Der Todesgruß der Legionen, 3. Band

Chapter 10

Chapter 103,463 wordsPublic domain

„Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,“ sagte der König, — „wir werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein Conflikt entstehen.“

Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen Sessel, welcher neben demselben stand.

„Eure Majestät,“ sagte Benedetti, indem er sich niederließ, „haben die Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher gekommen bin, — ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers, meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt.“

Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht des Botschafters.

„Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät,“ fuhr dieser fort, „erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche,“ fügte er hinzu, „mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist, dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe.“

Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf, ohne etwas zu erwidern.

„Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern,“ sprach Benedetti weiter, „muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden, auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät,“ fuhr er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, „hat die Sache eine lebhafte Beunruhigung erzeugt, — wenn man den übereinstimmenden Aeußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des Kaisers,“ fügte er hinzu, „wird in einem solchen Entschluß Eurer Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz Europa allgemeine Befriedigung erregen wird.“

Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen, freien Auges fest auf Benedetti.

„Mein lieber Graf,“ sagte er, „es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet.“

Der König schwieg.

Benedetti, welcher mit schärfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, daß er den Sinn derselben vollkommen erfaßt habe.

„Eure Majestät wollen mir erlauben,“ sprach er mit seiner sanften, geschmeidigen Stimme, „ehrfurchtsvoll zu bemerken, daß die öffentliche Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestät, welche Allerhöchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die öffentliche Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein Mitglied der in Preußen regierenden Familie und kann sich, wie ich glaube, von der Auffassung nicht los machen, daß der Prinz, indem er die spanische Königskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemühen, diese Auffassung zu zerstören, das Nationalgefühl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser Auffassung, und Eure Majestät werden die Gnade haben, anzuerkennen, daß es der Regierung des Kaisers unmöglich ist, dieser Auffassung gegenüber gleichgültig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der Nothwendigkeit — und ist entschlossen, jener Auffassung der öffentlichen Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen.“

„Wenn man die Sache,“ sagte der König, „von einer andern Seite auffaßt, so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, daß die gegenwärtige Regierung in Spanien von allen Mächten anerkannt und in ihren Entschließungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht einzusehen,“ fuhr er fort, „mit welchem Recht eine europäische Macht sich der Thronbesteigung eines Königs widersetzen könnte, welcher durch die Vertreter des spanischen Volkes frei gewählt werden würde. Wie der spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat,“ fuhr er fort, — „und dies ist,“ fügte er mit Betonung hinzu, „die erste und einzige Mittheilung, welche die preußische Regierung überhaupt in der ganzen Angelegenheit erhalten hat, — werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich für die innere Ruhe Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede Candidatur zurückzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen.“

„Ich bitte um die Erlaubniß, Eurer Majestät bemerken zu dürfen,“ erwiderte Graf Benedetti, „daß die Regierung des Kaisers weit entfernt ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschränken zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, daß die Combination, welche eigentlich persönlich von dem Marschall Prim ausgegangen ist, die Quelle großer und trauriger Verwickelungen sein würde. Solchen Verwickelungen gegenüber werden Eure Majestät gewiß selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone autorisiren wollen. Eure Majestät halten allein das Mittel in Händen, um einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt, mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestät zu wenden, von diesem Mittel Gebrauch zu machen.“

„Die Parteien in Spanien,“ sagte der König „sind so zahlreich und so viel gespalten, daß auch die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern kaum im Stande sein würde, dort einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluß der Majorität nicht zu fügen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte oder ihre Ansichten zu vertreten.“

„Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer königlichen Majestät an,“ erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich etwas zusammenbog — „indessen würde jedenfalls, wenn es trotz der Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kämpfen kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung für vergossenes Blut zu tragen haben.“

Der König senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden.

„Mein lieber Graf,“ sagte er dann, „Sie können überzeugt sein, daß ich den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen, welche zu Verwickelungen und Mißverständnissen Veranlassung giebt. Ich muß indeß noch einmal darauf zurückkommen, daß meine ganze persönliche Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich lediglich darauf beschränkt, seinen Entschlüssen kein Hinderniß in den Weg zu legen. Von diesem Standpunkt würde ich mich auch jetzt nur sehr schwer entfernen können, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn zu seinem Entschluß ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von demselben zurückzukommen. Mir scheint, daß die Regierung des Kaisers, wenn sie wirklich in dieser Sache so große Gefahren erblickt, die ich noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluß in Madrid aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, daß sie auf das Projekt verzichte.“

„Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu bemerken, daß die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen möchte. Sie würde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrößern, die kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, daß der leichteste und einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn Eure Majestät Allerhöchst Ihre mächtige Autorität gebrauchen, um durch die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestät auf die Präcedenzfälle in Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, daß Prinzen, welche der Dynastie einer Großmacht angehören, nicht zu gleicher Zeit Souveraine eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein allergnädigster Herr, hat persönlich dies Prinzip anerkannt, indem er dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron untersagte. Eure Majestät werden sich um so mehr in diesem Sinne entscheiden können, als ja Preußen und Deutschland keinen Antheil an den bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu machen haben würden, während für Frankreich sehr ernste Interessen auf dem Spiel stehen und während dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben muß, die öffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner Abreise hat wahrnehmen können, und über welche er, wie ich nicht zweifle, Eurer Majestät Bericht erstattet haben wird.“

„Diese Aufregung der öffentlichen Meinung in Frankreich ist mir bekannt,“ sagte der König, „die Thatsache ihrer Existenz beweist aber noch nichts für ihre Berechtigung und dann muß ich Ihnen aufrichtig sagen, daß die Erklärung, welche der Herzog von Gramont im Corps legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die öffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der erste Theil der Erklärung des Herzogs,“ fuhr der König fort, „ist sehr richtig und sehr correct. Indessen muß ich Ihnen gestehen, daß der Schlußsatz derselben mich allerdings sehr peinlich berührt hat. Die Worte, welche der Herzog über die Absichten einer fremden Macht gesprochen hat, können doch nur auf Preußen bezogen werden. Wie ich Ihnen gesagt, hat die preußische Regierung an der ganzen Sache nicht den geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein, und er kann dazu beitragen, daß auch in Deutschland die öffentliche Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze Situation sehr erheblich verschlimmert werden würde.“

Der König hatte die letzten Worte mit etwas erhöhtem Tone gesprochen, ohne daß indeß von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher Höflichkeit verschwunden war.

„Ich möchte Eure Majestät bitten, zu berücksichtigen,“ erwiderte Benedetti, „daß der Herzog von Gramont sich in einer auf's höchste aufgeregten Versammlung befand und daß es ihm vor allen Dingen darauf ankommen mußte, jede aufreizende und gefährliche Discussion abzuschneiden und deshalb eine Erklärung abzugeben, welche dieser Versammlung versicherte, daß für den Fall einer Gefährdung der Ehre und der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine feste und entschiedene sein werde. Eure Majestät werden anerkennen, daß die Erklärung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle Erörterungen auszuschließen, welche den guten Beziehungen zu Preußen, auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen, hätten gefährlich werden können.“

Der König schüttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese Argumentationen des Botschafters nicht.

„Ich begreife nicht,“ sagte er, „wie die Ehre und die Interessen Frankreichs durch den Entschluß des Prinzen von Hohenzollern berührt werden können. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluß geführt haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen kann. Und ich will nicht annehmen,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem er voll Würde und Hoheit den Kopf emporhob, „daß der Krieg aus einem Fall sich entwickeln könne, bei welchem gar keine europäische Macht betheiligt ist.“

Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief:

„An eine solche Eventualität, Majestät, auch nur zu denken, kann mir nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versöhnliche und allgemein befriedigende Lösung der so plötzlich entstandenen Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lösung zu gelangen, bin ich beauftragt worden, Eurer Majestät alle diejenigen Gesichtspunkte darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern dringend zu wünschen.“

„Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen,“ sagte der König, „daß es mir unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen Königskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur zu wünschen, indeß muß ich ihm schon deßhalb, weil er nicht unmittelbar zu meinem königlichen Hause gehört und kein preußischer Prinz ist, die volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurückzuziehen. Indeß,“ fügte er hinzu, „um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine allseitig befriedigende Lösung wünsche, kann ich Ihnen mittheilen, daß ich sogleich, als ich von der großen Aufregung in Frankreich unterrichtet worden bin, mich mit dem Fürsten Anton, der sich in Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn über seine und des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie über die in Frankreich durch den Entschluß des Prinzen Leopold hervorgerufenen Aufregung dächten.

Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Erörterung über den Gegenstand zu beseitigen geneigt wären, so würden ja dadurch alle Schwierigkeiten gehoben, — einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auszuüben, aber halte ich mich nicht für berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber Graf, daß ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen über die Beschlüsse des Fürsten Anton und seines Sohnes haben werde.“

Der König sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, daß er die Unterredung für beendet halte.

Benedetti verneigte sich tief, ohne indeß aufzustehen und sagte:

„Ich muß mir erlauben Eurer Majestät ehrerbietigst zu bemerken, daß die Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und der Presse gegenüber, in großer Verlegenheit befindet und dringend wünschen muß, so bald als irgend möglich bestimmte Erklärungen über die endgültige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu können. Eure Majestät würden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir ungefähr den Zeitpunkt bezeichnen könnten, bis zu welchem Sie im Besitz der zu erwartenden Nachricht sein können.“

Der König sann einen Augenblick nach.

„Ich kann den Telegraphen nicht benutzen,“ sagte er dann, „ich habe hier in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton correspondiren kann. Ich weiß auch nicht ganz genau, wo der Prinz Leopold sich in diesem Augenblick befindet, — indeß kann es unmöglich lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde Sie dann sofort benachrichtigen.“

Benedetti erhob sich.

„Ich stehe zu Eurer Majestät Befehl,“ sagte er, „und habe nur noch den dringenden Wunsch auszusprechen, daß Allerhöchstdieselben mich bald in die Lage setzen möchten, meiner Regierung die glückliche und befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu können.“

„Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser, indem er Benedetti die Hand reichte, „und hoffe, daß Ihr Aufenthalt hier in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlängere, und daß Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen können.“

Mit tiefer Verneigung verließ Benedetti das Cabinet, begab sich durch das Vorzimmer in den länglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten.

Der König klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit hatte Seine Majestät die Toilette für das Diner beendet.

„Rufen Sie mir Abeken noch einmal,“ sagte der König.

Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls zum Diner angekleidet in das Zimmer.

Ernst und sinnend sagte der König:

„Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden, — es ist in dem Allen ein Hintergedanke, ich fühle das an dem ganzen Wesen Benedetti's, er macht mir den Eindruck, daß er schärfere Instructionen hat, als seine Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mühe, die man sich giebt, um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor — und je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewähren. Jedenfalls telegraphiren Sie nach Berlin, daß Bismarck hierher kommen möge; wenn die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muß ich ihn doch bei mir haben. Auch wäre es gut,“ fügte er hinzu, „wenn Moltke von seinem Urlaub zurückkäme, es ist immer besser, für alle Fälle vorbereitet zu sein, als überrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind.“

Der Geheime Legationsrath ging hinaus.

„Sollte es möglich sein,“ sprach der König mit tiefem Sinnen an das Fenster tretend, „daß auch dieser Kampf mir noch beschieden wäre? Die Mahnung an das Standbild meines Vaters — an das eiserne Kreuz ließen so lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten heraufsteigen, — nun,“ sagte er den Blick über die grünen Bäume hin zum Himmel richtend, „in dieser Mahnung liegt auch die Bürgschaft für die Zukunft Preußens und Deutschlands, — wenn Gott den Kampf beschlossen, so wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!“

Die Thür des Cabinets wurde geöffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher trat ein, meldete Seiner Majestät, daß das Diner servirt sei und schritt dann dem Könige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt waren.

Der König grüßte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den Speisesaal voran, in welchem die königlichen Jäger in ihrer geschmackvollen grünen und silbernen Livree zum Service bereit standen.

Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestät Platz, der König unterhielt sich mit ihm während des ganzen Diners in so liebenswürdig, freundlicher und unbefangener Weise, daß alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen, es könnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont bestehen, und daß diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen hatte.

Siebentes Capitel.

Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St. Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbäumen hüllte sich in dunkle Schatten, als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloß einfuhr.

Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde.

Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des sinkenden Tages hineindrangen.