Der Skorpion. Band 2

Part 11

Chapter 113,688 wordsPublic domain

„Und du?“ fragte Mette, „du und Nora, und Eccarius, und Zeeden und Johannes? – Ich hab’ hier ein Dutzend Menschen, die mir wohlwollen, die freundschaftlich für mich empfinden, deren Gesichter mir vertraut sind – ach, du ahnst ja nicht, wie unendlich viel das schon wert ist!“

„Ach, weißt du,“ Sophie lächelte nachdenklich, „man hat überall Freunde, auch wenn man sie nicht kennt. Man kann ihnen ja entgegenfahren, um sie kennenzulernen! Ich mußte einmal nach Marburg an der Lahn – ich kannte keine Seele da und fürchtete mich ein bißchen, wie ich so durch die Nacht fuhr, einer unbekannten Stadt entgegen. Da fiel mir meine Namensschwester ein, Sophie Mereau, nach der sie mich auch immer Sophus nennen – ich hab’ dir ja ihren Briefwechsel mit ihrem verrückten Mann zu lesen gegeben – ich dachte daran, wie sie nach Marburg fuhr, auf der Landstraße im Postwagen noch dazu, und was für Mut dazu gehört haben mag, sich von allen Freunden loszumachen und in ein ungewisses Leben hineinzufahren – in ein Leben mit diesem tollköpfigen, heißblütigen, grüblerischen Seelensadisten, diesem Clemens. Und ich freute mich auf die Stadt – ich wollte die Gassen aufsuchen, durch die sie ihre täglichen Gänge machen mußte, und wollte suchen, was vielleicht damals schon so war und was sich verändert hatte. Du glaubst nicht, wie mich das beruhigte.

Denke dir, du kämest in eine Stadt, in der deine besten Freunde gewohnt haben, von der sie dir immer erzählt haben, vielleicht fändest du sogar ihr Haus, ihre Wohnung noch unverändert – würde es dir fremd vorkommen, auch wenn sie lange gestorben sind? Und eigentlich haben wir doch in jeder deutschen Stadt gute Freunde gehabt. Geh’ nach Weimar – es hört sich sehr lächerlich an, wenn man sagt: ‚um auf Goethes Spuren zu wandeln.‘ Aber da ist kein Weg und kein Platz und kein Park und kein Dorf in der Umgegend, das dir nicht vertraut vorkommt und wo du nicht sagst: aha, das war da! und hier geschah das! Und wenn du durch die Straßen gehst und die Gedächtnistafeln an jedem dritten Haus siehst, dann kommt es dir vor, als wären es Türschilder von guten Bekannten, und wenn du Lust hast, kannst du auch hinaufspringen und durch ihre Wohnräume gehen – du bist bei Goethe ein ebenso gern gesehener Gast wie bei Liszt – nur schade, sie sind gerade nicht zu Hause – es wäre schön, ihnen einmal die Hand zu drücken – aber das ist ja nicht das wesentliche. Wir wissen ja, was sie uns zu sagen haben. Wir nehmen irgendwelche alte Briefe vor, zum Beispiel – ganz gewiß, wenn Goethe noch lebte, würde er uns niemals lesen lassen, was er Lida schrieb – und so kennen wir ihn ja eigentlich viel besser, als wenn wir ihn wirklich gekannt hätten!“

„Wie du mich manchmal an Olga erinnerst,“ sagte Mette kopfschüttelnd.

„Das ist deine Freundin, die gestorben ist?“ fragte Sophie sehr zart, mit Augen, in denen Angst und Trauer stand.

„Ja!“ Mette konnte lächeln. „Sie konnte auch Leute lieben, die hundert Jahre tot sind. Nur daß bei ihr Leidenschaft werden konnte, was bei dir doch immerhin mehr Freundschaft und Verehrung ist. Ich komme mir manchmal sehr klein und sehr tierisch vor – aber mir gibt immer noch eine warme Hand oder ein schlagendes Herz oder ein lebendiger Atem tausendmal mehr das Gefühl menschlicher Nähe, als ein Bild oder ein Buch, aus dem eine ganze Seele mich unverhüllt ansieht. Aber ich gebe zu, daß das ein Manko ist.“ – – –

* * * * *

Die Wege im Wald waren mit Tannennadeln bedeckt. Kleine Quellen, vom schmelzenden Schnee gespeist, suchten sich hastig und rücksichtslos ihre Straße meerwärts und überrieselten in vielfach geteilten, schmalen und breiten Rinnsalen die Fußsteige, um sich in das Bachbett zu stürzen. Gefällte Baumstämme lagen quer über den Weg und wollten umgangen oder überklettert sein.

Nach jedem dritten oder vierten Baum schien ein ebener, weithin sichtbarer, gebahnter Pfad zwischen den geraden Reihen der hohen Fichtenstämme zu laufen. Der Boden war rings umher mit einer ganz gleichmäßigen dicken Schicht abgefallener Nadeln überzogen, die unter jedem Tritt leise knackten und knirschten.

Sophie und Mette schlugen irgendeinen dieser Wege ein, im Gespräch vertieft. Aber sie merkten nach einer Weile, wie unter dem Nadelteppich Moospolster sich hoben, Wurzeln sich streckten. Der Boden wurde unebener, Löcher wechselten mit kleinen Hügelchen.

„Ich finde diesen Weg nicht sehr gepflegt,“ erklärte Sophie lachend, „wollen wir umkehren oder sehen, daß wir hier irgendwo weiter und wieder hinaus kommen?“

„Weiter,“ entschied Mette, „umkehren ist mir gräßlich! Dann hat man alle Unannehmlichkeiten, die man noch in ganz frischer Erinnerung hat, noch einmal zu bestehen und ist schließlich wieder am Ausgangspunkt. Lieber will ich dreimal solange und über dreifach schwierigeres Gelände gehen, aber geradeaus und auf unbekannten Wegen.“

„Das versteh’ ich,“ lachte Sophie, „ich hab’ immer gesagt, das muß das schlimmste am Kinderkriegen sein, daß man es dreiviertel Jahr lang vorher weiß. Nur nicht wissen, was einem bevorsteht. Also – dann: durch!“

Jede Andeutung eines Pfades hatte längst aufgehört. Das Gestrüpp des Heidelbeerkrautes schlug ihnen bis fast an die Knie und ließ kein Plätzchen frei, wohin sie nur den Fuß hätten setzen können, ohne die zähen, holzigen Stiele unter der Sohle zu biegen. Abgebrochene Äste von der Größe junger Bäume, manche noch mit grünen Nadeln bedeckt, die meisten nackte, schwarze, traurige Gerippe, mit grauer Flechte überzogen, reckten sich ihnen entgegen, griffen mit Hakenarmen nach ihren Füßen, ihren Kleidern, als böten sie allen Willen eines lebenden Wesens auf, um sie nicht durchzulassen oder mitgenommen zu werden.

Die Stämme wurden schlanker, traten dichter zusammen. Ihre unteren Äste, zu denen die Sonne niemals durchdringen konnte, waren abgestorben, schwarz und dürr, grau übersponnen, und sie griffen nacheinander, schienen miteinander verwachsen, daß die beiden sich nur mit Mühe durch sie hindurchdrängen konnten oder sich bücken mußten, um unter ihnen wegzukriechen, wobei sie dann doch mit den Köpfen anstießen und im windzerwehten Haar allerlei abgesplitterte Zweigendchen oder trockene Flechte mitrissen.

„Wir sind im Zauberwald,“ flüsterte Mette, „gleich kommt der Herr des Berges, was meinst du – soll es ein Zwerg oder ein Riese sein?“

„Dort liegt das Feenschloß.“ Sophie deutete auf eine Stelle, wo es wie eine goldene Wand durch die Äste schimmerte. „Wenn wir dort sind, sind wir geborgen! Komm, Schwesterchen, gib mir die Hand, wir laufen, was wir können!“

Sie strebten vorwärts, so rasch es ging. Dort hinter den Bäumen stand lichter Himmel, sonnige Weite. Schon traten die Stämme mehr auseinander, an den glatten Rinden spielten Sonnenflecke.

Sie traten wie aus einem Tor ins Freie. Ein Abhang lag zu ihren Füßen, nach Süden gewandt, ganz getränkt und geblendet von Sonnenlicht. Laubbäume standen hier, Buchen und Eichen, und streckten die ganze Pracht ihrer kahlen Kronen wie starkes und zierliches Schmiedewerk gegen den blauen Glanz des Himmels. Im Unterholz aber waren schon ungeduldige Knospen gesprungen und falteten die fein gekrausten, von Frische glänzenden Blättchen auseinander.

