Part 4
Sie nickte der Sonne zu und jauchzte hell auf -- streckte die Arme und griff spielerisch nach den blendenden Kreisen.
„Der Ruhm soll mir beide Hände mit Gold füllen.“
Von der Veranda her ertönte ihr Name. Ungeduldig winkte ihr die Präsidentin.
„Wo bleiben Sie, Eva?“
Da flogen die Träume von dannen. Was aber blieb, war noch köstlich genug. Gaben -- Freundlichkeit -- und Ermahnungen. Auch diese! Eva von Ostried hörte scheinbar aufmerksam zu, als ihr Frau Melchers vom alten Amtsrat Wullenweber und allem, was zwischen ihnen gesprochen war, sagte. Im Stillen dachte sie:
„Ehe ich mich jemals an den engherzigen, mürrischen Nachbar wende, würde ich lieber hungern.“
Daß dies Schreckliche in Wahrheit eintreten könnte, erschien ihr freilich undenkbar.
Als sie das Erbe der Mutter empfing, mußte sie weinen.
Es war ja so unendlich wenig. Ihr Vater hatte oft mehr als das Dreifache in einer Nacht im Spiele verloren. Aber es rührte sie! Die verblaßten Erinnerungen füllten sich mit lebendigen Farben. --
Ihre feine, kleine, stille, zarte Mutter! -- Wie sie Paul Karlsen in der Dunkelheit des gemeinsamen Warteraums an sich gerissen, hatte sie ihrer plötzlich gedenken müssen -- sie um Hilfe anflehend. -- Den Vater hatte sie damals vergessen. Der war ja auch nur für die lustigen Stunden dagewesen. -- Sie hielt das Geld traumverloren fest und sah unverwandt darauf nieder.
„Was gedenken Sie damit zu beginnen, Eva,“ forschte die Präsidentin neugierig. „Am besten tragen Sie es noch heute auf die Bank.“
„Ich gebe es nicht fort,“ sagte Eva hastig. „In meinem Schmuckkasten, der leider nichts birgt, als die kleine goldene Brosche von Ihnen, wird es liegen und geduldig warten.“
„Worauf denn, Kind?“
„Daß ich es in etwas Wunderschönes umsetze. Ich weiß auch schon, worin. Zum Beispiel einen Teil in den entzückenden Hut mit dem Reiher, von dem uns neulich die Verkäuferin sagte, daß ihn getrost eine regierende Fürstin tragen könne.“
„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so hinwerfen, Eva?“
„Schelten Sie nur! -- Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch. Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und ich lache mich halb tot und freue mich.“
Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten. Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe traf.
Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen, die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn. Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und zärtlich:
„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“
3.
Solange Eva von Ostried im Hause der Präsidentin weilte, hatte sich jene noch niemals von einer Aufregung sichtbar beherrschen lassen. Zu allen Zeiten wußte sie das wohltuende Gleichmaß einer abgeklärten Ruhe zu bewahren. Jetzt aber sprang sie mit den Zeichen einer großen Erregung auf und ging hastig in dem blumengeschmückten Zimmer auf und nieder. Dabei ließ sie den soeben empfangenen Brief keinen Augenblick aus der Hand. Immer wieder überlas sie ihn und fuhr zuweilen sanft darüber hin, als ob sie etwas Liebes streicheln wolle. Endlich blieb sie vor Eva stehen.
„Meine alte, liebe Jugendfreundin mußte mich erst rufen, ehe ich mich zu ihr finde. Was hilft es, daß ich fest entschlossen war, diese Reise anzutreten? Da steht, daß sie sich längst nach mir gesehnt hat und mich nur nicht früher zu rufen wagte, weil sie Rücksicht auf mein Herzleiden nehmen wollte. Wenn ich nun zu spät käme.“
Ehe Eva etwas darauf erwidern konnte, las sie das Schreiben vor:
„Wundere Dich nicht, meine liebe Hanna, daß ich mit Blei schreibe und daß der Umschlag fremde Handzeichen -- nämlich diejenigen einer liebevollen Pflegerin -- trägt. Es geht mir nicht gut. Ich hatte vor einigen Wochen den Fuß gebrochen und war seitdem zu strenger Ruhe verurteilt. Alles schien einen günstigen Verlauf zu nehmen, bis eine Lungenentzündung hinzutrat, die mir viel Schmerzen macht. Zwar bin ich stets, wie Du weißt, ein harter Mensch gewesen, aber man kann doch nichts voraussagen.
Ich habe Sehnsucht nach Dir, Hanna, und würde mich innig freuen, wenn Dir Deine Gesundheit endlich gestattete, zu mir zu kommen. In diesem Fall telegraphiere ausführlich. Du wirst dann von meiner Pflegerin, die nachmittags stets ein Stündchen spazieren gehen muß, auf dem Bahnhof erwartet und in mein Haus geleitet werden.
Deine alte treue
Maria Wunsch.“
Dann sagte sie eilig und fest:
„Bringen Sie mir sogleich das Kursbuch, Eva, und beauftragen Sie Pauline, daß sie den kleinen Handkoffer herunterschafft. Das weitere besprechen wir, sobald ich das Telegramm mit der genauen Ankunftsbestimmung fertig habe.“
Eva von Ostried legte die Hand bittend auf den Arm der Präsidentin.
„Sie dürfen unmöglich reisen! Denken Sie daran, wie eindringlich Geheimrat Schwemann vor jeder Anstrengung und Aufregung gewarnt hat. -- Wenn ich auch gelobe, daß Sie sich über keine meiner Vergeßlichkeiten ärgern sollen -- wenn ich selbst auf der Reise und während unseres Aufenthalts sehr tüchtig und umsichtig sein will -- so würde es doch zu viel für Sie werden.“
„Ich glaube, Sie haben mich mißverstanden, Eva. Ich denke diesmal allein zu reisen. Sie werden daheim bleiben.“
Das schöne, junge Gesicht wurde blaß vor Schreck.
„Sind Sie unzufrieden mit mir? War ich auf der letzten Reise nicht liebevoll und aufmerksam genug? O, ich fühle es. Die unglückliche Theatergeschichte trägt die Schuld daran.“
„Nein, mein Kind, die hat gar nichts mit meinem heutigen Entschluß zu schaffen. Ich war voll zufrieden mit Ihnen. Die kleine Episode, mit der mich allerdings betrübenden Heimlichkeit, kann nichts daran ändern. Der Grund ist ein anderer. Das Heim meiner alten Freundin ist eng und mehr als bescheiden. Nun bereits eine Pflegerin darin nächtigt und ich mich demnächst auch noch dazu finde, würde für Sie kaum ein Plätzchen bleiben. Und im Hotel? -- Ja, dann hätte ich wiederum nicht viel von Ihnen und meine gute, sorgsame Maria würde sich dauernd aufregen, weil sie so beschränkt in der Ausübung ihrer Gastfreundschaft sein muß. Nein -- nein. Diese Unruhe müssen wir ihr ersparen. Erinnere ich mich recht, habe ich unterwegs irgendwo einen längeren Aufenthalt. Das stelle ich sogleich fest. -- Jedenfalls Zeit genügend, Ihnen ein Kärtchen zu schreiben, Aufzeichnungen, wie ich das auf jeder Reise zu tun liebe, zu machen und beschaulich die verschiedenen Tageszeitungen zu lesen.“
„Tun Sie es nicht! Ich flehe Sie an,“ bettelte Eva von Ostried.
„Diesmal bleibe ich fest. Sparen Sie jedes Wort. Eine freudige Sicherheit wie ich sie lange nicht mehr empfand, sagt mir, daß ich recht handle. Geht es mir trotzdem schlecht -- fühle ich mich ohne Ihre kleinen Hilfeleistungen, an welche ich mich allerdings gewöhnt habe, zu matt, werde ich Sie umgehend telegraphisch rufen. Das verspreche ich Ihnen.“
Noch einmal machte Eva den Versuch zur Umstimmung.
„Wenn Sie mir nur erlauben, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite. Ich könnte sofort mit dem nächstmöglichen Zuge zurückreisen.“
„Wie hilflos und hinfällig muß ich Ihnen erscheinen. Nein und zum letzten Mal, nein, Eva. Sie bleiben hier, helfen der guten Pauline beim Einlegen der Früchte -- schreiben mir fleißig und singen und studieren in der übrigen Zeit nach Herzenslust.“
Da mußte Eva von Ostried sich fügen. Sie tat es langsam und widerwillig. Als die Präsidentin sie noch einmal zurückrief, hoffte sie auf eine Sinnesänderung. Es handelte sich aber um etwas Nebensächliches, das nichts an dem Beschlossenen änderte.
„Noch schnell etwas über mein Reisekleid,“ sagte die Präsidentin frisch, „meine gute Maria liebte einst besonders ein schwarzes, schlichtes Seidenkleid an mir, das ich seit Monaten nicht mehr trug, weil es mir zu feierlich war. Sie finden es sorglich verpackt in der zweiten Bodenkammer in dem alten Schrank. Streng modern ist es natürlich längst nicht mehr. Gleichviel -- ich will ihr die Freude machen nach der langen Zeit darin unser Wiedersehen zu feiern. Sie wird daran auch merken, wie treu ich selbst das Kleinste und Unwichtigste aus unserm Verkehr im Gedächtnis bewahre.“
Eva von Ostried wagte keine weiteren Einwendungen.
Der ruhige, durchaus bestimmte Ton, in dem die Präsidentin gesprochen, ließ sie erkennen, daß auf dem bisherigen Wege keine Sinnesänderung zu erwarten stand. Ihr Herz klopfte in einer jäherwachten, ihr selbst unbegreiflichen Angst. Vielleicht würde die alte Pauline mehr ausrichten. -- Die treue Dienerin schüttelte den Kopf, als Eva ihr in hastigen Worten das Nötige mitteilte.
„Sie hat es sich vorgenommen. Dagegen können wir nichts machen,“ meinte sie bedrückt.
„Versuchen Sie doch wenigstens ihr abzureden, Pauline,“ bat Eva von Ostried eindringlich. „Wer so lange wie Sie mit ihr zusammen gewesen -- ihr gedient -- sie umsorgt, und schließlich auch das Schwerste, den Tod ihres Gatten mit durchgemacht hat, der muß verstehen, wirkungsvoller als ich zu bitten.“
Das faltige Gesicht senkte sich kummervoll.
„Wie wenig kennen Sie unsere Frau Präsidentin noch, wenn Sie daran glauben. Ja -- käme es hierbei allein auf sie an. Wäre das eine Reise zur bloßen Erholung. -- Eigensinnig war sie nie und für ordentliche Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie so ein einfacher Mensch gab, wie unsereins. Es geht aber um Jemand, dem sie gut ist und gegen den sie etwas wie ein böses Gewissen hat. Da ist sie nicht zu halten. Nein, Fräuleinchen, wir beide können bloß den lieben Gott innig bitten, daß er sie uns gesund zurückschickt.“
Das sonderbar beklemmende Gefühl wollte Eva von Ostried nicht freigeben. Stärker wurde ihre Unruhe. Sie war fieberhaft fleißig, weil sie hoffte, ihre Gedanken dadurch abzulenken. Allein auch dies Mittel versagte. Schließlich, als sie mit den hauptsächlichsten Vorbereitungen zur Reise fertig geworden, setzte sie sich auf Frau Melchers besonderen Wunsch an den Flügel und begann deren Lieblingslied zu singen:
Am Abend, wenn die Sternlein all Zum güldnen Tanz antreten, Dann falt’ ich fromm die Hände mein Um für Dein Glück zu beten..
Mitten in den weichen, wundervoll reinen Tönen versagte ihre Stimme. Mit einem erstickten Schluchzen legte sie den Kopf auf die Tasten.
„Was haben Sie, Kind,“ fragte die Präsidentin erschrocken.
