Der Todesgruß der Legionen, 1. Band
Chapter 8
"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet. "Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende Berichte."
"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath," erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht."
"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen. Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."
"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden müssen."
"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen."
"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen, wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort, "ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will, daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht, mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen Deutschland sehr wenig genehm sein möchten."
"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich glaube, wir können es ruhig abwarten."
"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab, sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so dürsten die Consequenzen sehr fatal werden."
"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen, und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich, wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer sein, sie wieder von Rom zu trennen."
"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht."
"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein."
Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.
"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu, "welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine gute Cigarre erschwingen können."
"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen, die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten können."
"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!"
Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.
"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit, ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich dabei zu betheiligen."
Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres und eingehenderes Gespräch.
Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor ihnen.
Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.
Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.
Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin- und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas besonders empfohlenen Weins zu serviren.
Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht, sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.
Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und begaben sich in den Tanzsalon.
Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter einer Decoration von grünen Gewächsen standen.
Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.
"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld," sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend Etwas übel genommen?"
"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."
"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig machen könnte."
"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz eingezogen wären."
Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.
"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen? Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil werden kann."
Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.
"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--" fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben."
Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.
"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?"
Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte mit herzlichem Ton:
"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"
"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend, "Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt habe."
"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?"
Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen Blick und verstand die stumme Frage.
"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück, wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--"
Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.
Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort:
--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären."
Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.
"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen, so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen Glanz verloren haben."
"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht möglich."
"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen," fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen."
Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.
"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes."
"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen _vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens _theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?"
"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er," sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?"
"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?"
Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons hinblickten.
Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen, trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses.
Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die tanzenden Paare verfolgt hatte:
"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten, welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen den Vergleich nicht aushalten kann."
Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.
"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu benutzen, um Ihnen Freude zu machen."
Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges Gespräch nicht mehr möglich war.
Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen Druck ihrer Hand zurück.
Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die seinigen tauchten.