Zwischen dem grauen, verwitterten Laub am Boden drängten sich grüne Spitzchen hervor, blaue Leberblümchen und weiße Windröschen hatten die Kelche weit, weit aufgetan, um die kosenden Strahlen einzusaugen.

Ein breiter weißer Weg führte unten vorbei, von jungen Birken gesäumt, deren schleierzartes, hängendes Astwerk besät war mit gelben Blütenbüscheln. Er machte unter dem Abhang eine Biegung und lief ein Stück sanft, fast eben, weiter talwärts. Da, wo man ihn aus den Augen verlor, lag überraschend wie ein köstliches Wunder der glatte Spiegel eines Sees so gleißend im Sonnenlicht, daß er die Augen blendete. Daneben ragten rote Dächer, weißes Mauerwerk – das Ziel.

„Herrgott, ist die Welt schön!“ jauchzte Mette, „oh, Sophus, ich bin dir ja so wahnsinnig dankbar, daß du mir das mal wieder zum Bewußtsein gebracht hast!“

„Wir wollen oft zusammen ins Freie,“ sagte Sophie, „ich will dir alles zeigen, was ich früher – ganz früher – so hundertmal gesehen habe, immer in so verzweifelter Einsamkeit und immer in so zerfressender Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich das alles zeigen könnte. Wir müssen gehen, wenn die Obstbäume blühen, und nachher, wenn der ganze Wald voll Heckenrosen und Gaisblatt steht, oh, und im September, wenn das Laub bunt wird.“ Sie faßte nach Mettes Hand und preßte mit einem fast schmerzend festen Druck die Finger um das Gelenk. „Du sollst auch nicht fortgehen – das war ja alles Unsinn, was ich dir vorhin gepredigt habe. Wir werden schon sehen, dein Leben hier zurechtzukriegen – wir müssen dir nur eine Arbeit suchen – und du mußt dir ein nettes, kleines Heim einrichten, daß du nicht mehr in der scheußlichen Pension zu wohnen brauchst – und dann mußt du feierabends kommen und gemütlich bei uns sitzen, und einmal in der Woche müssen wir uns freimachen von aller Arbeit und von morgens bis abends in den Bergen herumlaufen.“ Sie wechselte plötzlich den Ton und sagte komisch trocken: „Und dann müssen wir uns verlaufen und müssen die Dächer, aus denen das von Gott uns bestimmte Mittagessen raucht, vor der Nase haben und an einem Abhang stehen, den wir nicht hinunterkommen – oder?“

„Wir kommen!“ sagte Mette zuversichtlich. „Schon weil uns nichts anderes übrigbleibt. Oder wollen wir uns vielleicht vom Ziel entfernen, um einen bequemeren Weg zu suchen? Ausgeschlossen!“

Im Anfang, als die Füße in dem raschelnden Laub versanken, ging es ganz gut. Aber auf dem letzten Streifen, kaum haushoch über der Chaussee, standen wieder Fichten und Kiefern, und der nadelbedeckte Boden war in der Sonne glatter als gebohntes Parkett.

Sophie, die das Bergauf-bergab von Kindheit an gewohnt war, stand – wenn auch in letzter Zeit aus der Übung gekommen – doch auf festeren Füßen als Mette, die von Schritt zu Schritt nach einem Ast suchte, an dem sie sich halten konnte. Sophie streckte ihr die Hand hin, aber Mette schlug ehrgeizig jede Hilfe aus; dabei fingen sie beide an zu lachen, über sich selbst, über den andern, über das kleine Abenteuer, über Scherzworte, die sie sich zuriefen, es brauchte nur der Warnung des andern, daß man fallen würde, der Ahnung einer wirklichen leichten Gefahr, um das Gelächter, das man unterdrücken wollte, in tolle, kindische Lustigkeit ausarten zu lassen. Mette lachte, daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten, sie sah nicht mehr, wohin sie trat, die Füße glitten unter ihr weg, ein Zweig, an dem sie sich hielt, knickte ab und blieb ihr in den Händen; sie wäre unfehlbar gestürzt, wenn nicht Sophie, einen Fuß gegen eine Wurzel gestemmt, sich ihr entgegengebeugt, sie aufgefangen und gehalten hätte. Einen Augenblick lagen sie so Brust an Brust, heiß, lachend, mit hastigem Atem und schlagenden Herzen. Im selben Augenblick wurden beide ernst, neigten die Gesichter zueinander und legten willenlos und demütig Mund auf Mund.

