Part 5
Eine Sekunde blieb die Antwort aus. Ihre Augen hielten dem forschenden Blick nicht stand. Ein jäher Widerwille gegen die beabsichtigte Lüge stieg in ihr auf. Aber die sichtliche Unruhe der Präsidentin beendete ihr kurzes Schwanken. Sobald die Bank wieder geöffnet würde, kam ja doch alles in Ordnung...
„Ja, es ist ordnungsmäßig eingezahlt.“ Dann zeigte sie, scheinbar empört, nach draußen: „Hören Sie nur den alten, unfreundlichen Kutscher. Jetzt beginnt er, so laut er nur kann, auf uns zu schelten, weil wir seinen Fuchs warten lassen und jetzt -- halt -- halt -- Mann -- wir kommen ja schon.“ War er wirklich im Begriff gewesen, ohne sie davon zu fahren, wie sie es der erschrockenen Präsidentin zurief?
Leichtfüßig sprang sie als Erste in den Wagen, half der Präsidentin fürsorglich hinein, während die alte Pauline, bedächtig und kräftig mit beiden Armen nachschob, nickte noch einmal freundlich den Rückbleibenden zu und sprach alsdann mit drolligem Eifer, allerhand unwichtige Kleinigkeiten fragend, auf die Präsidentin ein.
-- -- Schön war’s doch, dies Alleinsein!
An dem Gefühl, das wider Willen über Eva von Ostried kam, als sie vom Bahnhof zurückgekehrt, in die hohen Zimmer eintrat, merkte sie, wie streng eingeteilt sonst ihr Tag sein mußte. Mit unbeschreiblicher Wonne warf sie sich in den bequemsten Lehnstuhl und summte ein Lied vor sich hin.
War die Präsidentin auch engelgut -- empfand sie selbst eine nie verlöschende Dankbarkeit für sie daran, daß diese beliebig über ihre Zeit verfügen konnte und natürlich auch verfügte, änderten diese Gefühle nichts das Geringste. Eva von Ostried wußte plötzlich, wie heiß ihr Sehnen -- nicht zuletzt nach dem verlorenen Recht der Selbstbestimmung -- die ganze Zeit gewesen war. Mit einem Schauer des Entsetzens gedachte sie ihrer beiden erste Stellen, die sie, nach dem Tod des Gönners, sofort anzunehmen gezwungen war. Zwar hatte ihr der Amtsrat Wullenweber, dem sie von dieser Veränderung Kenntnis geben mußte, vorübergehend seine Gastfreundschaft geboten, „wenn sich durchaus nicht schnell ein anderer Ausweg finden lasse,“ aber der Gedanke, aus dem warmen, mit feinstem künstlerischen Geschmack eingerichteten Heim des verstorbenen Meisters in sein ihr kahl und ungemütlich in Erinnerung lebendes Haus, als eine nur ungern Geduldete, unterzuschlüpfen, dabei jeden Augenblick die tiefroten Türme des alten Waldesruher Schlosses in der Nähe zu sehen -- hatte etwas Unerträgliches für sie gehabt. Lieber ließ sie sich von einer anspruchsvollen, ungerechten Herrin bis an die Grenze ihrer Kraft quälen -- bis sie es eines Tages dann doch nicht länger ertragen konnte und weiterzog, zur nächsten, bei der es ihr auch nicht viel besser erging.
Nun waren die zahlreichen Wunden der kleinen, täglichen Nadelstiche längst verheilt. Sie lebte, umgeben von Nachsicht und Güte, bei der edelsten aller Herrinnen und dennoch -- -- War sie ehrlich mit sich, mußte sie zugeben, daß einzig der Gedanke an die Zukunft sie tapfer auf dem Wege kleinlicher Pflicht weiterlaufen ließ. Hätte sie keine Aussicht gehabt, sehr bald ihre geliebten Studien wieder aufzunehmen, wäre ihr vielleicht auch diese warme Stätte allmählich zur Hölle geworden. -- Mit geschlossenen Augen träumte sie sich in die Zeiten hinein, die nach dem Frühjahr ihrer warteten. Gewiß -- es würde viel Arbeit -- Kampf und Fleiß kosten. Unstreitig auch wiederum Tage geben, an denen sie am eigenen Können verzweifelte.
