Der Todesgruß der Legionen, 3. Band
Chapter 12
„Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein,“ sagte er dann, „über die so friedliche Lösung — sie glaubt an den Sieg — ich will ihr selbst die Sache sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt.“
Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin.
Der Huissier öffnete die Thür.
Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen Schwelle ihn die Kaiserin empfing.
Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den Herzog von Gramont.
Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen.
Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog von Gramont.
„Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog,“ sagte er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen war.
„Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben.“
„Der Herzog,“ fiel die Kaiserin schnell ein, „wollte vor seiner Rückkehr mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten, um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem Augenblick zu fassen hat.“
Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme.
„Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?“
Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend.
„Sire,“ sagte dieser, „ich habe mir erlaubt, der Kaiserin mitzutheilen, — und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen, — daß die Nachricht von der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät voraussetzen muß.“
„Nun,“ sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, „die Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden, — — vor der Intervention Frankreichs verschwunden, — ich begreife nicht, — —“
„Niemand in Frankreich, Sire,“ fiel der Baron Jérome David rasch und lebhaft ein, „hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden könnte. — Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich, das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden. — Ohne eine Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer Interessen für die Zukunft aber,“ — fuhr er laut mit entschiedenem Tone fort, „wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloße einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist.“
„Aber welche Genugthuung, welche Garantien,“ fragte der Kaiser, „könnten denn gegeben werden?“
Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte.
„Sire,“ antwortete Jérome David, „die Beleidigung Frankreichs bestand darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick wieder aufgenommen werden kann, — dem entsprechend muß die Genugtuung und diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er habe dem Prinzen befohlen und — zwar mit Rücksicht auf die Intervention Frankreichs — von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein, jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die kaiserliche Regierung richten.“
Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont.
„Sire,“ sagte dieser, „ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne.“
„Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben,“ fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, „wird das Corps legislatif und die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen.“
Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen.
„Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,“ sagte er leise.
Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus ihren Augen.
„Glauben Sie denn,“ sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend, „daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich immer mehr echauffire.“
„Ich bin überzeugt, Sire,“ sagte der Herzog, „daß nichts leichter sein wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat, die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen Regierung wird darstellen können. Denn,“ fügte er lächelnd hinzu, „diese öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben, welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt.“
„Die Sache müßte aber durchaus,“ sagte der Kaiser, „in aller vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein ernster Conflict daraus entsteht.“
„Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde,“ rief die Kaiserin, welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, „wollen wir davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie noch immer die erste in Europa ist.“
„Was sagt der Marschall Leboeuf,“ fragte der Kaiser den sinnenden, sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet.
„Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich,“ erwiderte der Herzog, „er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis darüber liefern —“
„Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher,“ rief die Kaiserin, „um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen.“
„Österreich,“ sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den Herzog von Gramont richtend, „glauben Sie, daß wir auf Österreich rechnen können — Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen werden,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu.
„Sire,“ sagte der Herzog lächelnd, „Fürst Metternich sagt, was er sagen soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber“ —
„Die sehr schnell kommen werden,“ rief die Kaiserin.
„Nach diesen ersten Niederlagen, Sire,“ fuhr der Herzog fort, „wird Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat.“
Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf wieder matt herabsinken und sprach:
„Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten — und wer giebt mir die Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an einheitlicher Organisation.“
„Der Oberst Stoffel,“ sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, „ist ein wenig geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck, durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt — er sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen —“
„Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen,“ sagte Napoleon, — „auch beweisen die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt —“
„Vielleicht aber hat er vergessen,“ sagte die Kaiserin heftig, „daß dem Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der französischen Armee steht —“
„Und das,“ fiel der Baron Jérome David ein, „in einem solchen Kriege der gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und,“ fügte er hinzu, „wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können.“
Der Kaiser sah ihn fragend an.
„Diese Macht, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „ist die Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire, welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen.“
Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl.
Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt.
„Und wenn dann, Sire,“ fuhr der Baron David fort, „die französische Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein.“
Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick:
„Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird — zu dem es nicht kommen soll,“ fügte er mit fester Stimme hinzu. „Doch in Ihrer Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie, daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt — das Plebiscit, die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen — das wird ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV — das wird die Krönung meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich,“ sagte er zum Herzog von Gramont gewendet, „den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen Meinung gewährt — dann wird sich Alles leicht erledigen.“
Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück.
„Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe, baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen.“
„Thun Sie das, Herr Herzog,“ sagte der Kaiser, „und vergessen Sie nicht, Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit anzuempfehlen.“
„Und ich, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „werde dafür sorgen, daß morgen in Paris die Marseillaise erklingt, — man wird sich in Berlin erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden.“
Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das Cabinet.
„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur Kaiserin wandte, „Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute Abend noch empfangen?“
„Nur meinen kleinen Cirkel,“ antwortete die Kaiserin leicht hin und etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres erfüllten.
„Ich bin ermüdet,“ sagte der Kaiser, „und bitte Sie, mich zu entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen, die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe.“
Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer zurück.
„Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!“ rief die Kaiserin, als sie allein war. „Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den Kampf nicht wagen. Nun,“ fuhr sie mit flammendem Blick und einem stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, „die Verhältnisse werden mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird, und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen — dieser Krieg, der mein Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein, — wo man ihn niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen waren. — Die Stunde der Entscheidung naht — sie wird den Sieg bringen — und dieser Sieg wird Mein sein!“
Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick auswärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht.
Dann bewegte sie die Glocke.
„Man soll den Thee serviren,“ befahl sie dem Kammerdiener, „ich lasse meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten.“
Achtes Capitel.
Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück.
Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen. Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt, um die Depeschen zu dechiffriren.
Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin.
„Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,“ sagte er, „ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen — den Bruch — das heißt einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter, welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben.