Part 22
„Ich danke für diesen Hinweis. Er wird aber, denke ich, überflüssig werden. Oder sollte der Vetter Generalleutnant sowie die andern wirklich nichts von jener hauptsächlichsten Bedingung ahnen, die auch dies alte seltsamerweise zur rechten Zeit aufgefundene Schriftstück nicht außer Kraft setzen kann? Mit der schaffe ich es leicht.“
Der Generalleutnant wechselte mit dem Anwalt einen raschen Blick. „Es ist klüger, wir zeigen uns ebenfalls davon unterrichtet,“ flüsterte Walter Wullenweber.
„Ich bitte, daß Sie uns gefälligst jene Bestimmung zu Gehör bringen, Herr Rechtsanwalt.“
Walter Wullenweber sprach fast ein wenig zu kalt und sachlich für den Geschmack des Kummersbacher. Sein Inneres forderte jetzt eine hinreißende Rede für Eva von Ostried. Es war aber vielleicht richtiger, wie der junge Jurist es anfaßte.
„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte, ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und erstreckt sich -- ihrem Wortlaut und Sinn nach -- auf sämtliche im Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor:
„Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben, sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und Pfennig durch den Seniorenkonvent -- das sind die drei ältesten männlichen Ostrieds grader Linie -- abzuschätzen und zu ihren Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel, der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln, soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht. Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden und Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen laufend Gelder verdienen.“
Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet sich in keiner Ahnengalerie vor.“
Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je -- -- und er hätte sie schützen dürfen....
Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der Kummersbacher auf ihn zu:
„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu trennen ist.“
So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein Eva von Ostried. Da sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! -- Ich habe Eva von Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt. Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert. Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt, abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten. Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt sein?!“
„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden vervollkommnen zu lassen.“
„Das paßt großartig. Wer ist’s denn?“
„Einer unserer Schreiber.“
„Das dämpft meine Freude allerdings. Dem Kerlchen wird sie kein fürstliches Honorar zutrauen, nicht wahr?“
Endlich begriff Walter Wullenweber. „So war das gemeint?“
„Natürlich! Ich beabsichtige für jede Stunde -- na, sagen wir mal -- zehn Mark zu zahlen und ihn ungefähr vier bis fünf pro Woche nehmen zu lassen.“
Der junge Anwalt mußte lachen. „Da er zu jeder Unterrichtsstunde tüchtig üben muß, dürfte ihm daneben für seine bisherige Tätigkeit kaum noch Zeit übrig bleiben.“
„Vielleicht hat er eine Schwester, die auch ideale Bestrebungen in sich fühlt.“
„Sogar ihrer mehrere. Bescheidene, wohlerzogene Mädchen. Näheres weiß ich allerdings nicht. Ich werde mich jetzt für die Familie interessieren.“
„Ja, tun Sie das! Und wenn es möglich ist, könnten ja besser gleich alle bei ihr antreten. Ihre Adresse kann ich Ihnen sofort geben...“
Eine Sekunde überlegte Walter Wullenweber. „Lassen Sie, Herr von Ostried,“ sagte er dann und sein Ton klang anders wie bisher, „es ist unnötig. Ich kenne sie.“
„So darf ich wissen, woher?“
„Fräulein von Ostried hat mich als ihren Beistand gegen einen ihrer Agenten benötigt. Es galt, einen kleinen Irrtum richtig zu stellen...“
„Da war sie wohl persönlich bei Ihnen?“
„Ganz recht! Zweimal. Dann hatte sich die Sache zu ihren Gunsten erledigt.“
Dem Kummersbacher war diese Neuigkeit offensichtlich angenehm. Er rückte näher heran und fragte den jungen Anwalt in vertraulichem Ton:
„Und glauben Sie auch nur ein Wort von dem, was das enge Hirn einer, die nicht anders als böse denken und sein kann, über sie ausstreut?“
Bisher hatte sich Walter Wullenweber fest im Zügel gehabt. Jetzt ließ seine Kraft nach.
Der Kummersbacher bemerkte die Veränderung seines Mienenspiels.
„Was haben Sie, Herr Rechtsanwalt? Die verdammte Stickluft hier.“
„Das ist es nicht,“ sagte Walter Wullenweber tonlos.
Der Kummersbacher sah ihn fest an, begriff langsam und nickte ein paar mal.
„So stehts also. Und sie? Verzeihen Sie die Frage. Neugier liegt nicht drin. Ich habe das Mädel so lieb wie eine Tochter gewonnen.“
Das Bekenntnis des alten Herrn, daß er sich um sie sorge, ließ keine Ausrede zu.
„Ich -- wollte sie zum Weibe. Aber -- sie kam nicht...!“
Es wirkte wie das erschütternde Geständnis eines, der für einen Augenblick die Maske abwirft, und der Kummersbacher fragte kein Wort mehr. Er hatte auch keinen Trost bei der Hand. Kurz und herzlich sagte er:
„Wir beide haben heute nicht das letztemal zusammen geredet! Nicht wahr, das Gefühl haben Sie auch?“
20.
Zeit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich, um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause.
Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken: „... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später als zwei Uhr morgens.
Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten.
Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken freizuhalten, drohte ihn aufzureiben...
Ihre klaren, sprechenden Augen -- die ganze Schönheit der jungen stolzen Gestalt -- vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm verheißungsvoll zärtlich erschienen war.
Kurz! Er kam nicht von ihr frei.
Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt dich, wie du sie liebst...“
Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm +um eines Geheimnisses halber+ versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch den Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen Päckchen brauner Scheine in der Handtasche -- die einwandfreie Feststellung ihrer eigenen Vermögenslosigkeit -- dazu das Lockmittel ihrer bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten harten Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem das Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht daran glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch, täglich zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit.
Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit.
Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen. Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis zur Tischzeit oblag, eine Dame, die ihn ungesäumt in dringendster Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts, sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. -- Es war aber das Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand.
Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen.
„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“
Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches Empfinden regte sich nicht.
Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen.
„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“
Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf nieder und las mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige unter sich begraben und zermalmen werde.
Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch dieser Unangenehmen gegenüber!
„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“
„Doch,“ nickte sie stolz. „Die Leute drängen ihm ja ihre Mittel förmlich auf und er suchte nur eine bestimmte Summe.“
Walter Wullenweber war auch diese Gepflogenheit bekannt. Um bei kleinen Sparern kein Mißtrauen zu erwecken, bezifferte er in seinen Gutachten das Geforderte in der letzten Zeit kaum jemals höher als mit hunderttausend Mark.
„Es machte grade unser gesamtes Vermögen aus,“ fügte sie noch hinzu.
„Und Sie haben sich zuvor bei niemand einen Rat geholt? Keinerlei Auskunft über ihn eingezogen?“
„Das war unnötig. Jede der zweiundzwanzig Damen unseres Stiftes war bereit, ihm das ihre, bis auf den letzten Pfennig, ebenfalls anzuvertrauen. Ich war nur schneller wie sie und darum glücklicher.“
So widerwärtig sie ihm auch heute war, eine letzte Frage mußte er dennoch an sie richten.
„Wäre es möglich, daß Sie Ihr Geld, vielleicht mit einem kleinen Verlust -- noch zurückziehen könnten? Mir ist bekannt, daß solche Leute, wenn sie dabei etwas verdienen können, sich ausnahmsweise dazu bereit erklären.“
„Glücklicherweise ist das ausgeschlossen,“ kicherte sie. „Das Terrain ist bereits damit erworben. Ich werde außer den sechs Prozent Zinsen noch zwei weitere Prozent nach der Bebauung vom Reingewinn abbekommen. Denken Sie -- also das Doppelte der bisherigen Einkünfte...“
Er sagte nichts weiter dagegen. Wozu auch? Zu ändern gab es nichts mehr und sie würde es noch früh genug erfahren. Sie deutete sein Verstummen nach ihrer eigenen Veranlagung.
„Die andern Stiftsdamen würden mich steinigen, wenn sie wüßten, daß mir dies rechtzeitig gelungen ist.“ Sie sah ihn lauernd an. Der abweisende Ausdruck in seinen Zügen bestärkte sie in der Annahme, daß auch er ihr dies glänzende Geschäft mißgönne. Darüber freute sie sich, wollte grade eine hämische Bemerkung machen, unterdrückte sie aber rechtzeitig, weil sie an das andere dachte, um dessentwillen sie in der Hauptsache zu ihm gekommen war.
„Ich habe noch eine Bitte an Sie, Herr Rechtsanwalt.“
„Dafür bin ich zur Sprechstunde von 12 bis 2 Uhr nachmittags zur Verfügung,“ meinte er abweisend. „Dies hier geschah nur ganz ausnahmsweise! Der ungeschulte Schreiber soll keine unangemeldeten Besucher vorlassen.“
„Wenn Sie mich jetzt noch einen Augenblick anhören, wird es nicht Ihr Schade sein,“ tuschelte sie vertraulich.
„Ich bitte höflichst, einstweilen zu gehen,“ entschied er kurz, von ihrer Vertraulichkeit abgestoßen.
„Es handelt sich nämlich um Eva von Ostried,“ fuhr sie fort, als habe sie seine Worte nicht vernommen.
Das entwaffnete ihn!
„Sie waren ja Zeuge meiner Ansichten über sie, Herr Rechtsanwalt. Natürlich habe ich sofort versucht, die nötigen Beweise, von deren Vorhandensein ich mich nach wie vor überzeugt halte, zu erbringen. Es ist mir nicht gelungen. Ich habe keine Berührungspunkte zu den Kreisen, in denen sie lebt. Wie soll ich also das bestimmt vorhandene Material zusammentragen? Sie sind ein Mann und haben als solcher überall Zutritt. Sie sind außerdem noch Jurist und wissen genau, worauf es hier ankommt. Tun Sie mir den Gefallen und bemühen Sie sich in dieser Sache an meiner Statt. An dem Tage, an dem Sie mir Vollgültiges bringen, erhalten Sie von mir dreihundert Mark. Das gesetzliche Honorar, das Sie als Anwalt für Ihre Bemühungen fordern können, bleibt davon unberührt.“
„Wenn Sie nicht wollen, daß ich ungesäumt dem Generalleutnant von Ihrem Verlangen Bericht erstatte, entfernen Sie sich auf der Stelle.“
Sie ging mit wutverzerrtem Gesicht. „Gestehen Sie es nur, Sie sind auch einer von denen, der in ihren Netzen zappelt,“ zischelte sie, schon auf der Schwelle stehend. --
Er war wieder allein und riß die Fenster weit auf, als schwebe in diesem Raum ein Pestgeruch wahnwitziger Verdächtigung, der ihm Uebelkeit erregte. Dann hieb es wie mit Hammerschlägen auf ihn ein. „Er war auch einer...“
Stimmte das nicht? Kam er von ihr los? Er fühlte, daß er an dieser Sehnsucht und Ungewißheit langsam zu Grunde gehen müsse!
An diesem Abend kam er erst gegen neun Uhr nach Hause. Die alte Pauline war seinetwegen in Sorge. Sie wußte sich sein schon seit Wochen verändertes Wesen nicht anders zu deuten, als daß er sich krank fühle. Während er sonst beim Auftragen der Speisen gern einen Scherz machte, saß er jetzt gedankenlos am Tisch und genoß hastig und unfreudig, was sie ihm vorsetzte. Heute wartete der sorgfältig zubereitete Imbiß längst auf ihn.
„Es gibt ein Gläschen Glühwein, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie verheißungsvoll, „haben Sie das nicht gerochen? Die Luft geht scharf und Sie sehen immer aus, als ob Sie nie richtig warm werden könnten.“
Er nickte ihr zu, während er die Aktentasche abwarf.
„Sie hätten Mediziner werden sollen, gute Pauline. Ihre Diagnose stimmt aufs Haar.“
„Sie haben also wirklich gefroren und sagen mir keine Silbe davon,“ meinte sie vorwurfsvoll. „Wie gern hätte ich ein paar Kohlen in den Ofen gelegt.“
„Der Glühwein wird auch helfen. Bringen Sie ihn nur möglichst schnell.“
Sie blieb nachher noch wie in früheren guten Tagen ein wenig am Tisch stehen und sah ihm zu, in der Hoffnung, daß er sich aussprechen werde. Hastig goß er den dampfenden Trank herunter.
„Kann ich noch eins bekommen, Pauline?“
„Aber gewiß! Nur wär’s vielleicht besser, ich brächt’ es Ihnen kurz vor dem Schlafengehen. Das nimmt man, soll’s helfen, in ganz kleinen Schlückchen -- macht die Augen zu und schläft geschwind ein, wenn’s sonst auch noch so lange dauern muß.“
„Ich werde ausnahmsweise gehorsam sein. Also -- nachher noch eins! Vorher aber und zwar jetzt gleich, bitte, das andere...“
Sie hantierte kopfschüttelnd in der Küche, um seinen Wunsch zu erfüllen. Er würde sich doch nichts angewöhnen? Neulich war er einmal seltsam wankend nach Hause gekommen.
Auch dies zweite leerte er sehr schnell.
„Ich muß übrigens nachher noch einmal fort, Pauline.“
„Bei diesem Wetter? Hören Sie doch, wie der Regen an die Scheiben klatscht.“
„Es hilft nichts. Ich muß eben. Suchen Sie, bitte, den alten Lodenmantel heraus. Die elektrischen Bahnen werden noch überfüllter wie sonst schon sein.“ Sie schlug jammernd die Hände zusammen.
„Jetzt womöglich auch noch eine Stunde oder länger zu Fuß laufen. Lieber Gott, und ich hab’s so gut und trocken und warm. Kann ich das nicht für Sie abmachen, Herr Rechtsanwalt? Lachen Sie mich nicht aus. Ich weiß wohl, daß ich viel zu dumm für Ihre Sachen bin. Aber vielleicht ist’s nur ein Auftrag oder so was. Es war doch schon mal so. Da durfte ich auch an Ihrer Stelle gehen.“
Er legte gerührt seine Hand auf die ihre.
„Vielleicht machten Sie es diesmal sogar besser, als ich, Pauline. Aber -- nein -- es darf nicht sein. Ich werde nicht früher ruhig.“
Das war wieder geheimnisvoll und unverständlich, wie jetzt so vieles. Seufzend brachte sie den Mantel, der von den Kletterpartien aus der Studentenzeit herstammte und hing ihn sorglich um seine Schultern.
„Wann werden Sie wohl ungefähr zurück sein, Herr Rechtsanwalt?“
„Sie beabsichtigen doch nicht etwa aufzubleiben...“
-- -- -- -- Das Vorwärtskämpfen durch den dunklen, nassen Abend tat ihm wohl. Der Regen, der jetzt fein und emsig herunterrieselte, netzte seine pochenden Schläfen und beruhigte die wirren Gedanken. Trotzdem fiel es ihm nicht ein, umzukehren -- oder das, was er vor hatte, als etwas Sinnloses zu empfinden. Es gestaltete sich im Gegenteil immer klarer in ihm, daß er diesen Weg machen müsse!
Einmal versuchte er einen Platz auf der Plattform des elektrischen Wagens zu bekommen. Es gelang ihm wirklich. Aber nun stand er -- eingekeilt von der Masse mürrischer, hastiger Menschen und atmete den Dunst durchnäßter Mäntel und Kleider ein. Das dünkte ihn unerträglich.
In den kleinen verlaufenen Pfützen der Straße spiegelten sich die trüben brennenden Laternen, sodaß es wirkte, als winke eine Schar abgestürzter Lichtlein, die sich vor dem Ertrinken wehrten, zu ihm herauf. Eine halbe Stunde ertrug er es. Dann sprang er ab und ging das letzte Stück durch Wind, Regen und Kühle. Ohne zu zögern setzte er seinen Weg fort. Als er die neue Kantstraße hinunterschritt und zu beiden Seiten des kunstvollen Brückengeländers den Spiegel des Lietzensees mit der neuen Fülle ertrinkender Lichter sah, beschleunigte er seine Schritte. Ungezählte mal war er denselben Weg in Gedanken gewandert, hatte ihn sich nach der Karte so genau eingeprägt, daß ihm die Gegend vertraut erschien. Nun bog er rechts ab und hielt sich an dem Drahtzaun entlang, der die alten schönen Bäume des Parkes am Königsweg begrenzte.
Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte, ausführlich und häufig genug beschrieben.
Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür, die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer rotumhangenen Lampe --, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes.
Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg.
Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen.
Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf.