Der Uebel grösstes ...

Part 8

Chapter 83,739 wordsPublic domain

„Wozu? Die Mühe kann ich mir sparen. Sie ist dermaßen in ihn verliebt und vertraut ihm so blindlings, daß sie zur Zeit ohne Ueberlegung die eigene Mutter aufgäbe, um ihn zu behalten und ihm weiter zu dienen.“

„Jedenfalls fühlt sie sich wohl dabei. Sie war stets durchsichtig wie Glas -- unfähig der Lüge. Das wissen Sie am besten. Die Ehe bekommt ihr auch gut. Wie ich sie das letzte Mal sah, hatte sie einen Schein von Jugend und Frische, den ich bisher an ihr vermißte. Ja, sie lachte sogar herzhaft.“

„Wenn ich das nur genau wüßte,“ machte die Kommerzienrätin gequält. „Ich deutete es Ihnen bereits an. Auch das Komödienspiel läßt sich bei so einem harmlosen, aufrichtigen Charakter wie dem ihren gar wohl erlernen. Und sehen Sie -- da bin ich endlich bei meinem Plan angekommen. So nahe sie mir wohnt -- so mühelos ich jederzeit herüber kann, so treu und gewissenhaft der alte Franz auch aufpaßt und mir unweigerlich sofort Verdächtiges zutragen würde, ebenso fremd ist sie mir doch in dieser kurzen Zeit geworden. Der Mann mit seiner absoluten Gewalt über sie steht zwischen uns. Jede ihrer Handlungen wird von ihm beeinflußt. Ich weiß niemals, was aus ihrer eigenen Seele kommt. Darum muß ich sie eine kurze Zeit bei mir -- hier in diesem Hause -- in ihrem kleinen Mädchenstübchen, das immer ihr Entzücken gewesen ist, haben, muß sie scharf beobachten und sie seinem Einfluß, wenn auch nur vorübergehend, entreißen, damit ich völlig klarsehe.“

„Wie wollen Sie das anfangen? Er wird sich bald dagegen auflehnen.“

„Meinen Sie? Die Klugheit würde es ihm freilich anraten. Aber -- ja, wenn er sie wirklich liebte. So aber wird er es als angenehm empfinden, wieder mal allein und noch dazu in der ungewohnten Pracht zu leben.

Ich weiß, Sie waren nicht mit der prunkvollen Ausstattung des Heims für die jungen Leute einverstanden. Sollte ich aber mein Kind entbehren lassen? Da entschloß ich mich eher dazu, ihn unnötig zu verwöhnen.“

„Sie haben entschieden zu viel Zeit zum Grübeln, liebe Eßling. Ziehen Sie sich nicht länger von allen Menschen zurück. Kommen Sie auch wieder öfter zu mir. Sie wissen, in meinem Hause verkehrt viel Jugend. Da geht es fröhlich zu. Und bringen Sie auch Elfriede öfter mit. Es wird ihr gut tun.“

„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet, sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“

„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe. Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen sagen, daß ich weder an Elfriedes längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“

„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen. Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“

„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und an den Familientisch zu bringen?“

„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem -- müssen sich alle Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten -- ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“

„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die gütige Vorsehung zu spielen?“

„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich sein, zu der ihr bereits aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. -- Ihm wird diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat, glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“

„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“

„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln, deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von meinem Kinde abzuwenden. -- Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein -- ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber -- was ist das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“ --

Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen Männerstimme.

„Darf ich ebenfalls um eine Tasse Ihres unvergleichlich guten Tees bitten, verehrte Schwiegermama?“

Gedankenlos duldete Frau Eßling seinen Handkuß. Ihre Augen blieben dabei gespannt auf die Tochter gerichtet.

„Du siehst erschreckend blaß aus, Kind. Wie hast du geschlafen?“

„Ausgezeichnet, Mama.“

„Das glaube ich dir nicht! Zeige deine Hände. Natürlich -- sie sind ganz kalt. Hast du gefroren? Warte einen Augenblick, ich werde sofort an Franz telephonieren. Es ist bestimmt zu kühl bei Euch. Darum habe ich ja am Vorraum der Diele die kleinen Oefen aufstellen lassen, damit sie angemacht werden, wenn die Zentralheizung noch nicht geht.“

„Laß doch, Mama,“ wehrte Elfriede gequält und suchte ängstlich den Blick ihres Mannes. „Die Sonne wärmt noch ganz wundervoll.“

Aber die Kommerzienrätin ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte schon den Hörer in der Hand, um dem alten Diener die nötigen Befehle zu erteilen.

Paul Karlsen saß mit einem rätselhaften Lächeln dabei. Er begehrte nicht auf, schlug nicht etwa mit der Hand zwischen die zerbrechlichen Kostbarkeiten, in denen der goldgelbe Tee deutlich schimmerte. Sondern er nickte seiner Frau beruhigend zu.

„Mama hat ganz recht. Ich habe es mir heute auch schon gedacht.“

Trotz dieser ungewohnten Fügsamkeit fand seine Gegenwart durch die Kommerzienrätin nicht viel Beachtung. Ueber ihn fort sprach sie unaufhörlich zu ihrer Tochter herüber, als befinde sich zu ihrer Linken ein leerer Platz.

„Du wirst übrigens ein oder mehrere Tage bei mir bleiben, Elfriedchen. Ich muß endlich wissen, ob du abends erhöhte Temperatur hast. Widersprich nicht. Ich erlaube auf keinen Fall, daß du heute Abend in dein leider etwas feuchtes Heim zurückkehrst.“

Da ließ sich Karlsens unwiderstehlich frohes Lachen hören. Aber es riß die andern durchaus nicht zu der gleichen Fröhlichkeit hin. Seine Frau sah scheu zu ihrer Mutter herüber.

„Verehrte Schwiegermama, Sie scheinen vergessen zu haben, daß nur ein einziger über das Gehen und Verweilen von Elfriede zu bestimmen hat. Dieser Eine bin ich, mit Respekt zu melden.“

Diesmal ahnte sie nicht, daß er Komödie spielte. Sein Ton war sehr ernst geworden. Sein junges, bartloses Gesicht wirkte fast streng. Den lächelnden Blick des Einverständnisses, den er mit Elfriede tauschte, bemerkte sie nicht. Ihre angeborene Heftigkeit -- niemals ernsthaft von ihr bekämpft -- brach sich Bahn.

„Das bliebe abzuwarten, Herr Schwiegersohn,“ sagte sie in scharf zurechtweisendem Ton. „Sind Sie etwa hierher gekommen, um mich aufzuregen?“

„Ich wüßte nicht, daß ich diesem vielleicht erstrebenswerten und daher löblichen Vorsatz schon jemals freie Entwicklung gegönnt hätte.“

„Lassen Sie doch die Phrasen, Karlsen. Bei mir wirken sie nicht.“

„Diese Bitte gebe ich gehorsamst zurück, Schwiegermama. Kurz: Elfchen wird mich nach Hause begleiten. Nicht wahr, Schatz?“

Ein schelmischer Ausdruck huschte über das Gesicht der jungen Frau, und ließ es sehr anziehend erscheinen. Sie war glücklich wie ein Kind, daß sie im Einverständnis mit ihrem Mann dies unschuldige kleine Geheimnis haben durfte. Ohne zu zögern, antwortete sie:

„Ja -- das werde ich bestimmt tun, Mama. Du hast doch gehört, daß Paul es ausdrücklich wünscht.“

Da richtete sich die Kommerzienrätin steif empor und fragte kurz und empört zu der Konsulin gewandt:

„Was sagen Sie dazu? -- Vor Ihnen, die Sie Elfriede über die Taufe gehalten und allzeit wie ein eigenes Kind geliebt haben, brauche ich mich nicht zu genieren.“

Frau Enck war wegen der richtigen Antwort in tödlicher Verlegenheit. Einerseits schätzte sie gleichfalls diesen jungen Menschen nicht allzu sehr, weil sie in seiner Gegenwart beständig das Gefühl hatte, als langweile er sich sträflich. Daneben aber stand ihm in dieser Sache ihr Hang zur Gerechtigkeit bei.

„Beschlafen Sie sich alles noch mal gründlich,“ versuchte sie zu besänftigen. Aber es mißlang ihr gründlich.

Frau Eßling wurde erregter und daher auch in ihren Worten heftig. Sie erhob sich, trat nahe an den Schwiegersohn heran und sagte drohend:

„Sie hören, ich wünsche und befehle es. Und nichts wird mich andern Sinnes machen können.“

Nun war auch Paul Karlsen aufgestanden. Seine schlanke, elegante Gestalt überragte die rundliche der Kommerzienrätin um Haupteslänge.

„Verehrte Schwiegermama, vorerst eine kleine bescheidene Berichtigung. Ihre kühn aufgestellten Behauptungen sind wirklich falsch. Der männliche Teil in der Ehe hat auch heute noch das Recht -- genau wie zu jener Zeit Ihrer Jugend -- den Aufenthalt seiner Gattin zu bestimmen, sofern er sich dies Recht nicht durch grobe Pflichtverletzungen verwirkt hat. Davon weiß ich mich frei. -- Ich würde Ihnen ja herzlich gern einen Gefallen tun. Mir selbst aber Opfer auferlegen -- nee -- wissen Sie, dazu fühle ich mich nicht stark genug.“

Es klang so überaus ehrlich, daß sogar seine Frau einen Augenblick stutzte. An dem hilflosen Blick, den sie ihm zuwarf, merkte er, daß er nicht weitergehen, nicht in dieser Rolle übertreiben dürfe. Er schwieg also vorsichtig und wartete die nächste Erwiderung ab. Sie blieb lange aus. Dann aber klang die vordem herrische Frauenstimme plötzlich um vieles leiser. Fast bittend.

„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir -- um drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“

Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete, sondern -- wie um Beherrschung ringend -- mit gesenktem Blick auf seine wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin ausnehmend gut. Dann meinte er bitter:

„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen. Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O nein -- aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen. Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. -- Nicht so schnell. Nein, meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge geduldig ertragen. Aber -- letzten Endes ist man doch nur ein schwacher Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr -- so schätzen Sie mich doch ein?“

Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an.

„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte, sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo -- meinetwegen im hohen Norden Berlins -- unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte, bescheidene Frau gewesen ist -- sie war ebenso stolz auf mich und hing mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und nur darum, das betone ich ausdrücklich -- gebe ich meine Erlaubnis zu dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen Sie nicht Elfriedes bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. -- Der Komödiant -- in mir sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann, je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. -- Aber diesen Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu lernen. Einen Augenblick -- ich komme gleich zu Ende. -- Elfriede mag getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also -- nicht wahr, Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt --“

Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er. Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund.

„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den Wachsfiguren.“

Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte:

„Paulchen -- mir ist ganz wirr. -- Lange halte ich die Trennung von dir doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück:

„Mein kleiner, tapferer Kamerad, das ist auch gar nicht beabsichtigt.“

Als er wenig später heimging, lachte er leichtsinnig auf. Er hatte sich wieder mal auf der ganzen Linie nach ungeteiltem Beifall einen glanzvollen Abgang verschafft. Wann wäre ihm auch jemals ein Kampf, den er ernsthaft zu gewinnen trachtete, nicht zum Siege ausgeschlagen? -- Mit wachsender Ungeduld sehnte er die Stunde herbei, die ihm ein ungestörtes Beisammensein mit der zur Zeit von ihm am meisten bewunderten Frau schenken sollte.

6.

Eva von Ostried lief wie einst als Kind, wenn der große Hofhund ihr hart auf den Fersen war, und trotz der wärmenden Sonne fror sie. An der großen Brücke, über welche die Wagen mit dem dumpfen Geräusch einer riesenhaften Trommel dahinrollten, saß ein Bettler mit einer Drehorgel. Die Töne ließen sie auflauschen.

Auf ihrem Wege stand eine alte Frau und rief ihre Zeitungen aus. Mechanisch kaufte sie. Vielleicht fand sich schnell eine Unterkunft. Irgendwo. Sie schüttelte sich. Aus der Tiefe ihrer Seele stieg ein Vorwurf empor.

„Ich hätte diesen Karlsen gar nicht anhören dürfen, nach dem, was er mir angetan hatte.“

Dann lächelte sie. Die Freude, ihm den sicher erwarteten Triumph zu zerstören, tat ihr wohl.

Auf dem Flur daheim stand die alte Pauline und hielt eifrig Ausschau nach ihr.

„Wo bleiben Sie bloß, Fräuleinchen? Waren Sie draußen bei unserer Frau Präsident?“ Die Alte hatte rotgeweinte Augen.

„Bei unserer Frau Präsident? Nein, da war ich nicht.“ Es klang bitter.

„Kommen Sie schnell. Sie müssen ja halb verhungert sein.“

„Daran muß ich mich jetzt gewöhnen, Pauline.“

„Daß Sie damit spaßen können. Wenn Sie mich so reich bedacht hat, wie wird sie da erst für Sie gesorgt haben.“

„Glauben Sie das wirklich immer noch? Ich habe kaum zur Hälfte verdient, was ich von ihr bezog. Müßte eigentlich noch brav herauszahlen.“

Das treue Mädchen begriff nichts. Sie merkte nur, daß die junge Gestalt vor Erschöpfung schwankte und führte sie sanft in das helle Stübchen, das unordentlich und zerwühlt aussah.

„Jetzt legen Sie sich still nieder. Ich hole Ihnen einen Teller voll kräftiger Suppe. Und nachher bereden wir alles. Ich habe mir was Feines ausgedacht. Sie werden nun doch wohl ganz und gar Musikant werden wollen. Denn unsere Frau Präsident hat immer gesagt, daß es jetzt bald damit losginge. -- Ich könnte mich ja aufs Altenteil setzen. Aber das verstehe ich nicht recht. Ich zieh’ lieber zu Ihnen, Fräuleinchen. Das Haus hier, hat Herr Justizrat gesagt, wird verkauft. Solange dürfen wir beide noch darin bleiben.“

„Ich nicht,“ sagte Eva mit zuckenden Lippen, „ich habe hier nichts mehr zu suchen.“

„Sie sind doch wie ihr eigenes Kind gewesen. Ich weiß gar nicht, was Sie wollen. -- Darum kann ich Sie auch nicht allein lassen. Sie sind mir eine Art Vermächtnis. Ich putze Ihnen die kleine Wohnung und koche und mache alles, wie Sie es nun längst gewöhnt sind. Genug Möbel -- darunter den schönen feinen Flügel für Sie habe ich mir schon ausgesucht. Sie sollens genau wie bis jetzt kriegen. Dann ist es, als wäre sie noch bei uns. Und ich schlafe weiter in meinem Eisernen.“

„Gute Pauline -- ich werde kaum eine eigene Wohnung brauchen. Ich nehme ebenfalls in Zukunft willig mit einem eisernen Bette fürlieb.“

„Ich bin ein einfältiger, alter Mensch und will nicht aufdringlich sein. Aber wenn Sie mir das erklären möchten, Fräuleinchen.“

„Erklären? Was denn? Es ist ja alles in bester Ordnung! Sie ist tot und ich muß sehen, wie ich möglichst schnell zu einer neuen Stelle komme. Sie meinen, daß ich plötzlich reich geworden wäre durch sie? Wie käme ich wohl dazu? Das wäre ja mehr als seltsam.“

Sie schluchzte auf und war doch der Ueberzeugung, daß sie lache.

„Versteh’ ich endlich recht? Sie wären nicht von unserer guten Frau Präsident bedacht, Fräuleinchen?“

„Dazu war sie nicht verpflichtet, Pauline. Ich habe mehr von ihr erhalten, als ich jemals verdient habe.“

„Fräuleinchen, sie hätte nicht sterben können, wenn Sie unversorgt zurückgeblieben wären. Mag einer reden, was er will. Sagen, daß der Tod sie überrumpelt hätte. Ich weiß es besser. Da muß sich noch was vorfinden, sage ich.“

„Es ist nichts da, Pauline. Verlassen Sie sich drauf.“

„Lieber guter Gott! Nun sollen Sie hier raus? Ganz nackt und blos? und ich und die andern haben so viel!“

„Das ist nur gerecht. Sie haben sich’s verdient! --“

„Das ist Unsinn! Wir beide ziehen zusammen, wie ich schon gesagt habe. Denken Sie doch, ich soll einhundertfünfzig Mark im Monat verleben. Wie mache ich das? Ich spars doch bloß wieder zusammen und das hätte keinen Sinn und Verstand. Denn ich habe keinen auf der Welt und es würde wieder eine neue Stiftung draus. Nein, ich sorge für Sie. Und nachher, wenn Sie erst richtig ausgelernt haben und es drückt sie, geben Sie mir alles wieder. Ja? Wollen wir es so machen?“

Wer hohnlachte da? Eva von Ostried fuhr erschrocken empor. Sie hatte deutlich ein heiseres Lachen gehört.

„Ach -- Pauline, ich habe nur gescherzt. Ich bin ja selbst reich. Mein früherer Vormund hat am Tage meiner Volljährigkeit der Frau Präsident in meiner Abwesenheit das Muttererbe gebracht. Gleich nachher will ich’s auf die Bank tragen. Denn es ist immer noch hier im Haus.“

Das alte Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf.

