Der Todesgruß der Legionen, 1. Band

Chapter 2

Chapter 23,669 wordsPublic domain

Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor, schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier hinübersah.

Das Diner verlief schweigsam.

Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte.

Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte, von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.

Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache Lampe erleuchteten Salon zurück.

Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte, die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte, das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu machen.

Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.

"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt."

"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah, "ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu, "von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"

"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern, ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--"

"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft, "genügt Dir diese Heimath nicht?"--

Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:

"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige, die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als je--"

"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm Glück Nichts mehr im Wege stehen."

Er blickte düster vor sich hin.

"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande bin Dir eine Zukunft zu schaffen."

"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater," fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu gründen--"

"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine Existenz schaffen lassen.

Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."

Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und blickte ihm tief in die Augen.

"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind."

Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!--

Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte sich in ihren Sessel zurück.

Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts.

Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung bewegten Stimme.

"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.

"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--"

Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf den Schnurrbart und schwieg.

"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine Geliebte anblickend.

"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise.

"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."

Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon.

Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder; doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen würde.

Zweites Capitel.

Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in den Tuilerien.

Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide, sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in convulsivischen Zuckungen.

Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da liegenden Souverain.

An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit dem Zustande seines Patienten beschäftigt.

Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand, aufmerksam dem Pulsschlag folgend.

"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend; "es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät gern einige Tropfen Aethergeist einflößen."

"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."

Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend, auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.

Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen, seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.

"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?"

"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr. Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können."

"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und zu handeln."

"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen. Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung."

Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."

"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."

Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.

"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, das ich immer mehr verliere.

"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.

"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des öffentlichen Lebens."

Dr. Conneau lächelte.

"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern."

"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein möchte.--

"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa bewegen konnte.

"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny, Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.

"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben einzuflößen vermöchten.

"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht fortsetzen.--

"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt.

"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte. Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem Tode aufhört.

"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.

"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte?

"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn."

In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff dessen Hand und führte sie an seine Lippen.

"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--

"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und meinem Sohn den höchsten Dienst leisten."

Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem Glase Wasser.

"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung hervorgerufen hatte."

Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte.

Er stand langsam auf.

"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten Unfähigkeit herabstimmen."

"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl."

"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse, denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse."

Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen und verließ das Schlafgemach seines Herrn.

Der Kaiser klingelte.

"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir eine so liebe Gewohnheit geworden war."

Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte von seiner gebrochenen Kraft.

"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den Spiegel.

"Zu Befehl, Sire."

"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.

Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte.