Der Todesgruß der Legionen, 1. Band
Chapter 4
"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer Anhänger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestät können also darüber nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde--aber--"
"Aber?" fragte der Kaiser gespannt.
"Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf bestimmen zu können?
"Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln."
"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wäre ich mein Oheim, vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen Frankreichs zu lenken--ich würde mich wahrlich keinen Augenblick besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen--aber kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst sprechend, "ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee übergeben können.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit ist--man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge--es wäre das Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren kann.
"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte über die preußische Armee-Organisation--es ist nicht genug, daß die französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa Franca möglich sein."
"Mir genügt," sagte Clément Duvernois, "was Eure Majestät mir so eben gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor, denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann."
Der Kaiser stand auf.
"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich überzeugen, daß ich diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden.
"Ich wünsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er Duvernois auf die Schulter klopfte, "daß Sie mir dereinst noch näher treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden."
Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck stolzer Befriedigung:
"Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden, meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören."
Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und verließ das Cabinet.
"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend--"er hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und zu dem ich," sagte er mit düsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in mir fühle."
Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief:
"Ihre Majestät die Kaiserin!"
Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.
Drittes Capitel.
Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes in das Cabinet.
Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden. Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer.
Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an seine Lippen führte.
"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses unruhigen Frankreichs."
"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der Stadt stattgefunden?
"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den Haß gegen die Regierung zu schüren."
"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."
"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.
"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr bedenkliche Aufregung."
Der Kaiser lächelte.
"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu lassen.
"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, "den genauen Bericht."
Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn zurückgestrichenem Haar in das Cabinet.
Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede des Kaisers erwartend.
"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.
"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles beendet."
"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.
"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der Präfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles beendet."
"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern, wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine solche Bewegung annehmen kann."
Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf.
"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?"
Pietri verneigte sich.
"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend, "daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht. Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man sich nicht darum gekümmert hätte."
"So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit flammenden Augen, "daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die Macht der kaiserlichen Regierung glauben?
"Und in der That," fügte sie bitter hinzu, "man fängt bereits an, diesen Glauben zu verlieren."
Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:
"Haben Sie die Güte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen zu lassen."
Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.
"Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis," sagte die Kaiserin. "Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan wird."
"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "daß mit aller Energie vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben."
"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--"
--"Und dieser Schlüssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand über seinen Knebelbart streichend.
"Er liegt in dem tiefen Gefühl," rief die Kaiserin, "welches ganz Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende preußische Macht."
Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:
"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fügte er mit einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen,--glauben sie denn, daß ich de but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß."--
"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere Armee für vollkommen schlagfertig--"
"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden."--
"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter, ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von 1866 wieder zu zertrümmern."
"Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?" fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den Beistand, den wir dort finden können."
"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter, "ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen."
Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig ansah.
"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "daß eine geschickte Behandlung der Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen. Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt nicht der geeignete Augenblick."
"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren Unruhen immer übermächtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"--
"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren Gedankengange folgend--"muß ich mit Männern umgeben sein, welche den Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen groß aufschlagend und seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, daß Daru der geeignete Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu machen--diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren Lebensbedingung der Friede quand même ist?"--
"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister? Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen Frankreichs erfüllen müssen.
"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lächeln von unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen, und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist."
"Und wenn Graf Daru abträte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen, um Frankreich mit sich fortzureißen?"
"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "daß ein solcher Mann nicht zu schwer zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir im Sinne liegt--"
Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber.
"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung, daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande, da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist. Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird sich von selbst machen."
"Sie könnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen Sie mich darüber nachdenken--"
"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend, indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee, diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.
"Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern, kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen haben."
Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches, goldschimmerndes Haar.--
"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "daß Sie in meine alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht erlöschen wird."
Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige Augenblicke schweigend neben ihm stehen.
"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."
"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen."
Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf die Stirn.