Der Uebel grösstes ...

Part 14

Chapter 143,657 wordsPublic domain

Auf einer Bahre hatten sie ihn gebracht. Einer der Träger erzählte mit umständlicher Wichtigkeit, ohne daß ihn jemand darum befragt hätte: „Wir gingen gerade vorüber, als sein Körper unten aufgeklatscht ist. Es war nicht leicht, ihn rauszufischen. Hier ist seine Brieftasche, in der wir eine Karte von diesem Hotel mit seinem Namen darauf gefunden haben.“

-- Sein langes, eisgraues Haar hing tief in die Stirn hinein. Mit großem hellen Blicke starrten die offenen Augen. Seine Lippen waren nicht ganz so fest wie sonst geschlossen. --

Da warf sich Eva von Ostried neben der Bahre auf die Knie und preßte seine schlaffen Hände an ihr Herz, wie er es am Brunnen mit den ihren getan hatte. Und +er+ wehrte ihr nicht.

Sie legte ihren Kopf dorthin, wo seine Liebe für sie gepocht. Es war still -- für immer.

11.

Nach vier Tagen sandte Herr Alois Sendelhuber die Abschrift des Vertrages an Eva von Ostried. Sie war gerade im Begriff, zu einer Unterrichtsstunde nach dem Grunewalde hinaus zu fahren. Ihre neueste Lernbegierige war die Tochter eines mehrfachen Millionärs und hatte bei gutem musikalischen Gehör ein recht bildungsfähiges Zwitscherstimmchen.

Vor ihr lag, soeben abgeschlossen, ein Heft, in dem sie alle Ausgaben und Einnahmen zu buchen pflegte. Sie hatte festgestellt, daß sie die letzten fünf Wochen mit ihrem Verdienst allein ausgekommen war, ohne den Rest des andern Geldes anzugreifen.

Freilich, was war das für ein Leben gewesen.

Der Spiegel warf ihre Gestalt in dem reichlich abgetragenen Kleid getreulich zurück. Herrn Sendelhubers Kleidermacherin wäre mindestens vier Wochen zu beschäftigen gewesen.

Demnach fehlte ihr alles, was sie einst als begehrenswert erstrebte. Sie litt unter diesem gewaltsam durchgeführten Mangel wie an einer schleichenden Krankheit.

Und +schön+!

Das alte jäh aufwallende Verlangen nach äußerem Tand packte sie ungestüm. Nach der Stunde im Grunewald würde sie endlich alles notwendig Gewordene in einem der ersten Geschäfte bestellen.

War denn aber wirklich dazu das Geld vorhanden? Sie hatte sich gelobt, fortan -- selbst wenn sich die Einnahmen vorläufig nicht steigern sollten -- den kleinen Blechkasten mit des ehrbaren Tabaksbauern Zurückgezahlten nicht zu öffnen.

Aber jetzt riß sie ihn aus dem Dunkel des Schreibtisches hervor, ließ die Feder aufspringen und entnahm dem dünngewordenen Päckchen +einen+ Schein! Er würde genügen.

Nach kaum einer Minute legte sie ihn wieder zu den andern zurück. Ihr Gesicht war sehr blaß geworden.

Was hatte sie vorgehabt? Einen Teil des Raubes dazu verwenden wollen, um der alten Eitelkeit zu dienen. Die mühselige Arbeit restloser Selbstbezwingung also einfach vernichtend, indem sie von neuem sündigte.

Das konnte allein kommen, weil ihr Ralf Kurtzigs Beistand fehlte. Sie nahm die Kreidezeichnung, auf der ihn ein junger, talentvoller Maler mit klarem Blick für seine innere Größe darstellte, zur Hand und vertiefte sich darin.

Ob sie ihn nicht doch geliebt hatte? Unbewußt?