„Das ist wahrhaftig ein verkehrter Stolz, Fräuleinchen. Damit tun Sie mir sehr weh. Sie haben nichts! Sie konnten ja früher mit mir drüber spaßen. Ehe ich’s also nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe, glaube ich Ihnen das nicht!“

Eva von Ostried stand plötzlich vor der alten Pauline. Sie war verändert. Ihr noch soeben farbloses Gesicht glühte, als habe sie Fieber. Krampfhaft suchte sie nach ihrer kleinen, schwarzen Handtasche.

„Um Gottes willen, wo ist sie geblieben? Ich habe sie doch noch soeben gehabt?“

„Da liegt sie ja, Fräuleinchen. Ganz sicher!“

Die schlanken Hände rissen den festen Bügel ungestüm auf, tasteten unter den Papieren herum und brachten einen dicken Umschlag ans Licht.

„Schauen Sie nur -- wie viel Geld.“ Das alte Mädchen staunte.

„Wirklich!“ machte sie unsicher.

„Und nun seien Sie mir nicht böse, wenn ich nichts essen mag, Pauline. Nur schlafen muß ich. Nachher will ich gleich wieder fort. -- Meine Sachen sollen doch bald abgeholt werden. Und fertig packen muß ich auch noch.“ --

Dann war sie allein! -- Und das Geld, das der alte Tabaksbauer kurz vor der Abreise der Präsidentin zurückgezahlt hatte, war immer noch in ihrem Besitz. Die Wucht der schweren Ereignisse, die seither über sie hereingebrochen, löschten die Erinnerung daran bis zu dieser Stunde aus. Jetzt aber wollte sie sogleich den Justizrat Weißgerber anklingeln und ihm davon Mitteilung machen. --

Sein Büro war bereits geschlossen. Er selbst befand sich zur Zeit, wie ihr am Apparat mitgeteilt wurde, auf einer kleinen beruflichen Reise, von welcher er erst spät Abends zurückerwartet wurde. Nun mußte sie es bis zum nächsten Tage aufschieben.

Mit keinem Gedanken hatte sie in der Zeit der jagenden Aufregungen des ihr anvertrauten Schatzes gedacht. Die Vorstellung, daß er in dem Wirrwarr sehr leicht abhanden hätte kommen können, erfüllte sie nachträglich mit eisigem Schrecken. Vielleicht hatte die Vorsehung es beabsichtigt. Es war jedenfalls gut gewesen, daß sie das Geld der alten Pauline vorzeigen konnte. Nun brauchte sie kein Bettelbrot zu essen. Denn sie hatte dumpf gefühlt, daß sie sonst dem heftigen Drängen nachgegeben haben würde.

Das Gefühl der Mattigkeit war geschwunden. Sie suchte wieder ihre Habseligkeiten zusammen. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Sie war ganz ruhig geworden. Einmal ging sie zum Nachttisch, auf dem die frischgefüllte Wasserflasche stand. Wie durstig sie war und wie gut der billige Trunk mundete.

Dann schaffte sie weiter. Die Sonne warf eine Hand voll Strahlen durch das Fenster auf die kleine Handtasche und hob sie empor wie auf einem goldenen Brett. Eva von Ostried nickte herüber, als grüße sie etwas. Das viele -- viele Geld! Wenn es ihr Eigen wäre, käme alle Not zu Ende. Was könnte es alles schenken?

Ein Bett, in dem sie ausruhen konnte, solange es ihr gefiel. Einen Tisch mit einer Lampe darauf, die leuchten durfte -- auch zu dem Flügel hin, den sie sich davon erstehen würde. Der Flügel, an dem sie sitzen und sich ihres Lebens Glück ersingen konnte.

Sie schauerte zusammen. Wie war es möglich, daß sie überhaupt dieser Vorstellung Raum gab. Fremdes Geld? Anvertrautes Gut! Was ging es sie an? Mochten sich die verschiedenen überreich bedachten Stiftungen darin teilen. Mechanisch häufte sie, was ihr gehörte, weiter zusammen. Wohin nun aber mit all diesem Tand?

Ihr Blick fiel auf die an der Brücke gekauften Tageszeitungen. Sie vertiefte sich in die Menge feingedruckter Anzeigen. An der einen blieben ihre Blicke haften und kehrten dorthin zurück: