Der Todesgruß der Legionen, 3. Band
Chapter 8
„Nun,“ sagte er, „der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein,“ fuhr er fort, „die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht annehmen könne. Der Marschall Prim,“ sagte er, „soll fühlen, daß er noch nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die Sache sehr schnell erledigen.“
„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „ich stimme mit Eurer Majestät vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch,“ fuhr er fort, „die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Aeußerste erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen Großmächte ausgestrichen.“
Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung.
„So sehr ich nun auch,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „die Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action sich gegen Spanien zu richten habe.“
Der Kaiser blickte befremdet auf.
„Aber wohin denn,“ fragte er.
„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, „das Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade Gottes und durch den Willen der Nation — diesem Prinzip gemäß hat Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt, daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das, was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien —“
„Aber wie wollen Sie denn, — —“ fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog fragend ansah.
„Sire,“ sprach der Minister lebhaft weiter, „nicht darin, daß die spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt, liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden wird.“
Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der Hand über das Kinn.
„Ich verstehe,“ sagte er leise.
„Mir scheint deshalb,“ fuhr der Herzog fort, „daß wir nicht den Spaniern verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.“
Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her.
„Dadurch enthalten wir uns,“ fuhr der Herzog fort, „jeder Beleidigung der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale Selbstbestimmungsrecht — wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, — wir haben außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,“ fügte er mit Betonung hinzu, „wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der vergebliche Versuch gemacht wurde.“
Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser.
Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung gestützt, zum Herzog zurück und sprach:
„Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu verbessern. Das Ganze würde freilich,“ sagte er achselzuckend, „im Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,“ fügte er hinzu, „die öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne ernsthafte Gefahr. Doch,“ sagte er dann mit tiefem Ernst, „sind wir vor solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen Preis heraufbeschwören möchte.“
Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte:
„Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch auftreten, — wie ich überzeugt bin,“ fuhr er fort, „daß man es auch bei früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten ist höchst widerstrebend, — Oesterreich steht auf unserer Seite und der General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich. Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen wollen.“
„Dessen müßte man aber,“ sagte der Kaiser, „sicher sein, denn die sympathischen Aeußerungen gegen den General Fleury vermag ich für nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben werden, — und was Oesterreich betrifft,“ fügte er achselzuckend hinzu, — „Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber Herzog, als ich es zu thun im Stande bin.“
Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich.
„Auch weiß ich nicht,“ sagte er dann, „ob unsere Armee so schlagfertig ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen darf, — Niel ist todt,“ sagte er düster, „und seine sichere und energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben.
„Doch,“ sprach er dann, „unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin, — mit ihm würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König Wilhelm ist in Ems allein, — so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers Geschicklichkeit,“ sagte er lächelnd, „wird es dann überlassen sein, das Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in Frankreich darzustellen.
„Benedetti ist in Wildbad?“ fragte er.
„Zu Befehl, Majestät,“ sagte der Herzog von Gramont, „er muß seit einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären.“
„Geben Sie Benedetti den Auftrag,“ sagte der Kaiser, „sich sogleich nach Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt habe, — Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird. Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin, der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage stellen könnte.“
Der Herzog verneigte sich.
„Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire,“ sagte er.
Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände.
„Wenn Benedetti reussirt,“ sagte er, „so wird Alles vortrefflich gehen. Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf Bismarck,“ fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, „wird in seiner ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor allen Dingen aber,“ fuhr er fort, „schärfen Sie Benedetti die äußerste Geschmeidigkeit und Rücksicht ein, — handeln Sie schnell und senden Sie mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Nachdenken fort, „Sie dahin wirken können, daß durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß jeder Schein eine Pression vermieden werden.“
Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand, welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus.
„Fast scheint es dennoch,“ sagte der Kaiser, „daß das Glück sich mir zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich,“ sprach er lächelnd, „diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe, welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte schwebt, hineingerissen zu werden.“
Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab.
Sechstes Capitel.
Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten, bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der Promenade machend.
Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen, als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder sich vorbereitete.
In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei, und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien, eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen schien.
So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle miteinander wechselte.
Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen Kränchen-Brunnen zu trinken.
„Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus Frankreich gelesen,“ sagte der Präsident des evangelischen Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung neben ihm ging, wandte, „es scheint mir doch ein wenig bunt in Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,“ sagte er seufzend, „wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.“
„Ich glaube nicht daran, Excellenz,“ sagte Herr von Bernuth, „dieses Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, — erinnern Sie sich nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, — so wird es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.“
Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf.
„Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,“ sagte er, — „es wäre wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen werden sollte.“
Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein, während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte.
„Sehen Sie, Exzellenz,“ sagte er dann, „dort kommt Seine Majestät. Ich bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu fürchten.“
Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil erschienen war.
Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten.
Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem Kränchen-Brunnen füllen ließ.
„Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,“ sagte der König, indem er den Becher ergriff, „überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.“
Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks.
„Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,“ sagte Herr von Lauer, indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. „Aber ich würde, um die Quelle zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.“
„Leider ist das nicht so ganz möglich,“ erwiderte der König, „indeß kann ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,“ fügte er hinzu, während es wie ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog.
„Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen —“
„Controliren Sie meine Depeschen?“ fragte der König lächelnd.
„Als Eurer Majestät Leibarzt,“ sagte Herr von Lauer, „müßte ich hier im Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart“ —
„Nun,“ fragte der König.
— „der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des Dechiffrirens an einander reiht; — ob man in der Nacht überhaupt aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,“ fuhr er fort, „haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.“
Der König lachte herzlich.