Part 7
Eva begann zu zittern. Die Scham, daß sie Paul Karlsens Vorschlag angenommen, wurde so stark, daß sie zur Tür strebte, um ohne Gruß zu scheiden. -- Da streckte sich die dürre Hand des Geldverleihers nach ihr aus.
„Nicht so hitzig, Fräulein. Sie gefallen mir sonst. -- Und ich könnte Ihnen schon helfen!“
Eva von Ostried sah in diesem Augenblick hilfesuchend nach Paul Karlsen hinüber. Sie wurde unsicher.
„Wir müssen uns aber vorher erst auf gut Deutsch mit einander verständigen,“ fuhr er fort. „Es soll natürlich die Oper sein. Kennen wir doch. -- Was anderes wird’s auch tun. Kurz gesagt: Ich wüßte was Passendes für Sie. Auf die Stimme kommt’s dabei nicht besonders an. Aber Kleider und Firlefanz müssen sein. Was sonst verlangt wird, ist bei Ihnen vorhanden. -- Sie gehen zum Varieté, Fräulein!“
Eva von Ostried riß nun doch die niedere Tür auf und flüchtete die ausgetretenen unsauberen Stufen empor auf die Straße.
Ohne sich nach Paul Karlsen umzusehen, lief sie weiter.
„Sie dürfen mir nicht zürnen, ich habe es gut gemeint,“ bettelte seine Stimme demütig. Sie sah starr geradeaus, damit er die Tränen ihrer Scham und Verzweiflung nicht merken sollte.
„Jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr zu mir fassen können,“ klagte er. „Und ich wollte dies doch lediglich versuchen, damit Ihnen -- das andere -- nicht etwa schwer fallen sollte.“ Nun wandte sie ihm doch ihr Gesicht zu.
„Welches andere? Glauben Sie hiernach wirklich noch, daß ich einem zweiten Versuch zustimmte?“
„Ich glaube nichts. Aber ich weiß. Es ist kein Versuch mehr. -- Sie brauchen lediglich „Ja“ zu sagen. Dann ist alles in Ordnung.“
„Ich wollte, ich wäre Ihnen nicht begegnet,“ sagte sie hart.
„Morgen werden Sie anders denken.“
„Morgen werde ich vielleicht schon Berlin verlassen haben.“
„Nein,“ sagte er und seine Lippen wurden schmal vor Erregung, „morgen werden wir beide -- gleich ausgelassenen Kindern -- der Zukunft entgegenlachen. Wetten?“ Sie tat, als habe sie dies Letzte nicht gehört.
„Ich muß meine Sachen fertig packen. Leben Sie wohl.“
Er hielt Ihre Hand fest.
„Fräulein von Ostried -- ich bin Ihre Zukunft! Fühlen Sie das nicht? -- Es ist nicht Großsprecherei. Es ist einfache, ungeschminkte Wahrheit. -- Sie werden pünktlich heute Abend um neun Uhr vor dem Gartentor der Villa sein, die sich Karlsbaderstraße 14 befindet.“
„Ich werde nicht kommen. Verlassen Sie sich darauf.“
„Streiten wir nicht. Ich erwarte Sie. Also keine Angst. Dort wird sich jemand finden, der Ihnen ohne Schuldschein und sonstige Versprechungen alle Mittel gewährt, die Sie nötig haben. -- Es ist kein Scherz dabei. Sehen Sie mich an.“
Sie schüttelte den Kopf ohne den Blick zu heben.
„Lassen Sie mich. Ich will nicht mehr.“
„Ich mag leichtsinnig und verschwenderisch -- faul und meinetwegen sogar nicht immer zuverlässig sein. Ein der Kollegenschaft gegebenes Versprechen habe ich noch nie gebrochen. -- Hören Sie. Mein Ehrenwort, daß Sie nicht umsonst kommen werden. Daß Sie das bezeichnete Haus als Eine verlassen, die für alle Zeit zu ihrer Kunst zurückgekehrt ist.“
Sie antwortete ihm nicht. Sie riß nur ihre Hand gewaltsam aus der seinen und setzte ihren Weg allein fort.
Er machte keinen Versuch ihr zu folgen.
Aber solange die klare Ferne ein Schatten ihres schwarzen Kleides zeigte, sah er ihr mit einem Lächeln des Triumphes nach.
5.
Paul Karlsen ging mit gemächlichen Schritten über den rostfarbenen Kies. Zu beiden Seiten des schmalen Weges blühte der Vorgarten. Ueber dem weinumzogenen Haus lag die Mittagssonne. Augenscheinlich hatte er es nicht eilig. Auch die wenigen bequemen Marmorstufen der Treppe nahm er fast zögernd. In dem Vorraum, der zur eigentlichen Diele führte, erwartete ihn die steife Gestalt eines alten Dieners, der etwas eigentümlich Lebloses hatte. Paul Karlsens Augen waren noch von der Fülle der Sonne geblendet. Er erschrack, als sich eine Hand nach seinem Hut ausstreckte, trotzdem er dies Bild nun doch nachgerade kennen mußte.
„Na -- bin ich heute pünktlich, alter Hagen,“ fragte er lässig.
Das Gesicht veränderte sich nicht. Nur die leise Stimme klang vorwurfsvoll.
„Die gnädige Frau wartet seit einer Stunde mit dem Essen!“
Er lachte kurz auf, warf den Kopf in den Nacken und murmelte etwas.
„Verdammter Zwang,“ hieß es. --
In dem großen, sehr kühlen Eßzimmer harrten auf köstlichem Leinen zwei Gedecke. -- Dieser Raum wirkte pomphaft und erdrückend. Die Bespannung der Wände mit schwarzem Rupfen allzu feierlich. Die wuchtigen Möbel spreizten sich in ihrer Kostbarkeit. Die Sonne, welche durch stilvoll bemalte Scheiben ohnehin ihren Weg niemals finden konnte, war vollends von schweren Vorhängen abgesperrt. Nur die Tafel mit dem blendend weißen Leinen trug eine Fülle blutroter Rosen und dunkelblauem Kristall.
Plötzlich löste sich aus der halbdunklen Schwermut die überschlanke Gestalt einer weißgekleideten Frau und schritt auf Paul Karlsen zu. Das längliche Gesicht war auffallend bleich. Die Nase trat scharf hervor, als habe ein kürzlich überstandenes Krankenlager den Wangen die natürliche Rundung genommen.
Karlsen führte ihre Hand an die Lippen und ließ den Wortlaut seiner Stimme in gut gespielter Ueberraschung klingen:
„Du hast ja diese Leichenkammer heute so herrlich geschmückt, kleine Frau. Wer soll denn beigesetzt werden? Und ein neues Gewand hast du ebenfalls angelegt.“
Ihr stiegen die Tränen auf. Nicht weil er sie warten ließ. O nein -- daran hatte sie sich längst gewöhnt. Aber -- daß er nicht -- daran dachte.
„Das Kleid,“ sagte sie hastig, um nicht laut aufweinen zu müssen, „kennst du es wirklich nicht, Paul?“
Er zog sie nach einem der hohen Fenster herüber und zerrte den Vorhang zurück. In dieser Bewegung lag ein Aufbäumen auch gegen vieles andere.
„Nee, mein Kind. Keine Ahnung habe ich.“
„Ich trug es an dem Tage unserer heimlichen Verlobung in Oeynhausen.“
Er lachte verlegen auf.
„Richtig! -- Natürlich! -- Jetzt sehe ich es. Das sind aber doch höchstens vier Monate her und noch längst kein Jahr. Wo ist also der geschätzte Anlaß zu einer besonderen Feier?“
„Heute sind wir einen Monat Mann und Frau,“ sagte sie leise und konnte nun doch nicht hindern, daß ein runder Tropfen auf das kostbare Gewand fiel. -- Er zog ungeduldig die Stirn empor.
„Schön -- also einen Monat! Was ist das im Vergleich zu all den Jahren, die hoffentlich noch vor uns liegen. -- Also, ich habe dieses hohe Fest verschwitzt. Nimm’s nicht übel. Mir brummt der Kopf. Es gibt doch mehr Arbeit und Schwierigkeiten zu überwinden, als ich anfänglich annahm.“
„Ich störe dich doch nicht etwa bei deinen Studien, Paulchen?“
Er hatte seinen Rufnamen überhaupt niemals gemocht. Dies „Paulchen“, das er ihr nicht abgewöhnen konnte, reizte ihn zuweilen bis zur Tollheit. Jetzt überhörte er es, weil er etwas erreichen wollte.
„Du im Besonderen bist das bescheidenste und leiseste Wesen, das es geben kann. Im allgemeinen freilich wäre ich gerade jetzt für eine kurze Zeit nicht eben ungern solo.“ Sie sah entsetzt zu ihm auf.
„Soll das heißen!“ Sie konnte nicht vollenden. Ihre Stimme erstickte in Tränen. Er schüttelte sich, als fröre er.
„Tu mir den einzigen Gefallen und höre mit dem Weinen auf, Elfriede. Ich komme mir ja andauernd wie ein Barbar vor. Nein, nicht du sollst für wenige Tage deine zur Zeit kränkelnde Mutter, eine Straße weiter, besuchen und sie dadurch halb unsinnig vor Freude machen -- welchen Wunsch sie mir schon vor einer Woche, allerdings mit der Bitte, ihn dir vorläufig zu verheimlichen, verraten hat -- sondern ich werde zu meinem Lehrer unter den blendenden Dachgarten ziehen. Denn, weißt du, kleine Frau, ich muß üben und immer nur üben -- kann mich nicht mehr an eine feste Tischzeit binden -- vertrage überhaupt zu solchen Zeiten vorübergehend keine andere Gesellschaft als eine männliche.“
Sie legte die Hand auf seinen Arm.
„Paulchen, schenk mirs zum heutigen Tag, daß ich in mein altes Mädchenstübchen zur Mutter darf. Du mußt deine Bequemlichkeit gerade jetzt haben.“
„Das würde eine schöne Geschichte geben, mein liebes Kind! Deine Mutter würde plötzlich vergessen, wie sehr sie sich nach dir gesehnt und felsenfest glauben, ich behandele dich schlecht und lieblos. Denn sieh mal, immerhin bleibt es etwas wunderbar, wenn eine junge, liebliche Frau nach einmonatlicher Ehe ihren Ehemann -- wenn auch nur vorübergehend -- verläßt.“ Der letzte Satz gab ihr eine ungeheure Kraft.
„Glaubst du wirklich, Paulchen, daß ich der Mutter meinen Besuch in diesem Lichte hinstellen würde?“
„Na, na, Kleines -- wer kennt sich mit euch Frauen aus? In gewissem Sinne ähnelt ihr euch alle verteufelt.“
Sie widersprach mit jähaufflackerndem Rot.
„Hast du schon vergessen, was ich dir in der grünen Einsamkeit des Siels am Karpfenteich gelobt habe?“ Natürlich hatte er nicht die geringste Ahnung. Aber er hütete sich es einzugestehen.
„Frauengelöbnisse sind unberechenbar, wie eure Eifersucht, Schatz.“
„Hältst du mich für eifersüchtig?“
„Es käme auf die Probe an. Glatt verneinen möchte ich das nicht!“
„Ich würde sie bestehen. Verlaß dich drauf.“
„Lieber nicht. Deine Mutter wohnt ein bißchen zu nahe, Kleines.“
„Wie tief mußt du mich einschätzen, Paul!“
„Bewahre. Riesig hoch sogar. Hätte ich dich denn sonst geehelicht?“
Sie legte mit einer rührenden Gebärde der Demut ihr Gesicht auf seine schlanke Hand.
„Sage so etwas niemals wieder, Paulchen. Wir wollen uns doch fest, ganz fest vertrauen.“ Ihm wollte ein Lachen aufsteigen. Es wurde aber zuletzt ein Hüsteln daraus.
„Wollen wir auch. Natürlich. Aber jetzt komm gefälligst. Ich verspüre einen Bärenhunger.“ Erschrocken drängte sie ihn zur Tafel hinüber.
„Verzeih -- ich vergesse das so oft neben dir!“
Er musterte ihre magere, noch kindlich unentwickelte Gestalt und seufzte leicht auf.
„Leider, mein guter Schatz! Eß und trink, lieb und sing. Ja -- so stand es an einem alten Bauernhaus in Sachsen. Und recht hat der Spruch! -- Wie ich sehe, hast du zur Feier des hohen Tages auch herrlich für Stoff gesorgt. Hoffentlich ist er gut.“
Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm aus der schweren Kristallkaraffe die funkelnde Schale zu füllen.
„Probiere ihn, Paulchen.“ Er hob das kostbare Glas und ließ es hell an das ihre klingen.
„Herrlich! -- Ueberhaupt -- das muß ich immer wieder anerkennen, du bist eine ganz prachtvolle, kleine Hausfrau.“
Strahlend sah sie zu ihm auf.
„Darum habe ich auch einen Wunsch frei, ja?“
Der Diener trug die Suppe auf. Die Unterhaltung verstummte. Sobald er unhörbar entschwunden war, sagte Paul Karlsen spöttisch:
„Er liebt mich nicht, Elfchen. Weißt du das eigentlich?“
„Er liebt jeden, der mir gut ist,“ sagte sie ruhig, fast streng.
„So? Na, weißt du, das bezweifle ich stark. Oder willst du etwa andeuten, daß ich --“
Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen Mund.
„Ich bin dir unaussprechlich dankbar dafür. Trotzdem wünsche ich mir noch eine Kleinigkeit.“
„Was denn, Kleines?“
„Den Besuch bei meiner Mutter.“
„Ausgeschlossen! Die Gründe für meine Härte habe ich dir genannt.“
„Sie sind sämtlich hinfällig. Ich fange es eben so geschickt an, daß Mama zum Schluß sich heimlich bei dir bedanken wird.“
„Wie wolltest du das anstellen?“
„Sehr einfach. Heute nachmittag zur üblichen Whistpartie, wäre ich doch herübergegangen. Da werde ich also ausnehmend blaß aussehen müssen. -- Lache nicht -- ein wenig Weiß genügt schon. Sie wird mich wieder zur Schonung quälen, in ihrer Ueberängstlichkeit meinen längeren Besuch verlangen, damit sie sich selbst von meinem Gesundheitszustand überzeugen kann und zwar dies alles in deiner Gegenwart.“
„Um Gottes willen, ich soll dich doch nicht etwa begleiten. Das hast du bisher doch klug zu vermeiden gewußt.“
„Bringe mir dies Opfer, Liebster.“
„Also gut! Ich will sogar gern mitkommen. Das heißt höchstens für ein bis zwei Stunden.“
„Solange wird es gar nicht nötig sein,“ meinte sie froh. „Aber nun höre weiter. Du sperrst dich gegen das von ihr Geforderte und verweigerst schließlich in aller Form deine Erlaubnis. -- Dann wird sie hitzig werden und unter allen Umständen darauf bestehen. -- Ich kenne sie doch.“
„Du bist ja eine ganz gefährliche, kleine Heuchlerin, Schatz.“
Er zog sie leicht in die Arme. In tiefem Glücksgefühl schloß sie die Augen, die das einzig Schöne in ihrem Gesicht waren.
