Der Todesgruß der Legionen, 3. Band

Chapter 9

Chapter 93,576 wordsPublic domain

„Nun,“ sagte er, „Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin, ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen.“

Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite.

Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth.

„Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe,“ sagte er heiter, so muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.“

„Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,“ erwiderte Herr von Bernuth, „so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.“

Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch geschnittenem Haar und Bart.

„Benedetti ist diese Nacht angekommen,“ sagte der König mit etwas gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. „Er hat mich um eine Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre. Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber nicht,“ fuhr er fort, „daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm eintreten, — wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.“

„Ich zweifle nicht, Majestät,“ sagte Herr von Werther, „daß der Graf Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung veranlasse.“

„Ich begreife nicht, was sie wollen,“ sagte der König einen Augenblick stehen bleibend, „ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein preußischer Prinz — und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,“ fuhr er fort, — „ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.“

„Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,“ erwiderte Herr von Werther, „denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,“ fuhr er fort, „daß diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale — doch bei meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem, was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner Minister und seiner Umgebung.“

„Nun,“ sagte der König, „ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine Courtoisie, — wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich ihn kaum dazu zwingen — jedenfalls bin ich als König von Preußen der ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,“ sagte er, „gehen Sie inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt Brüssel.“

Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar.

„Guten Morgen, mein lieber Möller,“ sagte der König, „es freut mich, Sie hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden sind, daß sie Preußen geworden sind.“

„Majestät,“ sagte Herr von Möller, „die allgemeine Stimmung in der Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben, söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.“ —

„Ganz recht, ganz recht,“ fiel der König ein, „Sie handeln darin ganz in meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle Erinnerungen an die Vergangenheit achten —“

„Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union beabsichtigt werden könnte.“

Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich hin.

„Mein Gott,“ fuhr er fort, „daß doch gerade die Priester des Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union, dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen.

„Nun ich hoffe,“ sprach er weiter, „der gesunde Sinn der Gemeinden wird kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden mir über das Alles noch ausführlich berichten,“ sagte er, „sobald ich eine Stunde freie Zeit habe.“

Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend, sich tief verneigten.

Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune funkelten.

„Nun, meine Damen,“ sagte der König, „ich hoffe, daß die Vorstellung, welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat.“

„Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät,“ erwiderte Fräulein Keßler, „doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein erheblicher Ueberschuß sich ergeben wird.“

„Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut,“ sagte der König „und spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel vorangegangen.“

Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter, begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause zurück.

Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen Monarchen.

Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn entgegengetreten war.

„Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten,“ sagte der König, setzte sich, während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe.

Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer.

Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher Frische.

„Guten Morgen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, freundlich mit dem Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen begleitete, die Hand reichend. „Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit, was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,“ sagte er schalkhaft lächelnd — während Herr Abeken einen Sessel heranzog und seine Mappe öffnete — „daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören —“

Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an.

„Ich wüßte nicht, Majestät.“

„Lauer hat sich beklagt,“ fuhr der König in demselben scherzhaften Ton fort, „daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.“

„Nun Majestät,“ sagte Herr Abeken lächelnd, „ich hoffe, daran wird sich Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.“

„Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,“ fragte der König. „Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da einige Weitläufigkeiten geben wird.“

„Herr von Thiele berichtet, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen hatte, „daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.“

„Der arme Bismarck,“ sagte der König, „er hat seine ländliche Ruhe so nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,“ fuhr er fort, „wenn die Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum abzusehen —“ er schwieg einen Augenblick.

„Was haben Sie sonst noch?“ fragte er.

„Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, „ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über die Zustände in Rumänien.“

Der König nickte leicht mit dem Kopf.

„Es sieht dort bunt aus,“ sagte er.

„Sehr bunt, Majestät,“ erwiderte der Geheimrath Abeken, „die Lage ist dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben, welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860 für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken. Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal ausgelöst, und der Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert.“

„Lassen Sie mir den Bericht hier,“ sagte der König, „der arme Carl von Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist merkwürdig,“ sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den Schreibtisch des Königs legte, „daß das Beispiel in der Familie, den Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind,“ sagte er dann, „so bitte ich Sie das Uebrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange,“ sagte er mit leichtem Seufzer. „Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch fort leben mögen.“

„Abgesehen von diesen Traditionen,“ sagte der Geheimrath Abeken, welcher sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, „welche ja in der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der Rücken gedeckt ist.“

„Nun,“ sagte der König lächelnd, „dafür ist ja gesorgt, in dieser Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, „wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und,“ fügte er lächelnd mit dem Finger drohend hinzu, „stören Sie mir Lauer nicht wieder im Schlaf.“

Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet.

Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht, dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes.

„Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr vollständig getroffen,“ fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Es liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit, welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue, noch während meines Lebens abtragen zu können.“

„Eure Majestät hatten befohlen,“ sagte der Geheime Cabinetsrath, „daß von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten.“

„Ganz recht,“ sagte der König, „einfach und schlicht wie der Sinn meines Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne und hohe Bedeutung geben.“

„Von den Rittern des eisernen Kreuzes,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath fort, „sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin, Potsdam und Spandau zugezogen werden —“

„Die Ritter des eisernen Kreuzes,“ sagte der König sinnend — „um das Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer weniger,“ fuhr er mit weicher Stimme fort, „diese alten Kämpfer für die Befreiung Deutschlands — noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus meiner Armee verschwunden sein, — sie werden dann dort oben Alle versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter — und ich auch! — So Gott will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht.“

„Uebrigens,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen Augenblicken fort, „wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände.“

„Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird,“ sagte der König. „Nun,“ fuhr er fort, „Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee erscheinen,“ fuhr er dann fort, „ich will darüber noch mit Treskow das nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich, wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber tief ergreifender Tag werden,“ sagte er, „und ich werde so recht ruhig und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier,“ sagte er dann, „ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?“

Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in Berlin.

* * * * *

Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres, freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer, auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können.

Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche Arbeitscabinet.

König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand, welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff.