Part 10
Nun war da unter den Freisinnigen ein Hochschulprofessor, der in seiner stillen Gelehrtenstube ein fleißiges Arbeitsleben führte, in bescheidener Zurückgezogenheit seiner Wissenschaft lebte und von vielen übersehen oder wenig beachtet wurde, weil er jedem Hervortreten fast ängstlich auswich. Um so größeren Eindruck machte es, als er sich jetzt unter dem Zwang einer ehrlichen Entrüstung zur ganzen Höhe seiner hageren Gestalt erhob und die Erregung hinter einer trockenen Knappheit bergend, mit dürren Worten darlegte, was nach seiner Ansicht zur Abwehr weiterer Drangsal und zur Sühne der erlittenen Unbilden fürs erste zu geschehen habe. Über seine Anregung wurde an den Ministerpräsidenten ein Telegramm abgesendet, worin der kalte Stolz gekränkten Rechts sofortige Abhilfe forderte, wenn es nicht zur Selbsthilfe kommen sollte. Dann begab sich eine Abordnung zum Statthalter und verlangte Schutz und entschiedenes Eingreifen.
Jetzt endlich wurde der Belagerungszustand über die aufgestörte Stadt verhängt und binnen kurzer Frist eine halbwegs erträgliche Ordnung hergestellt.
Durch diese Ereignisse wurde Fritz gegen Wunsch und Absicht in den Wirbel der nationalen Bewegung mit hineingerissen. Seine zupackende Handgreiflichkeit gegen den Ziegelwerfer hatte ihn bekannt gemacht. Er wurde als Vertreter der Finkenschaft in die Abordnung gewählt, und da es den Kampf gegen eine Ungerechtigkeit galt, sagte er nicht nein. Die vollwertige Persönlichkeit jenes Universitätsprofessors aber nahm ihn rasch gefangen, war mit ihrer ehrlichen Begeisterung und Besonnenheit ganz darnach angetan, den unberatenen Jüngling in der Ansicht zu bestärken, daß hier um ein Menschengut gekämpft werde, das auch tüchtigen und reifen Männern kostbar sei. Darum legte er sich unbesinnlich mit voller Kraft ins Zeug und gab sein Bestes her, um den überkommenen Auftrag ehrenvoll zu bestehen und dem Volke, dem er angehörte, nützlich zu sein, soweit er das als halbfertiger und unerfahrener Schüler vermochte. Doch fand er trotz allem in dieser Tätigkeit keine volle Befriedigung, spürte vielmehr ein vages Unbehagen, ohne die Quelle zu kennen, aus der es floß.
4.
Während der zwei Sturmtage hatte auch Pichler die Wohnung nicht verlassen. Doch hielt er sich nicht in seiner eigenen Stube auf, in die leichtlich von der Gasse ein Stein hätte fliegen können, sondern vertrieb sich im Hofzimmer die Zeit, so gut es ging, indem er mit der Wondra Mühle spielte, meistens aber rauchend mit gekreuzten Beinen im Lehnstuhl des Astronomen saß und nicht zum Hradschin, sondern den Leuten des gegenüberliegenden Hauses in die Fenster schaute. Das behagte ihm je länger, je besser, da es zumeist dienstbare weibliche Wesen waren, die er zu Gesicht bekam und die in hofseitigen Küchen und Kammern tagsüber mit den Hausfrauen um die Wette geschäftig sich regten, in einsamer Frühe mit Hemd und Unterrock bekleidet sich die Haare ordneten und abends auch noch die Röcke auszogen, um sich rasch zu reinigen, bevor sie die Lämpchen verlöschten.
Die Wondra störte ihn nicht in diesem beschaulichen Treiben. Wohl hockte sie rauchend, schwatzend und strickend im selben Zimmer, aber sie schaute meist auf den Wollschlauch, der unter den klappernden Nadeln zusehends wuchs und hatte durchaus nicht acht, wohin unterdessen ihr Mietsmann die Blicke wandern ließ.
Von den Vorfällen der letzten Tage wußte sie die übertriebensten und blutrünstigsten Geschichten zu erzählen, mit einer Anschaulichkeit, als wäre sie überall mit dabeigewesen. Dazu lebte sie in der beständigen Angst, daß auch ihr die Stuben geplündert werden könnten, weil sie Deutsche beherbergte; deswegen begab sie sich sehr zeitig zu Bett, als ob, wenn _sie_ schlief, auch alle anderen das gleiche tun und sie in Ruhe lassen müßten. Vorher jedoch verwahrte sie ihre Wohnung auf das sorgsamste, und Pichler mußte ihr jeden Abend beistehen, wenn sie den Eingang mit dem Küchenkasten verrammelte und zur Sicherheit noch ein paar Sessel darauftürmte. Erst dann kroch sie beruhigt in die Federn, während Otto, nunmehr mit einem Fernrohr des Sternguckers, wieder im Lehnstuhl Platz nahm, zuvor aber die Lampe zurückschraubte, um zu verhüten, daß die ahnungslosen Mägde ihn erblickten und durch Herablassen der Rollvorhänge dem angenehmen Schauspiel ein Ende machten.
Von Fenster zu Fenster ließ er sein Perspektiv wandern, und da bemerkte er in einem hellen Kämmerlein auch ein junges Frauenwesen, das dort an der Nähmaschine saß und unablässig weiße Leinwandflächen unter die Nadel schob. Ganz deutlich sah er das reine Profil und den nackten, schlanken Hals, der sich in einer anmutigen Linie hinter der Hausjacke verlor, alles vom Lichte der seitlich stehenden Lampe voll beleuchtet. Das gefiel ihm aus der Maßen wohl.
Am nächsten Morgen erwachte er erst spät. Sein erster Blick galt wieder jenem Fenster; da stand die fleißige Näherin im geöffneten Rahmen fertig angezogen und beutelte aus einem Flanelltüchlein eine Wolke Staubes in die Luft hinaus. Wie ein freundliches Winken war das, und Otto winkte zurück, indem er lächelnd die Hand gegen das Fräulein bewegte. Darüber erschrak dieses ein wenig, betrachtete aber den hübschen Jungen mehr erstaunt als entrüstet. Nun wagte er es und warf eine Kußhand hinüber. Sie lachte ein ganz kurzes Lachen in hohen Kehltönen, nickte, drehte sich auf dem Absatz herum, und ihr Rocksaum wehte, während sie im Dunkel des Zimmers verschwand. Aber nach einer Weile kam sie wieder und blieb jetzt schon länger beim Fenster.
Schimmernde Fädchen spannen sich, von einem Fenster zum andern zogen sie sich wie helle Seide oder leichte Sonnenstrahlen, auf denen die verliebten Jugendgeisterchen ein lustiges Seiltanzen begannen mit halsbrecherischen Sprüngen und Nicken und Neigen. Zag oder mutig, ängstlich oder keck trippelten, tollten sie hinüber, herüber, bis hinter der lichten Mädchengestalt eine rundliche Frau mit gestrenger Miene auftauchte, worauf die männliche Geisterschar kopfüber in den Hof purzelte, die weibliche aber in den tiefblauen Winterhimmel hinein lachend davonschwebte.
Es war, wie Otto gleich vermutet hatte und von der Wondra bestätigt erhielt, die Mama gewesen. Die Wondra wußte auch, daß sie einen kleinen Postbeamten zum Mann und zwei Töchter besaß. Die ältere sollte in einigen Wochen Hochzeit machen und ließ sich, während sie mit Eltern und Bräutigam bei Freikonzerten und in Vergnügungslokalen ihre abendliche Unterhaltung suchte, von der jüngeren Schwester, der braven Helenka, die Aussteuer fertig nähen.
