Der Todesgruß der Legionen, 1. Band
Chapter 14
"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend."
"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war, niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."
"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen."
Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und beobachtend umher.
Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch trat.
"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."
"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks, Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager Friedens endlich ausgeführt wird?"
Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.
"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig, "dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür thun."
"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre steht."
"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton fragen."
"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der Doctor Nélaton jetzt die Politik?"
"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit. Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des Anstoßes findet."
"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben wird?"
Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.
"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt."
Herr Hansen schüttelte den Kopf.
"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler. Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er die Mittel dazu in Händen behalten."
"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."
Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene, wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu ruhen pflegte.
Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin, trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden hineinrief.
Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen Oelgemälden vorzüglicher Meister.
Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke, magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand, mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der Wissenschaft Theil zu nehmen.
Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.
Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit beschäftigt.
In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte, saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.
Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten, weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.
Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.
Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des Fensters mit einander unterhielten.
In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.
Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd, sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über die neue Entwicklung des Kaiserreichs.
"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System, welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen. Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."
"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und klar denkenden Mannes rechnen kann--"
"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft, so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation erstrebt und gesucht wird."
"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung und der greise General des Julikönigthums herein.
General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und ungesuchtester Natürlichkeit.
Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.
Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre Complimente machten.
Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen, etwas scharfen Stimme sprach:
"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der Gesellschaft zurückzieht."
"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr. Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."
"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist."
"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."--
"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."
"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung."
"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird."
Der General lächelte bitter.
"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie scherzen."
"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse; und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd.
"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben, daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur Richtschnur seiner Handlungen macht?
"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt, aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen."
"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.--
"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten, welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand durchgeführt."
Herr Thiers lächelte.
"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten, sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."
"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns das europäische Gleichgewicht veränderte."
"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.