Der Todesgruß der Legionen, 3. Band

Chapter 19

Chapter 193,521 wordsPublic domain

„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend, welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt, daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick, in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“

Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine Gedanken, sagte:

„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“

Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:

„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen, will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“

„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem Sinne zu unterbreiten.

„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig nicht auf unserer Seite waren.

„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.“

Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten, dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten.

„Majestät,“ sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, „an diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.“

Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch, ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte.

„Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,“ sprach er mit tiefem Athemzug, „ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen die Feinde richten.“

„Noch möchte ich,“ sagte der Ministerpräsident, „eine Bitte an Eure Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät wissen,“ fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, „daß wir von der früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König — „auch der Verdacht gegen den Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? —“

„Nein, Majestät,“ sagte der Ministerpräsident, „Graf Wedell steht mit der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer getroffen ist — doch,“ fuhr er dann fort, „wovon ich Eurer Majestät sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere, welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die sogenannte Welfenlegion commandirten.“

„Nun?“ fragte der König.

„Diese Officiere, Majestät,“ sprach Graf Bismarck weiter, „befinden sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in Deutschland geächtet, — das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie beseitigt — aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind — ihnen nichts übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.“

„Die armen, jungen Leute,“ sagte der König — „sie haben sich schwer vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern Herrn — was kann ich für sie thun?“ fragte er mit weicher, milder Stimme.

„Majestät,“ sagte Graf Bismarck, „politisch liegt kein Grund vor, ihnen zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich glaube nicht, Majestät,“ fuhr er im wärmeren Ton fort, „daß jenen armen jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen, sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.“

„Mit Freuden,“ rief König Wilhelm lebhaft, „schlagen Sie mir vor, was ich thun soll.“

„Majestät,“ erwiderte Bismarck, „es befinden sich unter diesen Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, — der König Georg hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene Carriere.“

„Genehmigt,“ rief der König, „genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.“

Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin:

„Thut wohl denen, die Euch verfolgen.“ — —

„Es müßte dann,“ sagte Graf Bismarck, „eine Garantie von ihnen gegeben werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden —“

„Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das genügt,“ sagte der König, „sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.“

„Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,“ sagte Graf Bismarck, „einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, —

Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.“

„Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,“ sagte der König, „wir werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten —“

„Dann aber, Majestät,“ rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, „wird der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.“

Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet.

Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß hörbare Worte aus denselben hervordrangen.

War es ein Gebet, das er sprach, — oder verkehrten seine Gedanken mit dem Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten?

Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen.

Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen.

* * * * *

Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht belebten Straßen.

Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr, von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung, wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen — immer aber in gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte zur Erringung der Triumphe und Siege.

Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor die Augen drückte.

Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel; die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen Minister und der Hofchargen waren anwesend.

Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.

Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum letzten Gruß die Hand.

Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den scheidenden König begrüßte.

Dann trat abermals tiefe Stille ein.

Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen Hände gegen ihn ausstreckte.

Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:

„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, werden neue Helden schaffen.“

„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“

Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen.

„Ich kann sie nicht alle mitnehmen,“ sagte der König freundlich lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin Itzenplitz entgegennahm. „Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie Alle und an Ihre guten Wünsche sein.“

Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren des Gefolges schnell in das Coupé stieg.

Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges.

Zwölftes Capitel.

Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der Verzweiflung.

Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen.

In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte Fenster seines Gefängnisses hereinsah.

Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen.

Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar.

Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn verbärgen.

Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte.

Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen.

Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren hafteten.

Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und Nachricht gefleht hatte.

Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen und ihre Liebe zu zerstören.

Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles klar; — wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens.

Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte.

Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen.

„Kennen Sie diese Briefe?“ fragte er mit strengem Ton.

Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger innerer Erregung zitterte:

„Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, — es sind Briefe meiner Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan, welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen. Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,“ rief er, den brennenden Blick aufwärts richtend, „wie ist es möglich, daß so viel Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.“

„Sie behaupten also,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „daß dies wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine Bedeutung haben? — Ich muß Ihnen sagen,“ fügte er hinzu, „daß Ihre so heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.“

„Welch ein Abgrund, — welch ein Abgrund,“ rief der junge Cappei verzweiflungsvoll. „Und kann ich jenen Brief sehen?“ fragte er dann.

Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor.

„Ja, ja,“ rief Cappei heftig auffahrend, „es ist dieselbe Handschrift. Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen, lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt —“

„Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,“ sagte der Untersuchungsrichter den Kopf schüttelnd. „Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, — ich will für heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre Lage zu erleichtern.“

„Darf ich nicht,“ fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, „darf ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?“