Der Todesgruß der Legionen, 1. Band

Chapter 10

Chapter 103,391 wordsPublic domain

"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er. "Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen, nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."

Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet verlassen, trat der französische Botschafter ein.

Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines, fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem Schreibtisch nieder.

"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht."

"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen, die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen, welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben gerufen hat."

Herr von Beust schwieg einen Augenblick.

"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können, dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht hat."

Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn gerichteten Blick des Grafen Beust aus.

"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich, soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth erscheinen möchten."

Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der Decke des Schreibtisches.

"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber geworden."

"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen, die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."--

"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf Beust rasch und bestimmt.

"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."

Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller Aufmerksamkeit auf den Herzog.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches _Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht unterlassen könnte."

"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort, "ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--"

"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active militairische Hülfe verspricht."

"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall, daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict siegreich hervorgehen sollte--"

"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."

"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?"

Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe und bestimmte Frage.

"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien Volkswillens erhalten haben werden--"

Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an, dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.

"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne Frankreichs Genehmigung zu lenken."

"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe nicht ein--"

"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten Kriegsfall zu finden--"

"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"

"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme, uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird, welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der süddeutschen Staaten einzutreten."

"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war, vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals, so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte, sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im _Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden. Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten erscheint."

"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte, daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."

"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte."

Der Herzog erhob sich.

"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun, immer schwieriger zu machen."

"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen Charakter zu nehmen."

"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von 1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen, wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.

Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.

"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden, schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut. Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er, "wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."

Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.

Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.

"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem Besinnen.

Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet. Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten dunklen Ueberrocks noch höher erschienen.

Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.