Pichler wich den ganzen Tag nicht von seinem Lauscherposten und nahm sich kaum zum Essen Zeit. Indes zeigte sich die Helenka erst abends wieder in jenem Gemach, und mit verliebten Augen betrachtete er die runde Anmut ihrer Bewegungen, wie sie flink und leicht in dem Leinwandhaufen herumwirtschaftete. Er nahm die Lampe und stellte sie beim Fenster so auf, daß ihr Schein auf ihn fallen mußte. Dann warf er wieder eine Kußhand hinüber. Da ließ sie die Hände in den Schoß fallen, lehnte sich in dem Stuhl zurück und lachte ausgelassen. Er lachte auch, winkte und verneigte sich. Sie winkte wieder, war blutrot und lachte fort, bis sie plötzlich ihre Arbeit zusammenpackend, nun ihrerseits die Hand an die Lippen legte und mit den geküßten Fingerspitzen durch die Luft fuhr, worauf das Licht blitzschnell erlosch.
Mit glänzenden Augen schaute Otto auf das dunkle Fenster, rieb sich die Hände, schnippte mit den Fingern und freute sich unbändig. Doch hinderte ihn das nicht, nachher andächtig dem Treiben der schläfrigen Mägde zuzusehen und hierauf selbst einen gesunden Schlaf zu tun, den vergnügliche Träume begleiteten.
Durch ein lautes Krachen wurde er mitten in der Nacht unsanft geweckt. Gleich darauf kam die Wondra im Barchentunterrock mit einem Angstgezeter in sein Zimmer gestürzt. Denn sie vermutete nichts anderes, als daß ihre Landsleute bei ihr einbrechen und für den Volksverrat Rache nehmen wollten. Auch Otto mochte Ähnliches erwarten und machte ein bängliches Gesicht. Da erhob sich draußen mächtiger Gesang: „Raus da! Aus dem Haus da! Rrraus! Rrraus! Rrrraus!“
Karg, König, Fundulus und Hellwig waren heimgekehrt und hatten sich, da die Tür nicht nachgeben wollte, mit vereinten Kräften dagegen gestemmt, so daß die Stühle polternd von dem Küchenkasten fielen und dieser selbst ins Wanken kam. Nun verwandelte sich das Angstgezeter der Witwe in einen Freudenlärm. Trotz der ungewöhnlichen Stunde wollte sie zur Feier der glücklichen Wiedervereinigung ein kleines Gelage veranstalten bei schwarzem Kaffee mit Rum und bei Flaschenbier, das sie in der kühlen Jahreszeit stets in genügender Menge vorrätig hielt. Die Studenten jedoch wollten erst wieder einmal ordentlich ausschlafen, bedankten sich und vertrösteten die unternehmende Kostfrau auf eine gelegenere Zeit. Ungern gab sie nach, wünschte zuvor wenigstens noch die Erlebnisse ihrer Mieter sogleich zu erfahren und ermüdete nicht im Fragen, bis Karg die wohlbeleibte Dame nicht gerade sanft in ihre Kammer zurückbeförderte und die zugeschlagene Tür den rauschenden Redeschwall vorläufig staute.
Weniger als die Hauswirtin war Pichler über die Ankunft der Stubengenossen erfreut, weil dadurch das begonnene Schäferspiel unliebsam gestört wurde. Indes, die Sache war bereits eingefädelt und spann sich ohne Schwierigkeiten weiter. Am nächsten Vormittag erwartete er die Helenka bei ihrem Haustor und hatte die Genugtuung, daß sie ihn erkannte und im leichten Schreiten mehrmals zurückblickte, ob er ihr nachfolgte. Dies tat er denn auch in angemessener Entfernung. Nun er sie im Straßenkleid sah, erschien sie ganz anders und gefiel ihm fast noch besser. Sie war ziemlich groß, von reichen, vollen Formen, die durch ein straff gezogenes Mieder unter einem kurzen Jäckchen und einem knappen Rock ohne Falten aufs günstigste zur Geltung gebracht oder vielmehr diskret unterstrichen wurden. Eine weiße Matrosenmütze, von einem silbernen Pfeil gehalten, saß keck auf einer Fülle dunklen Gelocks, an den leise schaukelnden Hüften wiegte sich ein gewaltiger Henkelkorb im Takte mit. So schritt sie rasch und resch mit schnellen Schritten vor ihm her, stramm aufgerichtet und sehr selbstbewußt im Gefunkel ihrer jungen Schönheit.
Als sie ihre Einkäufe besorgt hatte und mit gehäuftem Korbe heimging, fragte Pichler mutig, ob er sie begleiten dürfe. Sie bejahte verlegen. Aber als er sich vorgestellt hatte, begann sie sogleich ein lebhaftes Schwatzen über ihre Näherei, ihre Familie und die bevorstehende Hochzeit, über die winterliche Kälte und über viele andere Dinge in dem kleinbürgerlichen Bestreben, das Gespräch nicht ins Stocken geraten zu lassen. Fast ganz allein bestritt sie es, in einem etwas holprigen und mühsamen Deutsch. Aber Pichler fand auch die Fehler reizend, die ohne alle Ziererei neckisch wie Flocken von den schmalen Lippen fielen.
Von nun an traf er sie täglich, einmal am Vormittag, einmal gegen Abend, je nachdem sie Zeit hatte. Die Stunde gab sie ihm bekannt, indem sie dicke Ziffern mit Tinte auf Papierblätter malte und gegen die Fensterscheiben hielt.
Die Stadt hatte wieder ihr gewöhnliches Aussehen, die Erregung schien verbraust, friedlich bewegte sich jede der feindlichen Nationen auf ihrem Bummel, die Deutschen auf dem Graben, die Tschechen auf dem Roßmarkt und in der Ferdinandsstraße. Otto zeigte sich mit Helenka bald da, bald dort, und je nachdem, wo sie gingen, sprach er deutsch oder böhmisch mit ihr. Denn er hatte sie gebeten, ihm in der Erlernung der zweiten Landessprache behilflich zu sein, und so war dieser Liebeshandel nicht nur reizvoll, sondern auch praktisch.
Sie war eine Vollblut-Tschechin und machte kein Hehl aus ihrer Gesinnung, was sie aber nicht hinderte, auch an hübschen deutschen Männern Gefallen zu finden. Doch war ihre Gunst nicht leicht zu erringen, denn sie war sich ihrer Schönheit voll bewußt und konnte wählerisch sein, weil sie von vielen umworben wurde. Am wenigsten verfingen Schmeicheleien bei ihr, da sie solche schon bis zum Überdruß zu hören bekommen. Das hatte Pichler bald weg und änderte im selben Augenblick von Grund aus seine Kriegskunst. Er wurde kurz angebunden, derb, sogar grob. Alles, worauf sie Wert legte oder sich was einbildete, setzte er herab, mäkelte daran und tadelte es, wählte aber seine Ausdrücke derart bedachtsam, daß er immer nur eine allgemeine Ansicht zu äußern schien. Erzählte sie, stolz auf ihre prächtige Büste, daß sie auf dem letzten Ball ein ausgeschnittenes Kleid nur mit Armspangen getragen und was für Aufsehen sie erregt habe, tat er höchst gleichgültig und bemerkte nur beiläufig, er habe einmal aus einem ähnlichen Anlaß mit einem Mädchen sich überworfen, das er gleicherweise, wie es ihn, sehr gut leiden mochte. Er habe damals mit der Schönen nicht ein einziges Mal getanzt, und als sie Aufklärung verlangte, habe er ihr nur kurz geraten, sie möge auf den Markt gehen und sich dort ausstellen; er werde sie begleiten und wie ein Pferdehändler die gediegene Wölbung der Brust anpreisen, die tadellosen Arme, Schenkel und so weiter. Er habe sich nicht anders helfen können damals, denn diese Schaustellung der Reize sei ihm widerlich gewesen, und gewohnt, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu halten, habe er eben klipp und klar herausgesagt, was er sich dachte.
Danach hatte die Helenka auf dem ganzen Heimweg kein Wort mehr geredet, aber er war dennoch mit seiner Erfindung und ihrer Wirkung sehr zufrieden. In der Tat blieb diese Art des Umgangs nicht ohne Eindruck bei einem Mädchen, das zwar schön und im Plaudern gewandt, sonst aber just kein Kirchenlicht war. Bald war ihnen der Bummel zu belebt, sie mieden ihn und suchten einsamere Gassen, wo es die Helenka schweigend litt, daß er ihren Arm packte und mit hastiger Zärtlichkeit an sich drückte. Und einmal, als sie von einem ernsten Bewerber erzählte, der auf der Bildfläche erschienen war, riß er sie heftig an sich. „Helenka, so lasse ich dich keinem andern!“ Mitten auf der Gasse küßte er sie und kümmerte sich nicht um ihr Sträuben und nicht um die Leute.
