Der Uebel grösstes ...

Part 18

Chapter 183,680 wordsPublic domain

Jetzt lachte sie ein wenig. Dann hörte er die Tür gehen und war mit dem immer noch uneröffneten Briefe allein. Das lenkte ihn zunächst ab. Die fremde steife Schrift auf dem Umschlag war ihm unbekannt.

Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler, der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck.

Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt gebliebenen Auftraggeber.

In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er zu wissen, daß ein Mädchen mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen könne.

Vergangenheit! -- Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu schenken?

Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten haben.

Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb.

Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über, was ihm leicht von der Feder ging.

„Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut gesucht, der Ihnen mehr verriet.

Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand.

Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden Preis auskosten wollte, so schön und unvergleichlich waren sie. Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt.

Damals habe ich Sie aus der Ferne mit einem Andern gesehen. Ich bin auf ihn -- sicherlich einen völlig harmlosen Bekannten -- sinnlos eifersüchtig gewesen. Nicht wahr, er ist doch nichts anderes für Sie? Zuweilen sprach ich mit der alten Pauline über Sie. Oft nur Ihren Namen, das war mir genug. Ich vertraute mir nicht mehr. Und das ist sehr hart. Sie sollen alles wissen. Das habe ich mir gelobt. Wir dürfen hinfort kein Geheimnis zwischen uns dulden. Fühlen Sie das auch? Ich habe Sie vor mir verdächtigt und niedrig gestellt. Es war alles nur die sinnlos tobende Eifersucht. Ich habe Sie über alles lieb! Das Ganze bringe ich Ihnen! Nicht nur den Rest.

Vor Ihnen habe ich keine geliebt. Ich bin überzeugt, daß ich auf Sie warten mußte. Darum fordere ich auch Ihre ganze Seele!

Sie sollen mich als Bruder, Freund und Vater empfinden, dem Sie alles sagen dürfen und auch sagen müssen, ehe ich Ihr Lebenskamerad und Geliebter werden darf.

Sie sind rein. Ich weiß es! Kein Fleck ist vorhanden. Keine Stelle, die sich verbergen müsse vor meiner Liebe. Wäre es anders, könnte ich nicht über alle Begriffe selig sein, wie ich es jetzt bin!

Ihr Walter Wullenweber.“

Ohne abzusetzen hatte er zu Ende geschrieben! Unter einem wundervollen Zwange, und wie das Gefühl eines starken, lebensspendenden Rausches blieb es ihm in der Seele zurück.

-- Er lief in den Abend hinaus und sah nichts als unruhig segelnde Wolken.

Als er heimkam, war es schon dunkel. In der engen Wohnung erwarteten ihn Helle und Wärme. Die alte Pauline war zurück und hatte die Abendmahlzeit gerichtet.

Er nahm an, daß sie ihm, ohne seine Frage, berichten werde. Aber gegen ihre Gewohnheit verließ sie sogleich das Zimmer, in dem er zu speisen pflegte. Langsam schob er Bissen um Bissen in den Mund, und lauschte dabei nach der Küche hinüber.

Von der behaglichen Hängelampe herab schwang sich die dicke Schnur mit der elektrischen Klingel für die Bedienung. Bisher hatte Walter Wullenweber sie noch nicht benutzt. Er betrachtete die alte Pauline nicht als seine Untergebene, sondern als einen freundlichen Hausgeist, der aus eitel Lust an der Arbeit das Händestillhalten nicht erlernen konnte. Jetzt preßte er den kleinen weißen Knopf in die Birne aus rotgetöntem Holz.

Sie erschien sofort ohne sich verwundert zu zeigen.

„Wollen Sie mir gar nichts von Ihrem Ausflug erzählen?“ fragte er obenhin.

Sie versuchte ihre Verlegenheit unter einem Kichern zu verstecken, das ihm weitab von aller echten Fröhlichkeit erschien. Denn ihr Gesicht, in dem bei einer wirklichen Freude alle Falten mitlachen mußten, blieb sorgenvoll.