Mette schloß die Augen. Sie fühlte Sophies fiebernde Lippen auf ihren Lidern, ihren Schläfen, ihren Wangen. Sie hörte ihre heiße Stimme flüstern:

„Rühr’ dich nicht, wehr’ dich nicht, sonst stürzen wir beide hinunter!“

Sie dachte nicht daran, sich zu wehren. Sie dachte nicht daran, sich zu rühren. Sie hielt reglos still, das Herz wurde ihr groß und warm, und ihr war, als müsse es unter Liebkosungen aufblühen wie ein junger Baum im Maienregen. – – –

* * * * *

Sie aßen Mittag unter dem freundlich winkenden roten Dach und fuhren über den silbernen See und wanderten nach der Bahnstation, und waren bald ausgelassen, bald sentimental, aber immer zuvorkommend und ritterlich gegeneinander – und sie sprachen von tausend Dingen, nur nicht von sich selbst und nicht von dem, was sie dachten und empfanden.

Auf dem kleinen Bahnhof saßen sie zwischen andern Leuten, schweigsam und müde, und warteten auf den Zug. Die frühe Dunkelheit brach an, die wenigen Laternen warfen trübes Licht in das blaue Dämmer. Mette fing an zu frieren und drückte das Gesicht in den hochgeschlagenen Kragen.

Endlich kam der Zug. Sie suchten beide nach einem leeren Abteil, ohne diese Absicht auszusprechen. Sie fanden eines und stiegen ein.

‚Nun wird alles gut,‘ dachte Mette, ‚ich will meinen Kopf an ihre Schulter legen und mir leise gute Worte sagen lassen. Dann wird das Frösteln aufhören.‘

Sophie saß neben ihr, ein wenig vorgebeugt, und sah aus dem Fenster, ohne ein Wort zu sprechen – lange, lange. Draußen glitten Felder und Wälder vorbei, immer dichter in Dunkelheit gehüllt, selten durch ein helles Fenster, eine einsame Laterne unterbrochen. Endlich wandte Sophie Metten das Gesicht zu – ein Gesicht, das im schwachen Schein des flackernden Gaslämpchens gespannt in allen Zügen, ernst und totenblaß aussah.

„Ich habe dir heut’ morgen etwas gesagt, Metti,“ fing sie an – schwerfällig, stockend, und doch so, als hätte sie die letzte schweigsame Stunde dazu verwandt, es auswendig zu lernen, „denk’, es wäre das einzige gewesen, und vergiß alles, was ich sonst gesagt oder getan habe. Ich hab’ dir gesagt: geh’ weg von hier! Und ich bitte dich jetzt, wenn du das geringste – Wohlwollen für mich hast: geh’ weg von hier! Ich weiß seit beinah’ dreißig Jahren, daß ich ohne Nora nicht leben kann. Ich habe es mir selbst bewiesen – ich bin in jeder Hinsicht verkommen, als ich den Zusammenhang mit ihr ganz verloren hatte, und ich bin ein Mensch und ein Arbeiter geworden, von dem Moment an, wo sie bei mir war. Ich lebe seit fünf Jahren in der Überzeugung, daß ich restlos glücklich bin. Ich darf mir diese Überzeugung durch nichts erschüttern lassen. Ich darf niemals auf den Gedanken kommen, daß es eine Lebensmöglichkeit für mich gibt außer Nora. Sie würde es fühlen, und sie würde gehen. Sie erträgt ihre Leiden nur, weil sie mir bedingungslose Notwendigkeit ist. Sie würde ein Ende machen, wenn sie wüßte, daß ich mich eine Stunde lang wohlfühle ohne sie. Vielleicht hast du uns so gern, daß es dir ein Opfer ist, den freundschaftlichen Verkehr mit uns aufzugeben. Ich möchte beinah sagen: ich hoffe es.“ Sie senkte den Kopf sehr tief, damit man das Zucken ihrer Lippen nicht sah. „Aber ich weiß, daß du dieses Opfer bringen wirst, weil du eine Ahnung hast, um was es geht. Ich habe mich überschätzt. Es ist sehr schlimm, sich das eingestehen zu müssen. Wenn du fort bist, werd’ ich es Nora beichten – aber nicht jetzt, solange es ihr nur eine Minute die Ruhe nehmen könnte. Ich würde auch jetzt nicht den richtigen Ton dafür finden!“ Sie sah wieder aus dem Fenster.

