Part 9
Suche sofort aus bester Familie für meine Tochter gebildete Gesellschafterin. Ernste Lebensauffassung, fester Charakter neben guten Zeugnissen Bedingung. Vorstellung jederzeit. Auch abends bis 10 Uhr bei Frau Eßling, Eisenacherstr. 10, Grunewald-Berlin.
Also ganz nahe. Mit einer spitzen Schere schnitt sie sorgfältig die Reihen aus. Sobald sie hier fertig war, wollte sie sich vorstellen.
Sie legte das schmucklos schwarze Kleid an, in dem sie ihren Vater betrauert hatte. Den wertvollen Spitzenkragen, ein Geschenk der Präsidentin, zerrte sie so heftig herunter, das die spinnwebenfeinen Sternchen zerrissen. Zu diesem Gange durfte sie sich nicht schmücken. Als Gesellschafterin einer sicherlich jungen Tochter mußte sie häßlich, unscheinbar und wesenlos sein. Der Spiegel gab ihr Bild in seiner vollen Schönheit wieder. Die Kämpfe, die rückwärts lagen, quälten sie von neuem. Die unverdiente Eifersucht ihrer früheren Herrinnen -- der Neid der Dienstboten wegen ihrer Sonderstellung im Hause, der eigene, lodernde Zorn, stumm die tiefe Einschätzung zu ertragen und nicht zuletzt die Angst, daß sie eines Tages aus Groll, Einsamkeit und Lebensdurst -- verdient wäre.
Und nie -- nie mehr die geliebte Kunst? Daran hatte sie überhaupt nicht denken wollen. Das zerbrach ihre Kraft. Nun lag sie wieder matt und frierend da und konnte nichts denken. Dumpf fühlte sie, daß dies mehr als ein Grauen vor dem nahen Wege nach dem Golgatha zur Pflicht war. Ein Lebensabschied; der Tod aller Wünsche und Freuden!
Diese zu erwartende Not jagte ihr eine fiebernde Gier durch das Blut. Ein paar tausend Mark nur. Denn jene kleine eroberte Summe würde kaum für die notdürftigsten Anschaffungen genügen. Freilich verwahrte Amtsrat Wullenweber noch einige Möbelstücke aus mütterlichem Besitz für sie. Wo aber war der Raum, der sie bergen konnte? Das Leben war unerhört teuer. Wiederum nach wenigen Schritten stehen zu bleiben und rückwärts zu müssen. Nur das nicht abermals!
Jenes vorübergehend von ihr vergessene Geld, dessen Vorhandensein niemand ahnte -- denn die Präsidentin hatte ihr das Nähere erzählt -- wäre übergenug, um sie glücklich zu machen.
Aber ein Gefühl des Ekels über sich selbst stieg ihr in die Kehle. Wie tief sie gesunken war, daß solche Gedanken kommen konnten. Sie schloß die Tasche in den Schreibtisch ein und suchte eine andere hervor. Dabei sah sie einen Zettel, den die Präsidentin an eine der zahlreichen Geburtstagsgaben geheftet hatte.
„Meinem Sorgen- und Glückskinde!“
Sie sah auch das gütige, feine Gesicht deutlich vor sich und hörte die Worte, mit denen sie in Oeynhausen ihre Zukunft erleuchtet und festgelegt hatte. Kam nicht das Versprechen solcher Frau bereits der vollzogenen Handlung gleich. Hatte sich die unabänderliche Tat der Schenkung nicht schon damals vollzogen? -- Wen träfe das Verschwinden dieses Geldes? -- Es wäre ja gar kein Raub.
Aber was wäre es denn? -- Aber eine Mahnung ward ihr im Innern: Eine zerlumpte Zigeunerin hatte einst auf dem väterlichen Majorat der Mamsell aus deren Schlafkammer den unechten Sonntagsring entwendet. Die Knechte liefen ihr mit Wagenrungen und Heugabeln nach, weil es gleich zu Tage kam, griffen sie und spien nach ihr, denn zum Schlagen war sie ihnen zu schlecht gewesen.
Die kleine Eva hatte das alles mitangesehen und ebenfalls versucht das flinke, rote Zünglein zu recken, um nicht hinter den Erwachsenen zurückzustehen.
Jener Ring! Ach -- das war etwas ganz anderes. Er hatte eine Besitzerin gehabt, die ein armes Mädchen gewesen und sich nur mühsam so etwas leisten konnte.
