Der Uebel grösstes ...

Part 2

Chapter 23,304 wordsPublic domain

In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In diesem Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm stehen zu bleiben.

„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit ihren feinen, klaren Schriftzeichen.

„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“

Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt, ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche, wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte:

Hollah, mein werter Herr Mögt Ihr uns nicht erst sagen Wer ist das arme Kind Des Antlitz scheint zu klagen.

Wie mit einem Zauberschlage änderte sich der Ausdruck in Eva von Ostrieds Zügen. Alle weiche, kindliche Dankbarkeit schwand daraus. Ihre Lippen öffneten sich, als tränken sie jeden einzelnen Ton durstig auf. Ihre Augen flammten. Mechanisch zerpflückte sie das Geschriebene und reichte dem erstaunt und neugierig blickenden Jungen ein Geldstück hin.

„Ich werde selbst gehen. Es ist gut!“

Und doch fühlte sie dumpf und schwer, daß der Schritt, den sie im Begriff stand zu tun, besser unterbleibe. Aber es war für alle Erwägungen zu spät geworden. Aus der kleinen Seitentür trat in diesem Augenblick, eine schlanke Männergestalt und lief in freudiger Erregtheit auf sie zu.

„Wo in aller Welt bleiben Sie? Schnell hinein. Niemand im Städtchen ahnt, daß Sie der vom Himmel gefallene, göttliche Ersatz sein wollen. Es wird erhaben werden.“

Und sie folgte in willenloser Mattigkeit dem voranschreitenden Karlsen, von dem das Publikum auch hier behauptete, daß er ein großer Künstler zu werden verspreche.

* * * * *

Die dünngewordenen Stimmchen der Glocken hatten schon die vierte Morgenstunde verkündet, als Eva von Ostried endlich einschlafen konnte. Ihr Zimmer lag neben demjenigen der Präsidentin. Nachdem sie gegen elf Uhr heimgekehrt war, hatte sie durch die Verbindungstür schlüpfen wollen, um alles, was ihr widerfahren war, getreulich zu beichten. Ihr scharfes Ohr erlauschte aber zuvor die tiefen, regelmäßigen Atemzüge, die einen friedvollen Schlummer verrieten. Wie wertvoll dieser für die Präsidentin war, wußte sie genau. Darum verschob sie alles bis zum nächsten Morgen.

Der zog strahlend und schöner, wie die der gesamten letzten Wochen herauf. Eva von Ostried wurde nicht wie sonst, durch den ersten Strahl des großen Lichts zu ihren Pflichten geweckt. Die ungeheure Erregung des verflossenen Tages hatte eine bleischwere Müdigkeit auf sie gesenkt. Nun schläft sie, die sonst, pünktlich um sieben Uhr, das erste Frühstück der Präsidentin ans Bett brachte, mit dem unbewußten Behagen gesunder, kraftvoller Jugend. Fräulein Messing, die Inhaberin der Pension, freute sich darüber. Die große Neuigkeit machte sie doppelt unruhig und geschäftig. Darum trug sie auch eigenhändig das Brettchen mit der ersten Tagesmahlzeit zu der Präsidentin herein. Mit einem verständnisvollen Lächeln wies sie dabei zu der fest geschlossenen Verbindungstür hinüber.

„Wir wollen ihr heute ausnahmsweise den langen Schlaf gönnen, nicht wahr Frau Präsident?“

Frau Melchers hatte mit Rücksicht auf den gestrigen Theaterbesuch, bisher die Klingel nicht gerührt. Trotzdem billigte sie diese Versäumnis durchaus nicht. Mit leicht gerunzelten Brauen gab sie zur Antwort:

„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein Aufbleiben bis zur zehnten oder elften Abendstunde für ein junges, kräftiges Mädchen eine Anstrengung bedeutet?“

Fräulein Messing wiegte den Kopf hin und her und lächelte, als wollte sie sagen „Halte mich doch nicht für ganz ahnungslos“... Weil ihr die laute Aeußerung aber zu wenig respektvoll vorgekommen wäre, milderte sie dieselbe und sagte triumphierend:

„Wir wissen es natürlich jetzt Alle und beglückwünschen auch Sie in herzlicher Mitfreude.“

Frau Melchers begriff vorläufig nichts, als daß sich am verflossenen Abend ein Vorgang abgespielt haben mußte, der ihr ein Geheimnis war und der doch auf das Innigste mit ihrer Begleiterin verknüpft blieb.

„Sie sprechen für mich in Rätseln, Fräulein Messing. Darf ich um eine klarere Fassung ihrer sicherlich gut gemeinten Wünsche bitten?“

Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die Hände zusammen.

„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will ich gern berichten. -- Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch. Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile -- das „wie“ ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben -- einen herrlichen Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im Namen Aller überreicht hat.“

Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor:

„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“

Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte -- war auch wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen, nicht nur als Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft quälte.

Gewiß -- sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte. Immerhin -- würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte, daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen, die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen, um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel, um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung, sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören.

Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte, erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge Geschöpf!

Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von dem Glanz einer überwältigenden Freude. Fräulein Messings überstürzte Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse, hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von welcher außer ihr bisher -- Gottlob -- nur der Andere etwas wußte, mit grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin klang ungewohnt hart an ihr Ohr:

„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“

Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und stammelte etwas.

„Es ist mir schwer genug geworden -- aber ich konnte.. nicht anders,“ sollte es heißen.

„Warum nicht? Was hielt Sie zurück, der Stimme Ihres Gewissens zu folgen. Denn ich hoffe, daß es sich geregt hat.“

„Ja -- das tat es. Ich hatte mich bereits zur schriftlichen Absage durchgerungen. Da hörte ich den Gesang der Philine. Das reizte mich, der zu Unrecht auf ihr Können Eingebildeten ihre Mängel zu beweisen. -- Sie hatte mich am Vormittag wie ein Kind behandelt, das nicht ernst zu nehmen ist.“

Die Präsidentin zwang sich zur Ruhe.

„Es bleibt mir unerklärlich, wie man dort überhaupt von Ihrem Talent erfahren hat oder sollten Sie anläßlich der häufigen Theaterbesuche, längst innige Freundschaft mit den Verschiedenen gepflegt haben, von welcher ich natürlich ebenfalls nichts wissen durfte?“

Eva von Ostried richtete sich empor. An dem offenen Blick merkte die Präsidentin, daß diese Annahme falsch sei.

„Ich kannte bis gestern persönlich nur Herrn Karlsen, der mir auch jedesmal die Karte für die Vorstellungen ausgehändigt hat.“

„Dann berichten Sie, wie man auf Sie als Ersatz der eigentlichen Mignon kommen konnte.“

„Herr Karlsen teilte mir heute Mittag in höchster Aufregung den Unfall des Gastes mit, als ich mir die Karte zur Abendvorstellung besorgen wollte. Gleichzeitig schilderte er mir den großen Ausfall für die Schauspieler, weil die gezahlten Preise zurückerstattet werden mußten. Erfahrungsgemäß werde an einem der alten und ältesten Lustspiele wenig verdient, sondern lediglich mit einer guteingeübten Oper. Der Direktor aber müsse nun noch außerdem der anspruchsvollen Philine das vereinbarte Spielhonorar zahlen. Dies traurige Ereignis vernichte wiederum die stille Hoffnung aller auf eine endliche Aufbesserung ihrer Verhältnisse.“

„Nun wurde Ihr Mitleid wach und Sie boten sich an.“

„Nein, das tat ich wirklich nicht. -- Ich sagte nur, daß ich bei ernstlichen Bemühungen sehr wohl an einen guten Ersatz der Mignon glaube.“

„Damit reizten Sie natürlich Karlsens Widerspruch?“

„Er wußte mich schnell von der Unrichtigkeit zu überzeugen, indem er behauptete, die kleinen erreichbaren Vertretungen benachbarter Städte seien ohne wiederholte Proben überhaupt nicht imstande, die Partie zu übernehmen.“

„Da konnte Ihre Eitelkeit nicht länger stumm bleiben?“

„War ich eitel? Ich fühlte nur ein eigentümlich wundervolles Behagen, daß ich ihn widerlegen konnte, stellte mich einfach hin und sang ihm die wenigen Strophen aus dem ersten Akt vor.“

„Und da war er sogleich starr vor Bewunderung!“

„Ich weiß es nicht! -- Plötzlich umringten sie mich alle. Der Direktor -- der alte Jarne -- die neidische Philine... Mein Widerspruch verhallte.. Sie zwangen mich einfach zu einem festen Versprechen.“

„Haben Sie wenigstens gewußt, was Sie mir damit antaten, Eva, indem Sie mich hintergingen?“

„Ich habe es schwer gefühlt. Die ganze stolze Freude meines ersten Erfolges hat es mir verbittert..“

„Sie übertreiben. Daran zu glauben vermag ich beim besten Willen nicht.“

„Und doch ist es so. Bei jedem Hervorruf lastete die Reue auf mir. Ich mußte an irgend eine Strafe denken.“

„Die ich über Sie verhängen würde?“

„Nein -- an eine andere. Und sie ist gekommen. Ich möchte Ihnen so gern davon sprechen.“

„Um mich zu versöhnen, Eva?“

„Um mich zu erleichtern. Mein Herz ist sehr schwer.“

Da wallte das Muttergefühl an diesem fremden Kinde von neuem warm in der Präsidentin auf. Ihre Hand legte sich auf den geneigten Scheitel.

„Glücklich sehen Sie freilich nicht. Also, was ist geschehen?“

Eva von Ostried schlug beide Hände vor das erglühende Gesicht, weil sie sich vor dem klaren, tiefen Blick schämte.

„Der Karlsen hat mich nach der Vorstellung geküßt,“ stammelte sie.

Die Präsidentin erschrak.

„Und Sie lieben ihn?“ Eva schüttelte den Kopf.

„Bisher war er mir gleichgültig. Seitdem er das gewagt hat, verachte ich ihn. Daß er es tun durfte -- hat mir das Glücksgefühl nach dem gestrigen Abend vollends ausgelöscht. Sagen Sie mir, daß so etwas nie -- nie wieder möglich sein wird. -- Ich ertrüge es kein zweites Mal.“

„Damit würde ich etwas behaupten, an das ich selbst nicht einen Augenblick glaube.“

„Sie sind also überzeugt, daß die Kunst, wenn sie auch als etwas Reines und Hohes empfunden und ausgeübt wird, vor solchen Uebergriffen nicht schützt?“

„Ich hätte Sie für reifer gehalten, Eva! -- Das sind die Fragen eines Kindes.“

„Wissen Sie, was ich bei diesem entsetzlichen Kuß gefühlt habe? Daß ich imstande wäre, meine geliebte Kunst zu opfern -- wenn mir später das gleiche geschehen würde.“

Und sie legte, wie ein furchtsames Kind erschauernd ihr heißes Gesicht in die weichen Hände der Präsidentin.

2.

„Niemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen.

Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles. Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die -- obschon nahe dem großen Getriebe Berlins -- dennoch aller Unrast fern und fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte nichts mehr von Reue oder Empörung.

Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist?

War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß?

Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch, neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle Bitterkeit.

War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß?

„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“ sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“

„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und weise.“

Ein rascher Blick streifte sie.

War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? -- Der junge Mund plauderte sorglos weiter.

„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine Karte zugesandt hat..“

„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen Stimme.

Eva wurde rot.

„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“

„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“

„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte alle anderen Bedenken.

„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“

Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die Schönheit des Lebens für sie fesselte. -- Unfreudig wandte sie sich nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen.

Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb. Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette liege und hohes Fieber habe. -- Das beunruhigte sie auch wegen des Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte.

Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter, ihr großes Vermögen neben reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares, ruhiges Ueberlegen siegte jedoch.

Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an.

Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete. Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich. Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein Anliegen genannt hatte.

Das war in kurzen Worten geschehen.

„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden.

Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem Liebling unmöglich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte, streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen.

„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin, Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also -- Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich unerfreulich, nicht wahr?“

„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“

„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“

„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“

„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“

„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen Maschine, ist bestens besorgt.“

„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen, weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“

Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich Gutes und Liebenswertes.

„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner Vormundschaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“

„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung zusehen.“

„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“

Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.

„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“

„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und unsicher an.

„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. -- Der Vater war augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten -- oder das, einer geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“

„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“

„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.

„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt: verstehen Sie mich nicht falsch. Der andere Teil merkte nichts davon. Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte. -- Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“

„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte es kommen, daß Sie sich nicht -- war selbst anfangs keine Gegenliebe vorhanden -- von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“

Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.