Der Uebel grösstes ...

Part 1

Chapter 13,499 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1919 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.

Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden im vorliegenden Text in deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Der Uebel größtes...

Meisters

Buch-Roman

Eine Sammlung hervorragend schöner Romane aus der Feder angesehener, bekannter Autoren

Einundvierzigster Band: Der Uebel größtes ..

Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.

Der Uebel größtes ..

Roman von

Käte Lubowski.

Einundvierzigster Band des Buch-Romans

Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.

~Copyright 1919 by Oskar Meister, Werdau.~

Alle Rechte vorbehalten.

1.

Um die elfte Vormittagsstunde war derjenige Teil des Oeynhausener Kurparkes, dem die Gäste den Namen „Schweiz“ gegeben hatten, von Rollstühlen und Spaziergängern nahezu frei. Die Meisten ruhten nach den Bädern vorschriftsmäßig aus. Jene aber, die es mit der Kur nicht so streng nahmen, lustwandelten in möglichster Nähe der Musik. Nur eines der bequemen Wägelchen glitt, fast zu eilig für den wundervollen Frieden dieser Einsamkeit an der romantischen Schlucht vorüber, welche der silberhelle Hambkebach in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Frische segnete. Es war keine der gewöhnlichen Lenkerinnen, die ihn vorwärts stieß. Die Hände erschienen gepflegt und schmal. Die feingliedrige Gestalt zeigte eine stolze Haltung. Der schlanke, sehr weiße Hals trug einen Kopf mit auffallend schönen Gesichtszügen. Zuweilen schob sich die Fülle des braunschwarzen lockigen Haares, von einem Sommerlüftchen gehoben, zu den langbewimperten Lidern hinunter, die zwei ausdrucksvolle, sammetdunkle Augen bargen.

Als die Fahrt noch an Schnelligkeit zunahm, wandte sich der Kopf der grauhaarigen Frau im Rollstuhl zu der Führerin herum.

„Fräulein Eva von Ostried, der Gaul, den Ihre Phantasie seit geraumer Zeit zu reiten belieben, gefällt mir nicht,“ klang es dazu in frischem, scherzhaften Ton. „Er ist zu hitzig. Steigen Sie sofort ab.“

Die junge Lenkerin ging bereitwillig auf die gütige Zurechtweisung ein: „Hochverehrte Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers aus Berlin-Grunewald, Wangenheimstraße 10, ich kann Ihrem Wunsch nicht nachkommen, denn... er geht, leider, mit mir durch!“

Ein leichtes Seufzen ertönte.

„Schon wieder? -- Was haben Sie, Kind? Ich merke seit einigen Tagen, daß Sie verändert sind. Zum Verlieben bietet sich hier kein Anlaß. Der männlichen Jugend ist ja kaum in unversehrtem Zustande zu begegnen und ich weiß doch zur Genüge von Ihrer durchaus verständlichen Freude an der Gesundheit..“

„Nein.. verliebt.. bin ich nicht!“

„Was aber ist’s dann? Wir leben nun drei Jahre mit einander und ich kenne Sie allmählich genau. Spukt in dem Köpfchen wieder der alte Traum?“

„Ja,“ sagte Eva von Ostried und ihre Lippen preßten sich zusammen, als müsse sie den Schrei der Sehnsucht ersticken, „ich möchte singen.. singen..“

„Als ob Ihnen das verwehrt würde, Eva. In dem kleinen Unterhaltungszimmer unserer Pension Messing steht ein ausgezeichneter Flügel und eine andächtige und dankbare Zuhörerschaft ist Ihnen ebenfalls sicher. Trotzdem haben Sie mir das feierliche Versprechen abgenommen, daß ich töricht genug war, Ihnen zu geben. Warum verheimlichen Sie hier ängstlich Ihr Talent?“

„Soll ich wirklich vor der herzensguten, aber doch bereits unstreitig etwas kindisch gewordenen Frau la chaise, die mit ihrem seligen Fritzchen zwölfmal in Brasilien war und daneben lediglich Tabak und höchstens noch ihre „beste“ Olga von daheim gelten läßt -- oder vor diesem fürchterlichen, alten Baron, der beständig die Hände bewegt, als beabsichtige er seine Zuhörerschaft zu kitzeln, damit sie über seine Witzchen auch lachen kann, singen? -- Verlangen Sie +das+ von mir?“

„Verlangen würde ich es wohl nur von meiner leiblichen Tochter.“

Der Rollstuhl stand plötzlich still. Zwei weiche, heiße Lippen preßten sich auf die Hände der Präsidentin.

„Ich bin egoistisch und schlecht. Verdanke ich Ihnen doch alles. Was wäre damals aus mir geworden, wenn Sie mich, die ohne langjährige Zeugnisse auf Ihr Gesuch kam, nicht den vielen Andern, vorzüglich Empfohlenen vorgezogen hätten?“

„Lassen wir diese Fragen, mein Kind. Ich bilde mir ein, eine gute Menschenkennerin zu sein..“

„Und nun habe ich Sie im Laufe der Zeit oft genug enttäuschen müssen.“

„Auch diese Wahrscheinlichkeit blieb damals nicht unberücksichtigt. Sie hatten mich deutlich in Ihrer Seele lesen lassen.“

„Obwohl ich zuerst von meinen Kämpfen und Enttäuschungen schwieg?“

„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. -- Sie waren auf den Wunsch eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem Tode in andere Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er, ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten Sie mir nicht. Das Andere -- die harten Enttäuschungen, die Sie in dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“

„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“

„Ich habe es gewußt! -- Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen, die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“

Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt.

„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“

„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung, anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife auch das voll.“

„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten könnte.“

Frau Melchers lächelte leise.

„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz offen zu mir sein.. und mich weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“

„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“

Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen, daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden.

„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie sollen etwas wissen, was Sie -- vielleicht längst geahnt haben. -- Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte, verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“

„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“

„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht darf neue Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. -- Die nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen Sie, wie ich das meine?“

Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau. Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des Glückes.

Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück.

„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch jenes Eiltempo? -- Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann.. sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“

Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder.

„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend. Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht vielleicht der höchste Genuß?“

Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht.

„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. -- Aber jetzt muß ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“

Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem kleinen neuerbauten Theater entgegen.

„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging.

Die Präsidentin schüttelte den Kopf.

„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“

Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe?

„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“

* * * * *

Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen, als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des jungen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben, um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. -- Sie wartete umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus:

Kam ein armes Kind von fern Zigeuner brachten es eben Traurig bleich... seine Glieder beben....

Das riß die Geduld der Gütigen.

„Beeilen Sie sich, Eva,“ sagte sie streng und kurz, „oder ich werde, so matt ich mich gerade heute auch fühle, der ärztlichen Vorschrift entgegen, aussteigen und versuchen, im Laufschritt noch pünktlich zu Tisch zu erscheinen.“ In dem nämlichen Augenblick erwachte Eva von Ostried zur Wirklichkeit. Sie erblaßte und in ihre Augen kam der Ausdruck einer großen Hilflosigkeit.

„Das werden Sie mir nicht antun,“ schmeichelte sie. „Schelten Sie tüchtig.. aber sprechen Sie nicht in diesem unerträglich kühlen Ton zu mir, wenn ich ihn auch verdient habe.. Gewiß -- ich vergaß meine Pflicht. Sobald Sie die Ursache erfahren, werden Sie mich begreifen..“

„Sie können mir später berichten. Jetzt.. vorwärts, Eva.“

* * * * *

Der geräumige Speisesaal, in welchen die Beiden, heute als letzte Mittagsgäste, eintraten, war fast zu sehr besetzt. Alle Plätze ohne Rücksicht auf die Wohlbeleibten, erschienen gleich schmal, sodaß der Hüne unter den Anwesenden, ein alter früherer Oberst der Garde, vor seinem gefüllten Teller in zorniger Ungeduld des Augenblickes wartete, in dem sich seine rechte Nachbarin, einstweilen befriedigt, zurücklehnte. Zu seiner Linken nahm Eva von Ostried Platz. Das milderte seinen Zorn. Obwohl er unvermählt geblieben, schätzte er Frauenschönheit über allem Andern.

Als Eva nicht wie sonst auf seine neckenden Fragen in dem gleichen Ton antwortete, neigte er den mächtigen Kopf ein wenig zur Seite und sah sie mit schlauem, verständnisvollen Blinzeln an:

„Strafpauke intus, mein gnädiges Fräulein?“

„Ja,“ nickte sie und setzte leise hinzu „aber verdient.“

„Zu toll geflirtet?“

„Ist das hier überhaupt möglich?“

„Na.. erlauben Sie mal. Wenn Sie von uns elenden Bürgern schon absehen, der Paul Karlsen, der erste Liebhaber und Opernsänger ist doch noch da.. Und Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern des Theaters..“

Den Namen des jungen Menschen, der ein großer Künstler zu werden verhieß, hatte er im Gegensatz zu dem andern nur Geflüsterten stark betont.

Das scharfe Ohr seiner schon wieder auf den nächsten Gang lüsternen rechten Nachbarin fing ihn auf, sie nickte lebhaft und begann, froh, endlich einen Gesprächsstoff gefunden zu haben:

„Ja, dieser Karlsen. Denken Sie doch, er soll auch heute im Mignon den Wilhelm singen!“

Ein Backfisch, der seiner hochgradigen Bleichsucht und des daraus entstandenen nervösen Herzens wegen hier war, mischte sich mit allerliebster Wichtigkeit ein:

„Leider wird er ihn nicht singen können. Die schöne Mignon, auf die wir uns einen halben Monat lang gefreut haben -- der Gast -- hat vor einer Stunde einen bösen Unfall gehabt.“

Die Neuigkeit pflanzte sich fort, denn sie hatten fast alle hingehen wollen.

„Wie jammerschade,“ wehklagten die jungen Mädchen.

„Wir werden das Geld natürlich zurückerhalten,“ freuten sich die praktischen Mütter.

„Keine trügerischen Hoffnungen, meine Damen,“ spöttelte ein alter Gichtiker, „soviel ich vor kaum zehn Minuten gehört habe, soll bereits ein vollwertiger Ersatz gefunden sein.“

Lebhafte Fragen bestürmten ihn von allen Seiten.

„Woher wissen Sie es? Das wird nicht ohne weiteres geglaubt.“

„Mir hat es der Theaterdirektor in eigenster Person anvertraut. Eine berühmte, große Sängerin, die zufällig hier zur Kur weilt, wird einspringen. Er tat sehr geheimnisvoll und verriet nichts weiter, so sehr ich auch in ihm drang.“

Frau Melchers wandte sich leise an Eva von Ostried.

„War es das, was Sie mir erzählen wollten, Eva?“

Die langen dunklen Wimpern lagen fast auf der rosigen, weichen Haut der Wangen.

„Ja,“ sagte sie, „das und.. noch etwas. Die Aufregung über das plötzliche Mißgeschick war so groß -- daß... ich oben... nicht.. früher fortkonnte..“ Frau Melchers nickte ihr freundlich zu.

„Schon gut, Eva. -- Nun freuen Sie sich natürlich doppelt auf den heutigen Abend, nicht wahr?“

„Ich.. fürchte.. mich.. aber daneben auch..“

„So hat sich der kleine Teufel des Neides schon wieder von seiner Kette befreit?“

„Noch nicht...“

„Ich werde das Weitere von Ihnen hören. -- Später. -- Erst muß ich ruhen. Ich weiß nicht, in meinen Gliedern ist eine sonderbare Mattigkeit. Sie schmerzt fast. Am liebsten verschliefe ich die ganze zweite Hälfte des Tages..“

„Soll ich nachher den Geheimrat rufen,“ fragte Eva angstvoll.

„Was soll er mir, Kind? -- Ich habe es mir allein ausgeprobt. Wenn das Herz matt und doch unruhig hüpft, brauche ich viel Ruhe. Niemand soll sprechen. Am besten auch jedes Geräusch vermieden werden. -- Sie dürfen darum heute einen ganz freien Nachmittag haben. Genießen Sie ihn nach Herzenslust. -- Soll ich die jungen Mädchen am Tisch fragen, ob vielleicht ein gemeinsamer Ausflug nach der Porta zustande käme. Zum Beginn des Theaters können Sie, trotzdem, pünktlich zurück sein.“

Eva von Ostrieds Hände legten sich bittend auf die Rechte der Präsidentin.

Aus ihrer Stimme klang ängstliche Abwehr.

„Bitte, bitte, tun Sie das nicht. Ich bin viel lieber allein. Diese jungen Mädchen bleiben mir fremd und unverständlich in all ihren Reden und Empfindungen. Und schließlich würde ich doch nur die Geduldete unter ihnen sein.“

„Weil Sie mir.. dienen, Eva?“

„Nicht.. weil ich Ihnen diene.. Was gäbe es wohl Schöneres für eine Waise. Nur, daß ich es überhaupt tun muß, begreifen diese vom Glück verwöhnten nicht. Das richtet eine Scheidewand zwischen ihnen und mir auf. -- Wirklich..“

„Sie sind ein großes Kind..“

„Ich wollte, ich wäre es! Als Kind habe ich niemals einschlafen können, wenn irgend etwas Geheimnisvolles auf mir lastete.“

„Soll das heißen, daß es damit anders geworden ist?“

„Ich verstehe mich selbst manchmal nicht mehr. -- Was mir einen Augenblick als ein unfaßbares Glück erscheinen will, jagt mir im nächsten bereits Furcht und Schrecken ein..“

„Eva, Kind, das sind Nerven! Jawohl, so melden sie sich an.“

„Nein -- nein, es ist etwas anderes..“

„Dann könnte es nur ein böses Gewissen sein. Und davon halte ich Sie frei.“

Der dunkle Kopf senkte sich tief. Eva von Ostried wurde der Antwort überhoben -- das Gespräch noch allgemeiner und lebhafter, sodaß an eine weiter unbeachtet geführte Zwiesprache nicht zu denken war. -- --

„Womit also werden Sie diesen sonnigen Nachmittag ausfüllen, Eva,“ fragte die Präsidentin, als sie, sorglich gebettet, sich mit einem Seufzer des Behagens in dem kühlen Zimmer ausstreckte.

„Wenn Sie mich wirklich nicht brauchen können, lege ich mich in einen einsamen dunklen Winkel und träume..“

„Und kommen vor dem Theater noch einmal kurz zu mir, damit ich Sie in dem neuen, weißen Kleide sehe, ja? -- Das Abendessen werde ich heute auf dem Zimmer nehmen, bitte, sagen Sie es an. Und morgen bin ich wieder ganz frisch.“

Fühlte sie das Zögern des jungen Wesens? Eva von Ostried blieb noch einige Minuten neben ihrem Lager stehen, als laste etwas schweres auf ihrer Seele. Las sie das Geheimnis in den sprechenden Augen, das sich zuerst offenbaren wollte und nun doch plötzlich dies Vorhaben als so ungeheuerlich empfand, daß die Ausführung nicht gewagt wurde?

Sie deutete die offenbare Unsicherheit anders.

„Machen Sie nicht länger ein so reueerfülltes Gesicht, Evalein. Ich hab’s längst vergessen, daß Sie mich ungebührlich lange warten ließen. Im übrigen, Kind, nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie mit dem Gefühl einer Mutter lieb habe?“

Eva von Ostried schluchzte an der Brust der Gütigen.

„Ja.. das weiß ich und darum..“ Frau Melchers unterbrach sie schnell.

„Darum jetzt heraus in die Sonne. Vergolden und durchwärmen lassen, was dunkel und geheimnisvoll erscheinen will. Gehen Sie, Eva, ich bin sehr müde..“

* * * * *

Eva von Ostrieds Pulse klopften in fieberhafter Erregung, als sie, zu der Stunde der allgemeinen Mittagsrast, den Weg zum Kurtheater einschlug. Ihr Vorwärtshasten wirkte wie ein beständiger Kampf. Nach wenigen Laufschritten blieb sie stehen, sah rückwärts, zögerte, als riefe sie eine mahnende Stimme zur Umkehr und jagte dann doch weiter, als müsse sie um jeden Preis die versäumte Zeit einholen. Einmal sprach sie ganz laut zu sich, weil ihre zitternde Seele dies dumpfe Schweigen nicht länger zu ertragen vermochte.

„Und.. ich werde es ihr doch sagen! Sie ist so gut..“ Gleich darauf huschte ein ängstlicher Schein über ihr Gesicht. -- „Wenn sie es mir aber nicht gestattet? O, sie kann auch hart und fest bleiben, sofern sie etwas nicht billigt.“

Die Mittagssonne goß auf jedes Blatt einen großen, goldenen Tropfen. Unzählige, bis zum Rande gefüllte Becher schwebten auf allen Zweigen. Einer strömte seinen kostbaren Inhalt über Eva von Ostrieds schlanke, schöne Gestalt aus und überfunkelte sie mit verschwenderischen Glänzen. Ihre Augen waren geblendet. Unsanft stieß sie mit dem Eiligen zusammen, der ihr entgegenlief.

„Hoppla.. Fräulein von Ostried.. wohin des Weges? Sie wollen mir doch nicht etwas ins Handwerk pfuschen.“

Der Geheime Sanitätsrat Schwemann war es, der die Präsidentin behandelte.

„Nein, das wage ich nur in äußerster Not.. etwa, wenn Frau Präsident absolut nichts von Ihnen oder Ihresgleichen wissen will, Herr Geheimrat,“ sagte sie frisch.

„S’ wär schon besser gewesen, sie hätte sich früher an einen von unserer Zunft gewandt,“ brummte er halblaut.

„Steht es schlecht mit ihr, Herr Geheimrat?“

„Habe ich das etwa behauptet? -- Fällt mir gar nicht ein. Ist übrigens irgend etwas nahes Verwandtes vorhanden?“

„Sie ist ganz einsam in der Welt.“

„Na, dann hören Sie mal einen Augenblick zu. Sie gefällt mir nämlich immer weniger. Ist körperlich viel zu sehr für dies ernsthafte Herzleiden herunter. Und schont sich dabei nicht gehörig, was die Geschichte natürlich verschlimmert.“

„O Gott, was soll ich tun. Sagen Sie mir alles, Herr Geheimrat?“

„Sie? -- Sehr viel ist dagegen nicht zu machen. Sie können ihr höchstens jede Aufregung fernhalten und sie gehörig päppeln. -- Also... es ist nicht so einfach, meine Liebe. Kann sehr wohl mal kommen, daß eines Tages, scheinbar ohne neue Ursache, etwas Menschliches eintritt. -- Das wollte ich Ihnen doch unter vier Augen sagen, ehe Sie abreisen. In zwei Tagen soll die Reise ja wohl heimwärts gehen.“

Eva von Ostrieds Lippen bebten.

„Ich habe Niemand mehr als sie“ klagte sie erschüttert.

„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde sie selbst am meisten betrüben. -- Sie kann sich natürlich auch noch längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht gewaltig....“ --

Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer. Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf sie ein.

Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen.

Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem.

Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste untersagen würde?