Der Todesgruß der Legionen, 3. Band
Chapter 20
„Es würde zu nichts führen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „denn eine gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, — wenn diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der chemischen Mittel,“ fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann richtend, „durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen. Ich wünsche nochmals,“ sprach er dann, „daß Ihre Schuldlosigkeit an den Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen, und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet wird.“
In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende, gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen, versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte.
* * * * *
Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber, seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, — zuweilen dachte er fast mit Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die Rache, nicht zu verlieren.
Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten.
Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt, jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das Bureauzimmer folgte.
Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte.
Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen, sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.
„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen. Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“
Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu empfinden.
„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“
Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:
„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich darf —“
„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind, zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“
„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit? Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land, dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will, vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“
„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“
„Ich bin bereit,“ sagte Cappei.
„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die Todesstrafe nach sich zieht.“
„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei, welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann.
„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte, „vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem Kriege zurückkehren mögen.“
Er neigte freundlich den Kopf.
Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen Schrittes das Zimmer.
Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims, wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte.
Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren Krieges.
Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte.
Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da.
Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.
Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält.
„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte, so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen Willen in diesen Worten wieder.
Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor der alten Frau nieder.
„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise.
Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen, aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt.
Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft.
Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die Frevelthat an seiner Liebe.
Dreizehntes Capitel.
Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers.
Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.
Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.
Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer, dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.
Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte, und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten die Hände des Kaisers das Papier zerknittert.
„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind, und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der Hand halte.“
Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.
Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon, welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen, durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend:
„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“
Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.
„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes. Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben, Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“
Der Kaiser schwieg noch immer.
„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“
„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.
„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen, an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem überwältigenden Angriff zu schützen.“
„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd, „auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des preußischen Handels ausgesprochen —“
„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres Hauses?“
„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz.
„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen Stimme sagte:
„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die Gnade haben wollen, hinauszureiten.“
„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.
Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.
„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“
„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen können.“
Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:
„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so eben aus Paris erhalten habe.“
Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:
„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.
Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“
„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die Hände zusammenschlug.
Der Marschall Leboeuf las:
„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“
„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz.
Der Marschall las die folgende Depesche:
„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“
„Immer weiter,“ sagte der Kaiser.
Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend.
„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“
„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte.
Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton:
„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter sind.“
Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.
„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“
Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus.
„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“
„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn, Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“
Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.
Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und rief mit fröhlichem Tone:
„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen lassen und stets bei mir tragen.“
Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen.
Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf die reine Stirn und sagte:
„Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.“
Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht, daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging mit dem Kaiser hinaus.
Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde.
An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde.
Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab, schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um nach der Stadt zurückzureiten.
Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin, die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben.
Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten.
Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen. Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen bewegend, sprach er:
„Ave, Caesar, morituri te salutant!“
Ende des dritten Bandes.