Mette war die Kehle trocken.

„Natürlich,“ sagte sie gedankenlos, „selbstverständlich.“ Und immer wieder: „Ja – selbstverständlich – natürlich,“ ohne zu wissen, was sie damit meinte.

Als der Zug hielt, sprang Sophie heraus und faßte Mettes Ellbogen, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Aber sie ließ sie gleich wieder los, und beide lächelten verlegen und schmerzlich.

Auf dem Bahnsteig gaben sie sich mit festem Druck die Hand.

„Komm gut nach Hause, Kind,“ sagte Sophie. „Und gut durchs Leben. Und ich danke dir – für alles.“

„Ich dir auch,“ antwortete Mette tonlos.

Dann ließ die gute feste Hand sie los.

Einen Augenblick trafen sich ihre Augen, glitten ineinander, dann irrten sie wie aufgescheucht nach irgendeinem hellen Fleck in der Ferne.

Sophie wandte sich. Sie vergrub beide Hände in den Taschen, drückte den Kopf in den Nacken und schritt weit aus.

Eine Weile überragte sie noch das Gewühl der strömenden Menge, dann tauchte die hohe Gestalt unter und verschwand.

Langsam, mit schweren Füßen, wandte sich Mette nach der andern Treppe.

Mette hatte das Fenster weit aufgemacht, einen Stuhl dicht daran gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das Gesicht in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen Nachthimmel auf, das die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren Stern“. Aber die Mauern verbargen ihn.

Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von irgendwoher ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war Musik. Man hörte mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes heraufdringen. Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil alle Fenster offen standen.

Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche Zeit, die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des jungen Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das gewesen war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster ihres weißen Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in den Garten hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des Lebens, das kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens, dessen Widerhall an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck zu durchzittern schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer Muschel fängt und weitersummt.

Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo unselige Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig zerfleischten. Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den goldenen Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den die Seligen wandeln ...

Vielleicht war Sterben schön ...

Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die Seele sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie schloß die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr schwindlig wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga sehen ... sehen? wenn der Mechanismus von Linsen und Sehpurpur und Nerven zerstört war? ... aber fühlen ... ahnen.

Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb erhalten, oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer über das vertane Leben ...

Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast die Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt. Mette fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht hatte. Aber vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein kleines Tor aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.

Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen hielte? – – –

* * * * *

Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt getan hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende Wunsch nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ... es müßte so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der hellerleuchteten Kaffeehäuser zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören – nicht allein natürlich – in einem Kreis ruhiger, harmloser, bürgerlicher Menschen.

Es müßte sehr nett sein ...

... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf- und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...

Und Eis mit Früchten! ...

Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...

Und es war eigentlich leichter –

Der Revolver lag so nah!

Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber ihr Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte: ‚Wenn ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘

Aber sie stand nicht auf.

Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.

Man rief ihren Namen, klopfte an ihre Tür.

Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer, Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.

„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“ „Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es ist eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“

Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt – es war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.

„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten Zeit lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren Gesellschaft würdig zu erscheinen.“

Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das unklare Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße herum, um mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen. Vielleicht traf sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen fand, aus irgendeinem Augenpaar, das ihr gefiel.

Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte: Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer von einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies, daß sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie alle allein sind. – – –

* * * * *

Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen Lampen mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen Eisfrüchte und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer „Vergletscherung der Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.

Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.

Man ging also zwei Häuser weiter in ein Weinrestaurant, wo die Musik dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.

Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und interessierten Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in ihrer Eitelkeit geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten gehörte.

Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.

An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren. Mette sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete alles mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer saßen neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und jedem giftigen Hauch zu schützen.

‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da? Gehör’ ich nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner Erziehung, meiner Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher ihr Bruder – er hat eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel besser zu mir passen, wenn ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und meiner Schwägerin und meinem Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr hübsch wäre das. Warum wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur, weil ich Sehnsucht nach ganz klaren, bürgerlichen, reinlichen Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne Frau mir gefällt?‘