Der Todesgruß der Legionen, 3. Band

Chapter 18

Chapter 183,585 wordsPublic domain

„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört, daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“

Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf.

„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“

„Aber,“ fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath Meding wendete, „Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine andere Rettung aus unserer Lage.“

Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder.

„Jedes Schicksal ist besser,“ sagte er, „als in den Reihen der Feinde des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich kann Ihnen nichts versprechen — aber es giebt vielleicht noch einen Weg, der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen eine freundliche Zukunft öffnen kann — lassen Sie mich meinen Weg gehen, ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen. Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren — den Sie sich ja so lange erhalten haben — versprechen Sie mir das, meine Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind — ich hoffe, daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,“ fuhr er fort, „ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.“

Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand.

Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme:

„Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.“

Die übrigen Herren wiederholten die Worte.

„Und ich, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, „verspreche Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist, einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf baldiges Wiedersehen.“

Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen Reisegepäck befand.

Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende Menschenmenge hin und her bewegte.

„Der Anblick dieses Paris,“ sagte der Regierungsrath Meding, „in seinem trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage verwandeln wird.“

„Sie glauben an die Niederlage Frankreich,“ fragte Herr von Düring, „an eine so schwere Niederlage?“

„Ich bin von derselben überzeugt,“ erwiderte der Regierungsrath. „Ich bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten mit dem fanatisch stereotypen Ruf „nach Berlin“. Mit solchen Truppen schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,“ fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen der Boulevards hinblickte, „Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen — ich habe hier lange die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.“

Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte.

„Noch einmal, lieber Düring,“ sagte der Regierungsrath Meding, indem er sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, „halten Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.“

Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland, Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen.

Elftes Capitel.

Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt worden.

Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons führten.

Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten.

Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln habe, als die glückliche Freude der Braut.

Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit, welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.

Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.

Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein, welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna Cohnheim.

Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben werden.

Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit nicht denken wolle.

So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.

Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner Gemahlin.

Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung dieser patriotischen Aufgabe.

Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des Vereins ihr überreichte.

Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete, je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief verschieden war, zu nähern.

„Wir sind glücklicher,“ sagte er, „als so viele andere Familien, deren Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen Kampf.“

„Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,“ erwiderte Fräulein Anna in einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. „Der Staat braucht ja auch während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder aufnehmen würde. Für uns Frauen,“ fuhr sie lebhafter fort, „bildet ja die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen Zeit meine Pflicht zu erfüllen.“

„Sie, mein Kind,“ rief der Baron erstaunt, „Sie, gewöhnt an alle Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte.“

„Meine zarten Kräfte?“ — sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, „und wären sie es, — der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir, Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,“ fuhr sie ernst mit dem Ausdruck eines festen Entschlusses fort, „wenn die Lazarethe sich füllen werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.“

Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte aus seinen Augen.

„Ich habe einen Entschluß gefaßt,“ sagte er, nachdem er die Damen begrüßt hatte, „einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.“

Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten.

„Ich habe,“ fuhr dieser fort, „mich zur Aufnahme in den Johanniterorden gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu welcher mein Gefühl mich treibt.“

Der Baron neigte zustimmend den Kopf.

Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand, indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte.

„Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,“ sagte sie mit herzlichem Ton, „und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu sehen — Sie werden das nicht mißverstehen,“ fügte sie hinzu, „meine treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.“

Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte:

„Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen Schwiegersohns würdig.“

Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von Büchenfeld.

Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen.

Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre Tochter.

Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht.

Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen.

Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes.

„Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,“ sagte der Oberstlieutenant, „er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in die beste Kriegsschule hinauszuziehen, — draußen im Felde, wo man in einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich den Feldmarschallstab zu erkämpfen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Er hat es glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.“

„Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,“ sagte Frau von Rantow zu dem jungen Officier. „Aber Sie, lieber Büchenfeld,“ fuhr sie lächelnd fort, „tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht etwa auch mit hinausziehen —“

„Wollte Gott, ich könnte es,“ sagte der Oberstlieutenant traurig, „doch mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,“ fuhr er, sich militairisch aufrichtend, fort, „ich habe mich um ein Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.“

Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang, während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn und dem Baron geführt wurde.

Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken, daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu thun und den Rock des Königs zu tragen.

„Wir müssen aufbrechen,“ sagte er endlich, „ich weiß noch nicht, wo meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, — mein Sohn hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.“

Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons.

Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu.

„Lebe wohl, Büchenfeld,“ sprach er, — „in einer Zeit, wie die jetzige, muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen wird, um Dir beizustehen.“

Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem Ausdruck auf Fräulein Anna.

Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus.

Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme:

„Vergessen und vergeben!“

Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen nochmal die Worte:

„Vergessen und vergeben!“

Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer nachsah.

* * * * *

König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden Vortragssachen beendet hatte.

„So ist denn,“ sagte der König, „Alles vorbereitet, was menschliche Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung unsere Kräfte entfalten zu können, — unser Haus ist bestellt, die Armee ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.“

„Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,“ rief Graf Bismarck, indem seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, — „er wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht fest — in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden werden!“

Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.