!“

Eine Sekunde nur blickte Fritz in die Augen, die ihm groß und leuchtend entgegenstanden: dann hatte er begriffen. Hatte begriffen, daß hier vor ihm einer seines Wesens lag, gleich scheu und zurückhaltend und zu stolz, um sich aufzudrängen. Und er wußte mit einemmal, daß dieser schmächtige schwarzhaarige Mensch, den er im großen Troß der andern mit übersehen hatte, schon seit langem, heimlich und ohne sich zu verraten, sein Freund war. Und auch er fühlte sich jetzt, da er den Spuren der scharf geprägten Züge in dem geistreichen Antlitz nachforschte, mächtig zu ihm hingezogen. Aber er ehrte das Schamgefühl des andern. Deswegen antwortete er scheinbar ganz gleichgültig auf dessen Anerbieten.

„Du würdest mir damit eine große Freude machen!“ sagte er und nahm eines der grünen Bücher vom Tisch. „Ist’s das hier?“

„Ja. Nimm dir nur gleich ein paar Bände mit.“

„Einer genügt vorläufig!“ entgegnete Hellwig kurz und erhob sich.

„Du gehst schon?“

„Ja!“

„Du kommst aber wieder?“

„Ich werd’ mir doch das Buch nicht behalten!“ knurrte Fritz.

Der Kranke hob die Hand von der Bettdecke und reichte sie ihm wortlos. Fritz nahm sie in seine breite Rechte und hielt sie einen Augenblick fest.

„Gute Nacht, Wart!“

„Gute Nacht, Hellwig!“

Im Nebenraum trat ihm Frau Wart entgegen: „Nun?“

„Ich hab’ mir einen Band Darwin ausgeborgt!“ sagte er unwirsch, hastete an ihr vorbei, durchs Vorzimmer und über die Treppe hinab ins Freie.

3.

Der November war noch nicht zu Ende, da hatte Hellwig sämtliche Schriften Darwins bewältigt. Die Mutter wurde auf sein Treiben aufmerksam und drang nachts in sein Zimmer, wo er vor der Lampe über den Büchern saß. Da schalt sie wegen seines langen Wachens, bat ihn, seiner Gesundheit nicht zuviel zuzumuten und wich erst, bis sie ihn ganz sicher hinter dem Wandschirm in den Federn wußte.

Um ihr Mißtrauen zu zerstreuen, ging er die nächsten Tage früher zu Bett. Dann aber verschaffte er sich ein Zigarrenkistchen, befestigte darin auf dem unteren schmalen Brett eine Kerze, an dem oberen aber, um dessen Anbrennen zu verhindern, einen ausgedienten Topfdeckel und hatte so eine Art Diebslaterne, nach drei Seiten für das Licht abgeblendet. Wenn nun seine gewöhnliche Schlafstunde heranrückte, stellte er dieses Gerät knapp hinter das Buch in der Weise, daß kein Lichtstrahl durch die klaffenden Fugen der Tür in die Küche dringen und der Mutter sein Wachbleiben verraten konnte. Dann löschte er die Lampe, hielt sich still und las beim flackernden Schein der Kerze mit geschnürtem Atem weiter, bis draußen auf der Gasse die ersten Bauernfuhrwerke über das holprige Pflaster rumpelten und der erwachte Lärm dem nahen Morgen vorauslief. Dann suchte er endlich sein Lager und tat hinter bleischweren Lidern einen traumlosen Schlaf, aus dem ihn jedoch meist schon nach zwei, drei Stunden die nichtsahnende Mutter weckte mit der Meldung, daß das Frühstück fertig und es Zeit zur Schule sei.

Unterdessen hatte Warts Genesung rasche Fortschritte gemacht. Er durfte bereits kurze Spaziergänge unternehmen und tat dies mit Hellwig, dessen Seele ihm, nun das Eis einmal gebrochen, offensichtlich zuströmte. Ganz aber fanden sie sich erst an einem frostklaren Dezembertage, als sie nach einem schon längeren Marsch bei Milch und Butterbrot in einem Dorfwirtshaus saßen und von den alten Juden auf die Erlöser und auf den Gottesbegriff zu sprechen kamen.

Sie waren die einzigen Gäste in der niedrigen Stube. Hinter dem Kachelofen hockte zusammengeduckt eine weißhaarige Frau und summte ihrem Enkelkind ein eintönig uralt Wiegenlied zum Schlaf. Die große Stehuhr pochte wie das Herz der Stille, und Heinz Wart sprach: „Darwin ist ein Erlöser und ist auch keiner. Viele alte Götzen hat er zerschlagen, der Verstand mag damit zufrieden sein, aber nicht das Herz. Und mit der Lösung der Frage nach _unserer_ Herkunft ist jene nach der Herkunft unseres Gottglaubens nicht aus der Welt geschafft. Für mich aber bedeutet Gott nichts anderes als das Ideal, nach dem sich jeweils die Menschen gesehnt haben. Den entrechteten Hindukasten von den Sudras bis zu den Tschandalas ist sicherlich die endliche selige Ruhe nach einem Leben der Knechtschaft als das Herrlichste erschienen -- und Buddha hat ihnen das Nirwana gegeben. Bei den alten Deutschen hast du Freude am Kampf und Zechgelag und hast du kriegsgewaltige Schlachtengötter und reisige Jungfrauen, die die Helden nach Walhall zur Metbank bringen. Dem Schwärmer von Nazareth aber ist der Mensch selbst zum Ideal geworden. Darum ist sein Gott ein Menschengott, der alle unsere Tugenden und Fehler, Milde und Härte, Erbarmen und Grausamkeit, opferfreudigste Hingabe und starrste Ichsucht, zum höchsten Maß gesteigert, in sich vereinigt. Und weil dadurch Gott den Menschen so nahe gerückt wurde, haben sie sich ihm so bereitwillig zugewendet. Denn in ihm beten sie ihr Menschentum an, und sie lieben sich selber in ihrem Gott. Und die Reformationen sind nichts als Versuche gewesen, den lieben alten Menschengott umzumodeln, damit er zu den neuen Menschen mit ihren neuen Anschauungen wieder passe. Und wenn wir jetzt gegen den Druck verjährter Dogmen knirschen, so beweist das für mich nichts anderes, als daß unsere Zeit abermals reif geworden ist für eine neue Sehnsucht. Aber wir wissen noch nicht, wo sie wohnt und kennen den richtigen Weg nicht zu ihr, lassen uns leicht irreführen durch die Lockungen falscher Propheten. Nietzsche ist für mich ein solcher. Ich bewundere die rauhe Kühnheit und empöre mich über die wahnwitzige Überhebung, mit der er das Ich zum Gott machen will. Freilich, _die_ Ausgestaltung wäre logisch. Vom Weiteren zum Engeren, vom Kreis zum Punkt. Nach dem Menschen als Gattung der Mensch als einzelner. Jeder einzelne sich selbst Gesetzgeber und Richter und Rächer des eigenen Gesetzes. Jeder sich selbst Gott. Oder Schöpfer seines Gottes: des Übermenschen. Aber ...“

Er atmete tief auf und schwieg. Von der untergehenden Sonne kam ein seltsam rötlicher Schein in die Stube, alle Gegenstände ertranken in einem ungewissen Zwielicht, und nur vor den winzigen Fenstern stand noch hell und durchsichtig die Luft wie ein unbewegtes, zartpurpurnes Meer.

Mühselig erhob sich die gebeugte Greisin von der Ofenbank und wollte die Lampe anzünden. Aber Fritz winkte ab: „Lassen Sie nur, wir bleiben ganz gern im Dunkeln.“

Dann war wieder Schweigen. Das Kind schlief in der Wiege. Eine graue Katze strich mit gehobenem Schweif und gekrümmtem Rücken unhörbar um ein Stuhlbein, immer rundum, rundum. Und das verhuzelte Weibchen beim Ofen ließ den Kopf tief und tiefer sinken und schlief allmählich ein.

Mit hämmerndem Herzen saß Fritz und starrte aufgeregt nach dem unscheinbaren Menschen neben sich, dessen Antlitz weiß aus dem Dämmer herausleuchtete. Was er da gehört hatte, war mehr als zusammengelesene Weisheit, waren selbständige Ideen, die seine Seele mitschwingen machten. Und er kam sich klein vor, fühlte seine Unfertigkeit und wie wenig er wußte. Und plötzlich kam ihm die blonde Frau wieder in den Sinn, die an jenem Regenabend mit rauschenden Gewändern neben ihm gegangen. Das drohte die Weihe der Stunde zu stören. Er legte die Hand auf den Schenkel des Freundes.

„Weiter, Heinz! Was ist’s mit dem Aber?“

Wart zuckte auf und schaute ihn mit leeren Augen an, als hätte er alle seine Gedanken auf weite Wanderung geschickt und müßte erst warten, bis sie sich wieder zurückfanden. Dann sagte er, den Kopf in die Hand gestützt und den Blick immerfort auf die Tischplatte vor sich gerichtet, sagte ganz leise, wie aus einem Traum heraus:

„Auf dem rechten Weg zur neuen Sehnsucht scheinen mir trotz allem doch die Jakobiner gewesen zu sein, und Maximilian Robespierre, der Tauben züchtete und Menschen mordete, hat es oft genug ausgesprochen: ‚Wir wollen die Wünsche der Natur erfüllen und die Bestimmung der Menschheit erreichen: den friedlichen Genuß der Freiheit und Gleichheit, ein Reich der ewigen Gerechtigkeit. Wo der Bürger der Obrigkeit und die Obrigkeit dem Volke dient und das Volk der Gerechtigkeit. Wo die Künste der Schmuck der Freiheit sind, der Handel die Quelle des öffentlichen Reichtums und nicht der ungeheuerlichen Wohlhabenheit einzelner Häuser. Schrecker der Unterdrücker wollen wir sein und Tröster der Unterdrückten und statt der Kleinlichkeit der Großen wollen wir die Menschengröße.‘ -- Das geht zwar schnurstracks gegen den Kampf ums Dasein des Individuums, aber trotzdem glaube ich, daß darin unser Heil für die Zukunft liegt. An Stelle des Menschengottes möchte ich das Menschentum setzen und gegen die Forderung: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘ die Formel: ‚Hilf deinem Nächsten wie dir selbst!‘ ... Die Menschheit zur Freiheit führen, den Elenden und Gequälten ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen ihr Recht auf Glück zurückerobern, das jeder schon hier auf Erden für sich fordern darf kraft seines Menschentums -- es ist ein Ziel, wohl wert, sein Leben dafür aufzuwenden ...“

Er hatte sich in Begeisterung hineingesprochen, sprang auf und stand mit geröteten Wangen aufrecht da, ein heiliges Feuer in den Augen. Da war auch schon Fritz neben ihm, riß ihn an sich und sagte mit erstickter Stimme: „Heinz -- Freund -- Bruder ... unser Leben ... wir wenden’s dran ...“

Nun ward es ihnen zu eng in der Stube. Sie brachen auf und schritten Schulter an Schulter unter einem klaren Sternenhimmel heimwärts. Und während sie so gingen, mußte Fritz abermals an Frau Wart denken und empfand einen dumpfen Groll, daß sie ihren Wunsch erfüllt und ihn als Freund ihres Sohnes sehen sollte. Und gleichzeitig stemmte er sich gegen dessen frühe Reife und den Einfluß, den sie auf ihn zu gewinnen drohte. Seine Stimme klang beinah feindlich, als er jetzt sagte: „Woher nimmst du eigentlich das alles?“

Da seufzte der andere leise und erwiderte: „Mein Gott, man sitzt nicht umsonst mit einundzwanzig Jahren erst in der Septima!“

„Du bist schon so alt?“ fragte Fritz erstaunt. Denn Wart sah mit seinem bartlosen blassen Gesicht und der schmächtigen Gestalt kaum siebzehnjährig aus. Nun nickte er: „Jawohl -- sogar bald zweiundzwanzig. Im Frühjahr muß ich schon das drittemal zur Stellung. Hoffentlich ist meine Brust noch immer für den Rock des Kaisers zu schmal. Sonst wär’s gefehlt, weil ich ja noch nicht das Einjährigenrecht hab’.“

„Ja, aber ...?“