Der Todesgruß der Legionen, 3. Band
Chapter 13
Was will man in Paris?“ fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. „Will man den Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, — er hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den Krieg wollen — warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,“ sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße hinabblickte, „ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das erste Ziel meiner Mission erreicht — die Zurücknahme der Hohenzollerschen Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive die Forderungen — giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte, wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn sie nicht erfüllt wird,“ sagte er seufzend, „nachdem man einen so starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist der Krieg unvermeidlich — die Welt wird diesen Grund desselben kaum verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen und Plan zu demselben hingetrieben werden.
Was telegraphirt der Herzog?“
Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem Botschafter.
Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie auf den Tisch.
„Die Festigkeit meiner Sprache,“ sagte er bitter lächelnd, „soll nicht dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte, welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch machen, — vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers wirklich ist, den Frieden zu erhalten.“
Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer.
Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit verbindlicher Höflichkeit entgegen.
„Seine Majestät der König,“ sagte dieser im artigen Ton, „hat mich beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können, da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt betrifft, eine Verpachtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen, welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe.“
Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger, klarer Stimme sprach er:
„Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich,“ fuhr er in demselben ruhigen Ton fort, „Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen.“
„Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner Majestät auszurichten,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „und werde nicht verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen.“
Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer.
„Der Krieg liegt in der Luft,“ sagte er dann, indem er sich seufzend an seinen Secretair wandte. „Ich kenne die Höfe, ich fühle, — ich weiß, was geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen — er hat sein letztes Wort gesprochen.“
„Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,“ rief der Secretair mit blitzenden Augen, „so ist das allein ein Grund des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation anerkennen wird.“
„Sollte es das sein?“ sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den Kopf schüttelte, „das würde freilich die nationale Entrüstung entflammen. Aber,“ fuhr er fort, „würde darum der Kriegsgrund besser werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft,“ sagte er dann, „und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken.“ — Er ließ das Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich schweigend und gedankenvoll zu Tisch. —
* * * * *
Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und abgespannten Nerven zu finden.
Endlich, es war bereits Abend — die Zeit des Diners des Königs war vorüber — wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet.
Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem Adjutanten des Königs entgegentrat.
Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem dieser dem Botschafter sagte:
„Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen angeregten Punkt — betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten.“
Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war.
„Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten ist.“
„Soviel mir bekannt geworden,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „hat der Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein.“
„Dann bitte ich Eure Durchlaucht,“ sagte Benedetti, „Seiner Majestät zu sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den Erklärungen des Königs beruhigen wolle.“
Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen.
„Der Würfel ist gefallen,“ sagte er mit düsterem Ton, „das Verderben ist entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.“
Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair.
„Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,“ sagte er im ernsten Ton, „meine Mission hier ist zu Ende. Doch,“ fuhr er fort, „ich will bis zum letzten Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten, das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen freundlichen Abschied zu nehmen.“
* * * * *
Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten, war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung, welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters und der König war ruhig und heiter wie immer.
Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis zurückzukehren.
Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder den kleinen Ereignissen des Tages zu.
Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst dort noch nicht gesehen worden war.
Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man, wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen, der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine.
Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu erfahren — die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag, einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug, daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet seien.
Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade.
Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt, und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so glänzend begonnenen Saison entgegen.
Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden geschmückt worden war.
Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen.
Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug, das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten ansah.
Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen standen an den Thürschlägen.
Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran, er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige entgegen und meldete, daß Alles bereit sei.
Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest, und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen.
„Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen,“ sagte er. „Sie werden viel zu thun finden, — unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des hochseligen Königs,“ fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, „werden nun wohl für längere Zeit vertagt bleiben.“
„Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben werden, Majestät,“ erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, „das lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des eisernen Kreuzes „Mit Gott für König und Vaterland.“
Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weiße Band des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der Hand berührte, sagte er halb laut:
„In diesem Zeichen werden wir siegen.“
Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief verneigenden Grafen Benedetti.
„Sie haben gewünscht, Herr Graf,“ sagte der König mit freundlicher Höflichkeit, „sich von mir zu verabschieden — leben Sie wohl.“
Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige Bewegung auf seinem Gesicht.
„Ich danke Eurer Majestät,“ sagte er mit leicht zitternder Stimme, „daß Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden.“
„Die Zukunft liegt in Gottes Hand,“ sagte der König mit fester Stimme, und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des Gefolges ihn erwarteten.
„Kommen Sie zu mir, lieber Abeken,“ sagte der König, „wir haben unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können.“
Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart, welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran, und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und hinter demselben einnahmen.
Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und winkte grüßend mit der Hand.
Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen, friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und seines Landes.
Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus, während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen.
Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich, eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte.
„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, „sogleich zu Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt.“
Der Blick des Königs leuchtete freudig auf.
„Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht,“ sagte er, „sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort vielleicht Preußen nicht zu sehr — aber jetzt wo Deutschland in den Kampf tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die deutsche Armee ins Feld ziehen —“
„Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät,“ sagte der Geheime Legationsrath, „so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große Mission vollenden.“
Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen.
„Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig,“ sagte er nach einigen Augenblicken, „ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig, und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen, gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?“
„Noch nicht,“ sagte der Geheime Legationsrath Abeken, „doch hat Herr von Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht zu zweifeln sei.“
„So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich einig,“ sagte der König, „die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu neuem Glanz erheben sollen.“
„Alles vereinigt sich,“ sagte der Geheime Legationsrath, „um die Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu können.“
„Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund,“ sagte der König. „Er erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen.“
Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in allen Gebieten des weiten Vaterlandes.