Der Todesgruß der Legionen, 1. Band
Chapter 5
"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte, langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen, das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen? Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--
"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen Händen liegen.--
"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken, "aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."
Er bewegte die Glocke.
"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé da?"
"Der General wartet im Vorzimmer."
"Führen Sie ihn herein!"
Der Kammerdiener öffnete die Thür.
Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein.
Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.
Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig nieder.
General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der Tuilerien.
Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche gekommen war, befahl er langsam zu fahren.
Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten die Herandrängenden zurückweisen.
"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte.
Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß.
Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut schallendem Ton:
"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den Meuterern!"
Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards.
Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend.
"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen."
Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.
"Nach Belleville!" rief Napoleon.
Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!" aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden.
"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre? Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit etwas ängstlicher Miene hinzu.
"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser, stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß ich mich noch als seinen Herrn fühle."
Man war in Belleville angekommen.
Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht. Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören.
Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden.
Der Kaiser ließ halten.
An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster hinschweifen.
Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben. Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor sich hin.
"Vorwärts!" befahl Napoleon.
Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden.
Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme.
"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich vor dem Richterstuhl der Geschichte!"
Der Kaiser zuckte zusammen.
"Halt!" rief er.
Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.
Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.
"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und ruhig.
Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu fahren.
Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde an.
Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.
"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.
"Zu Befehl, Sire."
Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das Innere des Hotels führte.
In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren, grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken Augenbrauen hervor.
Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:
"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu eilen."
"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß ich wohl zu Ihnen kommen."
Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.
Sie traten in den großen Empfangssalon.
"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt."
"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren. Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten."
Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken, Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.
Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.
Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte.
"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als bei Ihnen."
Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.
"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten, auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten."
Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt.
"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat."
"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich damals Unrecht gehabt."--
"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik, die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."
"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon, "sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief seufzend--"denn ich habe viel verloren."
"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen, und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält, sagen, als es Ihr Minister gethan hat."
"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen," fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen, bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden. Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen, und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden, jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"
Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder, dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und langsam, jedes Wort scharf betonend:
"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort, "daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel, der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit. Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.--
"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen."
"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns Hülfe und Beistand."
"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland wieder aufzunehmen."
"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert."
"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen. Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"