Danach aber mußte die köstliche Erfüllung aller Sehnsucht kommen! -- Sie hatte den Schatz in ihrer kleinen Handtasche völlig vergessen. Achtlos lag er auf dem Tisch, während sie mit leichtgeöffneten Lippen den köstlichen Duft der blühenden Huldigungen zu trinken schien, die ihrer in der goldenen Ferne harrten!
-- Um die dritte Nachmittagsstunde dieses Tages kam Ralf Kurtzig, der alte Meister und frühere langjährige Parsifal des Bayreuther Festtempels. Er beschäftigte sich am Feierabend seines Lebens damit, fleißig nach gottbegnadeten Talenten Umschau zu halten. So fand er auch im Hause des jüngeren Kollegen Eva von Ostried, die Vielversprechende. Zu spät hatte er, von einer langen Reise heimkehrend, den Tod des Kammersängers erfahren und die Pforten seines reichen, gastlichen Heims verschlossen gefunden. Sofort dachte er an Eva von Ostrieds Zukunft, denn ihre Mittellosigkeit war ihm bekannt geworden. Fieberhaft hatte er nach ihr gesucht. Aus rein künstlerischem Interesse, wie er es vor sich erklärte. In Wahrheit trieb ihn -- tief versteckt und von ihm selbst noch nicht erkannt -- ein spätes, leidenschaftliches Feuer. -- Ihre Spur schien verweht. Er hockte im vierten Rang der Oper, um ihr zu begegnen. Weil sie Schuberts reine Kunst über alles geliebt hatte, versäumte er keinen dieser Liederabende. Es blieb vergeblich -- bis er sie an der Seite der ihm durch eine reiche Schenkung an die Bühnengenossenschaft bekannten Präsidentin in einem philharmonischen Konzert wieder sah.
So kams, daß er -- eingeweiht in Frau Melchers ihm zuerst grausam erscheinende Pläne -- ihr Lehrer wurde.
Es gab kaum Jemand, der sparsamer mit seinem Lob umging, wie er. Darum blieb es auch das höchste Streben seiner wenigen Schüler ihn wenigstens nicht zum Tadel zu reizen. -- Heute lief ihm Eva wie ein ausgelassenes Kind entgegen. Die verhaltene Ehrfurcht vor seiner weisen Künstlerschaft war sprühender Daseinsfreude gewichen. Er empfand das sofort und freute sich heimlich daran.
Der Mensch sprach in ihm vor dem Künstler. Das geschah selten.
„Wie schön sie ist,“ mußte er denken und weiter, „die wundervolle Herbheit, von der sie selber nichts ahnt, wird ihr den Weg, den sie gehen muß, nicht leicht machen.“ Er fühlte, verwundert, daß ihn diese Gewißheit verjüngte, verlor eine Sekunde die kühle, sichere Ueberlegenheit und beschattete die Augen, als blende ihn das rote Licht, das ungehindert durch die Bogenfenster der Diele in das Musikzimmer quoll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte in dem spöttelnden Ton, mit dem er jede warme Regung bestrafte:
„Ihr alter Gralhüter meldete bereits, daß die hohe Herrin dieses Zauberschlosses verreist sei. Sie murmelte daneben noch allerlei von Früchten und Beeren, die Ihre tätige Mitwirkung verlangten.“
Sie sah mit bittenden Augen zu ihm auf.
„Sie sind mir noch ein Geburtstagsgeschenk schuldig,“ bettelte sie.
„So --“ machte er gedehnt, „seit wann denn?“
„Seit gestern.“
„Schade -- sonst hätte man es als verjährt bezeichnen können.“ Und mit einem Augenzwinkern, als blende ihn immer noch der rote Schein, setzte er hinzu: „Wonach geht also Ihres Herzens Wunsch?“
„Ich bin volljährig geworden, Meister. Da darf ich heute unbescheiden sein.“
„Verlangen Sie immerhin. Die Erfüllung steht ja bei mir.“
„Sie müssen mir etwas vorsingen.“
„So -- das muß ich?“ -- In kindlicher Zutraulichkeit griff sie nach seiner schlanken, weißen Rechte.
„Ich habe mich den ganzen Vormittag darauf gefreut.“
„War es nicht anmaßend, die Bitte schon als erfüllt zu betrachten?“
„Vielleicht! Sie haben ja aber oft genug betont, daß der Bescheidene zwar sehr angenehm, aber doch durchaus unbrauchbar für das praktische Leben wäre.“
„Ja -- was soll es denn sein?“
„Parsifals Lied aus dem zweiten Aufzug,“ bat sie mit dem Ausdruck der Sehnsucht in Augen und Stimme:
Auf Ewigkeit Wärst Du verdammt mit mir Für eine Stunde Vergessen meiner Sendung In Deines Arms Umfangen.
Sein Gesicht hatte wieder den steinernen Ausdruck, um dessentwillen ihm viele der früheren Kollegen die Seele abgesprochen hatten.
„Wir reden später noch darüber,“ meinte er kurz. „Vorerst heißt es fleißig sein. Beginnen Sie also --“
Wie ein gehorsames Kind fügte sie sich. Die wundervolle Stimme klang weich und voll, aus jedem Ton der Uebung. Trotzdem war er nicht zufrieden. Kurz und scharf rügte er und verlangte Wiederholungen. Für jemand, der seine Art nicht kannte, hätte es leicht den Anschein erwecken können, als sitze er um des täglichen Brotes willen neben einer Schülerin, die zu unterrichten ihm nicht den geringsten Spaß bereitete. Und doch sonnte sich auch heute sein künstlerisches Empfinden an dem strahlenden Glanz dieses gesegneten Talents. Er quälte sie mit Vorsatz, um zu prüfen, ob auch danach noch ihr leidenschaftlich geäußerter Wunsch um Erfüllung bäte oder ob sie in leisem Gekränktsein sich von ihm abwende. --
Sie tat es nicht.
Kaum hatte er durch ein Nicken zu verstehen gegeben, daß die eigentliche Stunde zu Ende sei, als sie ihn auch schon -- mit gänzlich verändertem Ausdruck -- an die Erfüllung seines Versprechens mahnte.
„Das verheißene Reden über meine Bitte schenke ich Ihnen, Meister,“ sagte sie und lächelte schalkhaft.
Er sang ihr wirklich die nachträgliche Festgabe!
Sie hockte in einem Winkel und hatte den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, damit er nicht die Tränen sehen sollte, welche ihr das höchste Gefühl der Andacht erpreßte. Er sah sie aber dennoch und freute sich auch dessen. -- Sie wußte nicht, wie lange dies Weihespiel gewährt hatte. Die strahlende Sonne war blaß geworden. Ein leichter Dunst von Müdigkeit ließ die leuchtenden Farben des Herbstes matter erscheinen.
Wie ein reichgewesenes, nunmehr erfülltes Leben wartete dieser Tag seinem Sterben entgegen. Es war still zwischen ihnen geworden. Sie kam aus ihrem Winkel heraus, setzte sich stumm an den Platz, den er soeben verlassen und sang ihm den Dank.
Ich will wiegen Dich, ich will wachen.... Knabe saß auf der Mutter Schoß Spielten zusammen, bis er groß....
Lebenserfüllung auch hier! Das Lied der Solveig, das einen wandermüden Sturmgesellen endlich erlöst!
Der Meister regte sich nicht. Sterbensfrieden segnete Raum und Zeit.
Das wundersame Erzittern, das die Kunst dem Reinen schenkt, feierte sein Auferstehen.
Ich will wiegen Dich und wachen Schlaf und träume, Du Knabe mein
-- -- Die Wirklichkeit regierte wieder! --
„Wenn der Drache und der gesegnete Obstgarten nicht wären, würde ich Sie jetzt in das Deutsche Opernhaus mitnehmen,“ sagte Ralf Kurtzig, als sie verstummt war. -- Und das war sein Dank. -- „Es wird heute Carmen gegeben -- mit der Olitava als Gast.“
Eva von Ostried jubelte hell auf.
„Die alte Pauline erlaubts von Herzen gern, denn -- im Vertrauen -- eine große Hilfe bin ich ihr doch nicht und -- gestern -- war -- ja -- mein Geburtstag.“
-- -- Sie saßen im Hintergrund einer Loge und lauschten mit verhaltenem Atem. Das Lied blutroter Leidenschaft flammte und brannte sich in das Herz des Einen -- Und das war nicht das junge -- Die heiße Teufelin triumphierte über den sanften, blonden Engel. Das edle, scharfgeschnittene Gesicht des Fünfzigers erschien um Jahrzehnte verjüngt. Seine tiefen, machtvollen Augen bohrten sich in Evas Gesicht -- machten sie einen Herzschlag lang verwirrt -- erinnerten aber im nächsten Augenblick an zwei andere -- -- damals in Oeynhausen. Sie mußte wieder an Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit denken, für die sie eine Zeitlang nicht mehr den früheren Zorn aufzubringen vermocht hatte. -- Jetzt begriff sie ihr zur Milde gewandeltes Urteil nicht. Ein eigentümliches, fremdes Gefühl hatte sie gepackt. Sie wehrte sich in schauderndem Auflehnen gegen das Empfangen und Erwidern aller gespielten Leidenschaft -- und verurteilte diese Regung doch, ohne sich davon zu befreien, als die Wahnvorstellung einer engen Seele.
Ob sie auf der Bühne überhaupt jemals davon loskam?
Die scheue Reinheit ihrer Mutter lebte in ihr auf. -- Angst und Zorn verflogen indes wieder. Sie schloß die Augen, lauschte den Klängen und fühlte sich bald wunschlos glücklich -- --
Gegen elf Uhr war sie daheim. Die alte Pauline saß noch vor dem aufgeschlagenen Bibelbuch auf der Diele. Eva begann zu schelten:
„Sie sollten längst zur Ruhe sein, Pauline! Die letzten beiden Tage waren ohnehin viel zu anstrengend für Sie!“
„Ich hätte heute doch nicht schlafen können, Fräuleinchen. Meine Gedanken springen zu wild.“
„Sie ängstigen sich natürlich um unsere liebe Herrin, nicht wahr?“
Die Alte nickte kummervoll.
„Seit ein paar Stunden sehe ich überall ihr Gesicht und das sieht aus, als wenn sie unzufrieden mit uns wäre. -- Wir hätten sie doch nicht weglassen dürfen.“
„Was wollten wir dagegen machen, Pauline? Sie hielten ja selbst jede Gegenmaßregel für umsonst.“
„Man hätte hinter ihrem Rücken zu Herrn Justizrat schicken müssen.“
„Haben Sie vergessen, daß der mit hohem Fieber zu Bett liegt?“
„Schreiben hätte er ihr wohl können.“
„Quälen Sie sich nicht länger. Morgen früh werden wir eine Karte haben, die uns erzählt, daß sie uns gar nicht nötig hat. Oder -- vielleicht telegraphiert sie uns sogar ihre glückliche Ankunft.“
„Wenn ihr unterwegs was passiert wäre, Fräuleinchen.“
„Sie sind schrecklich, Pauline. Ich werde nun auch keine Ruhe finden können.“
Die Treue malte sich mit selbstquälerischer Gründlichkeit allerhand furchtbare Möglichkeiten aus.
„Denken Sie doch, wenn sie ihren Herzkrampf bekäme und Niemand wüßte, wer sie wäre und wohin sie gehörte.“
„Darüber beruhigen Sie sich. Ihr Handtäschchen enthält ihre genaue Adresse. Darunter steht mein Name mit der Bemerkung, daß jede Mitteilung an mich zu richten wäre.“
„Verlangte sie das ausdrücklich, Fräuleinchen?“
„Natürlich. -- Sie wissen ja, wie gut sie alles bedenkt.“
„Wenn das nur kein trauriges Vorzeichen ist. -- Sie hat gewiß schon irgend eine schwere Ahnung gehabt.“
„Nein, Pauline. Auch die gesundesten Vorsichtigen unterlassen so etwas nicht. Ich selbst reise niemals, ohne meine ausführliche Adresse vorher aufzuschreiben.“
„Mir wär sowas graulig. Gerade, als hätte man nur so auf das größeste Unglück gewartet. -- Hören Sie die Eule schreien, Fräuleinchen?“
„Das tut sie bereits seit einigen Wochen um diese Zeit, Pauline.“
„Ich höre sie heute wirklich zum ersten Mal. Wir nannten sie zu Hause den Totenvogel und zogen uns die schweren Federbetten über die Nase, weil wir uns fürchteten. -- Wenns doch bloß erst morgen wär.“
Eva von Ostried wurde ungeduldig. In ihren Nerven schwang sich noch das Gold der Töne. Alles andere versank in einen Abgrund, um vielleicht am nächsten Tage, wenn die Sonne hell darüber schien, wieder bestimmte Form zu gewinnen.
„Gute Nacht, Pauline,“ sagte sie. „Ich bin rechtschaffen müde. Gehen Sie endlich auch zur Ruhe. Dann wird sich Ihr Wunsch auf dem schnellsten und natürlichsten Wege erfüllen.“
Das alte Mädchen konnte sich nicht dazu entschließen. Sie saß und betete immer die gleichen Worte aus dem frommen Lied ihrer Kindheit:
Alle Menschen groß und klein Sollen Dir befohlen sein!
Endlich bewegten sich die welken Lippen nur noch mechanisch. Der Kopf sank schwer auf die Brust herab. Sie träumte, daß ihre gute Frau Präsident ungeduldig nach ihr klingele und fuhr mit einem lauten Schrei aus dem unruhigen Schlaf empor.
-- -- Eva von Ostrieds tiefe, gleichmäßige Atemzüge bewiesen sehr schnell, daß Sorge, Gedanken und Freude in dem Schlummer beneidenswerter Jugend ausruhten. Sie vernahm nichts von dem anhaltenden Schrillen der kleinen Glocke an der Gartenpforte. Erst das Klopfen an die eigene Tür ließ sie auffahren.
Die alte Pauline stand, mit einem Telegramm in der Hand, vor ihr. Und sie riß -- nun auch von einem sonderbar kalten Gefühl gepackt -- die blaue Verschlußmarke in der Mitte durch -- --
4.
Es war -- doch -- nicht möglich! --
Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts, als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte. Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche.
Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll, um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen.
Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort:
Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer Adresse soeben in Wartesaal 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche zur hiesigen Halle überführt.
Belgard a. Persante. Bahnhofsdirektion.
-- -- Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch, das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte.
Und man mußte doch zu ihr!
Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die alte Pauline:
„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß sicher mit allem Bescheid.“
Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. -- Sobald im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte.
„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar -- warten Sie mal -- so -- ich hab’s schon -- mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“
Eva wagte eine Einrede.
„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt erlauben?“
Kurz und klar tönte seine Erwiderung:
„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“ --
Nun galt es wiederum zu warten!
Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war.
Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit -- und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. -- Sie dachte innig an die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde -- schöne Leben fühlen.
Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. -- Die Zukunft war rosenrot. -- Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein. -- Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und frei von allem Irdischen. -- Sie wurde davon vor dem Bild, das die Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. -- Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen Augenblicken!
Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein durfte -- fern ab von der grausamen Not, die der Alltag bringen kann -- das war das Werk der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen Kenntnis erhielt. -- Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte. Und ahnte nicht, wie sehr sie -- mit diesem Ausdruck der Reinheit und Entrücktheit -- ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm fieberte.
-- -- Die Schrecken des Todes waren überwunden. -- Der goldene Traum vom Leben war zu schön. -- Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin, neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige Feier, von welcher -- ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte, war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er -- nach ihrer Bitte -- zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte.
„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören, Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. -- Sie wissen, daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten mir übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit. Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten. Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich der Anfall wiederholt. -- Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“
Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage:
„Ob sie wohl noch -- sehr -- gelitten hat.“ -- Das Staunen über das, was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem.
Der Justizrat schüttelte den Kopf.
„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem Gesicht lag.“ -- Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von Neugier:
„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier noch einmal geöffnet wurde, wie sie auch dies erlaubt hatte, wenn einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“
Eva von Ostried zögerte mit der Antwort.
„Ich habe meinen toten Vater gesehen --“ Es klang wie das Geständnis von schwer überwundenem Grausen.
„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend.
„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“
„Ja -- das bin ich voll und ganz!“
„Wie grausam ist auch dies. Das Leben lassen und alle Schuld -- zusammengedrängt -- in letzter Stunde empfinden und bereuen zu müssen,“ sagte sie schaudernd und dachte dabei wiederum an ihren Vater, dessen Qual nicht zu Ende hatte kommen können.
Er zuckte mitleidslos die Schultern.
„Einmal rächt sich eben alles! -- Das ist der Trost von uns Juristen, wenn wir lediglich mit dem Beweis unserer starken Ueberzeugung belasten können. -- Nun muß ich aber zu meiner Arbeit. Mein Bürovorsteher ist verzweifelt. Stöße von Akten warten auf mich.“
Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich ihr schwere Fragen auf den Lippen brannten. An der Schwelle wandte er noch einmal den Kopf nach ihr.
„Sie hatte mich schon vor Jahresfrist gebeten, nach ihrem Tode möglichst unverzüglich den Antrag auf Eröffnung ihres Testaments zu stellen. Ich habe es also bereits veranlaßt. In ein paar Tagen hoffe ich, wird auch Ihnen Nachricht zugehen.“