Der Alltag entriß sie endlich allem Grübeln. Herrn Alois Sendelhubers Vertrag sah sie vorwurfsvoll ob der Vernachlässigung an und verwandte sich in dessen kleine, schlau zwinkernde Augen. Sie nahm ihn an sich, um ihn später auf der Fahrt zu lesen. Jetzt galt es keine weitere Zeit zu verlieren. In diesem Augenblick steckte aber die unzufriedene Bedienerin den Kopf zur Tür hinein.

„Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich Ihr Frühstück vergessen hätte, Fräulein. Es war nur nichts mehr im Hause. Und wieder um Geld bitten und das Gefrage und Vorwürfemachen mit anhören, gerad’ als ob man ein kleiner Betrüger wär’, nee, lieber nich! Unterwegs wird ja auch wohl was zum präpeln zu kriegen sein, denke ich.“

Eva von Ostried war das Blut in die Wangen gestiegen.

„Ich habe mich genau erkundigt,“ sagte sie kurz, „die Summe, die ich hingebe, genügt für uns beide völlig.“

„Könnte ich mich denn nich auch mal bei derselben Quelle ein bißchen belehren,“ fragte das Mädchen höhnisch und stemmte lachend beide Hände in die Seite. „Oder hat’s vielleicht der Spatz gesagt, der hier alle Morgen rumpiept, weil ihm keine Krume mehr gegönnt wird?“

„Sie werden unverschämt,“ sagte Eva von Ostried und bezwang ihre Empörung.

„Nicht im geringsten, Fräulein. Bloß tückisch, weil ich immer an einem leeren Futternapf stehen muß. Und darum, sehen Sie, ich bin viel zu abgewachsen für Ihr Portemonnaie. Eine, die ’nen Kopf kleiner ist wie ich und noch ein bißchen was von der vorigen Stelle auf den Rippen hat, die müssen Sie sich nehmen. Ich geh’ nämlich in vierzehn Tagen.“

„Es ist gut,“ sagte Eva von Ostried und mußte doch schaudernd an die neuen Unbequemlichkeiten denken, die daraus entstehen würden.

„Ich hätt’ noch was zu sagen.“

„Dann beeilen Sie sich. Ich muß fort.“

„Es nimmt bloß ein paar Minuten weg. Bis vor kurzem, na, sagen wir mal, bis Sie nach München gondelten, habe ich doch im Ganzen recht ordentlich gewirtschaftet, nich?“

Eva von Ostried dachte nach und mußte zugeben, daß die Mahlzeiten zumeist reichlich und schmackhaft gewesen.

„Daraus erkennen Sie selbst, wie gut Sie mit dem Wochengeld auskommen können,“ stellte sie fest.

„Nee,“ triumphierte das Mädchen, „die Rechnung stimmt nich. Der Zuschuß hat aufgehört. So klappt’s.“

„Welcher Zuschuß? Was meinen Sie damit?“

„Meine Mutter hat uns Kindern gesagt, wenn einer tot ist, dem man was geschworen hat, könnt’ man getrost seinen Mund auftun. Darum will ich auch nicht länger schweigen. Herr Kurtzig hat mir doch regelmäßig Geld gegeben, damit das Fräulein seine kleine Freuden hätt’.“

„Geld! Und das erfahre ich erst heute?“

„Ich hab’s schon gesagt. Schwören mußte ich ihm, daß ich meinen Mund hielt.“

„Wieviel?“ fragte Eva von Ostried und fühlte eine schwere Mattigkeit in allen Gliedern.

„Wie kann ich das noch wissen. Viel hat er ja auch wohl nicht gerade gehabt. Das merkt unsereins schnell. Mal zwanzig Mark, mal auch ein bißchen weniger. Unter zehn Emmchen gab er aber nie. Dazu hat er das Fräulein viel zu sehr verehrt.“

Eva von Ostried hatte die Empfindung, als wolle ihr Herz verbrennen. Und in den Blicken des Mädchens stand die helle Schadenfreude über die Bestürzung der jungen Herrin.

„Es gibt noch viele, die mehr spendieren würden, wenn sie Sonntag abends hier ab und zu ein bißchen singen und spielen könnten, Fräulein.“

„Gehen Sie auf der Stelle,“ befahl Eva von Ostried und wies mit der Hand nach der Tür.

„Mach ich gern! Wollen Sie meine Sachen nachsehen, ob ich aus Versehen was Fremdes eingepackt hab’? Es ist nämlich schon alles parat.“

„Nein! Nur beeilen Sie sich möglichst, damit Sie aus meiner Wohnung kommen.“

-- -- In der Küche polterten dann die Schritte eines Mannes, der das bereit gehaltene Gepäck abholte. Kräftig wurde eine Tür zugeschlagen. Sie machte keine Miene nachzusehen, ob das Mädchen nun endlich fort sei. Sie fühlte sich wie zerschlagen.

Aus einem matten Pflichtbewußtsein, das sich widerwillig regte, ging sie zum Fernsprecher und teilte der Schülerin im Grunewald mit, daß sie sich zu elend fühle, um heute herauszukommen. Dann saß sie stumpf und regungslos auf ihrem Platze.

Ralf Kurtzig, du hast es gut gemeint! Auch darin! Und doch, wenn du das jetzt wüßtest, du warst ein so kluger, reifer Mensch, hast du nicht geahnt, daß du dem Klatsch mit dieser Herzensgüte reichlich Nahrung gabst?

Nein, das hatte er nicht erwogen. Dazu stand sie ihm zu hoch. Konnte es wohl einen untrüglicheren Beweis als diesen für seinen unerschütterlichen Glauben an ihre unantastbare Reinheit geben? Ein edler Mensch kann ja gar nicht mit der Niedrigkeit eines andern rechnen.

Seine Liebe erschien ihr in einem völlig neuen Lichte. Ein ungeheurer Stolz, daß er sie erwählen wollte, erfüllte sie. Eine dankbare Freude, daß sie ihn erlaben durfte, bis zu jener Stunde am Brunnen.

Aber solche Liebe, mag sie auch unerwidert bleiben, verpflichtet zu einem vollgültigen Beweis von Würdigkeit. Sie nahm Herrn Alois Sendelhubers Vertrag aus der Tasche und überlas den kurzen Inhalt zweimal. Er hatte sie für den neunten November verpflichtet. Der neunte November war aber, wie sie Herrn Sendelhuber wiederholt mitgeteilt hatte, längst vergeben.

Es paßte Herrn Alois Sendelhuber natürlich besser, wenn er ihren Einwand einfach vergaß. Sofort schrieb sie ihm und bat um Abänderung.

Als eine Woche später immer noch keine Antwort eingetroffen war, drahtete sie. Und wartete nun erregt und ungeduldig auf seine Erklärung.

Herrn Sendelhubers Geschäftstüchtigkeit hatte nicht unterlassen, im Falle sie sich ohne ärztliche Beglaubigung auch nur einer der drei eingegangenen Verpflichtungen entzöge, eine erhebliche Strafe festzusetzen. Die Summe würde voraussichtlich diejenige der gesamten Winterkonzerte übersteigen.

Kurz entschlossen ging sie zu einem Anwalt.

Er fragte nicht, wie sie erwartet, nach ihren Wünschen. Aber er hörte sie wenigstens an.

„Kontrakte werden gemacht, daß sie vor der Unterschrift durchgelesen werden,“ sagte er großartig.

Das gleiche hatte sich Eva von Ostried auch bereits gesagt. Trotzdem mußte dieser eine Punkt mit Leichtigkeit unwirksam zu erklären sein. Das lag ihr im Gefühl.

„Ich habe Herrn Sendelhuber ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß ich an diesem neunten November nicht mehr frei wäre,“ warf sie ein.

Darauf schien er kein Gewicht zu legen.

„Sind Sie überhaupt geschäftsfähig?“

„Ich bin volljährig.“ Er zuckte die Achseln.

