Part 17
„Ich habe Sie ungebührlich lange aufgehalten, Herr Amtsrat!“
Seine Bewegungen waren wieder gemessen und herablassend. Eine jede schien das aufrichtige Bedauern auszudrücken, daß er sich mit dem ungefälligen Nachbar überhaupt eingelassen hatte.
-- Der Abschied war schließlich fast hastig.
Wenn es einmal und zwar schüchtern gegen die Küchentür stieß, dann war es Filax, der alte Stubenhund, den ein beständiger Hunger plagte. Wenn es zweimal und zwar mit einem donnerähnlichen Geräusch dagegen krachte, war es der Major a. D. Wullenweber, der die alte Klidderten anschnauzen wollte.
Auguste, die fahrige blutjunge Deern, duckte sich jedesmal bei Beginn des Polterns ängstlich zusammen. Die Mamsell jedoch öffnete unerschrocken, wenn auch voller Behutsamkeit, damit der Draußenstehende nicht etwa von einem heftigen Anprall umgeworfen würde und sagte freundlich:
„Ja, Herr Major, heute wird’s zehn Minuten später mit den frischen Kartoffeln. Der Waldesruher Herr war bei uns.“
„Wenn Sie „frische Kartoffeln“ sagen, klingt das noch großartiger als wenn seiner Zeit der Oberkellner in Esplanade meinetwegen „frische Austern“ lispelte,“ höhnte er poltrig und unzufrieden.
„Ich kenne bloß Dabersche und denn magnum bonum und die kleine blaue frühe, denn von der weißen halt’ ich nichts. Austern bauen wir hier gar nich.“
„Sie sind ein Kamel, Klidderten.“
„Denn müßt ich ja wohl in die Wüste, Herr Major. So ist mir das von meiner Jugend her erinnerlich. Und denn kriegten Sie alle überhaupt nichts warmes auf den Tisch.“
„Nun schweigen Sie endlich still. Wenn man schon nichts zu essen bekommt, muß man wenigstens einen ordentlichen Tropfen trinken. Nehmen Sie mal Vernunft an, Fräulein Kliddert. Eine einzige Flasche, Mamsellchen. Na los.“ Sie kam ein wenig näher. Aber doch nicht mehr, wie auf fünf Schritt Distanz. Dann ließ sie die angeborene Bescheidenheit halt machen.
„Begucken Sie sich bloß mal im Spiegel, Herr Major. Ist das nicht eine wahre Freude mit Ihnen? Sehen Sie vielleicht aus wie einer, der in die Sechzig will? Wirklich nicht. Von der dummen Krankheit, als Sie gerade angekommen waren, ist keine Spur mehr zu merken. „Klidderten,“ hat neulich der Waldesruher Gärtner zu mir gesagt, denn er kommt jeden Donnerstag aus alter Gewohnheit auf einen Schwatz in die Küche. „Was ist das für ein Kavalier mit dem feinen Spitzbart --“
„Hören Sie schon damit auf,“ murrte der Major, aber in seiner Eitelkeit freute er sich kindisch darüber.
Die alte Klidderten schielte nach der andern Seite des Hauses hin, von welcher ihr der Amtsrat zu Hilfe kommen sollte, denn die Blauschimmel waren schon angetrabt. Dann war für diesmal wieder alles ausgestanden. Vor dem Bruder schwieg der Herr Major davon!
Aber der Hohenklitziger Herr stand versonnen und sah dem davonrollenden Gefährt mit gefurchter Stirn nach.
Die Gedanken schossen ihm wild durch den Kopf.
„Wenn der das Mädel in Berlin kennen lernen sollte und sie gefällt ihm und er kriegt doch vielleicht nicht von seinem Agenten den ähnlichen alten Schreibtisch und er denkt dann so nebenbei dran, daß es vielleicht hübscher und angenehmer wäre, der jetzige Anwärter erbte das Majorat nicht, sondern sein eigenes Fleisch und Blut und sie sagt „ja“, denn wie sollte ein armes Ding wohl den Mut zu einem „nein“ finden.“
Aergerlich wandte er sich herum. Was ging ihn dies alles an? Hatte er sich die letzten Jahre überhaupt um das Mädel -- die Eva -- gekümmert? Trotzdem sie die Tochter der geliebten Frau war. Dumme Ausrede, daß er an die Erbschaft durch die Präsidentin und ihr gutes Auskommen felsenfest geglaubt hatte.
Ein Mann in seinen Jahren glaubt nur das, wovon er sich auch überzeugt halten darf. Erst der Junge, der Walter, mußte sie ausfindig machen, ehe er an sie dachte.
Gedankenlos war er weiter gegangen und stand nun vor der alten Klidderten, die ihm heftig zublinkte. Diese Sprache begriff er ausgezeichnet. Seitdem sich sein Bruder damals nach dem glücklich überstandenen Schlaganfall zum Hierbleiben entschlossen hatte, stand sie ihm auch hierin getreulich zur Seite. Es kamen immer wieder Tage, in denen der Major ein unbändiges Verlangen nach den Dingen trug, durch die er sich bis jetzt seine Vergnügungen verschaffte. In dieser Abgeschlossenheit wäre ihm höchstens ein guter, alter Tropfen aus dem Keller mit der lebensgefährlichen Treppe erreichbar gewesen. Er selbst war aber nicht imstande, die schwindelnde Stiege hinabzuklimmen und die alte blödsinnige Gans, wie er sie soeben bei sich nannte, tat ihm nicht den heimlichen Gefallen.
Da sprach ihn der Amtsrat an: „Du hattest heute früh einen Brief von Walter, nicht wahr?“
Der Major brummte eine Erwiderung die unverständlich blieb.
„Sonderbar,“ wunderte sich der Amtsrat, „weil er doch gerade erst gestern an mich geschrieben hatte.“
„Wieso sonderbar? Kann er nicht auch mal ausnahmsweise was mit seinem Vater zu bereden haben?“
„Natürlich. Er betonte aber gerade zu mir, wie knapp seine Zeit geworden sei.“
„Wenn dich die Neugier sticht, kannst du den Brief nachher lesen.“
„Du weißt genau, daß es etwas anderes ist!“
„Meinetwegen. Du hör’ mal,“ und er zog den Amtsrat bei Seite wie ein Kind, das etwas Heimliches zu sagen hat, vor dem es sich im Grunde genommen, ein wenig schämt, „befiehl doch mal deiner verehrten Scharteke da, daß sie uns eine von dem herben Ungar raufholt. Frage nichts. Gib auch keine Lehren. Tu mir mal ausnahmsweise den kleinen Gefallen.“
Der Amtsrat hatte eine heftige Ablehnung bereit. Als er aber das alte, bittende Gesicht sah, überkam ihn eine eigentümliche Weichheit.
Schließlich war es keine Kleinigkeit, daß der Bruder Leichtfuß seinen tiefgewurzelten Widerwillen gegen die ländliche Stille überwunden und -- seinem Ehrenwort getreu -- ohne neue Schulden zu machen, bei ihm ausharrte. Er tuschelte mit der Klidderten.
„Schön, holen Sie eine rauf. Wir haben ja ohnehin noch fünfzig von der Sorte.“
„Aber, ihn bloß nichts davon merken lassen, Herr Amtsrat.“
„Wenn Sie sich nicht verplappern, Klidderten.“
„Wo werd’ ich denn. Ich bleibe dabei, daß es im Ganzen überhaupt bloß noch zwei waren. Eine wurde ausgetrunken, als Herr Walter das letzte mal bei uns war. Nu is denn keine einzige mehr da. Bloß noch der Säuerling, den ich für’s Wildragut gebrauche.“
Mit verständnisvollem Lächeln verschwand sie hinter der schweren Küchentür. -- Der Amtsrat trank kaum ein halbes Glas von dem goldklaren, alten, schweren Sorgenbrecher. Daß er ihm Bescheid tun sollte, verlangte der Major auch gar nicht. Er selbst sog mit geschlossenen Augen in kleinen, schmatzenden Zügen.
In der Mitte des Tisches dampften die frischen Kartoffeln mit einer reichlichen Beigabe grüner Petersilie. Neben jedem der beiden Gedecke duftete eine kräftige Scheibe Bratspeck. Dazu stand -- wie gewöhnlich -- ein Topf mit köstlicher Buttermilch bereit. Der alte Offizier wurde wieder jung, leichtsinnig und prahlerisch.
„Als ich bei den Kürassieren in Dernburg stand, kriegte ich von zarter Hand ganze Körbe voll Champus. Bedankt habe ich mich nie. Bei wem denn? Man ahnte natürlich. Das Nest war ja klein. Aber die Eifersucht unter der edlen Weiblichkeit war zu groß geworden. So war’s schlauer, ich stellte mich unwissend.“
Der junge Kürassierleutnant hatte sich dann in die Infanterie stecken lassen müssen. Wegen Schulden natürlich.
„Zuerst dachte ich mir das gräßlich. Hatte Selbstmordgedanken. Schließlich machte sich’s ganz nett. Mädelchen waren da noch viel aufmerksamer und verliebter.“
Als Hauptmann der Infanterie kam er auf der Treibjagd zu dem, was er sein Unglück nannte.
„Alles vorbei. Es war zum Rasendwerden. Man war niemand mehr.“ Seine Ehe hatte er vergessen. Sie war ja auch nur kurz gewesen. -- In der Flasche schimmerte der Boden mit dem Rest des Goldenen. --
„Doch -- die Kinder! Vater spielen will gelernt sein. Mir lag’s nicht. Der Junge war mir zuweilen direkt peinlich mit seiner unbequemen Art zu gucken und Fragen zu stellen. Aber -- das Mädchen.“
Der letzte Tropfen hing schwer an seinem grauen Bart, den der Haarkünstler nun nicht mehr ausbesserte. Ihn stieß das Elend.
„Daß du’s weißt, ich bleibe nicht länger hier. Morgen früh geht’s weg. Kannst du mir das verdenken? Zwei reichliche Jahre immer bloß Buttermilch und die Faltenschnute von deiner Klidderten. Daß man das überhaupt geschafft hat. Nie raus aus der Bude. Immer hinter den Rechenbüchern und dabei noch das Gefühl, als mache der erste beste Quartaner die Geschichte besser. -- Jetzt geht in Berlin nach dem toten Sommer das Leben wieder los. Auf der Tauentzienstraße, weißt du! Mädelchen gibt’s da. Einfach süß. Wenn ich im Wagen oder wo am Fenster sitze, mache ich immer noch eine gute Figur. Und die kleine Weinstube beim Anstermeier. Piekfein. Und anständig. Niemals mahnen die. Bloß einmal im Jahre, wenn’s einem natürlich am wenigsten paßt, erinnern sie bescheiden. -- Uebermorgen kann ich schon drin sitzen. Gleich nachher will ich dem Jungen telegraphieren. Du läßt’s zur Post besorgen. Das werd’ ich ja wohl noch verlangen können.“
Der Amtsrat hatte zugehört, ohne einmal den Schwall der Worte zu hemmen.
„Du wolltest mir Walter’s Brief geben,“ sagte er nur, als der Major endlich verstummt war.
„Den Brief? Richtig. Hier ist er!“
„Ich werde ihn dir noch einmal vorlesen.“
„Nicht nötig. Habe mich bereits selbst genügend von seinem Inhalt unterrichtet.“
Der Amtsrat bedachte den Einwand nicht. Er wußte, daß die Erinnerung an das gegebene Wort auftauchen und zurückreißen würde. Halblaut begann er:
„Lieber Vater! Soeben habe ich die letzte Rate deiner Schulden getilgt. Es ließ sich also, wider Erwarten, schnell erledigen. Justizrat Weißgerber zahlte mir, als auch in letzter Instanz der Millionenprozeß, von dem ich das letzte mal erzählte, zu unsern Gunsten entschieden wurde, zwei Drittel des in diesem Falle von unserem Klienten versprochenen Extrahonorars aus, weil ich die ganze Mühe damit gehabt.
Freilich bin ich zur Zeit selbst völlig blank. Ich habe mein halbes Vierteljahrsgehalt noch dazu gelegt, um endlich frei zu sein. Nun mache ich dir einen Vorschlag. Willst Du durchaus wieder nach Berlin, sollst Du wissen, das Du mir willkommen bist. Es kann jetzt in jeder Beziehung besser, wie früher, für Dich gesorgt werden. Nur mußt Du mit Deiner Reise bis zum nächsten Quartal warten, damit ich Dir genügend Geld schicken kann. Hast Du noch selbst von Deiner Pension zur Verfügung, teile mir das mit. In diesem Falle stände Deiner früheren Rückkehr, wenn sie Dir wünschenswert erscheinen sollte, nichts mehr im Wege.
Dein Sohn Walter.“
Ohne eine Bemerkung reichte der alte Wullenweber das Schreiben zurück. Seine Augen brannten wie nach einem Erntetag mit heftigem Ostwind bei reichlicher Sonne. Schweigend steckte auch der Major den Brief in die Tasche. Geflissentlich sahen sie aneinander vorbei.
„Ich will mich noch eine Viertelstunde auf’s Ohr legen,“ meinte endlich der Amtsrat und erhob sich.
Da langte auch der Major nach seinen Stöcken.
-- -- Der alte, schwere Goldene hatte ausgewirkt. Aber der feste Wille zur schleunigen Rückkehr nach Berlin lebte weiter. Das Kursbuch mußte herhalten.
„Hier war man ja doch schon mit den gefräßigen Spatzen munter. Also -- los. Morgen früh um sieben Uhr! Und keine Stunde zugegeben!“
So stand’s auch in dem Telegramm an Walter Wullenweber zu lesen. Der Major kniffte es sorgfältig zusammen. Jetzt würde man endlich bald wieder ein Mensch werden!
Er stelzte in die weißgetünchte Schlafkammer von damals, die er immer noch inne hatte. An der dünnen Bretterwand hing jetzt das Bild seines Kaisers zwischen den beiden toten Majestäten, denen er ebenfalls seinen Treueid geschworen hatte.
Als sein Sohn mit ihm redete -- jawohl, so stimmte es. Der mit ihm, denn er spielte nur den stummen, gequälten Zuhörer -- war die Wand noch leer gewesen.
Damals wurde auch ein Treueid geschworen.
Dachte er denn daran, ihn zu brechen? War es diese Einsamkeit, die ihn nach innen sehen ließ. Das Alter oder das andere?
Die verlorene Tochter -- seines Lebens Lust und Stolz.
Er las plötzlich aus einem Buch mit erhabenen Lettern.
„Eines Tages werde ich meinen letzten Treueid brechen, wenn ich nach Berlin zurückkehren sollte!“
Die Erkenntnis erfüllte ihn mit Abscheu gegen sich selbst.
-- An diesem Nachmittag saß er nicht hinter den Rechenbüchern. Er stolperte im Garten herum, entdeckte noch etliche Aepfel in verwegener Höhe und schimpfte mit Karl Pergande, dem Fünfzigjährigen, der das Jungvieh unter sich hatte. -- --
Bei der Abendpfeife auf der Veranda tippte er dem Bruder auf die Schulter.
„Berlin paßt mir doch nicht mehr. Es ist zu laut, zu eng und zu teuer für unsereins. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich hier.“
Der alte Amtsrat paffte sich in eine undurchsichtige Wolke hinein.
„Ist mir auch viel angenehmer,“ sagte er kurz. „Am Sonntag kommt ohnehin der Pferdehändler aus der Stadt mit zwei angeblich fünfjährigen Braunen. Die mußt du dir eingehend ansehen. Ich allein trau mir das Geschäft nicht zu, denn der Hallunke tattert sehr geschickt.“
-- Sie waren an diesem Abend durchaus nicht herzlicher wie sonst zusammen.
Und dennoch fühlten sie sich beide zufrieden und ruhig, daß es nun entschieden war.
15.
„Du bittest mich um eine vertrauliche Auskunft über das Vermögen meines einstigen Mündels Eva von Ostried?“ schrieb Amtsrat Wullenweber an seinen Neffen. „Das verstehe ich nicht. Neugier sähe Dir unähnlich. Beabsichtigt ihr etwa Dein Justizrat Zuwendungen zu machen? Notwendig hätte sie das sicher. Denn ihr gesamtes mütterliches Erbe, das ich am Tage ihrer Volljährigkeit Frau Präsident Melchers für sie übergab, betrug nur eintausend Mark. Hätte ich geahnt, daß die wackere Frau unerwartet schnell, und zwar mit dem von Dir erwähnten, für Eva von Ostried sehr traurigen Ergebnis sterben mußte, hätte ich doch die Tochter ihrer Mutter in ihr gesehen und mich auch nach der erfüllten Pflicht um sie gekümmert. Ihr jetzt noch, nachdem sie sicher das Schwerste hinter sich hat, zu schreiben, widerstrebt mir. Wohl aber möchte ich sehr gern wissen, ob ihr Hilfe erwünscht wäre. Ich weiß nichts über ihr Leben und Wirken. Wäre es nicht das Einfachste, Du zögest Erkundigungen über ihre Lage ein? Geben sie irgendwie zu meiner Unterstützung Anlaß, werde ich mich mit ihr stets in Verbindung setzen. Laß es Dir durch den Kopf gehen und gib mir Bescheid, sobald Du etwa erfährst, daß es ihr kümmerlich ergeht. Im anderen Falle ist die Sache ja ohnehin auf das Beste erledigt.
Dein Vater wird Dir inzwischen selbst seine Absicht, Hohen-Klitzig nicht mehr zu verlassen, mitgeteilt haben. Daher mußte sich mein Verhältnis zu ihm, von innen heraus, bessern. Erlauben Dir die Geschäfte und die Gesundheit Deines Justizrats eine kurze Ausspannung, so weißt Du, daß Du mit Deinem Besuch stets erfreust Deinen
getreuen alten Wilhelm Wullenweber.“
Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig machte.
Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen, woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten -- den Glanz ihrer großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum!
Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen Entschädigungsanspruch in jeder Höhe abgelehnt und ihr, bei einem Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages -- bezüglich des strittigen neunten Novembers -- verstanden. Somit war diese Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war damit zerrissen.
Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach dem Leben.
Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte.
„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als könne sie sonst seine Gedanken lesen.
„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“
„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder bei Ihnen habe.“
„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos auf den Brief.
„Sie haben Recht. Die Hauptsache hab’ ich verschwiegen. Ich möchte doch so gern wissen, wie sie wohnt und wie sie alles angefangen hat. Ach, Herr Rechtsanwalt, warum kommt’s meist ganz anders, wie man denkt? Ich hänge ja so sehr an ihr und hab’ mir damals beim Abschied fest eingebildet, wüßt’ ich mal erst, wo sie wohnte, liefe ich auch gleich hin. Denken Sie an, ich war auch wirklich schon mal da. Gleich, nachdem ich von Ihnen die Adresse gehört hab’.“
Sie stockte und sah von ihm weg.
„Wann war das ungefähr, Pauline?“
„Heute vor zwei Wochen, Herr Rechtsanwalt!“
„Warum verschwiegen Sie mir das?“
„Ich war so von Herzen betrübt, Herr Rechtsanwalt.“
„War sie unfreundlich zu Ihnen?“
„Ach, ich hab’ sie gar nicht gesehen!“
„Das verstehe ich nicht!“
„Mir war’s selbst, als könnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. Bloß bis an ihre Tür bin ich gekommen.“
„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich darum.“
„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben, Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“
„Nun, dann erzählen Sie einmal!“
„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte mich erst unten beim Hauswart. Da war eine drin, die mir gleich erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“
„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte die Angst vor den nächsten Minuten.
„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’, weil er eben tot wäre. -- Aber irgend eine andere Person aus ihrem Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. -- Bestimmtes wisse man ja wohl nicht. Aber, wenn sich eine niemals an die Sonne traute, keinen Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein Hund rumkröche -- denn könnte man sich schon allerlei denken. Der Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet, erzählt, denn wüßte man schon genug.“
„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“
„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“
„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“
Ihr Gesicht war ganz blaß geworden.
„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“
„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein von Ostried noch zu besuchen.“
Sie stieß einen leisen Schrei aus.
„Bei Gott, das war’s nicht!“
„Was könnte es anders gewesen sein?“
Sie suchte nach den rechten Worten.
„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen tät’. Dafür kann einer nichts, glaube ich. Ich war so voller Gift und Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der lügnerischen Person an den Hals. -- Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles -- aber auch alles -- rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins -- zwei -- drei wieder die Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“
Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu erraten und wer dürfte darum verurteilen?
„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“
„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“
„Und die Antwort?“
Das alte Mädchen zögerte einen Augenblick verlegen!
„Geschrieben hat sie mir noch nicht, Herr Rechtsanwalt.“
„Hm?!“
„Der Brief kann ja verloren gegangen sein, Herr Rechtsanwalt.“
„Sie werden wohl gar noch einmal bei ihr anfragen?“ sagte er nach einer langen Pause.
„Nein, Herr Rechtsanwalt. Ich werd’ heute nachmittag direkt zu ihr gehen. Herr Rechtsanwalt erlaubt’s mir doch?“
„Daß Sie ausgehen? Aber gewiß, liebe Pauline. Sie sollen mich überhaupt nicht wegen dieser selbstverständlichen Dinge befragen.“