Der Todesgruß der Legionen, 3. Band
Chapter 2
„Sie wissen,“ sagte der Kaiser, als er mit dem Großsiegelbewahrer allein war, „daß die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur Regentin bestimmt ist, für den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes während der Minderjährigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,“ fuhr er fort, „aber man könnte einen Zweiten und einen Dritten absenden, und irgend ein plötzliches Ereigniß könnte meinem Leben ein Ende machen.“
„Sire,“ rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, „die Vorsehung wird verhüten —“
„Ich hoffe das,“ sagte der Kaiser kalt und ruhig, „indessen muß ich für den Fall eines verhängnißvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen, als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich,“ fuhr er fort, „das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden, so werden Sie unverzüglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm und der Regentin den Eid der Treue schwören lassen. Sie werden jeden Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rücksichtsloser Strenge niederwerfen und die Regierung genau so fortführen, als ob sich Nichts geändert habe — Nichts,“ fügte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu, „als daß neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht. Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf.“
Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswürdiger Herzlichkeit zugleich die Hand hin.
„Ich schwöre es Eurer Majestät,“ rief Ollivier mit einer von innerer Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers legte.
„So haben wir Vorsorge getroffen,“ sprach Napoleon im ruhigen, heiteren Ton weiter, „für den Fall eines unglücklichen Verhängnisses, jetzt lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten. Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des Nationalwillens gesichert hat, müssen wir darauf denken, die Regierung, selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu consolidiren. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten vor allen Dingen, welches Sie seit dem Rücktritt des Grafen Daru mit so großer Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer übrigen Arbeiten geführt haben, muß, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden.“
Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders angenehm berührt zu werden.
„Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem erhöhten Maße dem Dienste Eurer Majestät zu widmen. Und bis zu diesem Augenblick,“ fügte er mit einem gewissen selbstbewußten Lächeln hinzu, „ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den vermehrten Arbeiten zu entziehen, möchte ich Eure Majestät zur Besetzung des auswärtigen Portefeuille drängen.“
„Ich weiß, mein lieber Minister,“ sagte der Kaiser verbindlich, „daß Sie keine Mühe scheuen, und daß Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische Leitung der Regierung Sie in der nächsten Zeit, in welcher alles jetzt Geschaffene befestigt werden muß, so sehr in Anspruch nehmen, daß ich nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbürden möchte. Es kommt darauf an,“ fuhr er fort, „einen Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu finden, welcher die für den internationalen Verkehr erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft vereint, die Würde und die Interessen Frankreichs nach außen hin energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsätzen, nach welchen Sie zu meiner großen Freude meine Regierung führen, völlig übereinstimmt. Ich habe geglaubt, daß Drouyn de L'huys, welcher bereits mehrere Male die auswärtige Politik Frankreichs geführt hat, im wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es würde nur darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu können.“
Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen Verstimmung sich zu befinden.
„Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch,“ sagte er mit einiger Zurückhaltung, „er ist ein Mann von großer und ausgedehnter Erfahrung, von tiefen Kenntnissen und großer Charakterfestigkeit. Freilich,“ fuhr er fort, „sagt man, daß diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die Grenzen des Eigensinns streifen soll, —“
„Man hat nicht ganz Unrecht,“ fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend, ein. „Indeß glaube ich, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu überzeugen, nicht schwer werden würde“ —
Die Flügel der Thür des kaiserlichen Cabinets wurden geöffnet. Der Huissier meldete die Kaiserin.
Unmittelbar darauf trat Ihre Majestät schnell ein, ihre Hand leicht auf den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schöne Gesicht der Kaiserin leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein triumphirendes Lächeln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das Haupt auf dem wunderbar schönen, schlanken Halse.
Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war schlank und schmächtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches Gesicht mit dem dichten, dunkel glänzenden Haar, schien älter als seine Jahre, frühzeitige körperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, während der untere Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend, es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden Offenheit, doch auch ein gewisses prüfendes Mißtrauen.
Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und küßte, nachdem die Kaiserin den Kaiser begrüßt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand seines Vaters.
„Ich komme mit unserm Louis,“ rief die Kaiserin, „um die Erste zu sein, welche Ihnen zu dem so glänzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem Herzen Glück wünscht, und zugleich,“ sagte sie, mit anmuthiger Bewegung sich zu Ollivier wendend, „dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen eifriger Thätigkeit wir vor allen Dingen dieses glückliche Resultat zu verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu sagen.“
Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drückte.
„Es scheint,“ sagte der Kaiser, „als ob gerade in diesem Augenblick, in welchem das Glück uns lächelt, die finsteren Dämonen der Revolution von Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe,“ fuhr er fort, „soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein lieber Louis,“ sagte er, leicht mit der Hand über das Haar seines Sohnes streichend, „wirst in den nächsten Tagen Dir gefallen lassen müssen, die Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschädlich gemacht sein wird.“
„Oh, Papa,“ rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, „ich fürchte mich nicht, mögen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen, und“ fügte er hinzu, den glänzenden Blick aufwärts gerichtet, „Gott wird nicht erlauben, daß die ruchlosen Pläne dieser Verschwörer gelingen.“
„Ich bin überzeugt, daß Du Dich nicht fürchtest, mein Sohn,“ sagte der Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen ließ — „Du würdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen, aber Dein Leben gehört der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in der Schlacht für die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es soll nicht die Beute heimtückischer Meuchelmörder werden. Wo ist der General Frossard?“ fragte er.
„Der General hat den Prinzen hierher begleitet,“ erwiderte die Kaiserin, „er befindet sich im Vorzimmer.“
Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General. Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle des Kaisers.
„Mein lieber General,“ sagte Napoleon, „ich bitte Sie, dafür Sorge zu tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt, und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt habe. Gehe mit dem General, mein Sohn,“ fuhr er fort, dem Prinzen freundlich auf die Schulter klopfend, „und beschäftige Dich ein wenig mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen, was Du treibst.“
Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das Cabinet.
„Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten,“ sagte die Kaiserin — „er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde Dir den Brief vorlesen,“ sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf Ollivier, „wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen.
Es ist nur zu bedauern,“ fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, „daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier, er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen dieser so reich und so fruchtbar ist,“ sagte sie, mit einem reizenden Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen, forschenden Blick auf den Kaiser richtete.
Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden.
„Euer Majestät hatten so eben die Gnade,“ sagte Ollivier, indem er sich halb zur Kaisern wendete, „mit mir über die Besetzung des auswärtigen Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu nennen“ — ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an.
„Drouyn de L'huys,“ sagte sie, „würde reiche Erfahrungen für diesen Posten mitbringen, — er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier,“ fügte sie in heiterem Tone hinzu, „er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber,“ sagte sie, „es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier —“
Sie schwieg abbrechend.
Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend, zum Kaiser und sagte:
„Ich habe Eure Majestät, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich über Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indeß eine Bemerkung nicht unterdrücken, welche ein wenig gegen die Übertragung des auswärtigen Ministeriums an ihn sprechen möchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge der Verhältnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866 abgegeben, für einen großen Gegner Preußens und für einen Fürsprecher kriegerischer Unternehmungen.“
„Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen,“ sagte der Kaiser schnell.
Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und führte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen.
„Ich glaube, daß Herr Drouyn de L'huys den Frieden will,“ erwiderte Ollivier, „indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal das Gegentheil von ihm, es wäre vielleicht zu befürchten, daß seine Ernennung von den fremden Mächten, in's Besondere von dem Berliner Cabinet mit Mißtrauen aufgenommen werden möchte, und in diesem Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschäftigt sind, würde eine Trübung der auswärtigen Beziehungen die Erfüllung der Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestät gemäß uns gesteckt haben, sehr erschweren. Es wäre vielleicht gut, das auswärtige Ministerium einem Manne zu übertragen, welcher seit längerer Zeit dem Mittelpunkt der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine beunruhigenden Schlüsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestät die Kaiserin,“ fuhr er fort, „hatten so eben die Güte gehabt, mitzutheilen, daß der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen für meine geringe Person hegt. Ich bin gewiß, Eure Majestät wissen, daß ich weit davon entfernt bin, mich durch persönliche Eindrücke leiten zu lassen, um so mehr als ich in diesem Falle glaube, daß die Sympathie des Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in Uebereinstimmung mit Eurer Majestät auszuführen unternommen habe, und in dieser Beziehung würde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem Manne, der vollständig von denselben Grundsätzen durchdrungen ist, nur für sehr nützlich halten können.“
„Würden Sie nicht,“ fragte die Kaiserin lächelnd, — „Sie, der bürgerliche Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St. Germain zu sehr zu nähern?“
„Ich achte alle Klassen der Gesellschaft,“ sagte Ollivier in pathetischem Ton, „wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren Tagen leiten müssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel Frankreichs sich entschließen könnte, den Wegen des Kaisers und seiner Regierung zu folgen, so würde die ganze Nation dabei gewinnen.“
„Sie nehmen die Sache ernst“, sagte die Kaiserin leicht hin — „ich habe gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwägungen vorgreifen wollen.“
„Die Andeutungen Eurer Majestät,“ sagte Ollivier, während der Kaiser fortwährend unbeweglich schwieg, „verdienen indeß die höchste Beachtung und vielleicht hat — Euer Majestät verzeihen mir,“ fügte er, sich leicht verneigend hinzu, „hier der weibliche Instinct schneller das Richtige getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwägungen hätten finden können. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr will es mir scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete Persönlichkeit für das auswärtige Ministerium wäre.“
Der Kaiser stand auf.
„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte er in einem Tone, der jede weitere Unterredung darüber abschnitt, „sobald das Plebiscit beendet sein wird. Für jetzt bitte ich Sie,“ fuhr er zu Ollivier gewendet fort, „mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen.“
„Um Gottes Willen,“ rief die Kaiserin erschrocken, „ganz Paris ist in unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwörung ergründet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen — ich bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie leicht könnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie im reservirten Garten.“
Der Kaiser lächelte.
„Sie können Sich überzeugen, Eugenie,“ sagte er, „daß ich für die Sicherheit des Prinzen gesorgt habe, — ich selbst will meinen Feinden und allen Franzosen zeigen, daß wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich zu tödten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschüchtern.“
Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier öffnete die Thürflügel. Der Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und führte sie durch das Vorzimmer, in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin, wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements.
Dann stützte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurückzubleiben.
Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte, daß er an der dem Platze zugekehrten Seite ging.
Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrüßten den Kaiser.
Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab.
„Sie sehen,“ sagte er lächelnd, sich zu Ollivier wendend, „daß das Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehört wahrlich wenig dazu, um mich von dort unten her zu treffen.“
„Je näher Euer Majestät Ihrem Volke treten,“ sagte Ollivier, „um so sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein — auch ich gehörte einst zu Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als daß Euer Majestät mir erlaubten, in Ihre Nähe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und ergebenden Diener zu machen.“
Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes für diese in etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentümlichen bezaubernden Liebenswürdigkeit von allen möglichen Dingen plauderte, aber trotz aller Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des auswärtigen Ministeriums wieder zu berühren.
Zweites Capitel.
Es war ungefähr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in das Cabinet des Kaisers trat.
Napoleon saß ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den Campagneüberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen Cigarretten von türkischem Taback, welche er sich selbst bereitete, träumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von einer großen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete Zimmer dahinzogen.
Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er seinen Vertrauten mit freundlichem Lächeln grüßte.
„Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?“
„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Herr Pietri, „die Dame ist hier und wartet in meinem Zimmer.“
Der Kaiser stand auf.
„Es wäre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiß, mit wem sie es zu thun hat.“
„Aber, Sire,“ sagte Pietri, „in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu begeben, das wäre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wäre Tollkühnheit, und wenn Euer Majestät dort erkannt worden wären, wenn irgend ein Unglück sich ereignet hätte, so würde man mit Recht ein solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen.“
„Sie haben vielleicht Recht,“ sagte der Kaiser —
— „auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus prüfen, lassen Sie die Dame kommen — Mademoiselle — ?“ versetzte er fragend.
„Mademoiselle Lesueur,“ erwiderte Pietri.
Der Kaiser nickte mit dem Kopfe.
Pietri ging hinaus und führte nach wenigen Augenblicken durch die Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das Cabinet, während er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers niedersetzte.
Der Kaiser grüßte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und betrachtete sie mit forschendem Blick.
Mademoiselle Lesueur war eine äußerst elegante und sympathische Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen durchsichtige Blässe von einer feinen Röthe auf den Wangen belebt wurde, war von klassischer Schönheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich, und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast kindlicher Harmlosigkeit und Naivität.
Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berühmte Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mädchens zu erblicken.
„Man hat mir viel erzählt,“ sagte der Kaiser, „von der besonderen, eigentümlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu öffnen. Und da ich mich für alle solche Dinge interessire, durch welche man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, welche unser Leben umgeben, so habe ich gewünscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen.“
„Es macht mich glücklich,“ erwiderte Fräulein Lesueur mit einer ungemein wohltönenden, etwas tiefen Stimme, „Euer Majestät Wunsch zu erfüllen. Es ist keine geheimnißvolle Kunst dabei,“ fuhr sie fort, „meine Mutter hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft ist auf mich übergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie sie die Geister sprechen zu lassen, — es ist mir in vielen Fällen gelungen, und ich hoffe, daß es mir auch Euer Majestät gegenüber gelingen wird.“
„So beginnen wir,“ sagte der Kaiser.
Pietri stellte zwei Stühle einander gegenüber an den kleinen Tisch.
Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe aus, — legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die Tischplatte und sagte:
„Wollen Euer Majestät die Gnade haben, mir gegenüber Platz zu nehmen.“
Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkürlichen Lächeln an die andere Seite des Tisches.
„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Fräulein Lesueur, „Ihre Hände ebenso wie ich auf die Platte legen zu wollen.“
Der Kaiser that es.
Fräulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen Augen mit schwärmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter Stimme:
„Allmächtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in den Höhen des Himmels und in den Tiefen der Hölle, ich bitte Dich den Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, daß sie aus ihren Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkündigen, was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen.“
Der Kaiser hörte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrünstigen Gebets gesprochenen Worten zu.
„Befehlen Euer Majestät,“ sagte die junge Dame sodann, „daß ich einen bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persönlich befreundeten Geist hören.“
Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken.
„Ich bitte Sie zunächst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle,“ sagte er.
„Es ist der Geist meiner Mutter,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur, „und er wird sogleich erscheinen.“
Sie beugte sich ein wenig nieder und flüsterte eine unverständliche Formel leise vor sich hin.
Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern.
Der Kaiser drückte die Hände stärker auf die Platte, allein die unruhige, beinahe wellenförmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des Kaisers ein wenig in die Höhe und blieb in dieser schwebenden Stellung stehen.
„Der Geist ist da,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „und bereit, Euer Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen, — es ist aber nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen.“
Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.
„Kann mir der Geist,“ fragte er, „den Namen nennen, an welchen ich in diesem Augenblick denke?“
„Wie heißt der Name?“ fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt und leiser Stimme.