Dies Geld aber -- --
Sie lag plötzlich auf den Knien und rang die Hände. Ihr Hirn war leer. Im Herzen -- am Halse -- in den Fingerspitzen jagte eine entsetzliche Angst. Ein Name klang gellend -- in Todesfurcht herausgeschrien -- durch das Zimmer.
„Mutter -- Mutter -- hilf mir doch!“
Auf dem stillen, süßen, scheuen Frauenantlitz, das aus vergoldetem Rahmen auf die verlassene Tochter herabsah, lag der Schatten des scheidenden Tages und ließ es noch leidvoller erscheinen!
Kein Rettungsanker hielt stand. Nirgends war eine Stätte der Zuflucht für sie bereitet.
Die roten Türme des Waldesruher Heimatschlosses würden zwar noch erhaben über alles andere hinwegsehen und die Gräber der Eltern gehörten ihr nach wie vor. Ein verwitweter Vetter gleichen Namens saß jetzt als Erbberechtigter auf dem alten Majorat und mochte den Zufall segnen, der dem tollen Ostried einen Sohn versagte. Vielleicht bei ihm untertauchen -- wenn auch nur für kurze Zeit? -- Aufnahme würde sie finden. In der Familienchronik war der jeweilige Besitzer ausdrücklich angewiesen, jeden bedürftigen und würdigen weiblichen Nachkommen eines Vorgängers für mindestens sechs Monate unentgeltlich im Schlosse zu beherbergen.
Der bloße Gedanke daran peinigte sie aber schon!
Stellte sie nicht in Wahrheit die Bettelprinzeß dar, wie ihr das einst ein Trunkener höhnend nachgerufen hatte? Keine andere Macht, meinte sie, käme der des Geldes gleich. Das Blut des Vaters kreiste in diesen Augenblicken wild durch ihre Adern, sie wollte gefeiert und verwöhnt werden. Es war undenkbar, daß sie untertauchte, um im Dunkel ewiger Entbehrungen zu verkommen.
Ein harter Trotz kam über sie. Sie war sich der Macht, die sie auf Paul Karlsen ausübte, voll bewußt. Und er war doch reich geworden, wie aus jedem seiner Worte hervorging.
Sie riß das schlichte Kleid herunter und suchte eins aus weicher, fließender Seide hervor. Wie eine Braut geschmückt wollte sie zu ihm gehen und wie eine Königin Gnaden spenden.
Und dann lag sie doch wieder mit dem Gesicht auf der blanken Platte des Mahagonitisches und grub in Scham und Not die Zähne tief in das Gewebe der seidenen Zierdecke.
„Nie -- nie -- nie kann ich das tun!“
Wenn er sie aber zu seinem Weibe begehrte? Und was konnte er anders mit dem heimlichen Werben in jedem Blicke gemeint haben? Paul Karlsens Frau, die Genossin des Künstlers, die treue Kameradin eines gleich ihr Emporstrebenden?
Warum schüttelte sie sich plötzlich? Das Blut der Mutter kam nun auch zu seinem Recht. -- Ohne Liebe sich verkaufen -- das war noch härter wie die Fron des Alltags.
Auch nicht um der Kunst willen? Sie fühlte, daß es ihr ans Leben gehen wollte.
Wenn sie vor jedem entscheidenden Schritt erst zu Ralf Kurtzig, dem alten Meister, gehen würde? Vielleicht wußte er ihr einen Gönner, der aus Freude an ihrem Talent freigebig war. Vielleicht riet er ihr aber auch, daß sie lieber hungern und verzichten solle, als ihre Kunst aufzugeben. Ja -- es war sogar sicher, daß er diesen Rat erteilte. --
Befolgen hätte sie ihn nicht können. Nach dem Tode ihres ersten Gönners hatte sie damit einen kurzen Versuch gemacht. --
Die alte Pauline klopfte leise und trug ein vollbesetztes Tablett herein. „Jetzt müssen Sie etwas genießen, Fräuleinchen.“
Eva von Ostried wollte fest bleiben. Es gehörte ja alles der Frau, die wohl doch im letzten Augenblick ihr feierliches Versprechen bereut hatte. Aber das Hungergefühl schmerzte beim Anblick der guten Sachen. Sie überlegte nicht länger.
Erst, als sie völlig gesättigt war, verachtete sie sich deswegen. Jäh packte sie die Angst, daß sie sich letzten Endes auch zu dem andern zwingen lassen könnte.
