Part 23
Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe.
Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal. Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen.
Er mußte nun heim!
Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein.
Mit ein paar Sätzen war Walter Wullenweber bei dem Andern -- -- ging neben ihm dahin, starrte ihn an wie ein Irrer....
Das war doch -- --. Das Gefühl der Atemlosigkeit wich der Befreiung, die zu schön erschien, um bedingungslos an sie zu glauben.
„Herr Rechtsanwalt Wullenweber, nicht wahr?“ fragte eine Stimme, die selbst in dem Augenblick gerechtfertigten Erstaunens noch sanft blieb.
Der schweigsame Dichter von der Familientafel der Ostrieds sah erstaunt zu dem Anwalt auf. Walter Wullenweber suchte nach einer glaubhaft klingenden Erklärung.
„Ich hatte in der Gegend zu tun und hoffte nun auf eine zufällig des Weges daherkommende Droschke.“
Die Notlüge war zögernd und ungeschickt hervorgebracht. Aber Edgar von Ostried-Javelingen kannte kein Mißtrauen. Langsam tastete er sich, nach den traumhaften Stunden, in die Wirklichkeit zurück und lachte leise auf:
„Dann ist es gut, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat. Das gibt es hier kaum. Wir erhaschen aber bestimmt noch die letzte Elektrische, wenn wir eilen. Nicht wahr, wir bleiben jetzt zusammen, um später, wenn die Bahn uns heraussetzt, ein Stückchen durch die Nacht zu gehen. Ist Ihnen das recht?“
Walter Wullenweber bejahte fast ungestüm. Ein wenig später saßen sie nebeneinander wie zwei alte Freunde.
Walter Wullenweber wartete, daß ihr Name fallen würde.
„Ich war in Fräulein von Ostrieds kleinem, entzückenden Heim,“ begann der Dichter endlich. „Ich weiß nicht, ob Sie ihre Adresse kennen.“
„Doch,“ meinte Walter Wullenweber mit mühsamer Beherrschung, „als der Anwalt der Ostrieds...“
„Richtig. Wir hatten es an jenem großen Familientage ausgemacht, daß ich sie zuweilen an Sonn- oder Feiertagen besuchen dürfe.“
„Aber heute ist doch kein Feiertag,“ warf Walter Wullenweber mechanisch ein.
„Nicht im gewöhnlichen Sinne! Für mich bestand er, obwohl sie selbst leider nicht zu Hause war.“
„Fräulein von Ostried ist... abwesend?“
„Seit vier Tagen weilt sie in München, um dort in zwei Konzerten zu singen.“
Walter Wullenweber seufzte tief auf. Wie hatte er das nur vergessen können?! Durch seine Verhandlungen mit Herrn Alois Sendelhuber kannte er die Daten genau.
„Hier habe ich übrigens eine glänzende Rezension aus den Münchener Neuesten Nachrichten über das erste Konzert,“ plauderte der Dichter und suchte einen Ausschnitt aus der Brieftasche. „Leider ist es zum Lesen zu dunkel. Der Inhalt bringt eine schrankenlose Anerkennung ihres herrlichen Stimmaterials bei vornehmster und edelster Vortragsweise. Sie wird sicher dies alles ebenso interessieren wie mich, denn, nicht wahr, auch Sie glauben bedingungslos an ihre Reinheit?“
Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht. Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu formen.
„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn.
„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe ich sofort in der ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht, Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“
„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten voll überzeugt!“
„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“
„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“
„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum Ausdruck bringen konnten.“
„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“
„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“
„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht an.“
„Wie sonderbar und hart! -- Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“
„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt auf, wir lernten uns dabei kennen -- verhandelten --“
„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper -- meine armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich bin aber gar nicht verliebt in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“
„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn so göttlich an ihr?“
„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares, unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. -- Sie hat ein junges, sicher dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten, während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet. --
Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr. Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten. Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder Monate gezählt sind -- daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte die letzte Stunde leicht...“
„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“
Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot der Scham oder Empörung.
„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden? Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich. Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn, ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“
„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll befriedigt?“
„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch, der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht. Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“
„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“
„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre guten Gründe dafür haben.“
„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage. Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“
„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder Erklärung bereit halten.“
„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten, geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts. Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut, dann irrt mein Gefühl nicht.“
„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“
Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken Versunkenen heraus.
„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr schüchtern.
„Es kommt darauf an, wo Sie wohnen.“
Er nannte eine Straße im hohen Osten.
„Dann haben wir noch eine Viertelstunde den gleichen Weg.“
Schweigsam gingen sie durch die Nacht. Der Regen hatte aufgehört. Sterne waren da und ein schmaler, blasser Mond.
„Herr Rechtsanwalt,“ sagte der Dichter plötzlich leise.
Walter Wullenweber fuhr zusammen. Er hatte die Gegenwart des andern vergessen.
„Verzeihen Sie mir meine Schweigsamkeit. Mir ging so manches durch den Kopf.“
„Das fühlte ich und würde Sie auch nicht gestört haben, wenn die Viertelstunde nicht bald herum wäre. Eine Bitte hätte ich: Werden Sie Eva von Ostried ein wahrer Freund und Berater, wenn Sie es können. Ja? Sie ist sehr einsam und ich bin doch nicht die Persönlichkeit zum schützen. Wollen Sie?“
Walter Wullenweber hielt die feingliedrige Hand des Dichters und preßte sie voller Kraft.
„Ich will es versuchen!“
Nun ging er allein weiter. Die Sterne waren schon wieder verschwunden und der schmale Mond blinkte nur noch wie ein gelber Faden, der zwei dicke, graue, unruhige Wolken zusammen zu nähen versuchte. Ihm war heiß, jung und sehnsüchtig zu Mute!
21.
Der geräumige, vornehm ausgestattete Blüthnersaal schien bereits eine halbe Stunde vor Beginn des heutigen Konzerts gefüllt. Aber mit dem Glockenschlage strömte nochmals ein neuer Menschenstrom herein, staute sich einen Augenblick und verteilte sich dann nach allen Seiten hin. Wie das Rauschen einer Unruhe lief’s durch den Saal, dann schlossen sich die Türen und es wurde ganz still.
Das Künstlertrio begann mit dem tatrischen Tondrama von Tschaikowski. Vielleicht beherrschte der wundervoll reine Klang des Cello ein wenig zu sehr die Melodie, die von der Geige hätte geführt werden müssen. Aber das war nur für die ersten Minuten der Fall. Dann bot das Zusammenspiel einen künstlerischen Genuß von höchster Vollendung und die gewaltige Dramatik des ersten Satzes löste eine beifallslose Ergriffenheit aus.
Nach der ersten Pause kam von einer der Türen Horst Waldemar von Ostried und ging suchend -- die Platzkarte in der Hand -- die vollbesetzten Reihen auf und ab. Er wußte genau, daß er irgendwo unter einem Pfeiler einen Eckplatz hatte.
Als er endlich die kleine Dame im Schwabinger Künstlerkleidchen und die dazu gehörenden braunen Haarschnecken vertrieben hatte, war es gerade der Augenblick, daß Evas stolze, schlanke Erscheinung in dem sehr schlicht gehaltenen Gewand aus weißer, fließender Seide auf dem Podium erschien.
„Hast du jemals etwas so Märchenhaftes gesehen?“ flüsterte hinter seinem Rücken ein begeistertes junges Wesen ihrem älteren, würdigen Nachbar, der offenbar ihr Vater war, zu.
Horst Waldemar lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Antwort.
„Ausnahmsweise spielst du dich als echter Kindskopf auf,“ tadelte die tiefe Stimme. „Befreie dich gefälligst von ihren äußeren Reizen, sonst kannst du unmöglich das genügende Verständnis für sie als Sängerin aufbringen. Und du weißt, daß sie das verdient.“
„Ich empfinde dich als einen merkwürdig gnädigen Kritiker, so bald es sich um sie handelt, Papa.“
„Merkst du nicht, daß sie uns alle durch ihr Talent dazu zwingt, Kind? Dies alles ist nur der Anfang. Eines Tages wird man in der musikalischen Welt nur von ihr sprechen. Dann wird sie ungeheure Honorare bestimmen und erhalten. Man wird sich einfach zerreißen, um sie festzumachen. Das habe ich bereits vor einem Jahre gewußt. Und niemals begriffen, daß sie sich mit dem bescheidenen Lose einer Konzertsängerin begnügt.“
„Sie wird sehr bald einen Prinzen oder einen Doppelmillionär heiraten, Papa, und dann darf sie nur für den Einen singen.“
Er lachte leise.
„Beide mögen sich finden lassen! Ob sie aber mag?“
„Ich glaube, ich könnte nicht widerstehen.“
„Diesen Glauben teile ich. Du bist leider im Alltag das nüchternste Geschöpf unter der Sonne, wenn es irgendwie Stellung, Vorteil oder Glanz zu erkaufen gibt.“
Es klang bitter.
„Ich muß doch, seitdem Mama tot ist, sparen. Für uns Beide,“ sagte sie, als schäme sie sich ein wenig für ihren alten Vater, der das wirtschaftliche Einmaleins so schlecht beherrschte.
Er seufzte verzweifelt auf. „Ach, diese ewigen Geldnöte, Trude.“
Da jauchzte der erste Ton durch die andächtige Stille und löschte die Nöte des Lebens aus. Schuberts tiefergreifende ewig schöne Weihelieder erbrausten. Das Lied vom „Abendrot“ umspann die Hörer mit seinem weichen, sehnsüchtigen Ewigkeitszauber.
Den fünf Handschriftliedern war ihre Stimme und die Begleitung voll angepaßt und jubelnde Stürme echter Begeisterung lösten sie aus. Eva von Ostried stand, als ginge sie die Raserei der Menge nichts an, und trat schließlich, mit einer Handbewegung auf den Komponisten deutend, bescheiden zurück. Er mußte an ihre Seite kommen. Die beiden hochgewachsenen Menschen reichten sich einen Augenblick fest die Hände.
In diesem Augenblick erhob sich Horst Waldemar von Ostried so leise, wie es seine mächtige Figur zuließ und tastete sich nach der Tür. Ihre Mitwirkung war nach der gedruckten musikalischen Beitragsfolge hiermit zu Ende. Noch einmal sah er zu ihr hinüber. Sie hatte die Hände wieder frei und leicht zusammengelegt. Sein Blick war gefesselt. Gewaltsam riß er ihn los. Noch ehe ihm das voll gelungen, hatte sie ihn bemerkt. Eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke. In der nächsten wandte sie den Kopf zur Seite.
Ihm flog etwas durch den Sinn. Zusammenhanglos, wie er meinte und töricht genug. Die Worte, die vorher der alte Kritiker über den Prinzen gesagt hatte -- „Ob sie aber mag?“ Dann reckte er sich noch höher auf und verließ in dem Augenblick den Saal, als die unaufhörlich Klatschenden sich glücklich eine Zugabe erbettelt hatten. Es war das kleine Lied des unbekannten Komponisten, daß sie damals in München gesungen:
Ich hatt’ eine weiße Rose Auf meinem Blumenbrett...
Eva hatte sich dem nicht endenden Beifall entzogen und war auf der Hintertreppe ins Freie gelangt, denn der Anblick des Einen, der sich plötzlich weit vorgebeugt und unverwandt zu ihr herab gestarrt, hatte ihr die Fassung und alle Freude an dem schönen, großen Erfolg geraubt.
Nun sah sie nur ihn, fürchtete ihm irgendwo zu begegnen und stellte doch in dem nächsten Augenblick mit bitterer Angst fest, daß er zu stark und zu stolz sei, um nach dem Geschehenen auch nur einen solchen Versuch zu machen. Die herzliche Einladung des Trios zu einem gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert hatte sie, unter irgend einem törichten Vorwand, abgelehnt. Wie eine Diebin schlich sie sich fort. Der Schwarm der Hörer hatte sich verlaufen. In der Beförderung der elektrischen Bahnen mußte vorübergehend eine Stockung eingetreten sein. Es war alles still und tot um sie her.
Plötzlich stand er neben ihr und ging an ihrer Seite weiter. Walter Wullenweber hätte dies noch vor Stunden für unmöglich gehalten. Er wollte nichts, als sie wiedersehen, und danach alles überlegen! Nun zwang ihn etwas zu ihr.
„Woher kennen Sie das kleine Lied?“
„Das Lied? Welches Lied?“ fragte sie.
„Mein Lied.“
„Das von der weißen Rose? -- Es ist das Ihre?“
„Ja, ich habe es vertont. Der Text ist von meiner armen, kleinen Schwester.“
„Ich fand es vergessen in einer kleinen Konditorei und nahm es mit mir. Seitdem habe ich es oft gesungen.“
„Eva,“ sagte er dicht an ihrem Ohr und alles, was er an Liebe, Leid, Sehnsucht und Angst um sie getragen hatte, lag in diesem einen Worte.
Es riß sie von ihm fort, denn die alte Schuld schlug mit harten Fäusten auf sie ein, aber sie hörte nichts als das eine leise, zärtliche Wort. Und seine Hand riß die ihre an sich: „Ich liebe dich -- weiter über alles.“
Da gab sie den Kampf auf.
„Wo warst du so lange?“ fragte sie voll seliger Scheu.
Nun nahm er auch ihre schlanke stolze Gestalt. Einen Augenblick ruhte sie an seinem Herzen.
„Ich war immer bei dir, Eva.“
„Und ließest mich doch ganz allein.“
„Durfte ich denn kommen? Hast du deinen Brief vergessen, den schrecklichen kalten Brief?“
„Es war alles nicht wahr,“ stammelte sie.
„Warum dann aber? Wozu diese unsägliche Qual für uns Beide?“
„Frage nichts! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das Eine.“
„Was ist das? Sprich es aus!“
„Daß ich dich ebenso liebe, wie du mich!“
Seine Arme umfaßten sie -- trugen sie beinahe, und mit geschlossenen Augen ließ sie es geschehen. „Du, du,“ sagte er nur, „nun hat alle Not eine Ende!“
Da schlug es wieder in ihr wundes Gewissen. „Ich muß noch mit dir sprechen. Morgen, ja?“
Das unheimliche Gespenst des dunklen Geheimnisses, unter dem er bis zur Grenze des Ertragenkönnens gelitten -- da war es wieder. Und dennoch nichts mehr von alledem.
„Es ist doch Keiner da, der jemals ein Recht an dir gehabt hätte, Eva?“
Stolz und frei blickten ihre Augen in die seinen.
„Niemand! Das schwöre ich dir!“
Nun war alles -- alles gut! Keine Frage sollte jemals an seinen Qualen rühren. Er würde ihr bedingungslos vertrauen. Er hob ihre Hände und preßte seine Lippen darauf.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Mit holdseliger Befangenheit, die ihn rührte und beglückte zugleich, hatte sie seinen Besuch in ihrem Heim abgewehrt. So war es festgelegt, daß sie sich um die Mittagszeit draußen in Wannsee treffen und alles nötige miteinander vereinbaren würden. Denn sie waren im Innern gleich entschlossen, daß sie schon diesen Winter als Mann und Frau durchleben mußten!
Auf dem schmalen Sitzbrett eines Bootes saßen sie und sprachen von sich und ihrer Zukunft.
„Ein glänzendes Los erwartet dich nicht, Liebste,“ meinte er. „Siehst du, mein festes Einkommen genügt eigentlich. Aber da ist noch mein Vater. Ich schrieb dir damals alles von ihm. Und dann meine kleine Schwester. Wenn ich sie doch eines Tages wiederfände.“
Fest schmiegte sie sich an ihn.
„Mit mir, die ich leider mit ganz leeren Händen zu dir kommen muß, rechnest du also lediglich als Verbraucherin?“
Er sah sie erschrocken an.
„Anders darf es nicht sein, Eva!“
„O doch! Verstehe mich nicht falsch. Ich werde an dir und deiner Liebe volles Genüge finden. Das weiß ich. Frei von allem Ehrgeiz will ich dir schaffen helfen, indem ich weitere Stunden gebe.“
„Nicht früher, bis es dringend notwendig geworden ist. Versprich mir das schon jetzt.“
„Gut,“ sagte sie nach einer Weile. -- An ihrem Zaudern merkte er, wie schwer ihr die Zusage wurde.
„Ich glaube, das war von mir allzu egoistisch, Liebling. Aendern wir es darum ungesäumt ab. Wenn deine Sehnsucht dich früher dazu treiben sollte, dann sagst du es mir!“
Sie nickte.
„Wie du mir überhaupt alles -- alles anvertrauen mußt. Nicht wahr? Aber das ist ja selbstverständlich!“
„Wenn ich dir nun doch eine Kleinigkeit verschweigen würde,“ fragte sie mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen.
„Es käme darauf an, was es wäre. Halte mich nicht für kleinlich. Ich will dir immer grenzenlos vertrauen. Aber ein Geheimnis, daß schon bestanden hat, ehe du mein Weib wärst. Siehst du, das müßte ich kennen. Oder?“ Er stockte.
„Warum sprichst du nicht zu Ende, Walter?“
„Es war nichts, Liebste,“ lenkte er ab.
„Du willst kein Geheimnis dulden und schaffst in demselben Atemzug eins,“ klagte sie.
Ihre Augen standen voller Tränen. Der Jammer über ihr Schicksal erpreßte sie. Er aber glaubte, sie verletzt zu haben, befreite sich von dem sich selbst gegebenen Versprechen und sagte rasch und klar:
„Du hast einen Anspruch, den Satz zu Ende zu hören. Ich wollte sagen, wenn es das Geheimnis eines Geschehnisses wäre, von dem du wüßtest, daß es nichts in mir änderte -- das ich voll begreifen, ja vielleicht sogar nachmachen könnte, dann gestände ich dir ohne weiteres das Recht zum Verschweigen ein.“
„Also in keinem andern Fall?“
„Nein! Vielleicht könnte ich etwas, das ich nie begreifen lernte, dennoch verzeihen.“
„Du mußt mir noch mehr darüber sagen, Walter. Ich verstehe dich noch nicht völlig.“
„Und es ist doch so klar, Liebste! Ein hartes Geheimnis, lediglich durch einen Zufall enthüllt, würde für immer Glauben und Vertrauen in mir vernichten.“
„Auch die Liebe?“ fragte sie mit Aufbietung aller Kraft.
„Meinst, daß die ohne Glauben und Vertrauen möglich ist?“
Einen Augenblick rang sie um Atem. Jetzt mußte sie es ihm sagen. Keine Minute durfte es länger nach diesem verschwiegen werden.
Da legte er den Arm um sie und zog ihren Kopf an seine Brust. So ruhte sie aus, während der leichte Kahn fast stillstand, und dachte dumpf und verzweifelt und dennoch über alle Maßen selig: Noch einen Herzschlag lang, und dann -- --
Er küßte sie auf Mund und Augen. Ein leiser Wind begann sie ein wenig vorwärts zu treiben. Die Sonne sah ihr warm und strahlend ins Gesicht.
Plötzlich ward sie fest entschlossen, ihr Glück nicht aufs Spiel zu setzen. Denn der Zufall? Er konnte ihr nichts anhaben. Niemand außer ihr wußte darum!
„Wir törichten, dummen Menschen,“ flüsterte sie an seinem Herzen und lachte dabei. Wie von einem Alp befreit atmete er auf.
Daß sie jetzt schweigen konnte und lachen war der beste Beweis, daß er sich alle Schatten nur eingebildet hatte!
Sie wurde sprühend ausgelassen.
„Daß hätte ich niemals für möglich gehalten,“ wunderte er sich beglückt.
„Du wirst noch viel Seltsames an mir erleben.“