Der Uebel grösstes ...

Part 12

Chapter 123,667 wordsPublic domain

„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung sieht. -- --

Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen sang zuweilen eine klirrende Kette.

Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam, oft genug leiden? Tief wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne -- wider Willen -- und erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm.

„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“

Der Major winkte ab. „Laß nur. Dagegen helfen sie doch nicht! Ich halte das nicht länger aus.“

„Luft und Stille hier werden dir gut tun. Nur Geduld.“

„Dazu habe ich keine Zeit mehr.“

„Was hast du, Vater?“

„Du mußt mir helfen, Walter!“

„Sobald es Tag geworden, wollen wir nach einem Arzt senden,“ sagte Walter Wullenweber und glaubte doch nicht, daß der hiergegen etwas vermöge.

„Was soll mir der? Ich brauche nur dich!“

„Ich bin ja bei dir!“

„Du willst mich nicht verstehen. Da in der Tasche steckt der Wisch.“

Und Walter Wullenweber las:

„Wenn Sie innerhalb von zwei Wochen nicht Ihr mir gegebenes Ehrenwort einlösen und das Geliehene zurückzahlen mit 7 Prozent Zinsen, mache ich die Sache anhängig. Halten Sie mich nicht für ganz dumm. Ich kenne Mittel und Wege, die Sie klein bekommen. Erst im vergangenen Jahre ist einem alten Offizier ein gebührender Denkzettel vom Ehrenrat aus ähnlichem Anlaß erteilt. Denn wenn einer sein Ehrenwort bricht, so ist er nichts weiter als ein Schuft. -- -- --“

„Ist das wahr, was hier steht?“

Hart und fast mitleidslos klang die Frage.

„Ja, es ist wahr! Aber --“

Walter Wullenweber ließ sich schwer auf den Schemel sinken, der irgendwo stand. Er empfand in diesem Augenblick nichts als Verachtung für den Mann, der ihm alles zerschlug, was er sich mühsam errang.

„Es geht mich nichts an,“ sagte er sehr langsam.

„Du willst mich nicht -- retten?“

„Nein.“

„Ich soll also --?“

„Ganz recht; du sollst endlich einmal selbst tragen, was du verschuldet hast. Ich bin nicht länger willig, mich zu opfern!“

„Es ist auch dein Name.“

„Leider! Ich werde meiner vorgesetzten Behörde unverzüglich von dem Beschluß der deinen, sowie ich davon Kenntnis erhalte, Bericht erstatten und tragen, was daraus für mich kommt!“

„Und wenn ich dir schwöre, daß dies das letzte Mal sein soll.“

„Ich würde keinen Glauben mehr an dich aufbringen können. Damals, ja, da bildete ich mir ein, daß ein Mensch so etwas nicht zum andern Mal fertig brächte. Kein Fremder einem Fremden gegenüber. Und dich betrachtete ich damals noch als meinen Vater.“

„Soll das heißen, daß du heute -- nicht mehr?“

„Ja! Das wollte ich damit sagen!“

„Walter sei barmherzig.“

„Bist du es jemals gewesen? Hast du uns nicht alles zerschlagen, Wunsch, Jugend, Zukunft?“

„Aber die Ehre, die habe ich doch hochgehalten!“

„Das bildest du dir nur ein.“

„Du bist nicht Offizier!“

„Auf meine Auffassung kommt es aber zur Zeit mehr an.“

„Wenn ich dir mein Ehrenwort verpfände, daß ich nie wieder.“

„Spare es dir! Ich lege keinen Wert darauf!“

Ein Schrei gurgelte aus dem weitgeöffneten Munde. Das Gesicht nahm eine bläuliche Färbung an. Die Züge spannten sich. Das Kinn schob sich weit vor. Und dann kam jäh ein sichtbarer Verfall.

„Ob das der Tod ist,“ fragte sich Walter Wullenweber und zog, wie bei dem juristischen Aufbau eines wohlgelungenen Gutachtens die einzig mögliche Folge aus der Bejahung: „Dann trage ich die Schuld!“

Es war aber nur ein leichter Schlaganfall, wie der aus der nächsten Stadt zugezogene Arzt am Spätvormittag des neuen Tages feststellte. Lebensgefahr lag nicht vor. Alle merklichen Folgen würden sich voraussichtlich nach einiger Zeit verlieren.

Walter Wullenweber wich dem fragenden Blicke seines Onkel aus. Am nächsten Tage rüstete er sich zur Abreise, ohne Nachurlaub erbeten zu haben. Er fühlte, daß seine Anwesenheit den Kranken nicht förderte.

„Du machst dem Futternapf meiner alten Klidderten wenig Ehre,“ sagte der Amtsrat in der letzten Stunde zu dem Neffen. „Was ist’s denn? Hast du mir nichts zu sagen, Junge?“

„Herzlichst zu danken. Sonst wüßte ich nichts.“

„So, ich dachte! Na schön. Warst du schon bei deinem Vater?“

„Ich stehe eben im Begriff.“

„Warte einen Augenblick. Ich begleite dich.“

Walter Wullenweber wollte eigentlich die paar letzten Minuten mit dem Kranken allein sein. Er schwieg aber. „Vielleicht ist es besser so,“ dachte er stumpf und trat scheinbar ruhig an das Bett des Majors.

„Ich muß nun fort.“ Der Kranke wollte sich auf die Ellbogen stützen, um sich ein wenig emporzuringen. Es gelang aber nicht.

„Ich gebe dir mein Wort, daß alles anders werden soll. Willst du mir nicht die Hand reichen, Walter.“

Ein kurzes Zaudern. Dann reichte sie ihm der Assessor hin. „Werde gesund, Vater!“

Da weinte Major a. D. von Wullenweber die ersten Tränen, seitdem ihm das von dem ungeschickten Schützen geschehen war.

Eine Woche später erhielt er Nachricht von seinem Sohne.

Lieber Vater! Heute nur kurz die Mitteilung, daß ich von meiner Behörde den Abschied aus dem Staatsdienst erbeten habe, um, sobald er mir erteilt sein wird, bei Justizrat Weißgerber, mit dem ich bereits einig bin, einzutreten.

Teile es auch Onkel mit. In Eile

Dein Walter.

Als auch der Amtsrat den Inhalt kannte, schlug er mit der Faust auf den Tisch.

„Und das erfahre ich erst heute? Was hast du denn wieder angestellt? Konntest du wenigstens deinen Mund nicht rechtzeitig aufmachen, damit dies verhindert wurde?“

Da erzählte der Major das Hauptsächlichste. Das Fehlende dachte sich der andere schon hinzu.

„Wieviel wars denn zum Kuckuck?“

„Viertausend Mark!“ gestand der Major zerknirscht.

„Und wofür? Für Lumpereien natürlich!“

9.

Das Nationaltheater hatte seinen großen Tag. Die Aufführung des ersten Aktes des „Parsifal“ war vorüber. Die Reihen lichteten sich. Es strömte die Stufen hinab, die in den Garten des Theaters führten. Auf den meisten Gesichtern lag noch die Andacht des Weihespiels. Einzig eine Frauengestalt hatte ihren Stuhlplatz inne behalten und saß mit zusammengelegten Händen. In ihr zitterten die heiligen Klänge nach: „Selig im Glauben.“

Zwei Herren waren, abseits des flutenden Menschenstromes, stehen geblieben und sahen zu ihr hinüber.

„Sie haben vor Beginn im Erfrischungsraum mit ihr gesprochen, Kurtzig,“ sagte der Jüngere, „kommen Sie, wir gehen jetzt zu ihr.“

„Das wage ich nicht, Baron Alvensleben. Sie wissen, wer einen Gottesdienst stört, muß eines Strafbefehls gewärtig sein.“

Der alternde Meister schüttelte den Kopf.

„Sie steht doch aber in der Oeffentlichkeit, mein Lieber!“

„So -- tut sie das? Ich dachte, wir wären uns gestern Nacht nach ihrem Konzert gerade darüber einig geworden, weshalb sie an der Laufbahn einer Bühnensängerin vorbei, in der musikalischen Welt Berlins in der Hauptsache als erste Bildnerin verheißungsvoller Stimmen gilt und sich nur selten zu einer Konzertreise versteht.“

„Gott ja, gestern Nacht! Inzwischen habe ich darüber nachgesonnen und muß gestehen, daß mir die Aufgabe, sie umzustimmen, sehr verlockend erscheint.“

„Sie sind nicht der Erste, der das erkannt und auch versucht hat, Baron.“

„Vielleicht aber der erste Leiter einer hocheingeschätzten Oper, der willig ist, sie sogleich in seinen Verband zu übernehmen.“

„Auch diese Freude muß ich Ihnen leider zerstören. Vor einem halben Jahre, als sie noch lange nicht so weit wie heute gekommen war, machte bereits Ihr Kollege Spartenberg denselben recht energischen Versuch.“

„Sie kennen sie länger, Kurtzig?“

„Ungefähr fünf Jahre.“

„Da werden Sie auch um die Gründe wissen? Sie kennen auch mich. Ich bin verschwiegen. Was käme da in Betracht?“

„Da fragen Sie mich zu viel, Baron.“

„Vielleicht erblich belastet?“

„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit! Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als Schulden und den alten Namen hinterließ.“

„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“

„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von unserer Bekanntschaft.“

„Na nu!“

„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst, zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“

„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel. Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum erbrausten.“

Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte, in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers. Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war dadurch mit jeder Stunde, ja, mit jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus.

Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken, indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren Gedanken zwingen.

Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin verließ? -- Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. -- Die allerersten. Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig einst zurückzuerstatten, was -- --

Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es wollte aber immer noch nichts damit werden.

Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie berechnet hatte. Von den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme vorläufig noch nicht bezeichnen.

Und danach?

Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit Huldigungen und Beifall danken würde. -- Ob sich aber auch in gleichem Maße die Gagen einstellen würden? -- Toiletten würden nötig werden, die erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte.

Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen, der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern erwarten durfte.

Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes. Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen!

Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der Beifall einer dankbaren Menge -- die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm?

Und wiederum danach? -- Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren -- Jahrzehnten?

In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß jene eine Gottbegnadete war. -- Fast weinend vor Verlegenheit und Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen.

„Helfen zum Aufstieg!“ -- Retten aus dem Schlamm, der schon ihre Füße netzte.

Eva von Ostried war voller Mitleid gewesen, obwohl sie nicht an die Berufung dieses blassen Kindes zur Kunst glaubte. Warum sollte sie sich aber kein kleines Liedchen von ihr anhören? Summte ihre Köchin nicht auch beständig.

Das kleine Lied aber war zur Offenbarung eines großen Talents geworden! Die schmale Verkäuferin schied mit dem Strahlen eines sie überwältigenden Glücksgefühls. So kam Eva von Ostried zu ihrer ersten allerdings nicht zahlungsfähigen Schülerin, und erlebte, wie diese wuchs und strebte, wie Schlacke um Schlacke abfiel und das Edelmetall alle Tage herrlicher hervorleuchtete. Sie würde es wohl auch noch erleben müssen, wie jene einst von sich reden machen, Bewunderer haben, die Menge hinreißen würde, während sie selbst nichts weiter war als deren Förderin und Schleiferin.

„Der Uebel größtes aber ist die Schuld!“ Davor gab es keine Rettung!

Einzig, wenn sie der Schar ihrer beständig wachsenden Schüler dienend, sich selbst und die zuckenden Wünsche immer aufs neue überwand, fühlte sie Ruhe, die fast dem Frieden gleichkam. Und doch blieb es nur ein Scheinfrieden! An der Empörung ihrer Lehrer, als sie ihnen den Entschluß bekannt gab -- an jedem Blicke offenkundiger Huldigung, der ihr gezollt wurde, empfand sie die unerhörte Härte ihres Opfers. Unzählige Mal war eine Umkehr von ihr beschlossen. Und dann mußte der leidenschaftlich gefaßte Vorsatz doch unter dem Vernichtungsfeuer der Gewissensangst verbrennen!

Sie hatte nicht gewagt, jenes Geld aus dem Hause zu geben. Konnte die Bank nicht nach seiner Herkunft forschen und sie entlarven?

Noch bevor die Tubenklänge die andächtige Gemeinde zurückgerufen hatten, begann sich der Zuschauerraum zu füllen. Eva von Ostrieds Blicke wurden plötzlich von etwas Flammenden gefesselt. In dem brandroten Haar einer üppigen Erscheinung glühte ein Halbmond köstlicher Edelsteine auf. Sie empfand den Anblick des auffallenden Schmuckes an dieser Stätte als etwas Ungewöhnliches. Ernst und feierlich, wie zum Tisch des Herrn waren die meisten erschienen. Es reizte sie, nun auch das Gesicht unter dem lohenden Haar zu sehen. Die leuchtend weiße Haut, der stark sinnliche Mund, die unnatürlich schwarzen dichten Brauen kamen ihr bekannt vor.

Das war doch eine im Palasttheater beschäftigte Soubrette, die für kurze Zeit ihre Flurnachbarin gewesen! -- Und ihr Begleiter? Denn immer wieder neigte sie sich in eifrigem Tuscheln zu dem schlanken Nachbar hinüber. -- Paul Karlsen!

Ein Wort von ihm -- nahe an ihrem Ohr geflüstert -- ließ sie zusammenfahren. „Dummerchen!“ War das zu der andern gesagt oder belustigte er sich über ihre Zurückweisung, sie als etwas unbeschreiblich Albernes und Törichtes verhöhnend? Dann lachten beide.

Lachten sie etwa gemeinsam über sie? Hatte er ihr von jener Stunde erzählt, die sie neben ihm in seinem Musikzimmer verbrachte oder die Komik jener andern geschildert, die sie zum Hüter seiner ehelichen Treue machen wollte? --

Ihr schossen die Tränen der Empörung in die Augen. Zum ersten Male spürte sie ein starkes Verlangen nach einer Hand, die sie an diesem allen vorüber, in die Stille und Klarheit führen und dort festhalten würde.

-- -- Karfreitagsehnen! Unbeschreibliches Verlangen nach Glück und Frieden! Heiligste Verzückung! Lossprechung von aller Schuld! Sei heilig!

Der Lichtschein aus der Höhe erfüllte den Gral mit hellstem Erglühen. Die Andacht war vollendet!

Eva von Ostried ahnte nicht, daß sie tränenüberströmt, in zitternder Ergriffenheit fassungslos auf den sich langsam senkenden Vorhang starrte. Sie merkte erst, daß sie gehen müsse, als sich leise eine Hand nach der ihren tastete.

„Kommen Sie, Kind. Sonst sperrt man die heiligen Tore zu.“

„Sie sind’s, Meister?“ Zutraulich schob sie ihren Arm unter den seinen. „Jetzt gehen wir ein wenig an den Hildebrand-Brunnen, ja?“

Er wäre gern dorthin und überall weiter in dem weichen, fließenden Grau dieser Dämmerstunde mit ihr gewandert, aber ein Dritter war plötzlich neben ihnen und ließ sich nicht wegschieben.

„Baron Alvensleben!“ bequemte sich Ralf Kurtzig endlich seinen Namen zu nennen. -- Nun waren sie zu Dreien! Es war kein Zauber mehr dabei. Alles sah nüchtern und verwaschen aus, denn der Regen rieselte leise aus der Luft herab. Das gewahrte Eva von Ostried erst jetzt.

„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“

Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber.

„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“

Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd? Mir sind Sie eine liebe Bekannte -- seit vorgestern und gestern her. Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal gehören.“

Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf die Künstlerseele.

„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen, zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu -- trotzig und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das liebe Publikum vor Wonne rasen machend.

„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“ fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“

„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried, „das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“

„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem knabenhaft fröhlichen Blick.

„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr Baron. -- Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zugabe. Die Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“

Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr.

„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“ sagte Alvensleben entrüstet.

„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“ sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden. Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“

*

„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“

„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit.

„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu? Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler -- oder gar beides vereint -- das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren Geschmack besser kennen.“

„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das gefüllte Glas empor.

„Wenn Sie das genau wissen -- und Sie waren ja stets ein sehr sicherer Beobachter -- ja, warum zögern Sie dann noch, alter Freund?“

Ralf Kurtzig fuhr jäh zurück.

„Ich verstehe Sie nicht, Baron. In dieser Sache vertrage ich keinen Scherz.“

„So tief sitzt es schon! Dann beeilen Sie sich gefälligst, ehe Sie zu spät kommen. Eine Stunde Bedenkzeit hat sie Ihnen gegeben und zu einer Verlängerung dürfte sie sich kaum verstehen.“

„Ich verbitte mir alles weitere in dieser Sache.“ Der alternde Meister war so hastig aufgestanden, daß er dabei sein Glas vom Tische stieß.

„Kurtzig, machen Sie keine Geschichten. Sie werden doch wohl von einem guten Freund eine harmlose Neckerei vertragen? Wozu hätte ich meine gesunden Augen? Sie hängt augenscheinlich sehr an Ihnen, kennt Sie durch verschiedene Jahre, lächelt Ihnen zu, strahlt Sie an. Herrgott, was ist denn dabei? Haben wir nicht schon ganz andere Sachen erlebt? Denken Sie an den alten Dresdner Amfortas aus den achtziger Jahren und seine jugendschöne kaum zwanzigjährige Gattin, die Heroine des W.’r Stadttheaters.“

„Ich bin ihr Lehrer, vor dem sie -- genau wie meine andern Leute -- zittert und bebt.“ Es klang schon milder.

„Wenn Sie das sagen, wird es ja wohl stimmen. Mir scheint, das Zittern und Beben liegt reichlich lange hinter Euch beiden, was?“

„Ich habe Anteil an ihrer Entwicklung -- Freude an ihrer Kunst und Schönheit. Es fällt mir nicht ein, das zu bestreiten.“

„Na, sehen Sie wohl.“

„Mehr aber nicht!“