Stumpf legte sie das kostbare Kleid wieder ab und schlüpfte in das schmucklose Trauerfähnchen. Dann ging sie langsam den Weg, der zur Eisenacherstraße führte.
Irgendwo auf dem Wege dorthin zu ihrer Linken lag ein weinumwachsenes Haus. Der goldgelbe Kies war stumpf und bleich geworden, weil ihn die Sonne nicht mehr beschien. Es war eben acht Uhr. Sie wußte die Zeit nicht. Mit schleppenden Schritten ging sie an dem Hause im Schatten vorüber. Ein paar volle Akkorde schlugen von dem tönenden Reichtum drinnen, an ihr Ohr. Sie wollte nichts hören. Eine Stimme erhob sich:
Geschmolzen ist der Winter Schnee Ganz stumm und still verfalln dem Grabe..
Ein Krampf schüttelte sie. Nur nicht stehen bleiben. Weiter. --
Aber sie ging doch nicht. An das kunstvoll gehämmerte Gitter gelehnt, lauschte sie gierig.
Herr Tristan hob vom heißen Pfühle Sein mattes Haupt und sprach -- -- -- Nicht länger trage ich die Scham, So bloß zu stehn mit meinem Gram....
Der Gesang schwieg. Ein Fenster schlug auf. Sie stand wie verzaubert. Ueber den blassen Kies knirschten die Schritte eines Mannes.
„Kleine Mignon!“
Sie fühlte sich an die Hand genommen und in das Haus gezogen.
„Ich will nicht! Ich will nicht!“ stammelte sie. Leise lachte er auf.
„Sie hat’s nicht erwarten können,“ dachte er und fand sie schöner und begehrenswerter als je in dem klösterlich strengen Gewande.
-- Paul Karlsens schneller Entschluß, sie in das Musikzimmer und nicht, wie er das ursprünglich beabsichtigt, in sein Herrenzimmer zu führen, erwies sich als sehr klug. Die Bildnisse der Meister edler Tonkunst, die von den Wänden herab grüßten, wirkten beruhigend und anheimelnd auf Eva von Ostrieds Fassungslosigkeit. Sie empfand plötzlich ihre Anwesenheit hier nicht mit quälendem Vorwurf. Es blieb ungewöhnlich. Jedoch auch nichts weiter.
Paul Karlsen neigte sich mit ritterlicher Besorgnis zu ihr herab. „Ist es Ihnen auch zu feierlich bei mir, Fräulein von Ostried?“ Sie hob den Blick frei zu dem seinen.
„Hier weht Heimatsluft, Herr Karlsen. Uebrigens -- war ich nicht auf dem Wege zu Ihnen.“
„Ah,“ machte er.
Sie errötete, weil sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte. Sollte sie ihm von ihrem eigentlichen Vorhaben, dessen Ausführung sein Gesang nur verzögert haben würde, erzählen? Sie brachte es nicht über die Lippen. Einen Augenblick saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte sie, in ehrlicher Bewunderung umherschauend:
„Wie wunderschön Sie es haben, Herr Karlsen! Die Goldader, von der Sie sagten, muß wirklich ergiebig sein.“ Er nickte zufrieden.
„Unerschöpflich fließt sie sogar. Wir haben einen Diener, eine Köchin und noch mehrere beigeordnete Untertanen im Hades der Küche, die ich freilich noch nicht zu Gesicht bekommen habe.“
Er zählte es mit der Wichtigkeit und dem Stolz eines fröhlichen Jungen her, der sich sehr wohl in den neuen, glanzvollen Verhältnissen fühlt. Eva von Ostried war nicht neugierig. Sie hätte aber dennoch gar zu gern gewußt, wie ein Schicksalsgenosse, von dessen Schulden man sich in Oeynhausen Wunderdinge erzählte, plötzlich zu diesen Märchendingen gekommen war.
Er hatte das vorausgesehen und sich bereits auf dem Heimgang von seiner Schwiegermutter eine durchaus glaubhafte Erklärung zurechtgelegt.
