Der Todesgruß der Legionen, 3. Band

Chapter 16

Chapter 163,567 wordsPublic domain

„Ich danke Ihnen, Herr Vergier,“ sagte sie, „dafür, daß Sie all des Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, — ob in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die Liebe nennt,“ fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse Bitterkeit hindurchklang, fort, „weiß ich nicht. Freundschaft und Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.“

Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er, seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen drückte.

„Aber,“ fuhr Luise fort, „Sie müssen mir versprechen, daß über diesen Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den Segen des Himmels erhalten.“

„Das ist brav gesprochen,“ rief der alte Challier, „gesprochen wie eine Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.“

„Und damit bin ich von Herzen einverstanden,“ rief Herr Vergier, „und wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das Glück meines Lebens begründen.“

Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen.

Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel glühenden Abendhimmel hinausblickend.

„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast das Glück meines Lebens zerstört hätte.“

Zehntes Capitel.

Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten, Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und lebhaft gesticulirende Gruppen.

Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei.

Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden gegen dieselben geführt.

Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze.

Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.

Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.

Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu.

Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet, mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte.

Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten.

Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu sagen.

Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an.

Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, — er hätte auf alle Grüße bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes der Tuilerien näherte.

Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet.

„Sind die Minister hier,“ fragte er den Huissier, der ihm die Thür öffnete.

„Zu Befehl, Sire.“

„Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten.“ Wenige Augenblicke darauf traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le Boeuf in das Cabinet des Kaisers.

Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister begrüßte.

Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor.

Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit.

Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an dessen Mitte Napoleon sich niederließ.

„Die Lage ist ernst, meine Herren,“ sagte der Kaiser mit fester voll klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. „Preußen hat die Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen, abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben. Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.“

Der Herzog hustete leicht.

„Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,“ sagte er, „liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache, daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten mitgetheilt wurde.“

Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers auf.

„Das hat man gethan?“ rief er.

„Ich habe heute morgen von allen Seiten,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten, überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird, nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!“

Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf.

Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen.

Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest:

„Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, — immer wartend, immer noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, — Frankreich ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! — Es giebt für mich nur einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.“

Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem Gesicht.

„Ich glaube an den Sieg, Sire,“ rief Ollivier mit einer gewissen, ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. „Denn wir sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.“

„Herr Thiers wünscht den Frieden,“ sagte der Kaiser leicht lächelnd, „er hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich dafür ausgesprochen.“

„Die öffentliche Meinung, Sire,“ erwiderte Herr Ollivier, „hat ihm sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. „Nieder mit dem kleinen Preußen!“

„Herr Thiers sollte nicht vergessen,“ sagte der Kaiser, „daß sein König Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte, den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann. Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe, um demselben Schicksal zu verfallen, — sein Wunsch soll nicht erfüllt werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther vor.“

„Der Baron, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ist heute bereits bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es sind,“ fuhr er fort, „vor seinem Hotel einige unangenehme Demonstrationen vorgekommen.“

„Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, — wenn es nöthig ist, Truppen aufstellen,“ rief der Kaiser, „und den Botschafter gegen jede feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,“ sagte er dann, „nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen, auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?“ fragte er, zum Herzog von Gramont gewendet, — „unsere ganze Diplomatie muß die höchste Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu stehen.“

„Alle Mächte, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „haben die Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.“

„Alles das ist gut,“ sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von Ungeduld im Ton, „aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine bestimmten Erklärungen.“

„Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,“ erwiderte der Herzog, „nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun werde, — ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen —“

„Ich habe sie gelesen,“ sagte Napoleon die Achseln zuckend, „die Grenzen der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, — Fürst Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.“

„Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ich gebe auf die officiellen Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.“

„Ich rechne nicht auf Österreich,“ sagte der Kaiser, „seit Jahren habe ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten. Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die annectirten Provinzen rechne ich weniger, — höchstens bei einem Rückzug der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.“

„Ich muß Eurer Majestät mittheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat, welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu machen beauftragt sein will.“

„Graf Breda?“ fragte der Kaiser, „derselbe, der früher bei unserer Gesandtschaft in Stockholm war und dort —“

„Derselbe, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „er scheint jetzt im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere fortsetzen zu wollen.“

Der Kaiser zuckte die Achseln.

„Was proponirt er,“ fragte er.

„Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.“

Napoleon lächelte mitleidig.

„Ein Corps von zwanzigtausend Mann,“ sagte er, — „nachdem der König seine Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut hat. Der arme König,“ fuhr er fort, „welch ein trauriges Schicksal, — in welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, — ich bitte Sie, mein lieber Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben, vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen nicht auf das Äußerste verbittern, — übrigens bin ich überzeugt, daß der arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der Vergessenheit übergebe.

„Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,“ sagte er nach einer kurzen Pause, „in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine Eroberung auf deutschem Boden machen will —“

„Eine solche Proclamation, Sire,“ fiel Herr Ollivier lebhaft ein, „ist vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte —“

„Das französische Nationalgefühl, Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf, indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte, „wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,“ fuhr er fort, „ist es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da will.“

Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont.

„Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,“ sagte dieser, „scheint mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden, und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.“

„Eine solche Redaction wird sich finden lassen,“ rief Herr Ollivier, „wenn Eure Majestät —“

„So ganz platonisch,“ sagte der Kaiser lächelnd, „würde übrigens der Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, — sodann aber wird wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken können.“

Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten Eingang in das Cabinet.

„Sire,“ sagte er, „es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu übergeben —“

„Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,“ fiel der Herzog ein, „alle ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.“

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog.

Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen hatte.

„Nun,“ fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht des Herzogs blickend.