„Ich weiß es selbst nicht. Einmal vor langen Jahren war mir ähnlich zumute. Damals brannte in Waldesruh die gefüllte Scheune herunter und der Wind stand so ungünstig, daß alle ein Herüberspringen der Flammen auf unser Schloß fürchteten.“
„Es ist aber letzten Endes glücklich bewahrt geblieben, nicht wahr?“
„Ja -- wie durch ein Wunder!“
„Sehen Sie wohl! Auf dies Wunder wollen auch wir hoffen. Das heißt, ich wüßte kaum, aus welcher Not es uns zur Zeit helfen sollte. Der heutige Tag hat Sie ungewöhnlich erregt, Evalein. Das ist verständlich. Es tut mir herzlich leid, daß wir ihn so wenig festlich und würdig zu Ende führen konnten.“
Eva hob die tränennassen Augen zu der Gütigen empor.
„Haben Sie mir wirklich jene Eigenmächtigkeit in Oeynhausen voll vergeben,“ fragte sie leise.
„Ich will zugestehen, daß ich anfangs schwer darunter gelitten habe. Nun ist längst alles wieder gut. Lassen Sie sich sagen, daß ich Sie wie mein eigenes Fleisch und Blut liebe. Ja -- Eva, daran denken Sie stets. Nicht nur heute und morgen, sondern auch und besonders, wenn Sie einst ohne mich wandern müssen. -- Jetzt aber genug von diesen Dingen. Wir wollen uns nicht unnötig weich machen.“
Da fühlte sich Eva endlich von dem unerklärlichen Alp befreit und jauchzte ein zartes Frühlingslied heraus. Die Präsidentin nickte lächelnd und dachte:
„Wie weich und gut sie ist, trotz ihrer Fehler und wie liebenswert. -- Warum habe ich mir so viel Sorgen um sie gemacht? Ein Blumengarten ohne Unkraut ist doch eine Unmöglichkeit. Ich werde mit Gottes Hilfe schon das Wuchernde mit Stumpf und Stiel ausrotten. -- Schwere Aufgaben sind allemal die lohnendsten.“
Und sie strich in mütterlicher Zärtlichkeit heimlich über Eva von Ostrieds Aermel, ohne daß diese in ihrer begeisterten Versunkenheit etwas von der stillen Liebkosung merkte. Seit langen Jahren war der Präsidentin nicht so leicht und glücklich zu Sinn gewesen, wie in dieser Stunde.
*
Um elf Uhr am nächsten Vormittag war die Abreise endgültig festgesetzt. Die alte Pauline hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der Abwehr der Präsidentin einen riesigen Strauß bunter Astern und letzter Rosen zu binden. Sie war gerade damit beschäftigt, ihn an die Schirmhülle zu befestigen, als die Glocke der Gartenpforte anschlug.
„Wir dürfen jetzt keinen Besuch annehmen,“ flüsterte Eva von Ostried der Getreuen zu. „Die letzte Stunde muß Frau Präsidentin möglichst ruhig verbringen. Hören Sie nur, wie stürmisch geklingelt wird.“
„Ich lasse keinen rein, Fräuleinchen; es sei denn der Geldbriefträger.“
Es war aber nur ein einfach aussehender älterer Mann in der Tracht eines schlichten Bauern. Anfangs begriff er nicht, daß es Leute geben sollte, die einem Unbescholtenen den Eintritt verwehrten. Als sich aber die Pforte durchaus nicht vor ihm öffnen wollte, wurde er zornig.
„Denken Sie vielleicht, ich wäre eigens aus dem Oderbruch hergekommen, um mich von Ihnen wieder wegschicken zu lassen, als wollte ich betteln.“
Die alte Pauline suchte ihn zu besänftigen.
„Nehmen Sie doch endlich Vernunft an. Ich sage Ihnen zum letzten Mal, es geht eben heute nicht. Unsere Frau Präsidentin will gleich verreisen. Eigentlich darf sie gar nicht, weil ihr Herz nicht in Ordnung ist. Darum muß sie wenigstens, bis der Wagen kommt, ganz still liegen.“
„Das kann sie meinetwegen ja auch,“ murrte der Bauer. „Wenn Sie denken, daß ich sie aufregen tue, irren Sie. Was ich von ihr will, macht bloß Freude.“
„Warten Sie einen Augenblick,“ meinte Pauline, durch sein zähes Ausharren unschlüssig geworden, „ich rufe mal schnell das Fräulein heraus. Die wird Ihnen das alles besser klar machen.“
Eva bemühte sich trotz ihrer ärgerlichen Ungeduld, die sich beim Anblick des Hartnäckigen steigerte, möglichst sanft zu sein.
„Wirklich, lieber Mann, es geht nicht. Kommen Sie nach ein paar Wochen wieder oder -- schreiben Sie an Frau Präsident, wenn Sie mich durchaus nicht in Ihre Angelegenheit einweihen wollen.“
„Schreiben -- schreiben,“ echoete der Bauer. „Wenn ich hätt’ schreiben wollen, wäre ich erst gar nicht hergekommen. Ich befaß mich aber mit solchen neuen Moden nicht gern. Von Mund zu Mund -- von Hand zu Hand -- ist alles sicherer. Als ich vor zehn Jahren Frau Präsidentin unter meinem Dach hatte, haben wir auch nichts Schriftliches zusammen aufgesetzt. Sie hat zu mir gesagt: Sie sind ein rechtschaffener Mann. Ich hab’ Vertrauen zu Ihnen. Und hier ist das Geld --“
„Geld wollen Sie also auch heute wieder von ihr, wenn ich Sie recht verstehe?“ forschte Eva von Ostried.
Da riß die Geduld des Bauern vollends.
„Ich bin der Tabakbauer Kleinschmidt aus dem Oderbruch, eine Meile von Schwedt, und brauch’ kein Geld mehr. Gott sei Dank. Und wenn Sie’s immer noch nicht wissen, merken Sie sich’s jetzt wenigstens. Ich bring’ ihr Geld. Das, was ich ohne Schuldschein oder Hypothek als bloßes Darlehn auf mein Gesicht und meine beiden Hände hin mal gekriegt hab’. Ich hab’ noch nie bis heut erlebt, daß man einen, der Geld bringt, nicht rein läßt. Und nun bestellen Sie ihr das, wenn Sie nachher keinen Aerger haben wollen.“
Das tat Eva nach kurzem Ueberlegen wirklich.
Die Präsidentin erhob sich sofort.
„Natürlich lassen Sie ihn nunmehr ungesäumt zu mir, Eva. Ich kann mir den Zorn dieses braven, tüchtigen Mannes sehr wohl vorstellen. Allerdings begreife ich vorläufig nicht, wie er mir jenes Darlehn ohne vorherige Aufkündigung einfach ins Haus bringen kann. Indes war die bisherige Art unseres Geschäftsabschlusses ja auch eigenartig und ungewöhnlich. Jedenfalls rufen Sie ihn mir!“
Sie streckte dem Eintretenden freundlich die Hand entgegen.
„Nichts für ungut, lieber Kleinschmidt. Sie haben wohl gemerkt, daß die, welche ich als die Meinen bezeichnen muß, weil sie treu für mich sorgen, überängstlich sind. Sehen Sie’s ihnen nach. Ich muß das täglich ertragen und noch dazu mein allerfreundlichstes Gesicht machen. Sie werden doch nur sehr kurz davon betroffen.“
„Ich an Ihrer Stelle würde sie schön auf den Trab bringen, Frau Präsident.“
„Möchte ich auch mehr als einmal besorgen, lieber Kleinschmidt. Aber -- ich fühle, daß ich sie notwendig habe und nehme deshalb die gelegentlichen kleinen Uebertreibungen geduldig in den Kauf. -- Ich will verreisen, wie Sie natürlich schon gehört haben. Sie sind mir also nicht böse, wenn ich Sie nicht zu längerem Verweilen nötigen kann.“
Er zog umständlich eine dicke Brieftasche hervor.
„Als es mir damals so schlecht ging, weil uns die beiden Staatskühe fielen und der Nachbar mich mit dem Wechsel betrogen hatte, wollte ich mich aus der Welt machen.“ Die Präsidentin legte die Finger an die Lippen.
„Nicht mehr dran rühren, Kleinschmidt. Es ist ja alles wieder gut geworden.“
„Ist es auch! Ich hab’ mich langsam rausgebuddelt, weil es eben doch noch einen guten Menschen gegeben hat, woran ich nicht mehr glauben wollte.“
„Es gibt deren Viele,“ versuchte sie ihn abzulenken, aber er beharrte eigensinnig bei seinem Thema.
„Nee -- bloß einen. Dabei bleib’ ich. Jede andere feine Dame hätt’ sich wohl halb zu Tode geschrien, als sie sah, daß sich ein alter Nichtsnutz, bei dem der blaue Vogel überall hinflog, das Leben nehmen wollt’. Zum mindesten wäre sie bestimmt auf die Dorfstraße gelaufen und hätt’s bekannt getan. -- Sie haben bloß still meine Hände gestreichelt und geweint. Und sind die ganze Nacht bei mir geblieben und haben immer getröstet. -- Und am nächsten Morgen nahmen Sie ein Buch aus der Tasche und fragten, wieviel ich nötig hätt’.“
„Hören Sie auf, Kleinschmidt. Es peinigt mich wirklich.“
„Sie sagten ja, Sie wären Geduld gewöhnt, Frau Präsident. Ich muß Ihnen das mal so richtig klar machen, -- Sie haben mir viel Geld gegeben und kannten mich doch bloß als einen, der ein luftiges Zimmer für -- weiß Gott, genug Geld an Sie abvermietet hatt’. -- Das hat mir erst richtig das Leben gerettet. Nun konnt’ ich mich nicht mehr wegstehlen. -- Sie mußten Ihr Geld zurückhaben. Und hier ist es! -- Auf Heller und Pfennig. Die letzten Zinsen sind auch beigepackt.“
Umständlich begann er die zerknitterten Scheine auf den Tisch zu zählen. Sie machte eine entsetzte Bewegung.
„Wo soll ich jetzt mit dieser Summe bleiben? Sie sehen, ich stehe im Begriff, eine Reise anzutreten. Mitnehmen mag ich sie nicht. Sie daheim im Schreibtisch zu belassen, ist mir zu ängstlich, wennschon ich bisher vor Dieben bewahrt geblieben bin.“
Er wußte ihr keinen Rat. Es blieb ihm unverständlich, daß bares, gutes Geld unwillkommen sein konnte.
„Nehmen Sie es wieder mit, Kleinschmidt, und bringen oder schicken Sie es mir per Post ein paar Monate später. Selbstverständlich berechne ich Ihnen für diese Zeit keine Zinsen.“
Er schüttelte energisch den Kopf.
„Nee, Frau Präsident, das mach ich nicht! Behalten Sie es man. Wer so ein schönes großes Haus besitzt, hat auch Keller und Schlupfwinkel, wo es vor dem lichtscheuen Gesindel sicher liegt.“
Er lächelte schlau. Sie erkannte, daß es zu viel Zeit nehmen würde, um ihn zu überzeugen und begann mechanisch die Scheine nachzuzählen.
„Es stimmt natürlich,“ sagte sie. „Zwölftausend Mark und zweihundertvierzig als halbjährige Zinsen. Wissen Sie, dies Geld schwebt eigentlich gänzlich in der Luft. Ich habe es nicht mal ordnungsmäßig gebucht. Wären Sie, trotz Ihres mir bekannt gewordenen Fleißes nicht in die Lage gekommen, es zurückzuzahlen, hätte ich es Ihnen einfach geschenkt.“
In sein verwittertes Gesicht stieg die Röte der Scham.
„Schenken mag wohl leicht sein, Frau Präsident. Das Nehmen ist ein sauer Ding. Ich wär’ mein Leben nicht mehr froh geworden. -- Die Tochter hat auch gesagt: „Vater, wir wollen uns ran halten, daß der Tisch klar wird.“ Sie wissen wohl, ihr geht es gut. Der Mann ist nüchtern und flink und die vier Kinder tun schon manchen Handschlag in der Wirtschaft. -- Nun will ich aber nicht länger aufhalten.“
Sobald er gegangen war, rief die Präsidentin Eva von Ostried herein, deutete auf das noch ausgebreitete Geld und sagte eilig:
„Das hat er mir soeben zurückgezahlt. Es kann natürlich nicht im Haus bleiben. -- Die Einbrüche in der Nachbarschaft mehren sich. Bringen Sie es sofort auf die Bank, liebe Eva. Wie günstig, daß wir sie gleich an der nächsten Ecke haben. Sie wissen, ich bin durchaus keine ängstliche Natur. Nach den jüngsten Erfahrungen unserer Bekannten, denen die leichtsinnig im Schreibtisch aufbewahrte Summe gestohlen wurde, ohne daß der Dieb bisher zu ermitteln gewesen, würde mir aber der Zwang hierzu die ganze Reise verderben. Geschenke mache ich über alles gern. Nur eine Unachtsamkeit, aus welcher ein verdienter Verlust käme, würde ich mir schwer vergeben.“
Eva hatte bereits den Hut aufgesetzt.
„Und ich würde vor lauter Angst und Verantwortlichkeitsgefühl keine Minute ruhig schlafen können,“ gestand sie. -- Im Laufschritt eilte sie durch den Vorgarten und stand nach wenigen Minuten vor dem stattlichen Gebäude der Großbank. Ihre Hand lag schon auf der eisernen Klinke neben der schweren zurückgeschobenen Schutzrollwand, als ihr Blick auf eine Mitteilung fiel, die in der Mitte der Tür angebracht war:
Heute wegen Revision der Kassen geschlossen. Einen Augenblick stand sie wie erstarrt. Dann, als die Uhr irgend einer öffentlichen Anstalt schlug, ward sie mit Schrecken inne, daß in einer halben Stunde die Fahrt zum Bahnhof beginnen müsse. Krampfhaft die kleine Ledertasche umklammert haltend, eilte sie zurück.
Was sollte nun mit dem Geld geschehen? -- Durfte sie zugeben, daß sich die Präsidentin beunruhigte? Ja mehr als das -- daß sie bei ihrem stark entwickelten Gefühl zur Ordnung und Vorsicht keinen Augenblick von dem quälenden Gedanken an den aufgezwungenen Leichtsinn befreit sein würde. Immerhin -- es half nichts! Gemeinsam wollten sie ein möglichst sicheres Versteck heraussuchen. Vielleicht wußte die alte Pauline gar einen eisernen Kasten, den sie nach dem Muster mißtrauischer Altvordern etwa im Keller vergraben könnten. Als sie sich dies ausmalte, mußte sie lachen. Das befreite sie von allem Bangen. Ein neuer Gedanke kam ihr, wurde kaum geprüft, sondern sogleich als der einzig mögliche Rettungsweg empfunden. War es nicht geradezu ihre heilige Pflicht, der herzensguten Präsidentin und zweiten Mutter diese ihr plötzlich durchaus nicht übertrieben erscheinende Sorge abzunehmen? Als sie die Villa erreicht hatte, wartete dort schon die zuvor bestellte Droschke.
„Es ist ja noch viel zu früh,“ rief sie dem Lenker zu. Der schwippte als Antwort nur mit der Peitsche. Erst als sie, lauter und ungeduldiger, ihre Worte wiederholte, ließ er sich zu einer knappen Erwiderung herbei.
„Meinem Fuchs is et all zu spät und auf den Fuchs kommt et ganz alleen an, Fräulein.“ Das allerdings mußte sie zugeben. Die Präsidentin erwartete sie -- fertig zum Einsteigen -- bereits voller Ungeduld.
„Nun, ist alles erledigt, Eva?“ Ein leises Rot stieg bis unter die lockigen, braunen Haare in die weiße Stirn.