„Meiner Ansicht nach nichts zu machen. Aber Sie können meinetwegen wiederkommen. Bei einer Stunde ist der Bürovorsteher vom Essen zurück. Und dann findet sich auch der Herr Justizrat ein.“

Als Eva von Ostried endlich wieder in der frischen Luft stand, mußte sie herzlich lachen. Sie erschrak vor diesen fröhlichen Lauten. Wie lange hatte sie doch nicht mehr dies heimliche Behagen gespürt!

Die Erscheinung des würdigen Vertreters von Bürovorsteher und Justizrat hatte etwas zu köstlich Erheiterndes gehabt. Ob auch wohl der Herr Justizrat -- --

Der Titel füllte sich plötzlich mit lebensvoller Erinnerung. Hatte ihr der treue Freund und Berater der Präsidentin nicht beim Abschied auf das Bereitwilligste seine Dienste angeboten? Ihre Gedanken waren seither nicht wieder zu ihm gelaufen. Sie hatte die Zeit, in welcher sie ihm beinahe täglich begegnen mußte, künstlich versenkt. Nun aber beschloß sie, nachdem sie die Wartefrist auf Herrn Sendelhubers Antwort noch einmal auf vierundzwanzig Stunden verlängert hatte, ihn aufzusuchen.

12.

Als Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen. Alles Vergangene wurde wieder lebendig!

Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht, war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh.

Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward.

Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat Weißgerber.

Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie.

Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des alten erfahrenen Juristen, unsicher.

Als sie mit der Darlegung ihres Falles zu Ende gekommen war, suchte er wiederholt nach passenden Worten und machte kleine Pausen, als er sie endlich gefunden, in denen er sie fast erstaunt ansah. Sie fühlte, daß er -- wider Willen -- ihrer Schönheit huldigen mußte.

Das geschah ihr oft. Aber noch nie zuvor empfand sie eine ähnliche warme Freude darüber.

Nun hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Sein Blick ruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht. Er schien alles von der Spitze des Stiftes, den er unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger wirbelte, herunterzulesen.

„Sie können beweisen, gnädiges Fräulein, daß Sie tatsächlich über den strittigen neunten November verfügt hatten, während Sie in München mit diesem -- so danke sehr, Herrn Alois Sendelhuber verhandelten?“

„Einen vollgültigen Beweis nennen Sie dies wohl nicht,“ fragte sie und hielt ihm das Notizbuch mit ihren Aufzeichnungen entgegen. Er ließ die Blicke länger auf den aufgeschlagenen Seiten ruhen, als es die eine ihm bezeichnete Zeile erforderte.

„Doch -- doch,“ meinte er zerstreut und gab es ihr noch nicht zurück. „Wollen Sie mir aber besser noch eine Bestätigung der Schwestern Moldenhauer mit der Namhaftmachung des Datums, an welchem die Abmachung geschah, besorgen.“

„Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. So viel ich weiß, befinden sie sich auf einer großen Konzertreise und sind erst eine Woche vor dem neunten in Berlin zu erwarten.“

„Sie könnten es aber eidlich erhärten, nicht wahr?“

„Ja, das kann ich. Außerdem habe ich Herrn Sendelhuber mehrmals darauf aufmerksam gemacht, daß ich ihm diesen Tag nicht geben kann.“

In das ernste Gesicht kam ein Lächeln, das es sehr jung machte.

„Mit Herrn Sendelhubers weitem Gewissen müssen wir uns als leidige Tatsache abfinden. Ein Zeuge war bei Ihrer Unterredung nicht zugegen?“

„Nein, wir waren allein. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht. Er erwartete mich, als ich spät Abends heimkam.“

Sie hatte die Farbe gewechselt. Das entging ihm nicht.

„Es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor,“ tröstete er. „Wir würden im gerichtlichen Verfahren zweifellos obsiegen. Aber, nicht wahr, es wäre friedlicher und erledigte sich vor allen Dingen ungleich schneller, wenn man den genannten Herrn durch einen einfachen Briefwechsel zur Einsicht brächte.“

„Mir hat er auf solche Bestrebungen nicht geantwortet.“

„Das glaube ich gern. Der Briefbogen mit der Firma zweier Anwälte ist bekanntlich wirksamer wie das schönste Schriftstück mit Röslein und Jasmin.“

Sie sahen sich beide an und mußten lachen. Das kleine Buch lag noch immer in seiner Hand.

„So ein Kunstwerk soll heute noch an ihn abgehen, gnädiges Fräulein.“

„Und dann,“ fragte sie schnell.

„Dann schreibe ich Ihnen, sobald ich etwas von ihm höre.“

Sie nickte und schielte nach dem Notizbüchlein. Er wurde rot wie ein Schuljunge.

„Bitte, hier ist es wieder.“ Und dann nach einer kleinen Pause: „All diese Stunden, die darin verzeichnet sind, müssen Sie die etwa erteilen?“

Da erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Tag.

„Wie halten Sie das aus, gnädiges Fräulein?“

„Sie sehen ja, mir geht es recht gut dabei.“

„Das wird das Verdienst Ihrer Angehörigen sein. Man wird Sie sehr verwöhnen?“ Das Gegenteil erschien ihm unmöglich.

Sie blickte auf das spiegelblanke Holz der Tischplatte.

„Ich stehe ganz allein.“

Sie glaubte eine heimliche Angst aus seinen Blicken herauszulesen. Eine feine Spannung hing in der Luft. In seinem Gesicht zuckte es nervös. Warum saß sie noch hier?

Aber sie blieb und fragte plötzlich nach Justizrat Weißgerber.

„Seit ein paar Monaten geht es ihm gesundheitlich durchaus nicht nach Wunsch. Darum suchte er sich einen Helfer. Und der bin nun eben ich.“

„Bleiben Sie dauernd hier?“ mußte sie fragen, denn die Vorstellung, daß sie ihn, wenn sie in derselben Sache etwa noch einmal kommen müßte, nicht mehr treffen könnte, begann ihr ein unbehagliches Gefühl auszulösen.

Daß er mit seiner Antwort zögerte, fiel ihr nicht auf.

„Ja, ich werde bleiben,“ sagte er endlich.

Klang das nicht, als sei er erst jetzt zu einem festen Entschluß gelangt?

„Sie haben mir noch nicht Ihre volle Adresse gegeben, gnädiges Fräulein. Herrn Sendelhubers schwer zu entziffernde Handschrift ließ mich Ihren Namen zuverlässig nicht erkennen.“

„Richtig, das hätte ich beinahe vergessen.“

Er sah von der dargereichten Karte schnell wieder zu ihr.

„Ihren Namen habe ich schon oft gehört. -- Bestimmt! Es ist kein Irrtum möglich.“

„Wer könnte ihn genannt haben?“

„Sie müssen es erraten,“ forderte er fröhlich.

„Wer weiß, ob ich ihn nach diesem jemals wiedersehe,“ sagte sie sich heimlich. „Warum soll ich mich also mit dem Gehen übereilen?“

„Justizrat Weißgerber hat von mir gesprochen, nicht wahr? Oder mein Namen ist Ihnen in alten Schriftstücken, in denen ich als Bevollmächtigte der Frau Präsidentin Melchers, in deren Haus ich bis zu ihrem Tod gewesen, verzeichnet stehe, zu Gesicht gekommen.“

„Fehlgeschossen. Bitte -- weiter raten!“

„Dann gebe ich den Kampf auf.“

„Erinnern Sie sich noch der alten Pauline?“

Alles Blut drängte ihr zum Herzen.

Wie war das möglich? Wußte er?

Nein, sie allein kannte das Geheimnis ihrer Schuld. -- Er merkte auch nichts von ihrer Erregung. Er freute sich nur dieser Minuten.

„Ja, die alte Pauline! Ist sie nicht etwas ganz besonderes? Justizrat Weißgerber empfahl sie mir, als ich ihm hilflos und, wie ich ehrlich gestehen muß, eines Tages halb verhungert den üblichen kurzen Wochenbericht über den Stand unserer Arbeit gab. Sie fühlte sich in ihrem Feriendasein totunglücklich und hatte den Justizrat als alten Gönner gebeten, ihr wieder angemessene Beschäftigung zu besorgen. Als er meine Not sah, schickte er sie zu mir und siehe, wir schieden nicht mehr von einander. Seitdem verwöhnt sie mich auf eigentlich unerlaubte Art.“

Eva von Ostried wollte etwas erwidern -- ebenfalls eine Freundlichkeit über sie anfügen -- eine Frage nach ihrem Ergehen tun -- Ihre Kehle blieb wie zugeschnürt. Vor ihr stand das Gespenst des Abschiedtages aus der Villa der Präsidentin und lähmte ihre Zunge. Sie hatte es schlafend gewähnt. Nun erhob es sich und zerstörte ihr Leben.

„So mußte es wohl kommen, daß sie mir auch von Ihnen berichtete.“

„Was hat sie gesagt,“ stieß Eva von Ostried hervor.

„Ja, was wohl, gnädiges Fräulein? Wollen Sie das wirklich hören?“

Nun wußte sie, daß die Treue, gleich den andern, ahnungslos geblieben war.

„Sie sah immer nur das Allerbeste,“ lenkte sie ab und stand auf.

„Soll ich sie nicht wenigstens grüßen?“ fragte er.

„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht, wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“

Irrte er, oder war sie plötzlich verändert?

Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte?

„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht 3.“

Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen. Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte.

Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte, erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das jetzige Dasein möglich geworden war?

Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick ertragen.

Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? -- Sie wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein!

An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch.

Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz.

„Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen.

Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten, die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen Sie oben...“

Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre Denkkraft für Augenblicke.

Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug: „Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend berechnet!“

Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit, sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld.

Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit.

Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens. Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen erwecken wollte?

Ja, das würde es sein! Hätte er ihr sonst diesen Brief senden können? Darum mußte sie nun doch zu der vorgeschlagenen mündlichen Besprechung gehen.

Sie zerpflückte ihre Antwort. Ihr Gesicht wurde hochmütig. Ihre schlanke Gestalt reckte sich auf. Er sollte seinen Irrtum sehr schnell einsehen!

Als sie ihm gegenüberstand, fühlte sie ganz klar, daß alle Unruhe durch ihn gekommen war. Sie hätte vor Scham aufschreien können und lächelte doch wie eine leblose Puppe, die Hand, die er ihr zum Gruß entgegenstreckte, übersehend.

„Darf ich bitten, daß wir uns möglichst kurz fassen. Ich bin heute sehr eilig, Herr Rechtsanwalt!“

Er sah sie erschrocken an.

„Gnädiges Fräulein, habe ich Sie neulich irgendwie verletzt?“

Jetzt lachte sie hell auf.

„Im Gegenteil, Herr Rechtsanwalt, Sie haben einer Klientin durch Ihre private Freundlichkeit mehr Zeit geopfert, als es klug war.“

„Soll das ein nachträglicher Vorwurf sein, weil ich Sie zu lange in Anspruch genommen habe.“

„Deuten Sie es ganz nach Belieben. Nur, bitte, jetzt zur Sache, wie Herr Justizrat Weißgerber früher zu sagen pflegte.“

Er saß ihr mit zornig zusammengezogenen Brauen gegenüber. Was fiel ihr ein? Neckte sie ihn einfach oder waren das Künstlerlaunen.

„Ich habe kurz entworfen, was am besten Herrn Sendelhuber zu antworten wäre. Darf ich es vorlesen oder belieben Sie selbst.“

Sie nahm ihm das Blatt mit leichtem Neigen des Kopfes aus der Hand und vertiefte sich scheinbar in seinen Inhalt. Er beobachtete sie dabei scharf.

Es währte sehr lange.