Der Todesgruß der Legionen, 1. Band
Chapter 9
"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld. Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der Zukunft zu haben."
Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ.
Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu:
"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen," fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron, wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren."
Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner Frau und zu seiner Tochter.
"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend, "sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.
"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist, mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im zerstreuten Ton.
"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in demselben Ton hinzu.
"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung und unsere Beziehungen nimmst."
Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück.
Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten.
Fünftes Capitel.
Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher.
Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche Schrift welche das Papier bedeckte.
"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort, "alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens, und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu, "würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern, würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren Factoren treiben dort ihr Spiel--
--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt, durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken."
Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.
"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln, mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866 noch übrig geblieben ist."
Er blickte abermals auf den Bericht.
"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist. Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--"
"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende meines Werkes sein."
Er warf den Bericht auf den Tisch.
"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde, dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen."
Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag, durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die Schlußworte:
"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph das Band der Unterthanentreue annehmen würde."
"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen, was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat. Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.
"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte."
Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.
Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den Sectionschef, Baron Hoffmann.
Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.
Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des Reichskanzlers Platz.
Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen Schreibtisch gelegt und sagte.
"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich, Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz, wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde, dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein, zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte."
"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge geschehen ist."
"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen, niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter Umständen viel schaden."
Herr von Hoffmann verneigte sich.
"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."
Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.
"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und von Thüngen lebhaft besprochen haben."
"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.--
"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt, im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines Vertrauens giebt."
Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern Unmuths.
"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung, mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann, aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort, "die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die Arme treiben.
"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.--
"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist, demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe dispensirt.--
"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter, "auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder gut zu machen--
"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die Entwickelung des Staatslebens zu brechen."
Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.
Graf Beust erhob sich.