„Ist das nicht ein feiner Plan, Paulchen?“
„Ausgezeichnet sogar, wenn mir inzwischen die Sache nicht wieder leid geworden wäre. Du hast als Ernst aufgefaßt, was bei mir nur eine Art Gefühlsausbruch war.“
„Daß du es, wenn auch nur einen Augenblick gewünscht hast, zeigt mir die Notwendigkeit und nachher -- wird es um so schöner sein.“
„Gelt, das hätten wir vor einem Vierteljahr auch noch nicht gedacht?“
„Was denn,“ schnurrte er mit erwachender Behaglichkeit.
„Daß wir so schnell unser Glück erzwingen würden.“
Er nickte mit vollem Mund, denn inzwischen war der Braten gekommen, der, zart und saftig, selbst den größten Feinschmecker befriedigt hätte.
„Wärst du nicht plötzlich nach der schroffen Ablehnung meines Werbens durch die Frau Kommerzienrat, wollte natürlich sagen, deiner lieben Mama, kränker geworden und dadurch jegliche Wirkung der Kur auf dein rebellisches Herzlein in Frage gestellt -- wer weiß, wer dann heute an meiner Stelle neben dir säße --“
„Wie wenig du mich im Grunde doch kennst, Paulchen. Fühlst du nicht, daß ich niemals einem andern als dir gehört hätte?“
Er nickte ihr zu.
„Kleines Treues -- du!“ Dann begann er zu scherzen und von jener Zeit zu plaudern, weil er genau wußte, daß ihr dies die liebste Unterhaltung war. Seine feurigen Augen strahlten tief in die ihren. Das schmeichlerische weiche Organ machte auch das unbedeutendste Wort zu einer Zärtlichkeit. Seine Laune war plötzlich glänzend.
Ueber den blutroten Rosen und dem blauen Kristall schien die Krone des Glückes, die allein die Liebe gibt, in warmen Glanz zu schweben! -- --
„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer alten Freundin und Vertrauten, die -- wie seit Jahren -- als Erste zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja. Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt -- allwissend ist doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner Anleitung nicht ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“
Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen, brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie, wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen.
Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als dauerndes anzusehen.
„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine Porzellan der kostbaren Teeschalen herab.
„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen. Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen -- -- Auch die andern Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb, gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab. Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. -- Wie habe ich damals gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen -- so hart.“
In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte es.
„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“
„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. -- Seitdem ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß niemand im Haus um diese Sachen.“
„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin. „Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“
„Sie sollen selbst urteilen. In St. Blasien war’s, wohin ich nach den erfolglosen Kuren in Hohenhonnef und Davos aus eigenem Entschluß noch mal mit den beiden ältesten Töchtern ging. Denn Sie wissen, ich konnte und wollte nicht daran glauben, daß alles vergeblich sein sollte. In der Liegehalle war ein vergnügliches Leben unter dem jungen Volke, und keines war da, das an ein frühzeitiges Sterben gedacht hätte. Als Gesunder läßt man die sonst im Verkehr der verschiedenen Geschlechter streng beobachteten Richtlinien außer Acht, weil die armen totgeweihten Geschöpfe doch keine Vollmenschen mehr sind. Nicht wahr, wenn unsereins so ein schmalschultriges Kerlchen mit fieberroten Flecken auf den herausstehenden Backenknochen sieht, dann fragt man nicht erst lange danach, was er sonst ist, hat und will, selbst wenn er augenscheinliches Wohlgefallen an dem eigenen Fleisch und Blut zeigt. Im Gegenteil, man freut sich noch gar darüber, und kommt sich wer weiß wie großmütig und gar edel vor, weil man die leibliche Mutter von seinem Glückserreger ist. Darum bin ich auch nicht einen Augenblick besorgt gewesen, als der junge Bildhauer meiner kranken Aeltesten über alle Gebühr hinaus den Hof machte. Erst, als der ihn behandelnde Arzt, dem ich mein Bedauern über diesen hoffnungslosen Fall aussprach, mir rund heraus und lachend erklärte, er wäre froh, wenn jeder seiner Kranken so gesund wäre, wie dieser Künstler, der sicher im nächsten Jahr wieder völlig obenauf sein würde, wurde ich nachdenklich, vorsichtig und streng. -- Mein Mädel nahm ich ins Gebet. Den Bildhauer behandelte ich so schlecht, wie es nur irgend ging. -- Es war für alles zu spät. -- Eines Tages erklärte mir meine Tochter, daß sie sich mit dem Jüngling von Habenichts verlobt habe. Sie hat vor mir auf den Knien gelegen und mich um meine Einwilligung angefleht. Ich blieb hart. Daß der offensichtlich seinem Aussehen nach Totgeweihte lediglich an den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung schonungsbedürftig sei, hatte meine Hoffnung bezüglich der eigenen Kinder wunderbar gekräftigt. -- Einen Tag nach dem vergeblichen Flehen meiner Aeltesten reisten wir, die noch nicht zur Hälfte vollendete Kur abbrechend, nach Hause. Briefe kamen, wurden von mir abgefangen und prompt vernichtet. Jede Nacht hörte ich das bitterliche Schluchzen meiner Aeltesten -- merkte, wie sie bleicher und hinfälliger wurde und glaubte plötzlich doch nicht mehr an den Ernst des Verhängnisses. Es war so nahe. Meine kleine Elfriede, die wenigst anmutigste der Drei, hatte ich indessen aufs Land in Pension gegeben, weil der Arzt von der Möglichkeit einer Ansteckung, selbst bei größester Vorsicht, gesprochen. Nun konnte ich ganz der Pflege und Sorge für die beiden andern leben. -- Einmal hat der Bildhauer gewagt, bis in mein Haus vorzudringen. Ich habe ihn auch empfangen. -- Seitdem hat er keine Zeile mehr geschrieben. Denn ich war deutlich gewesen. -- Vier Wochen nachher hat meine Tochter, unterstützt von ihrer Schwester, noch einen letzten Sturm auf mein Mutterherz gemacht. Weiß Gott, es hat sich in dieser Stunde nicht geregt. Ich habe es als Laune und Eigensinn empfunden, was doch mehr gewesen ist.“
Die Andere legte begütigend die Hand auf die zuckende Schulter der Kommerzienrätin.
„Wir wissen alle, was Sie die langen Jahre für eine aufopfernde, prachtvolle Mutter gewesen sind.“
„So prachtvoll, daß ich mich hinterher noch meines gefestigten Charakters gefreut und ein paar Tage ernsthaft mit dem armen Kind geschmollt habe. Auch meine Zweite hat begonnen für sie und den Bildhauer unentwegt zu betteln. -- Als sie einsah, daß ich nicht nachgab, verstummte sie zwar, aber es war seltsam, auch mit ihr wurde es seitdem schlechter. Sie schienen sich beide in das Unabänderliche meines Willens gefügt zu haben, bis zu jenem schrecklichen Augenblick, an dem mich die Pflegerin in der Nacht rief. Da hat meine Aelteste, die stets ein sanftes, scheues Ding war, mir gesagt, wie unerträglich ihr Dasein ohne den Geliebten gewesen und wie wenig sie sich freue, daß es nun endlich aufhören dürfe. -- Als die Sonne aufging, war sie tot. Und ich habe Tag und Nacht, von Reue zerrissen, um Vergebung gefleht und mir gelobt, wenigstens an den andern beiden gutzumachen, wenn es mir vergönnt wäre. -- Meine Zweite hat keine Kraft mehr zu einer Liebe gehabt. Sie ist ein Jahr später, wie Sie wissen, auch eingeschlafen. Da hatte ich nur das Elfchen, die Jüngste. Das Landleben hat ihr auch nicht die richtige Lebenskraft vermitteln können. Sie blieb weiter zart und schonungsbedürftig. Was es ist? Ich weiß es nicht! Ein bißchen Müdigkeit, das die Aerzte als Bleichsucht ansprechen. Ein bißchen Blässe. So fängt es ja gewöhnlich an. -- Und ich wollte und will sie behalten. -- Ich war nicht mehr blind und taub. Als ich die Blicke sah, mit denen der Schauspieler Karlsen, den ich übrigens schon vor einigen Jahren im Hause einer Bekannten, die ihn sich zu Gesangsvorträgen herüberkommen ließ, kennen gelernt, meine Elfriede anstarrte, wußte ich sofort, daß ein Kampf von neuem beginnen müsse. Und wußte -- auch sein Ende! Denn ich war nicht mehr stark und gesund genug, um noch einmal jene Zeiten von damals durchzumachen. Sein spielerisches Werben ging mir wider alles Empfinden. Er war ein viel minderwertiger Mensch als einst der Bildhauer. Sowas fühlt man als reife Frau sehr schnell. Eins kam noch hinzu. Wer, wie ich, aus einem reichen Kaufmannshause stammt, in dem alles ordentlich gebucht und verrechnet wird, kann sich niemals mit den Gepflogenheiten der Künstlerschaft befreunden. Denn ein Künstler ist der Karlsen. Das steht auch bei mir fest. Daneben ist er aber noch etwas anderes --“
„Wie im Grunde genommen die meisten Männer, liebe Eßling.“
„Das weiß ich doch nicht. Sind sie es aber wirklich, so setzt man es wenigstens nicht als selbstverständlich bei ihnen voraus. In ähnlichen Fällen pflegen sie sich mit dem Mantel einer weisen Vorsicht zu panzern, der den Schein wahrt. Das fällt bei meinem Schwiegersohn gänzlich fort. Er steht einfach da und erwartet die Huldigungen der Frauen als den natürlichsten Tribut. Bleiben sie aus -- je nun -- so ist das eben bei ihm wie bei jedem andern Künstler, noch dazu bedauernswert. Dann hat er eben nicht eingeschlagen. Findet -- hat er überhaupt schon vorher eins ergattert -- kein neues oder doch nur ein sehr zweifelhaftes Unterkommen, steigt weiter herunter, sinkt schließlich bis zur Schmiere herab.“
„Nun, das ist bei Karlsen wohl niemals zu befürchten.“
„Nein. Er weiß sich in Szene zu setzen und auch zu halten, was noch wichtiger ist. Schlau, durchtrieben, bildhübsch, liebenswürdig, flott. -- Sehen Sie, ich habe mir die Klarheit meines Urteils durchaus nicht trüben lassen. Jawohl, das ist er! Daneben aber auch unzuverlässig und treulos.“
„Haben Sie dafür schon Beweise?“
„Brauche ich nicht! Es ginge wider die Weltgeschichte, wäre es anders. Meine Elfriede ist keine Frau, die solchen Mann dauernd fesseln kann. Glauben Sie mir, der braucht einen Satan von Weib, das ihn in Atem hält -- ihn quält und peinigt und ihm höchstens Sonntags die Fingerspitzen zum Kuß überläßt. Er hat sie auch nicht einen Augenblick wirklich geliebt, während jener Bildhauer meiner Aeltesten rechtschaffen gut gewesen ist. Das alles sehe ich erst jetzt ein. Das bewußte Messer saß ihm hart an der Kehle und sein Ehrgeiz -- denn den hat er in hervorragendem Maße -- sann auf Mittel und Wege, wie er seine Stimme weiter ausbilden und sich die Welt erorbern konnte.“
„Sie werden doch aber Ihrer Elfriede nichts von all diesen Sachen andeuten, Frau Eßling.“