Der Todesgruß der Legionen, 1. Band

Chapter 6

Chapter 63,480 wordsPublic domain

"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, "indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort, "scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde, in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland eingewilligt hat."

Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de L'huys' ernste Züge.

"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire," rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus bietet."

"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf die alte Höhe zurückführen soll?"

"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das Aeußerste zu wagen."

"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."

"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen, würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes preisgegeben sehen."

Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem Schnurrbart.

"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er.

"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein," sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können."

Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.

"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen, daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe hervorgerufen."

"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche Folgen gehabt hat."

"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.

"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen, welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, "ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln durch ihn durchführen zu lassen."

Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört.

"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht, betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht.

"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu lassen--"

"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr folgen."

"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens geworden ist."

Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge des Kaisers.

"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"

"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr als an Daru und Buffet."

Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf.

"Und Ollivier?" fragte er dann.

"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen."

"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden, den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire, wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte."

Der Kaiser erhob sich.

"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre Unterstützung nicht fehlen wird."

"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie dieselben acceptiren, auszuführen."

"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur Ausführung zu bringen."

Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den Tuilerien zurück.

Viertes Capitel.

In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.

Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt, und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand hielt.

Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen Vermögen und seiner Pension lebte.

Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz bewegte.

Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten, wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob seine Gedanken anderswo weilten.

Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne desselben.

"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit der Zeit zu steif und schwerfällig geworden."

"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben, wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken."

"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt. "Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner Wirthschaft entziehst."

"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen."

"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin. Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist."

"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat."

"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend, "das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung und Entbehrung gebracht hat?"

"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt und gearbeitet hast."

"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt. Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich haben möge."

"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu, "ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen, brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."

Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber.

"Du willst Consortien gründen?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen. Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."