Der Todesgruß der Legionen, 3. Band

Chapter 17

Chapter 173,418 wordsPublic domain

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen Händen leise zitterten, „eine ebenso unerwartete als unangenehme Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, — unsere Gesandten sehen jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.“

Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher.

Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig hervorspringenden Kinnbart, — der Kaiser blickte einen Augenblick in düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick das Haupt wieder empor und sagte.

„So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren Erfolg ist. Wir haben,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „öfter durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,“ fuhr er fort, indem er einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift beschriebenen Bogen zusammenfaltete. „Da ganz Deutschland es für gut findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland selbst,“ sagte er dann, „so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität erklärt, — das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, — ich hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, — würde damit auch nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit stellen lassen.“

„Zu Befehl, Sire,“ sagte der Herzog sich verneigend, „ich bewundre den Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person —“

„Zugleich aber,“ fuhr der Kaiser fort, „ist es nothwendig, eine energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten, einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.“

Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers.

„Nun, mein Herr Marschall,“ sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister wendend, — „Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen sind, wie steht es mit den Ihrigen?“

„Alles ist bereit, Sire,“ erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner starken rauhen Stimme, „es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.“

Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe.

„Und der Generalstab,“ fragte er dann.

„Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,“ erwiderte der Marschall, „für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.“

„Und hat man genügend Karten von Deutschland,“ fragte der Kaiser, „nicht nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?“

„Sire,“ erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, „jeder Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei mir.“

Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte.

Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb.

„Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,“ sagte Napoleon lächelnd, „hat sich in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,“ fügte er mit festem und bestimmtem Ton hinzu.

Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich, daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu legen geneigt sei.

„Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,“ fuhr Napoleon fort, „um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur definitiven Entscheidung vorzulegen, — eine Anweisung darüber habe ich Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein lieber Herr Ollivier,“ fuhr er dann fort, „das große Agens aller Kriege herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.“

„Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,“ rief Herr Ollivier, „und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache fordern würden, — in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts verweigern.“

„Also, meine Herren,“ sagte Napoleon aufstehend, „ich erwarte die Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln.

„So treten wir denn nun,“ fügte er ernst hinzu, „der großen Entscheidung entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze Frankreich!“

Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen wie fragend emporschlug.

„Gott schütze Frankreich!“ wiederholten die drei Minister —

Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel.

Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die Hand empor und rief mit pathetischem Ton:

„Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.“

Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger anschwellenden Klängen.

„Möchten sie,“ sprach er leise, „die Dämonen der Revolution hinausführen auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.“

Er schwieg noch einige Augenblicke — sein brennender Blick schien den Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen.

Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit.

„Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort — Jeder von uns muß an seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.“

Er reichte den Herren die Hand.

Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet.

Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten.

Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein.

Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah.

„Nun, mein lieber Rouher,“ sagte Napoleon, „wir stehen an der großen Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und Beharrlichkeit aufgeführt haben.“

Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen Debatte sonst nicht eigentümlich war.

„Sire,“ sagte er, „Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge, welche ich für denselben im Herzen trage.“

Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick nachdenklich an.

„Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,“ sagte er dann mit einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, „mit dem Gange der Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die Dinge auf einen andern Weg zu lenken.“

„Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „ich würde niemals das Verfahren desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der, statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair machen, — aber verzeihen Eure Majestät — auch den Verlust vieler erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso —“

„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“

Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf.

„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“ sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen. Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg. Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein wird man die Schuld desselben werfen.“

„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch den Krieg zu vermeiden?“

„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre, wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte, dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft, an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals Wirklichkeiten werden mögen.“

Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach.

„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“

Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.

Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.

„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“

Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud zurückzufahren.

Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt.

„Nieder mit Preußen!“ rief man ihm aus allen Gruppen entgegen.

„Nach Berlin!“

Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in den nächsten Tagen nach Metz abzugehen.

Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und laut sangen:

„Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc à la lanterne, Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc on le pendra.“

Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach, welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte.

Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab.

Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend, während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien emporragten.

Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in Schutt und Asche zu verwandeln.

* * * * *

Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand, waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt.

Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller Augen.

Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren Manne von der Gesellschaft wandte.

„Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?“

„Vierzehn Tage vielleicht,“ erwiderte der Commissair Ebers achselzuckend, „wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es jedenfalls aus.“

„Wer uns das gesagt hätte,“ rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen Bieres that, „als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen, um uns dem Dienst des Königs zu erhalten —“

„Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,“ sagte Herr von Tschirschnitz, „ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt — in Deutschland als Hochverräther verurtheilt! — Wir werden bald in der Lage sein, daß kein Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig ist.“

„Was bleibt uns übrig,“ sagte Herr von Götz finster, „als uns irgendwo anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.“

„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“

Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der Regierungsrath Meding im Reiseanzug.

Die Offiziere erhoben sich.

„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in diesem Augenblick?“

„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“

„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“

„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz, „als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“