Von nun an trugen sie das heimliche Sehnen ihrer klopfenden Herzen in noch größere Abgeschiedenheit. Eng aneinander gedrängt gingen sie längs des Moldauufers spazieren, über einen weiten ebenen Plan, wo das geflößte Brenn- und Bauholz aus dem Böhmerwald aufgestapelt war. Gute Verstecke gab es hier, die zu Raummetern geschlichteten Scheite waren wie Mauern und die glatten Stämme der toten Waldriesen wie Bänke. Ganz dunkel war es und nichts war hörbar, als das Glucksen und Plätschern, wenn eine stärkere Welle gegen das sandige Ufer schlug. In der Ferne blitzten die Lichter der Stadt und lagen in gelben Streifen über den schwarzen Fluten, ein schrilles Läuten der Straßenbahn kam herüber, eine Turmuhr schlug mit langsam verhallendem Klang -- dann war wieder nichts als das dumpfe Rauschen im Fluß. Als wären sie beide allein auf der Erde, so war das und so gab sich die Helenka dem Werbenden. Sie tat es ohne Lüsternheit oder Neugierde, als schenkte sie ihm nur, was ihm gebührte, weil es für ihn allein in dieser dunkeln Einsamkeit aus ihrem jungen Herzen emporgewachsen war.
Dann aber starrte sie ihn, die Hände auf seinen Schultern, mit entsetzten Augen an und stieß ihn wild von sich.
„Mein armer Vater!“
Ganz klanglos sagte sie das und wiederholte es mehrmals und wimmerte leise.
Otto stand ratlos und wußte nicht, wie er sie beruhigen sollte. Sie tat ihm nicht so sehr leid, er war mehr ungehalten, daß sie ihm jetzt diese Szene machte und die Freude verdarb. Plötzlich aber erhob sie sich mit einem entschlossenen Ruck und drückte sich unter der runden Mütze das Haar an den Schläfen zurecht. „Komm!“ sagte sie nur und schritt ohne Aufenthalt schnell gegen die Stadt. Sie weinte nicht mehr, aber sie sprach auch nicht. Stumm ging sie neben ihm her. Manchmal atmete sie in ihr Taschentuch und preßte es an die geröteten Lider, um die Spuren der Tränen auszutilgen. Aber durch die Stadt schritt sie wieder ganz aufrecht, mit frei erhobenem Kopf und wagerechtem Kinn. Otto wollte etwas sagen. Mit einer heftigen Handbewegung winkte sie ihm Schweigen. Sie wollte nicht gestört sein in dem Belauschen ihrer aufgeschreckten Seele und dem staunenden Hineinhorchen in den Aufruhr des Blutes. Beim Haustor neigte sie flüchtig den Kopf und schritt rasch und fest hinein, ohne ein Wort oder Lächeln zum Abschied.
Er atmete auf. Seiner jubelnden Siegerfröhlichkeit war der stumme Heimweg zur Qual geworden. Alles in ihm drängte nach lauter, lärmender Freude. Und statt dieser Luft machen zu dürfen, hatte er mit einer Leichenbittermiene neben ihr hergehen und seufzen müssen, wo er jauchzen wollte. Er lief mehr als er ging in die Herminonenkneipe, trank dort, sang und schwärmte übermütig mit den Füchsen bis zum Morgengrauen.
Am nächsten Vormittag stand die Helenka wieder beim Fenster und kündete mit ihren Tintenziffern die Stunde des Stelldicheins. Und von nun an war alles gut, und sie war lustig und fügsam und sehr verliebt.
5.
Das Wintersemester war vorüber. Fritz war wenig vorwärts gekommen. Durch den Verkehr mit den Studenten war er einem gelinden Trinken anheim gefallen und der Gewohnheit, abends lang im Wirtshaus zu sitzen. Anfangs hatte er sich Vorwürfe gemacht und zu bremsen versucht. Aber da kamen ihm die Bekannten auf die Bude gerückt, und notgedrungen mußte er als ihr Vertrauensmann mithalten. Später schwächte der reichlichere Genuß des Alkohols seine Widerstandskraft, das Trinken wurde ihm sogar Bedürfnis, um die Lustlosigkeit zu bannen, in der er jetzt wie in einer halbhellen Dämmerung lebte. Er ging spät zu Bett und stand mit wüstem Kopf spät auf, fühlte sich müde, leer, unzufrieden und konnte sich doch zu keiner ernsten Arbeit zusammenraffen, ließ vielmehr den Herrgott einen guten Mann und fünf gerade sein.
Seine Barschaft schmolz bei diesem Leben rasch. Während Otto schon drei Mittelschülern Nachhilfeunterricht erteilte, war es ihm bisher nicht geglückt, Ähnliches aufzutreiben. Überall wurde er abgewiesen. Der Vermerk auf seinem Zeugnis, daß er vom Neuberger Gymnasium ausgeschlossen worden war, machte fürsorgliche Eltern stutzig; sie wagten nicht, ihm ihre Kinder anzuvertrauen. Und er war zu hölzern und zu stolz, um sein Licht auf den Scheffel zu stellen oder als Vertrauensmann seine Beziehungen zu den Parteigrößen auszunützen. Da las er in einer Zeitung, daß ein Rechtsanwalt einen Schreiber für die Nachmittage suchte. Er bewarb sich um den Posten und erhielt ihn. Das brachte ihn noch mehr aus der Bahn. Trüb und trostlos eintönig schlichen die Tage neben ihm her, zwischen stumpfsinnigem Wirtshaushocken am Abend und gleichgültiger Mattigkeit am Morgen war einer wie der andere ausgefüllt mit dem Schreiben von Mahnbriefen, Klagen, Pfändungsgesuchen, und alle waren sie verloren.
Hätte er ein gemütliches Daheim oder wenigstens eine ruhige Kammer gehabt, er wäre vielleicht eher aus diesem grauen Netz herausgekommen, in dem er hing wie die Fliege im Spinngewebe und sich wehrlos den Lebensmut austrinken ließ. So aber fühlte er einen Ekel vor dem Treiben der Wondra. Er floh davor und floh vom Teufel zum Beelzebub -- in die Kneipen und Kaffeehäuser. Manchmal kam ihm in diesen jammervollen Monaten der Gedanke an Eva. Aber wenn dieser jemals treibende Kraft für ihn gehabt, so hatte er sie jetzt verloren. Wie wenn einer, der im zähen Moorgrund langsam versinkt, zu einem schönen Stern hinaufblickt und sich denkt: ‚Den siehst du auch bald nicht mehr!‘ -- so war es und machte ihn traurig und jeden Halt nahm es ihm.
Bei den Studenten war er gut gelitten. Er galt als treu und verläßlich, und die trockene Sprödigkeit, die er im Umgang an den Tag legte, wurde von den jungen Leuten als Zeichen männlicher Reife und Wahrhaftigkeit genommen und hochgehalten. Aber je mehr man sich um ihn riß, je scheuer und zugeknöpfter wurde er. Er litt unter diesem Leben ohne Inhalt, das um so leerer wurde, je weiter die hellen Kampftage in die Vergangenheit zurücksanken. Rasch wie die Fehde entbrannt, war sie auch vergessen und die Gegenwart wieder angefüllt mit Kneipen, Nachtschwärmen und Raufereien unter den einzelnen Verbindungen. Und er zechte und schwärmte mit und wenn er noch in keinen Ehrenhandel verwickelt worden war, so hatte er das nur seiner Wortkargheit zu danken.
Schal war das alles, belanglos und nichtswürdig. Aber loskommen konnte er doch nicht.
In die Hörsäle kam er nicht mehr. Er schämte sich, mit schwerem Kopf und stumpfen Sinnen hinzugehen. Statt dessen saß er jetzt auch an den Vormittagen in der Kanzlei. Denn die ungeordnete Lebensweise kostete viel Geld, und schon gab er täglich mehr aus, als er, das Erworbene eingerechnet, verbrauchen durfte. Vom Bureau ging er ins Kaffeehaus, wo er die Tagesblätter und sämtliche ernstere Zeitschriften las, deren er habhaft werden konnte. Gewöhnlich blieb er dort bis spät abends, begab sich dann in eines der Studentenwirtshäuser. Er brachte es nicht über sich, bei der Wondra das Nachtmahl zu nehmen. Sie rechnete auch bei der Zubereitung nicht mehr mit ihm, aber den Kostpreis setzte sie ihm deswegen doch nicht herab.
Dann kamen wieder Abende, an denen es ihm einfach unmöglich war, ein menschliches Gesicht zu sehen. An denen er die Kneipen mied und trotz Frühlingswind und Regenwetter im Freien sich herumtrieb. Den Radmantel um die Schultern, lief er pfadlos am Strand der Moldau herum. Das aufgeweichte Erdreich klebte in Klumpen an seinen Sohlen und machte sie schwer, unter seinen Tritten spritzte ihm das Schmutzwasser der Regenpfützen oft bis ins Gesicht, und nach jedem solchen Ausflug schalt die Wondra, daß seine Kleider nicht sauber zu kriegen seien. Aber immer wieder rannte er in diese tiefdunkle Einsamkeit, als könnte er sich dort vor seinem eigenen Ich verstecken. Aber er entkam sich nicht. Alle Vorwürfe und aller Ekel über sein unwürdiges Treiben gingen unablässig mit ihm durch die Finsternis, und er fühlte nur, daß er sich Stunde um Stunde an sich selbst versündige, indem er in schlaffem Müßiggang seine blanken Kräfte rosten ließ. Manchmal auch packte ihn ein sinnloser Zorn, der ihm Tränen in die Augen trieb. Er schlug mit geballten Fäusten seinen Leib, und je mehr es ihn schmerzte, mit desto wilderer Freude schlug er weiter, auf Arme, Wangen, Schläfen, und höhnte und beschimpfte sich mit häßlichen Worten, die in einem Schluchzen erstickten. Jedes Ziel war ihm entglitten, er ging mit verbundenen Augen um sein Leben herum wie der Gaul im leeren Göpel.
Die nächtlichen Wanderungen führten ihn weit über die Holzplätze hinaus in eine Gegend, wo der neue Hafen erstehen sollte. Die Arbeiten hatten noch nicht begonnen, aber schon waren in der großen Kotwüste Baggermaschinen aufgestellt und neben angehäuften Baustoffen Holzhütten und Verschläge für die Karren und Werkzeuge errichtet worden. Nur selten kam in den Abendstunden ein Mensch hieher. Ihn aber trieb es immer wieder in diese Öde, die so gut zu seiner Stimmung paßte. Stundenlang konnte er dort hocken und vor sich hinbrüten, während der Regen kühl und traurig ohne Pausen auf ihn niederfiel. Und je unfreundlicher das Wetter war, je länger blieb er, als wollte er mit diesem freiwilligen Ausharren in einer Beschwerde nur irgendwie eine sühnende Tat setzen, wenn er schon nichts anderes zuwege brachte.
Da vernahm er einst -- es war ein naßkalter Aprilabend -- ein Husten und Stöhnen wie von einem unruhigen Schläfer, schaute um sich und gewahrte einen spärlichen Lichtschein, der aus einer der hölzernen Hütten flimmerte. Leise ging er darauf zu. Und wie er vorsichtig durch die Fugen der Bretterwand spähte, sah er im Innern des matt erhellten Raumes zwei Gestalten auf dem bloßen Erdboden hingestreckt, während drei andere neben einem Feuer kauerten und einem geschlachteten Pudel das Fell abzogen. Das Feuer brannte in einem Viereck aus Ziegelsteinen, und auf diesem Herd stand ein verbogener Blechtopf, darin das Wasser schon zu dampfen anfing.