Part 19
Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit fernblieb.
Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen, die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische Frische fort.
Wie durch einen Schleier gewahrte sie, daß er seinen Mund mißbilligend verzog. Todesangst ergriff sie, der schöne sehnsüchtig erwartete Tag möchte ihm zu einer großen Enttäuschung werden!
„Ich bin zu glücklich,“ entschuldigte sie sich leise.
Er war aufgestanden und zu ihr getreten.
„Matt bist du, mein Kleines und ich, alter Tölpel, gebe mich zu dieser unprogrammäßigen Aufregung auch noch her.“
„Du willst doch nicht sagen --“ Ihre Stimme zitterte ängstlich.
„Daß ich unmöglich den langen geschlagenen Nachmittag oder gar noch den Abend deine angegriffenen Nerven quälen darf, so schwer mir ein freiwilliger Verzicht auf diese famosen Stunden auch wird.“
„Paulchen, ich flehe dich an! Glaube mir doch, es ist nichts, als die große, große Freude, dich heute bei mir haben zu dürfen.“
„Der Meergreis von Hausarzt, der dich kennt, solange du überhaupt da bist, hat mir strengste Ruhe und Schonung für dich zur heiligsten Pflicht gemacht.“
„Aber ich ruhe mich ja gerade bei der Musik deiner Stimme aus! Höre nur, wie wundervoll artig mein Herz geht.“
Lachend schüttelte er den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, Elfchen! Ich weiß jetzt lediglich, daß es dein Wohl gilt. Höchstens zwei Stunden insgesamt bleibe ich bei dir. Dann entschwinde ich. Du schläfst fein ein und träumst von mir, wenn nicht besser von unserm Altmeister Goethe.“
„Das besorge ich an sämtlichen andern Tagen schon, Paulchen,“ beharrte sie in fieberhafter Unruhe. „Dies heute ist mein Festtag, den ich nicht hergebe.“
„Sei nicht kindisch, dumme, kleine Frau.“
Sie richtete sich auf und blickte ihn fast streng an.
„Ich werde sofort aufstehen und mich ankleiden lassen. Jawohl, das mache ich! Ganz bestimmt, wenn du grausam bleibst.“ Er lenkte ein.
„Gut, dann will ich auch noch den Nachmittagstee bei dir nehmen. Aber -- Hand her. Kein Wort hinterher zu deiner Mama oder zu dem Meergreise! Auch der häusliche Detektiv muß ahnungslos bleiben. Für ihn verschwinde ich gleich nach dem Mittag, das hoffentlich nicht mehr allzu lange auf sich warten läßt. Denn, verzeih, Kleines, aber ich habe einen Bärenhunger.“
Er sprach den Speisen mit dem Appetit eines beneidenswerten Gesunden zu, der eine beträchtliche Menge braucht, um sich den Ueberschuß seiner Kraft zu erhalten. Seiner Stimme zu liebe war er ein sehr mäßiger Trinker. Und dies blieb das einzige Opfer, das er brachte. Denn er liebte einen guten Tropfen bei lustiger Gesellschaft und brauchte ihn eigentlich zur Anreizung noch mehr, wenn sie fehlte. Darum hatte er bei jeder der Hauptmahlzeiten einen Kampf mit sich zu bestehen, der schließlich eine erhöhte Reizbarkeit auslöste.
Heute beschloß er eine Ausnahme zu machen.
Er hob den Sekt aus dem Kühler und war im Begriff den Kelch seiner Frau zu füllen, als er, noch ehe er begonnen, die Flasche wieder steil emporhielt.
„Die Zufuhr von jeglicher Flüssigkeit muß bei dir -- nach den Herrn Aerzten -- möglichst beschränkt werden. Das Herzchen darf sich nicht überarbeiten.“
Sie zog ein Schmollmäulchen.
„Nur ein einziges Glas, Paulchen. Wir haben uns ja ohnehin schon gegen Mama, den Arzt und den Alten verschworen.“
„Nun, dann will ich ausnahmsweise großmütig sein. Schaden kann es eigentlich kaum. Trinke einen tüchtigen Schluck und dann berichte wahrheitsgemäß von seiner Wirkung.“
Weil sie fühlte, wie sehr sie einer Stärkung bedurfte, leerte sie den Kelch hastig. Er drohte ihr scherzhaft.
„Leichtsinn du! So war’s nicht gemeint.“
Bittend schob sie ihm das schlanke Glas herüber. „Noch einmal, ja?“
„Auf gar keinen Fall, Frau Elfriede.“
„Ich sollte doch Bericht geben. Wie aber vermag ich das. Kaum ein Fingerhut voll war es.“
Er tat ihr mit einem nachsichtigen Lächeln den Willen.
Sie stießen miteinander an. Ihre Lippen röteten sich.
„Jetzt mußt du auch tüchtig essen,“ forderte er und häufte ihr den Teller. Das hatte er noch nie getan. Es erfüllte sie mit heißer Dankbarkeit. Gehorsam begann sie. Aber es ging nicht.
„Ich bin immer noch zu durstig,“ gestand sie mit einem verlegnen Seufzen. „Gib mir noch etwas. Merkst du nicht, wie es mich erfrischt?“
„Habe ich mich denn verhört, daß dir die vereinigte Macht der Aerzte alle Flüssigkeitsaufnahme streng beschränkte,“ fragte er gedankenlos und vergaß, daß er es bereits vorher, als feststehend, erwähnt hatte. „Gewiß, ich irre mich. Denn du bist doch sonst verständig und folgsam wie eine kleine Musterschülerin.“
„Das hast du entschieden geträumt, Paulchen. Vor ein paar Wochen, ja, da hat die ärztliche Obrigkeit etwas Aehnliches gesagt. Das Verbot hat längst ausgewirkt. Heute ist es also mein gutes Recht.“ Warm und wohlig durchrieselte sie das edle, berauschende Getränk. Auch er begann sich behaglich zu fühlen. Im Allgemeinen war’s doch recht hübsch, daß er es so weit gebracht hatte. Einige Unbequemlichkeiten gab es freilich zu überwinden. Die scharf äugende Schwiegermama -- der Detektiv von Diener und zuweilen sogar die kleine, verliebte Frau. Denn sie war rechtschaffen wie ein Backfisch in ihn verliebt, trotz ihres großartigen Protestes. Zu einem richtig flammenden machtvollen Gefühl reichte ihr bißchen Kraft nicht aus.
Sie merkte, daß er fröhlich wurde. Das spannte ihre Kräfte an und ließ sie nichts denken, als daß er voll glücklich sein möge. Die leise, geschickte Jungfer bediente heute bei Tisch. Daß der Alte bei den sterbenden Malven stand und scharf ins Zimmer hereinspähte, konnten sie nicht ahnen, denn sie waren beide mit sich und den prickelnden Tropfen zu sehr beschäftigt.
Paul Karlsen blieb auch bei ihr, als das kleine Mahl beendet war.
„Jetzt mußt du deine Havanna rauchen,“ drängte sie liebevoll.
„In deinem Krankenzimmer? Nee, mein Schatz so ungeniert betrage ich mich denn doch nicht --“
Sie hatte aber schon ein verborgen gehaltenes Schächtelchen mit Zigarren hervorgeholt.
„Heute kommandiere ich, mein Lieb.“ Lachend ließ er sich die schwere Havanna von ihr entzünden.
„Wenn uns jetzt deine Vorgesetzten sehen, Kleines.“
„Ich erkenne nur dich an und sonst niemand.“
„Na, na,“ machte er mit erhobenem Finger.
„Soll ich dir eine Probe von meiner Unfolgsamkeit gegen sie alle ablegen?“
„Das wirst du gefälligst unterlassen. Es wäre wahnsinnig, wenn du in deiner Lage eine Unvorsichtigkeit begingest.“
Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr Herz. In deiner Lage? O, wie sie die beständigen Hinweise auf ihre Schonungsbedürftigkeit haßte.
Freilich hatten sie nicht immer den gleichen Klang! Die Mutter wählte zarte Umschreibungen dafür. Der alte Hausarzt bezeichnete es einfach mit den verschiedenen sanften, warnenden oder empörten O--o! Der alte treue Diener wagte zuweilen ein leises, flehendes aber. Sie meinten in allen Fällen das Gleiche.
„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst --“
Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle, die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch an die Schwestern, die sie noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen hatte.
Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit. Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen?
Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die ewige Bevormundung sei!
Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der Luft.
Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie ersticken.
„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei.
Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust -- atemlos von der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels.
Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager zurück. Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen.
„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit unserm Goethe.“
Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche, schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie eingeschlafen war.
Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem. Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus.
„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er großmütig an ihr Lager und küßte sie.
„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“
Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte, nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske. Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar.
Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des matten Herzens -- merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen, erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn der Gedanke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort -- ins Esplanade.
Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf zurückwendend, zu:
„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“
Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül eine heimliche Träne stahl!
17.
Auf dem gärtnerischen Hätschelkinde des neueren Charlottenburgs, dem Savigniplatze, rief ein alter Invalide eine Neuigkeit aus dem Morgenblatte aus. Eva von Ostried wartete hier seit geraumer Weile auf ihre Bahn; als die heisere Stimme an ihr Ohr schlug, streckte sie mechanisch die Hand aus und kaufte ein Blatt.
Zuerst überflog sie die fettgedruckte Ueberschrift ohne sonderliches Interesse. Dann aber las sie mit scharfer Spannung und konnte nicht gleich voll begreifen:
„Kurz vor Redaktionsschluß ging uns die folgende Nachricht zu, die eine angesehene und sehr wohltätige Dame der Berliner Gesellschaft in tiefe Trauer versetzt. Als sich gegen acht Uhr abends in einem zuvor für diesen Zweck bestellten Zimmer im Hotel Esplanade die uns von der letzten Aufführung der „Meistersinger“ her als vollendetes „Evachen“ bekannte Dresdener Kammersängerin J. P. mit dem neuen Heldentenor des Charlottenburger Deutschen Opernhauses, Herrn P. K., zu einem Imbiß niedergelassen hatten, erzwang sich eine auffallend gekleidete Person den Eingang in diesen Raum und schoß den vielversprechenden Künstler nieder. An einem zweiten Schusse, den sie im Begriff stand, auf seine Begleiterin abzugeben, konnte sie glücklicherweise gehindert werden. Der sofort herbeigerufene Arzt vermochte leider nur noch den Tod des hochbegabten Sängers festzustellen. Aus eigner Ueberzeugung wissen wir, daß dem heimgegangenen Künstler eine glänzende Laufbahn sicher war, die das grauenhafte Verbrechen jäh zerstörte. Die Personalien der Mörderin waren bis zu dieser Stunde noch nicht festzustellen, weil sie hartnäckig jede Auskunft über ihre Person verweigerte. Der Direktor des Hotels glaubt in ihr eine frühere Chansonette zu erkennen. Ob dies richtig ist, bleibt abzuwarten. Dagegen erfahren wir zuverlässig, daß am Nachmittag desselben Tages, also noch bevor das Schreckliche geschah, die junge, seit langer Zeit schwer leidende Gattin des Künstlers in ihrem schönem Heim im Grunewald einem Herzschlag erlag. Ihr plötzlicher Tod steht in keinerlei Zusammenhang mit dem Vorfall. Sie war die einzige noch lebende Tochter der eingangs erwähnten Frau Kommerzienrätin E., die mit ihr nun auch das letzte Kind verliert, nachdem vor Jahren ihre beiden älteren Töchter von einer heimtückischen Krankheit dahingerafft wurden....“
Eva von Ostried setzte sich auf eine der Bänke, vor denen eine Schar Kinder spielten. Sie war bestürzt, denn Karlchen war das Opfer seiner Schuld, und wieder flammte es in riesenhafter Schrift vor ihr auf: „Der Uebel größtes...“ Und diesmal vervollständigte sie ruhig und fest „aber ist die Schuld“. Seitdem sie ihr Lebensglück opfern mußte, fand sie keine Strafe dafür zu groß. Es verging kein Tag, an dem nicht der heiße, zwingende Wunsch zur Sühne in ihrer Seele flammte.
Als Eva von Ostried nach Hause kam, fand sie die Hausgenossin scheinbar unverändert am Herde walten. Das gewährte ihr eine vorübergehende Erleichterung. So legte sie die Arme um die schmalen Schultern und führte Gretchen Müller sanft in das kleine Zimmer, in das die liebe Sonne und das bunte Herbstlaub der alten Parkbäume hineinschienen.
„Ich habe Ihnen das Versprechen gegeben, Sie niemals, wie die Andern, durch eine Frage zu quälen, Fräulein Gretchen“, begann sie unsicher. „Denn es muß alles seine Zeit haben, um heilen zu können, Gretchen. Und wir haben es deshalb noch nie in Worte gefaßt -- -- ich weiß aber, wie nahe Ihnen Paul Karlsen einst gestanden hat...“
„Ich habe ihn sehr lieb gehabt. -- -- Das ist lange, lange her...“
„Und jetzt...“
„Sie wollen mir sagen, daß er tot ist, nicht wahr?“
„Sie wissen bereits?“
„Ich habe alles gelesen,“ antwortete das Mädchen.
