Der Todesgruß der Legionen, 1. Band
Chapter 15
"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren Charakter der Nation Vertrauen einflößen.
"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky, welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz andere Richtung hätte nehmen müssen."
Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu Boden.
Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.
Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger Herzlichkeit.
"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald Etwas davon zu sehen bekommen?"
"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte, dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu leben haben."
"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.
Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm freundlich die Hand hinstreckte.
Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war, mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.
Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte, bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte.
"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"
"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte," fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen könnte."
Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.
"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."
"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen ist."
"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.
"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive Zustimmung geben."
"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch folgte.
"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums auszusetzen Lust haben werden."
"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich. "Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen. Wie stehen Sie mit Preußen?"
"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten, sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen."
"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"
"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite nicht der Anfang gemacht wird."
"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß, sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--"
Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen, entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'"
Er hielt inne und fragte abbrechend:
"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen, welches Ollivier bereits acceptirt hat?"
"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich entgegentreten."
"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen zwischen den Kaiser und die Volksmasse."
"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch.
Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand behielt.
Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne einen Wink.
Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden, nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.
Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem kleinen Hotel an der Place de St. George.
Ende des ersten Bandes.