Der Todesgruß der Legionen, 3. Band

Chapter 14

Chapter 143,484 wordsPublic domain

Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das einfache Reiseservice.

Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer Arbeit wieder zu ergänzen.

Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es auf einen kleinen Teller.

„Ein Glas Wein,“ befahl er dann.

Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux.

Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte.

„Halten Sie einen Augenblick ein,“ sagte der König mit freundlichem Lächeln, „mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein wenig an das Campagneleben gewöhnen.“

St. Blanquart stand ganz erschrocken auf.

„Majestät,“ sagte er, „welche Gnade — Eure Majestät denken selbst an mich —“

„Soll ich denn nicht an meine Diener denken,“ sagte der König, „die Tag und Nacht für mich arbeiten — nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel Zeit zur Ruhe.“

Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen.

Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer lebhafter und begeisterter wurden.

„Krieg! Krieg gegen Frankreich!“ hörte man fast überall.

Dazwischen ertönten einzelne Stimmen:

„Nach Paris! Nieder mit Napoleon!“

Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des Volkes.

Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die Menschenmenge hin.

„Sie rufen nach Krieg,“ sprach er leise, „sie bewegt die patriotische Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja der beste Segen Gottes!“

Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens.

Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den Platz hin.

Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen.

Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des „Heil Dir im Sieger-Kranz“, das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster neben seinem Sessel stand.

„Es ist die Wacht am Rhein, Majestät,“ sagte der Geheime Legationsrath.

Still schweigend blickte der König vor sich hin.

„Die Wacht am Rhein, — die Wacht am Rhein,“ sagte er tief sinnend, während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen, dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann. —

„Die Wacht am Rhein, — ja, ja, das ist es, das ist schön — das ist sehr schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs.“

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem Schnauben der Maschine in der Ferne verklang.

So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten.

Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an seine Lippen führte.

Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen Augenblick schweigend an die Brust.

„Ich hatte gehofft,“ sagte er dann ruhig und milde, „daß der Abend meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, — Gott hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk nochmals zum Siege zu führen.“

Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief bewegt entgegentraten.

„Der Augenblick ist da,“ sagte Graf Bismarck, „den wir so lange mit aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.“

Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen.

„Nun, meine Herren,“ sagte der König, als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, „wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,“ fügte er hinzu. „Aber,“ sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den Kronprinzen richtend, „ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme kämpfen mußte.“

„Und Alles ist vorbereitet, Majestät,“ sagte Graf Bismarck fast im heiteren Ton, „um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern. Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns, sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen, und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge Neutralität Österreichs überwachen.“

Der König nickte mit dem Kopf.

„Wir werden weiter darüber sprechen,“ sagte er. — „Süddeutschland steht ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?“

„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „trotz aller Agitationen der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen.“

Der König blickte den Minister fragend an.

„Eure Majestät erinnern sich,“ sagte Graf Bismarck, „der schmählichen Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert werden sollten.“

„Ich erinnere mich,“ sagte der König.

„Nun, nun, Majestät,“ fuhr Graf Bismarck fort, „der innere, der wahre Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin, daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen, wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische Macht uns zugeführt werden.“

Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe.

„Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar erkennt. — Ich habe auch,“ sagte er nach einigen Augenblicken, während eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, „ich habe auch daran gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen habe.“

Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das bewegte Gesicht des Königs.

„Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen,“ sagte der König, indem er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen Wimpern erglänzte — „das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle Zeichen auch für Dich und Deine Generation,“ sagte er zum Kronprinzen gewendet, „erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und meinen Vater.“

„Und ich verspreche Dir,“ rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, „daß ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir erkämpft habe.“

Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß.

Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers.

Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit prachtvollen Blumenbouquets in der Hand.

Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit den Tüchern.

Der König und der Kronprinz stiegen aus.

In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel.

Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine Lippen auf die königliche Rechte.

„Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee, die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist.“

Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige Augenblicke.

„Oh warum, Majestät,“ sagte er endlich in abgebrochenen Worten, „warum gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird.“

„Nun,“ sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des Feldmarschalls legend, „wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen, ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege führen wird. Ich werde,“ fügte er freundlich zu dem Feldmarschall gewendet, hinzu, „das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben haben.“

„Das freut mir von ganzem Herzen,“ sagte der Feldmarschall, indem sein altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. „Das haben Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: „Dir hat wohl lange nicht die Nase geblutet.“ Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät, und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt.“

Der König lächelte.

„Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns Berlinern noch gute Wege.“

Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse. Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten.

Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm übergeben.

Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats entgegennahm.

„Majestät,“ rief der Graf, „ich habe so eben ein Telegramm des Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da.“

„Ist der Krieg erklärt?“ fragte der König.

„Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben,“ erwiderte Graf Bismarck, „aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung.

„Ich bitte Sie, zu lesen.“

Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat.

„Der König weigert sich,“ las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, „die von uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die Verhältnisse zu Rathe zu ziehen.“

„Richtig,“ sagte der König leise vor sich hin.

„Trotzdem,“ fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, „brachen wir aus Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe das amtlich mitgeteilt.“

„Ist das geschehen,“ fragte der König.

„Nein, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „ein Telegramm darüber ist in den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen.“

Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.

„Unter diesen Umständen,“ las Graf Bismarck weiter, „wäre es ein Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der Verantwortlichkeit hierfür überlassen.“

Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine Gewohnheit war.

„General von Roon,“ rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen.

Der Kriegsminister trat heran.

„Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee,“ sagte der König im festen Ton, „sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle.“

„Hurrah!“ rief der General-Feldmarschall von Wrangel. „Es lebe der König!“

Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort.

„Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie, General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen,“ sagte der König.

Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin.

„Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher, wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen,“ sagte er dann mit bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais eintrat.

Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt, immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde, in erneute Rufe ausbrechend.

Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit ihm.

Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe.

„Meine Herren,“ sagte er, „Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten.“

„Der König will Ruhe,“ ertönte es unmittelbar durch die Massen hin. „Nach Hause! Nach Hause!“

Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz. Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des „Heil Dir im Siegerkranz“ zu intoniren.

Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte, zum nächtlichen Himmel auf, — dann wurde wieder Alles still.

Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend, zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte.

Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen Königs hin, — die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu beweisen.

Neuntes Capitel.

Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen, seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht; sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem Geliebten entgegengesehen.