Sie schauerte zusammen. „Ich habe ihn verachtet -- ihm geflucht -- und doch -- im innersten Herzen liebte ich ihn weiter. Warum das sein muß, weiß ich nicht. Ich schämte mich, daß ich mich heimlich von ihm küssen ließ, daß ich den Meinen Kummer und Schande machen mußte. Ich löste mich eines Tages von ihm, schlug und spie nach ihm, und habe doch immer nach seinem Anblick Sehnsucht gehabt. Keinem könnte ich das sonst sagen, wie Ihnen. Als ich ihm folgte, wollte ich nichts anderes, als daß er mich bald zu seiner Frau machen würde. Daß er nicht mehr frei war, erfuhr ich viel später. Seitdem hat er mich nicht mehr berühren dürfen. Tagelang habe ich gehungert, weil ich sein Geld verachtete; denken Sie doch, das Geld seiner Frau! Kannten Sie sie? Ja? Wie sah sie aus? Ich denke sie mir wie ein Kind, das weder einen eigenen Willen noch ein eigenes Leben hatte.“
„So ist sie wohl gewesen?“
„Ihr Vertrauen zu ihm muß grenzenlos gewesen sein. Darüber wurde eines Tages in dem Kreis, in den er mich einführte, hinter seinem Rücken viel gespöttelt. Dadurch habe ich davon erfahren....“
„Nur darum ist sie schrankenlos glücklich gewesen und auch geblieben, Gretchen.“
„Glauben Sie an ihr Glück?“
„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie die junge zarte Frau kennen gelernt.
„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“
„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“
„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“
„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben -- hätte sie im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“
„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille, vertrauensselige Frau gelitten habe?“
„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“
„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“
„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. -- Ich muß heute noch meine Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem, ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich ebenfalls schreiben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht leichter entschließen?“
„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“
„So elend fühlen Sie sich wieder?“
„Das wäre übertrieben. Ich bin nur dauernd sehr müde. Sehen Sie, jetzt könnte ich zum Beispiel auf der Stelle einschlafen. Und nachts in der gegebenen Zeit vermag ich kein Auge zu schließen.“
„Ich mache mir bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen nachgab und den Arzt lange Zeit nicht befragte.“
„Glauben Sie wirklich, daß er mir noch helfen kann?!“ Sie lächelte. Das gab ihrem durchsichtigen Gesicht den gleichen, unendlich rührenden Ausdruck, wie ihn die Heiligen auf den alten, steifen Bildern in Kirchen besitzen.
„Sie sind zu viel allein, Gretchen.“
Eva von Ostried rechnete wirklich. Es war dasjenige, was ihr zu erlernen am schwersten geworden war. Wenn sie rückwärts dachte, hatte sie von jener Summe keinen Pfennig zu irgend einem unnützlichen Vergnügen verbraucht. Und doch schmolz das Geld erschreckend zusammen.
Der Sommer hatte ihr im Verhältnis wenig Einnahmen gebracht. Die schwerreiche Schülerin im Grunewald verlobte sich und verlor die Lust zu weiterem Lernen. Ihre Lehrer forderten mit dem Steigen aller Werte bedeutend höhere Honorare....
Es wäre aber dennoch nur ein Teilchen über die Hälfte entnommen gewesen, hätte sie Gretchen Müller nicht Obdach und Pflege gewährt. Zuerst entnahm sie für diesen Zweck der kleinen Tasche skrupellos Schein um Schein. Bis sie plötzlich mit jähem Entsetzen merkte, daß sie nur noch zwei enthielt. Die Leidende mußte nach der strengen Forderung des Arztes, ohne daß sie einen klaren Begriff davon bekam, auf das Sorgfältigste gepflegt werden. Der Leidenden einfach zu eröffnen, daß es ihr -- leider -- nicht länger möglich sei, sie zu behalten, erschien ihr mehr als grausam. Ja, ihr Herz wollte es auch nicht zugeben! Sie hing an dem stillen scheuen Wesen.
München mit der Einnahme der beiden Konzerte stand zwar in naher Aussicht. Wer aber vermochte den Ertrag im Voraus zu berechnen?! Es brauchten nur ungewöhnlich zahlreiche Darbietungen der ähnlichen Art zusammenzutreffen, dann war das Ergebnis bei weitem nicht das erhoffte. Das Honorar für den neunten November, in dem sie im Blüthnersaal singen würde, war zwar festgelegt, aber nicht sonderlich hoch bemessen. Ihr war es mehr auf das Zusammenwirken mit dem bekannten Künstlertrio wie auf die Einnahmen angekommen.
Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins, wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte hinausschreien mögen.
Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte, meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte nur noch wie ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden!
Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden?
Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor Stunden angekommene Post.
Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die wachsenden Ausgaben getan.
Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud.
Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen, daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe.
Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein heftiger Widerwille geschüttelt hatte.
Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten hätten.
Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung. „Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“
Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der Verwandtschaft! Noch einmal überlas sie das Schreiben. Ihm fehlte jede persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der Anwesenden gefaßten Beschluß.