„Ach,“ machte sie, „das ist doch kein Ausflug gewesen, Herr Rechtsanwalt!“

„Wie haben Sie Fräulein von Ostried gefunden, Pauline?“

„Ich hab’ halt wieder Pech gehabt.“

„S--o, nahm Ihnen die Person von neulich zum zweiten Mal den Mut?“

Sie wurde ärgerlich.

„Sie sollen das doch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt! Natürlich war ich oben. Und geklingelt hab’ ich auch. Mir hat aber Keiner aufgemacht.“

„Die Herrschaft wird ausgeflogen gewesen sein. Der Tag war ganz dazu gemacht.“

„Nein, zu Haus waren sie ganz gewiß.“

„Ihr Fräulein würde doch die alte Pauline, deren Liebling sie immer noch ist, nicht so schlecht behandeln! Sie werden sich geirrt haben,“ widersprach er.

„Ich konnte es auch lange nicht fassen. Aber es war doch wohl so. Ehe ich ihr ins Haus ging, habe ich mir nebenan die kleinen, netten Gärten auf dem Bauland besehen. Vor dem Fenster an der Ecke stand Eine und guckte gerade auf mich runter. Ich kann beschwören, daß das unser Fräulein gewesen ist.“

„Sie haben sich eben versehen, beste Pauline. Ihre Augen haben sechzig Jahre gedient. Da müssen Sie nicht mehr zu viel von ihnen verlangen.“

„Sie war’s bestimmt, Herr Rechtsanwalt. Ich hab’ raufgewinkt und sie hat in der ersten Ueberraschung auch die Hand gehoben. Aber bloß ganz matt. Nachher war sie gleich weg. Dann bin ich nach oben. Wohl zehnmal hab’ ich geklingelt. Gerade wollte ich wieder gehen, da schob eins so recht heimlich von innen die Platte vom Guckloch weg. Das Fräulein war’s aber nicht. Vielleicht die Andere.“

„Deren Aufenthalt bei Fräulein von Ostried die Person damals mißbilligte?“

„So denke ich’s mir!“

„Konnten Sie das Gesicht wahrnehmen?“

„Freilich! Ich hab’ doch scharf aufgepaßt. Ganz elend und durchsichtig war’s. Aber schlecht und verworfen -- -- Nee, Herr Rechtsanwalt. Solche sehen anders aus.“

„Und dann haben Sie sich also davon gemacht?“

„Was sollte ich sonst tun? Zufällig fand ich einen Bleistift in meiner Tasche und den Fahrschein verwahre ich mir auch allemal, weil die Kinder darauf wild sind. Auf den hab’ ich geschrieben „die alte Pauline war hier!“ und das in den Briefkasten geschoben.“

„Warum setzen Sie sich nicht,“ fragte er plötzlich. „Ich muß noch mancherlei mit Ihnen besprechen. Wenn ich mich recht erinnere, erzählten Sie mir von Fräulein von Ostrieds reichem Muttererbe. Oder, sollte ich mich verhört haben?“

Sie erzählte es noch einmal kurz.

„Sie zeigte Ihnen also, um Sie über ihre Zukunft zu beruhigen, ihren ganzen Reichtum?“

„Ja, so war’s!“

„Und die alte sparsame Pauline ist seitdem der Ueberzeugung, daß es sich um Fünfzigtausend oder gar noch mehr handelte?“

„Ganz so dumm bin ich doch nicht. Mit Geld weiß ich gut Bescheid. Ehe das Fräulein zu uns gekommen ist, hab’ ich alles auf die Bank tragen und wieder runterholen müssen, so oft unsere Frau Präsident nicht mit ihrem Herzen in Ordnung war.“

„Ich will Ihnen genau sagen, wie viel es gewesen ist. Eintausend Mark und kein Pfennig mehr!“

„Nein, nein. Es ist ein ganzes Pack Tausender gewesen.“

„Wenn Sie das eidlich erhärten sollten, gute Pauline.“

„Schwören, meinen Sie doch damit, Herr Rechtsanwalt? Da würd’ ich mich keinen Augenblick besinnen. Wieviel Stück es gewesen sind, das kann ich auf’s Haar nicht wissen. Zehn oder noch ein paar mehr waren es aber auf Ehre und Gewissen. Zehn zum mindesten!“

„Ich will noch etwas arbeiten, Pauline,“ sagte er da ohne weiteren Widerspruch.

Mit ein paar eiligen Schritten war sie neben ihm: „Was Schlechtes dürfen Sie aber nicht von ihr denken, Herr Rechtsanwalt. Sie ist rein wie ein Engel.“

Schwerfällig nahm er in einem entlegenen Winkel seines Arbeitszimmers Platz. Möglichst von der Lampe entfernt, deren greller Schein ihm weh tat. Zum zweiten Male an diesem Tage bereitete er sich zum Schreiben an sie vor. Ach ja, wo war denn der erste Brief geblieben? Genau an dieser Stelle hatte er sich befunden, als er fortgegangen war. Er sprang zu der alten Pauline hinaus.

„Wo haben Sie den Brief von meinem Schreibtische, Pauline?“

„Sie meinen doch den an unser Fräulein?“

„Ja, wo ist er?“

„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich wieder zu Haus war!“

16.

Hinter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend, hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte, erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche Mahnerin an einen begangenen Treubruch...

Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen.

Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und Bußbereitschaft.

Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon beim ersten Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu verwehren.

Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett.

Dann kam Walter Wullenwebers Brief.

Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich ihre Lippen auf die Buchstaben.

Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“

Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen.

Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt nach einem barmherzigen Ausweg.

Er würde sie verachten! -- Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß er sie dennoch zu seinem Weibe machte?

Ja, und deshalb sollte er dies wissen!

Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine glaubhafte Erklärung, woher die Mittel zu ihrem Studium stammten, würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten einer Haushaltungsführung aus dem Nichts -- von der Notwendigkeit aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle.

Das ging aus seinem Briefe hervor.

Es handelte es sich ja auch um sein Glück! Nicht lediglich um das ihre! Wem schadete sie, wenn das Geheimnis ihrer Schuld gewahrt bliebe?

Wieder las sie seine Zeilen.

Dann verriegelte sie ihre Tür.

Gegen Abend tastete sie sich endlich empor und antwortete ihm. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, woher ihr die Kraft dazu gekommen war:

„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an habe ich Sie als einen grundguten Menschen empfunden. Viele solcher waren mir bis dahin nicht begegnet. Darum zeigte ich mich auch anders, wie sonst.

Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir in Ihrem Brief gesagt haben. Es soll mir ein Ansporn zum Reifer- und Besserwerden sein. Erwidern kann ich Ihre Liebe nicht. Ich habe mir die Kunst erwählt. Ihr muß ich treu bleiben. Das begreifen Sie wohl. In dieser Stunde nehme ich Abschied für immer von Ihnen und fühle für Sie wie für einen lieben, großen, treuen Bruder, den ich innig bitte, uns Beiden jedes Wiedersehen zu ersparen.

Es brächte mir nur Qualen und keine Sinnesänderung.

Aber wissen sollen Sie, daß mein Herz keinem andern gehört noch jemals gehören wird....“

* * * * *

In der Karlsenschen Villa waren die Rolläden herabgelassen.

Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr. Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern.

Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte.

In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen -- das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht -- hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein zur Nachfeier fortzustürmen.

Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie inwendig, daß sie +einmal+ von ihm als Gesunde betrachtet wurde.

Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in das bunte Leben.

Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen! Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz. --

Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das ließ sich, ohne damit zu verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte, war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen.

Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt, ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der Spielleitung zu klagen begann. --

Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St. Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden.

Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen.

Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Deshalb blieb auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen auf der Glaseinlage des Nachttisches.

Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten.

Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag -- ein klagendes Wort, -- ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles entgegenstrahlen wie zu einem Feste.

Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden Farbe von unbeschreiblichem Reiz.

Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden.

Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel, und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen Streifzügen begleiten.

Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer Tür erklang.

Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens -- tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter in ihre Augen, die ihm entgegen lachten.

„Wie schön, daß du endlich da bist, Paulchen.“

Er küßte ritterlich ihre Hand und warf sich, ehe er ihr gegenüber Platz nahm, mit einem kleinen fröhlichen Jauchzer, der sie unbeschreiblich glücklich machte, auf das kostbare Fell des Eisbären, welches ein zweites breites Ruhebett deckte.

„Du bist eine ganz raffinierte Person, Elfchen! Direkt gefährlich hast du’s gemacht!“

„Gefällt es dir wirklich, Paulchen?“

„Es ist -- nee -- stimmungsvoll wäre nicht das richtige Wort! Warte mal --“ und er dachte scheinbar darüber nach, während er in Wahrheit überlegte, wie er ihr nachher glaubhaft machen könne, daß er nun doch nicht den ganzen Nachmittag und Abend an ihrem Lager verbringen werde.

Die feine, gepflegte Hand sank herab.

„So -- jetzt hab ich’s! Raffiniert drückt es auch nicht voll aus. Sagen wir mal -- verliebt --“

„Das bin ich aber gar nicht in dich.“

„Erlaube mal! Mein gutes Recht habe ich mir noch nie kürzen lassen.“

„Ich habe dich lieb,“ sagte sie mit rührender Schlichtheit.

Er hatte genau gewußt, daß sie dies erwidern würde, wie sie ihm überhaupt keinerlei Ueberraschungen zu bereiten vermochte. Auch diesen wirklich netten Ausputz hatte er ganz bestimmt erwartet. Es rührte ihn gewiß, aber langweilig blieb die ewig gleiche, dienende Unterwürfigkeit und Anbetung dabei doch.

„Du bist ein gutes, liebes Tierchen,“ lobte er freundlich, „erwähle dir eine Extrabelohnung.“

„Darf ich sehr unbescheiden sein, Paulchen?“

„Wollen mal sehen,“ machte er lässig.

„Dann lies mir, nachdem wir gegessen und du dich gründlich geruht hast, etwas vor. Besondere Wünsche wage ich nicht. Deine Stimme erfüllt ja alles, auch das, was mich früher nicht fesseln konnte, mit unvergleichlichem Glanz.“

Es schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber -- ihr vorlesen -- gräßlich langweilig! Neue Hinweise fand die gute, kleine Frau doch nicht heraus. Lernen konnte er also dabei nichts. Im voraus fühlte er ihre grenzenlose Bewunderung -- sah förmlich, wie sie, überwältigt von seiner Begabung, in Tränen ausbrach und schließlich ihre Arme um seinen Hals schmiegen wollte.

Da war die kleine Teufelin, das Evachen, eine andere Zuhörerin. Die junge Dresdener Künstlerin hatte neben ihm in den Meistersingern gewirkt. Nun weilte sie zwar längst wieder an ihrem Hoftheaterchen und zeigte vorläufig nicht die geringste Lust, dies gegen ein anderes, und sei es selbst dasjenige, an dem er glänzte, einzutauschen. Heute war sie auf der Durchreise in Berlin und, wie ihm ihr Telegramm mitteilte, gern bereit, ihm im Esplanade ein langbemessenes Plauderweilchen zu gewähren.

„Schön,“ sagte er endlich gönnerhaft, als sei er nun mit dem Nachdenken fertig, „was nehmen wir also? Goethe, ja? Ein bißchen sollst du noch vor Tisch naschen!“

Sie nickte mit leuchtenden Augen -- und wartete.

Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück. Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie.

„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er begann träumerisch und weich das Dritte:

Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen, Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an. Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.

Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte, beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte Geständnis -- auch seiner Liebe -- entschädigte sie für vieles, um das sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher?