Der Skorpion. Band 2

Part 10

Chapter 103,860 wordsPublic domain

Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes Gespräch mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie machte den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.

Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf den Tisch sinken:

„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die ganze Zeit nichts anderes gedacht.

„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“

Als Mette nach Hause kam, begegnete ihr auf der Diele eines der Mädchen und sagte – wie es ihr schien, mit einem vieldeutigen und unverschämten Lächeln:

„Fräulein Werkenthin ist da und wartet auf Fräulein Rudloff.“

Mette fühlte ihr Herz zittern, wie in letzter Zeit so oft. Sie ging langsamer, weil sie nicht so schnell nach ihrer Zimmertür kommen wollte. Ihr war, als ob sie dringend noch einiger Sekunden Aufschub bedürfte – dann schien es wieder, als wäre das Mädchen stehengeblieben, sie glaubte den spöttischen, beobachtenden Blick wie einen Stich zwischen den Schulterblättern zu fühlen und ging wieder rascher.

Es war kalt draußen, kalt auf der Treppe, kalt auf dem Türgang.

Sie hatte sich so auf ihr warmes stilles Zimmer gefreut, auf den milden Schein der Lampe, auf eine Stunde im Sessel, ein gutes Buch in der Hand. Nun war ihr liebes Zimmer ganz erfüllt von fremdem Wesen, eine Wolke von Opium und betäubendem Parfüm würde ihr entgegenschlagen, und sie würde heute Abend keine ruhige Viertelstunde mehr haben.

Sie würde wieder die halbe Nacht in allen Nerven zitternd im Bett liegen und ein Adalin nach dem andern schlucken müssen, um ein paar Stunden steinschweren, unerquicklichen Schlafes zu haben.

Eine jähe Wut packte sie an und schüttelte sie.

‚Ich will, daß mein Zimmer leer ist,‘ dachte sie wie ein trotziges Kind mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten, ‚jedes Tier hat seine Höhle, in die es sich verkriechen kann! Ich will jetzt einen Raum haben, wo ich allein bin. Ich muß allein sein, ich muß Ruhe haben, ich will keine fremden Menschen in meinem Zimmer!‘

Sie lehnte sich einen Augenblick erschöpft und dem Weinen nah gegen die Wand. Sie überlegte, ob es nicht das beste wäre, wieder fortzugehen, sich in ein Kaffeehaus zu setzen und Zeitungen zu lesen – aber sie war müde und fürchtete sich vor den kalten, dunklen Straßen. Außerdem mußte sie ja schließlich doch einmal nach Hause, und sie würde um Mitternacht immer noch jemand wartend in ihrem Zimmer vorfinden.

Sie ging also rasch entschlossen auf ihre Tür los. Sie nahm sich vor, Kopfschmerzen zu heucheln – ach, sie hatte wahrhaftig schon welche vor Angst und lauter Ärger – sie würde sich einfach ins Bett legen, Kompressen machen, Pulver schlucken und auf alle Fragen und Erzählungen nur ein ja oder nein stöhnen. Vielleicht bliebe sie dann bald allein.

Als sie die Tür öffnete, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, zu träumen oder wahnsinnig zu sein.

Alle Türen und Fächer ihres Schreibtisches waren offen. Weiße Berge häuften sich davor. Sie erkannte mit einem flüchtigen Blick Briefe, Bilder, Studienhefte – alles in einem wüsten Durcheinander.

Vor den offenen Schüben der Kommode kniete Gisela in Hemd und schwarzseidnen Trikothöschen und zerrte und wühlte in Mettes Wäsche.

Es war das Schlimmste, was man Mette antun konnte, wenn man sich an ihren wehrlosen Sachen vergriff.

Sie stürzte auf Gisela zu und packte zornig ihren nackten Arm.

„Was machst du denn da? Was fällt dir denn ein?“ herrschte sie sie an.