„Es war ein Onkel von Thule,“ summte er Desdemonas zitterndes Lied vom König. „Und dieser alte Herr mit Druckknöpfen von Eisen und Feuer an der gewichtigen Geldkatze besaß einen Neffen. Einen Nichtnutz natürlich, der totsicher vor die Hunde gehen würde. Dieser Schlingel bildete sich felsenfest ein, eine Stimme zu haben, die anders wäre, wie die des Onkels von Thule. Frechheit, nicht wahr? -- Er glaubte weiter, daß die Dummen in absehbarer Zeit mal ihr Geld ausgeben würden, um sie hören zu dürfen. Man bedenke -- der Onkel aus Thule war in seinem Leben niemals in eine Oper gegangen. Und besagter Neffe hätte in seinem Tabak- und Kaffeeexportgeschäft wundervoll unterkommen können. -- In Hamburg. Er bot es ihm sogar schriftlich an. Der Bengel antwortete überhaupt nicht darauf, trotzdem eine Freimarke beilag. Er pumpte ihn aber auch nicht an. Lieber ganz Fremde, die sich wirklich überraschend leicht finden ließen. -- Und der Onkel von Thule kam -- zwar nicht zum Sterben, wohl aber nach Oeynhausen, denn er war immer ein kleiner Schlemmer gewesen und nun lag sein Herz im Fett. Und er gab auch nicht seiner geehrten Buhle den bekannten güldenen Becher, sondern seinem Nichtsnutz von Neffen einen Wink, damit er sich mal zu ihm ins Hotel begeben möchte. -- Daß er ihn zuvor ein paar mal aus sträflicher Langeweile, von einem leidenden, zufällig hochmusikalischen Geschäftsfreund verführt, in allen damals gegebenen Opern gehört hatte, nur nebenbei. Jeder, der einen stumpfsinnigen Badeaufenthalt von mehreren Wochen durchgemacht hat, wird ihm diese Entgleisung vergeben. -- Also -- der Bengel erschien und nun machte sich das weitere ganz von selbst. -- Wir sind nach Berlin übergesiedelt, denn die Exportgeschichte in Hamburg hatte genug für uns abgeworfen und -- na ja -- da wären wir nun.“
Keinen Augenblick zweifelte sie an der Richtigkeit seiner Erzählung.
„Wie schön ist es, daß sich Ihr Talent voll entfalten kann,“ sagte sie und kämpfte gegen allen Neid.
„Das hätte es auch ohne den Onkel fertig gebracht. Wie können Sie das von einem -- nun nennen wir es getrost Zufall, abhängig machen! Schwerer wäre es freilich gewesen und länger würde es mit dem Aufstieg vielleicht gedauert haben. Auf die Spitze wäre ich doch gekommen.“
„Das ist Manneskraft.“ Es klang wie eine Klage.
„Nein, das ist die gesunde Erkenntnis des eigenen Könnens,“ widersprach er, „die sollte Jedes haben, das sich seine Begabung nicht lediglich einbildet. Sie also auch, Fräulein von Ostried.“
„Ich habe es mir anders überlegt. Ich will nicht weiter.“
„Was wollen Sie nicht, bitte? -- Nicht mehr singen? Einfach abschwenken? Gehen Sie doch! Jetzt wären wir endlich bei unserm eigentlichen Thema angelangt. -- Nachdem Sie sich umgesehen und meine Geschichte vernommen haben, werden Sie auch glauben, daß mir die Gelder nicht mehr knapp sind.“
„Was geht das mich an?“ fragte sie brüsk und machte Miene, sich zu erheben. „Ich will jetzt gehen. Ihr Herr Onkel wird Sie nicht länger entbehren mögen.“
„Mein Herr Onkel ist bei seinen Whistbrüdern,“ lachte er leise. „Von denen macht er sich bestimmt nicht vor Mitternacht los. Denn -- eine Frau haben wir nicht mehr. Die ist lange, lange tot. -- Nur der alte Franz paßt derweilen auf, damit ich keine Dummheiten mache. Denn der Onkel von Thule macht sie lieber noch selber. Wundern Sie sich also nachher etwa in ein paar Stunden nicht, wenn er plötzlich stocksteif -- stockdämlich irgendwo herumsteht. Sonst habe ich es aber wirklich in jeder Beziehung ausgezeichnet. Kann sozusagen tun und lassen, was ich will. Die Geldkatze steht unverschlossen zu meiner Verfügung. Dazu ist mein fester Monatswechsel blendend.“
„Wozu sagt er mir das alles?“ dachte Eva von Ostried und ihr Herzschlag drohte in einer erstickenden Angst auszusetzen. „Er will doch nicht etwa selbst --?“ Das Gefühl des Widerwillens, stärker noch als dasjenige der Empörung und des Zornes über die unerhörte Kühnheit, mit der er sie damals beleidigt hatte, regte sich wieder.
Sie begriff nicht mehr, daß sie ihm willenlos hierher folgen konnte, nach diesem Erlebnis. Ihr Gesicht war sehr bleich geworden. Ihre Augen irrten mit einem flackernden Blick umher, als sie sich jetzt erhob.
„Wie mich das für Sie freut! Lassen Sie sich’s weiter wohl sein, Herr Karlsen.“ Jedes Wort mußte sie erkämpfen. „Und schnellen, sicheren Aufstieg.“ Es klang tonlos. Er war gleichfalls aufgestanden und sah auf sie herab -- immer noch, als sie längst zu Ende gesprochen hatte. Das brachte ihr eine größere Unsicherheit. Sollte sie ihm jetzt die Hand reichen oder -- grußlos entfliehen.
„Nur noch einen Augenblick,“ forderte er und seine Brauen schoben sich eng zusammen. „Zwar weiß ich wirklich nicht, womit ich diesmal Ihre Unzufriedenheit erregt haben könnte -- irgendwie werde ich mich ja aber doch wohl vergangen haben. Denn für solche Wirkungen besitze ich auch ein musikalisches Feingefühl. Sicherlich habe ich zu viel um den Brennpunkt herumgeredet. Verzeihen Sie mir. -- Als ich Ihnen von dem mir gutbekannten Gönner sprach, der Ihnen auf mein Wort helfen würde -- stand mein Plan bereits fest. Und das ist er geblieben. -- Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich hole nur eine wichtige Kleinigkeit nebenan aus meinem Studierzimmer.“
Ehe sie eine Entgegnung fand, war er bereits verschwunden. Durch die zurückgeschobenen Vorhänge konnte sie den Raum übersehen. Ihre Blicke lösten sich von seinen Händen, die hastig in den aufgezogenen Schiebladen des Schreibtisches herumkramten und wanderten -- gedankenlos -- umher. Es trieb sie zur Flucht und sie blieb dennoch. Sie nahm nichts von alledem, was sie anstarrte, in sich auf. Die Bilder verschwammen zu farblosen Massen. Die wuchtigen Vasen auf hohen Sockeln, die sicher ein kleines Vermögen kosteten, wuchsen wie Steine auf, die in unsichtbarer Faust nach ihrem Herzen zielten. Mit fast übermenschlicher Gewalt zwang sie sich dazu, etwas zu denken -- zu sehen -- zu empfinden.
Da lag, gerade über seinem Kopf, ein großer grüner Fleck mit leuchtenden Blutstropfen. --
Nein, ein Bild war’s; als sie schärfer, sich dazu zwingend, hinsah, erkannte sie die überschlanke Gestalt eines weiblichen Wesens darin, die unter rotem Mohn auf grüner Wiese stand. Auf dem Gesicht lag der volle Schein einer glutrot gemalten Sonne und hob es scharf heraus. In seiner rührenden Anspruchslosigkeit wirkte es fast mit diesem Leuchten, das von innen heraus zu strahlen schien, lieblich. Obwohl Nase und Mund viel zu groß darin standen. Sie prägte es sich ein, um nur nicht denken zu müssen, daß sie mit jeder Minute ihres längeren Verweilens von ihrem Mädchenstolz verschwende.
Endlich kam er zurück. -- Hochrot! Zornig!
„Niemals kann ich das finden, was ich gerade suche. Das ist gräßlich! Jetzt endlich ist es gelungen. Sehen Sie, bitte! Nun -- was ist das?“
„Ein Scheckbuch,“ sagte sie tonlos, „aber ich begreife nicht.“
„Ganz recht. Sie haben also viel mehr Geschäftssinn wie ich -- etwa vor sechs Monaten. Genauere Anweisungen brauche ich Ihnen also wohl nicht mehr zu erteilen. -- Sie nehmen dies an sich und füllen einfach mit einer bestimmten, von Ihnen beliebig festzusetzenden Summe jeden Monat die Geschichte aus. Das weitere macht dann schon die Bank!“ Sie streckte beide Hände von sich, als wehre sie eine furchtbare Versuchung ab.
„Um Gottes willen, nur das nicht!“
„So verhaßt bin ich Ihnen, Eva? Was Sie ohne Bedenken von dem alten Blutsauger, der Sie zur Bretteldiva machen wollte, angenommen hätten, ohne diese Bedingung, das wollen Sie mir nicht gestatten?“
„Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen jemals zurückerstatten kann.“
„Darüber sorgen Sie sich nicht. Zinsen allerdings -- verlange ich.“
Daß er sachlich zu sprechen begann, machte sie ruhiger.
„Wovon sollte ich die zahlen.“ Er sah sie fest an.
„Wovon? Fühlen Sie das nicht, Eva?“
Ihre Hände hingen matt hernieder. Er betrachtete sie lange. Aber er nahm sie nicht in die seinen. Nur nichts übereilen. Langsam begann er ihr in Worten ein lebendiges Bild zu malen.
„Sie beziehen, am liebsten in meiner Gegend, eine kleine feine Wohnung. Nur kein Kellerloch oder Dachstübchen. Das drückt von vornherein das Können nieder. Auch die öffentliche Meinung. Dann schaffen Sie sich jemand, der Ihnen den Kleinkram des täglichen Lebens fernhält und nebenbei diskret ist. Dann erst sehen Sie sich nach geeigneten Lehrern um. Natürlich müssen sie erstklassig sein. Auf die Honorare darf es nicht ankommen. Und dann -- ergibt sich das Schönste wie von selbst. Das Lernen. Das Vertiefen. Die Seligkeit, daß es bestimmt geschafft wird. Die Vorausempfindung all des brennenden Neides der liebwerten Kollegenschaft -- aber auch der Macht, die täglich wachsen und genau wie die meine, zur Andacht niederreißen wird -- mag die Menge willig sein oder nicht.“
Mit weitvorgestrecktem Haupt hatte sie ihm gelauscht. Das war ein Klang aus jener Welt, in der allein sie glücklich zu werden wähnte. Ein echter Klang. Das fühlte sie. In diesem Augenblick empfand sie auch keinen Widerwillen gegen Paul Karlsen. Seine Güte zurückzuweisen, erschien ihr unnatürlich. Ja -- unmöglich, je länger sie über seinen Vorschlag nachdachte.
„Die Zinsen -- wie hoch?“ fragte sie nur noch.
Da lag er ihr zu Füßen und zwang sie in einen tiefen, niederen Sessel hinein.
„Deine Liebe und sonst nichts! Fühlst du immer noch nicht, wie ich mich nach dir verzehre. Siehst du nicht, daß ich dir alles zu Füßen legen möchte und nur verlange, daß du dich von mir anbeten und lieben läßt?“
Sie stieß ihn nicht zurück, trotzdem sie unter seiner Berührung zusammenschauerte. Nur ein Gedanke hämmerte in ihrer Stirn:
„Bin ich jetzt seine Braut? -- Und muß ich nun auch sein Weib werden?“
Ein Finger pochte leise an die hohe Tür. Paul Karlsen fuhr auf und setzte sich ihr gegenüber.
„Haben Herr Karlsen gerufen?“ Der alte Diener streckte sein unbewegliches Gesicht bescheiden in das Zimmer hinein.
-- Der Zauber dieses Augenblickes war ihm unwiderbringlich verloren. Ihre Not für ein Weilchen überwunden.
Sie schickte sich an zu gehen, und er hielt sie nicht zurück.
„Ich werde Nachricht geben. Vielleicht morgen schon,“ flüsterte sie und glaubte zu wissen, daß sie sich ihm aus Liebe zur Kunst verkaufen könne.
7.
Kaum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken, bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig dieser Müdigkeit hin.
Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten, anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte!
Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn.
Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten.
Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An dem unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte.
Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder Zärtlichkeit binden?
Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte. Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu bringen.
Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein. Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich eine Bedenkzeit zu sichern.
Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte. Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder -- wenn auch nur für kurze Zeit -- bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand jede Trauer und Auflehnung.
Elfriede Karlsen lag, wie einst während langer Jahre, auf dem Ruhebette und ließ sich mit dem Lächeln eines dankbaren Kindes von ihrer Mutter verwöhnen. Noch ahnte sie die neueste Fürsorge der Kommerzienrätin nicht. Mit wenigen hastigen Worten wurde sie ihr jetzt als eine Notwendigkeit hingestellt.
„Aber, Mama,“ sagte sie flehend, „das ist grausam von dir --“
„Du solltest froh sein, daß ich auf diesen erlösenden Gedanken gekommen bin, Elfriedchen. Die vielen einsamen Stunden taugen nicht für dich. Du grübelst zu viel.“
„Ich warte auf meinen Mann und das ist wunderschön,“ sagte sie. Es lag alle Treue und Zärtlichkeit darin.
„Diese Stunde ist nicht geeignet, um darüber zu streiten, Kind. Schnell nur eins: Ihr betont beide bei jeder Gelegenheit, daß ein Künstler frei sein muß und du willst ihn doch nicht von der Kette lassen?“