Gisela war nicht im mindesten erschrocken. „Du kommst zu früh,“ sagte sie kalt und entblößte mit einem höhnischen Mundziehen die Zähne, „jawohl, zu früh, ich weiß ganz gut, was ich sage, ich meine nicht zu spät, sondern zu früh. Wenn du fünf Minuten später gekommen wärst, wäre alles schon erledigt gewesen.“

„Was heißt das?“ fragte Mette, immer noch mehr in Wut, als in Angst, obgleich das Gesicht, das sie hundert Sekunden lang dicht vor dem ihrigen gesehen hatte, ihr fremd und unheimlich erschien, „was tust du hier? Was kramst du in meinen Sachen?“

„Ich suche etwas,“ sagte Gisela scharf und höhnisch, „das siehst du wohl, daß ich etwas suche. Geht es dich etwas an? Ich glaube im Grunde nicht, daß es dich etwas angeht. Ich glaube nicht, daß es dich,“ sie zeigte ein paarmal mit ausgestrecktem Finger auf Mettes Brust, „dich im Grunde etwas angeht – in deinem Grunde. Ich in meinem Grunde gehe dich nichts an. Ich bin am Grunde – ganz tief am Grunde.“ Sie sang mit leiser gebrochener Stimme und schmerzlich verzogenem Gesicht „In einem kühlen Grunde“, um plötzlich mit ganz verändertem klaren und fast geschäftsmäßigen Ton zu sagen: „Ich suche deinen Revolver.“

Mette wollte einen Blick nach dem Nachttisch werfen, aber mit fast übermenschlicher Energie bezwang sie die schon begonnene Bewegung, als sie sah, daß Giselas Augen an ihrem Gesicht hingen und jeder leisen Regung folgten.

„Was willst du mit dem Revolver?“ fragte sie ganz ruhig, „das ist kein Spielzeug für dich.“

„Was ich mit dem Revolver will?“ sagte Gisela mit einem klagenden, singenden Kinderton. „Ihn abdrücken, gegen meine Schläfe halten, losdrücken, sterben, schlafen. Wie du fragst! Was ich mit dem Revolver will? Ei nun – was man mit einem Revolver zu tun pflegt. Ei nun ...“ Sie fing plötzlich an zu lachen. „Hast du schon einmal in deinem Leben gehört, daß ein Mensch ‚Ei nun‘ sagt. Zu blöd’!! Wer wohl diesen Satz erfunden hat! Ei nun ... ei nun ...“ Sie kam immer mehr ins Lachen, lachte so, daß ihr die Tränen über’s Gesicht liefen, schüttelte den Kopf, daß ihr die Strähnen um die Stirn flogen und wiederholte immer „ei nun – ei nun.“

Plötzlich stand sie auf und stieß mit den schmalen zierlich beschuhten Füßen gegen die Kleider, die auf dem Boden lagen.

„Du mußt dich nicht wundern, daß ich mich ausgezogen habe. Ich habe es ganz mit Absicht getan, weil mir zu warm war. Vielleicht findest du es ungehörig, daß ich mich in deinem Zimmer ausgezogen habe. Dann bitte ich dich hiermit um Verzeihung,“ sagte sie sehr förmlich, „du findest ja manches ungehörig, weil du aus einer höheren Gesellschaftssphäre stammst. Du bist eben ein Sphäroid,“ sie fing wieder an, unbändig zu lachen, „ich habe nie eine Ahnung gehabt, was das ist, aber genau so habe ich mir ein Sphäroid immer vorgestellt.“ Sie schwankte und stützte sich mit beiden Händen auf die Kommode, ihre Augen schlossen sich halb, ihr Mund verzog sich schmerzlich. „Wenn mich jetzt ein Mensch auf der Welt lieb hätte, würde er mich zu Bett bringen. Oh, nur liegen, daß mein Gehirn endlich in die richtige Lage kommt. Es hat sich umgedreht und stößt sich fortwährend an der Hirnschale.“ Sie lächelte, wie um Verzeihung bittend: „Ich weiß natürlich, daß es sich nicht umgedreht hat, aber es fühlt sich so an, glaub’ mir, genau so.“

Mette griff stützend an ihren Ellbogen:

„Komm, ich will dich hinlegen,“ sie bemühte sich, sehr sanft zu sprechen, „komm, sei mein gutes Kind. Du legst dich schön auf den Diwan – dann kommt dein armes Gehirn wieder in die richtige Lage – du bist müde, glaub’ mir, du mußt schlafen, dann bist du in ein paar Stunden wieder ganz frisch und munter.“

Sie faßte den schmalen, willenlosen Körper um die Schultern, führte ihn nach dem Diwan, bettete ihn auf die Kissen und bedeckte ihn noch mit den Decken aus dem Bett.

Sie setzte sich daneben und streichelte mechanisch die kalten und wie leblosen Hände, bis die zitternden Atemzüge ruhiger wurden, die Glieder sich streckten, und der Kopf sich tiefer in die Kissen grub.

Eine Weile saß Mette ohne sich zu rühren, weil sie Angst hatte, die Schlafende zu wecken. Jetzt war es doch wenigstens still im Zimmer.

Sie sah nach der Uhr. In einer halben Stunde hätte Gisela auf dem Podium stehen sollen, um zu singen. Sie warf einen Blick auf das erschöpfte Gesicht mit den erschlafften Zügen und dem geöffneten Mund. Es würde kaum möglich sein, die Schlafende jetzt zu erwecken, und sie an ihre Berufspflichten zu erinnern. Mette verspürte auch nicht die geringste Lust dazu.

Sie stand leise auf, um an das Telephon zu gehen. Sie wollte wenigstens bei dem Kabarett anklingeln und Gisela krank melden. Vielleicht konnte sie ihr dadurch eine Strafe ersparen. Außerdem war ihrem bürgerlichen Empfinden der Gedanke unerträglich, daß die Leute dort in fieberhafter Aufregung von Minute zu Minute warten sollten und keine Nachricht bekämen.

Sie schlich erst auf Zehenspitzen, sich vorsichtig umschauend wie ein Verbrecher, nach dem Nachttisch, um den Revolver herauszunehmen. Sie überlegte, wohin sie ihn tun könnte – kein Platz erschien ihr sicher genug. Sie beschloß, ihn mitzunehmen, und da sie nicht mit ihm gesehen werden wollte, schob sie ihn vorn in die Bluse. Sie fühlte ihn kalt und schwer und unheimlich in dem leichten Stoff hängen, und obgleich sie die Sicherung noch einmal geprüft hatte, hatte sie bei jedem Schritt das Gefühl, beim leisesten Anstoß würde Sicherung und Hahn sich lösen, und die Kugel ihr in die Brust dringen. Sie sagte sich trotzig, daß es das Beste wäre, was ihr geschehen könnte, und bezwang damit ihre Angst.

In der Telephonzelle wartete sie lange, ehe sie die Nummer nannte, weil sie auf dem Gang Schritte zu hören glaubte, oder Türen, die sich öffneten – sie wollte nicht, daß irgend jemand das Gespräch mit anhörte.

Als sie die Verbindung endlich bekommen hatte, mußte sie die Litanei, daß Fräulein Werkenthin krank sei und nicht kommen könne, dreimal herunterbeten.

„Einen Augenblick bitte, ich verbinde mit dem Bureau,“ sagte das erstemal eine höfliche Stimme.

„Moment, ich verbinde mit der Direktion,“ das klang schon weniger liebenswürdig.

„So,“ sagte eine scharfe Stimme nach dem drittenmal, „Fräulein Werkenthin ist krank. Das wird der Arzt entscheiden! Er wird in einer Viertelstunde in ihrer Wohnung sein.“

„Fräulein Werkenthin ist nicht in ihrer Wohnung,“ sagte Mette mit klopfendem Herzen, „sie ist bei mir.“

„Wer ist denn überhaupt da am Telephon?“

„Eine Freundin von Fräulein Werkenthin.“ Nicht, wenn man sie gefoltert hätte, würde Mette jetzt ihren Namen genannt haben. „Fräulein Werkenthin war bei mir zu Besuch und ist ohnmächtig geworden.“

Sie hörte, daß die Stimme mit höhnischer Betonung nach rückwärts sagte: „Sie war bei ihrer Freundin und ist ohnmächtig geworden!“

Eine Stimme schrie, heiser vor Wut, dicht am Apparat: „Sie ist wohl besoffen, wie?“

Mette hörte, daß jemand weggedrängt und zur Ruhe verwiesen wurde, und hörte noch ein unwirsches Gemurmel – „Morphium oder Koks oder Alkohol – immer abwechselnd“.

„Sagen Sie Ihrer Freundin,“ das war wieder die scharfe Stimme von zuerst, und wie sie höhnisch hervorhob „Ihrer Freundin“ traf es Mette wie eine Ohrfeige, „ich könnte sehr gut verstehen, daß sie das Vergnügen Ihrer Gesellschaft dem Auftreten an meinem Institut vorzieht. Aber ich kann ihr auch versichern, daß es mir durchaus kein Vergnügen macht, ihr für nichts und wieder nichts eine hohe Gage zu zahlen. Fräulein Werkenthin wird morgen ein Attest des Theaterarztes einreichen, oder sie ist entlassen.“

Der Hörer wurde mit einem Ruck aufgelegt.

Mette überlegte eine qualvolle Minute lang, ob sie an den Theaterarzt telephonieren sollte. Vielleicht ließ er sich bewegen, ein Attest zu schreiben.

Aber sie hätte ihren Namen angeben müssen, ihre Wohnung. Sie hätte diesem fremden Mann gegenübertreten müssen, ihn in ihr Zimmer führen. Alles in ihr kochte auf vor Empörung. Wie kam sie dazu?

Sie ging geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Als sie ihre Sachen auf dem Boden verstreut sah, schüttelte sie wieder eine Welle Zorn.

Sie hatte jetzt keine Lust, aufzuräumen. Sie wollte auch gar nicht sehen, was da alles lag, so roh herumgezerrt und herumgeworfen.

Sie drehte einen Sessel so, daß er der Verwüstung und dem Diwan den Rücken drehte. Sie nahm ein wissenschaftliches Buch vor und versuchte, zu lesen. Vom Diwan klang der regelmäßige Atem so rauh und schwer, daß er gar nicht aus dem zarten Körper zu kommen schien. Und die Unordnung hinter ihr bedeutete zugleich auch Unruhe. Es war, als ob die offenen Schübe und Türen ein hilfesuchendes Klagen ausstießen. Und als ob sie Augen auf dem Rücken hätte, die durch die Sessellehne hindurch immerzu die weißen Flecke von Papier und Batist auf dem dunklen Teppich sahen.

Das Gehen und Reden draußen hörte auf. Es wurde still in der Wohnung, still im Haus.

Die Heizung ließ nach, das Zimmer wurde immer kälter.

Die Kälte kroch vom Fußboden herauf in Mettes Glieder. Sie zog die Füße auf den Sitz, aber auch das half nicht für lange.

Dicht neben ihr auf der Erde lag Giselas Mantel. Sie hob ihn auf und legte ihn sich über die Knie. Eine Duftwelle stieg von ihm auf. Sie schleuderte ihn angeekelt wieder auf den Teppich zurück.

Sie zittert vor Kälte, Aufregung und Müdigkeit. – – –

* * * * *

Lange nach Mitternacht stand sie leise auf, um sich vom nächsten Stuhl ihren eigenen Mantel zu holen. Die erstarrten Glieder schmerzten bei jeder Bewegung. So vorsichtig sie ging, die Dielen krachten unter ihrem Schritt, und Gisela fuhr mit einem Aufschrei in die Höh’.

Ihre Augenlider waren dick geschwollen, das Haar hing in wirren Strähnen um das blasse, verwüstete Gesicht.

„Wer geht da?“ rief sie, „oh, du bist es, Mette!“ sie lachte halb verlegen, „ich dachte, es wären Einbrecher.“

„Ich habe ans Trocadero telephoniert,“ sagte Mette müde und ruhig. „Ich glaube, Kayser war selbst am Telephon – du hast die Vorstellung versäumt. Er war sehr wütend – du sollst morgen ein Attest beibringen, oder du bist entlassen.“

„Wenn schon,“ sagte Gisela wegwerfend, „er soll sich nicht lächerlich machen mit seinen Drohungen.“

Mette hob die Achseln: „Das kannst du ihm vielleicht selber sagen! Mir war es unangenehm genug, mich von den Herren behandeln zu lassen, als wäre ich daran schuld.“

„Arme Mette“ – das klang ehrlich bedauernd und ohne jeden Spott – „du weißt gar nicht, wie leid du mir tust. Mußtest du armes kleines Bürgerseelchen mit deinen tausend Ängsten an mich geraten!“ Sie arbeitete sich aus den Decken heraus: „Ich war schon ziemlich bei mir, vorhin, als ich den Revolver suchte, glaub’ mir! Ich weiß ganz genau, was ich wert bin, und was für mich und alle das beste wäre.“

Sie saß auf dem Diwan und sah betrübt auf ihre schlanken Beine in schwarzseidnen Strümpfen hinab.

„Meine Mutter hat mir immer prophezeit, daß ich in der Gosse ende. Schon als ich ganz klein war. Ich muß bald enden, wenn es nicht doch noch dahin kommen soll. Krank bin ich – vielleicht bin ich morgen brotlos – meine Stimme ist hin, verbraucht, kaputt. Morgen such’ ich mir einen Liebhaber im Klub, übermorgen im Kaffee, nächste Woche auf der Straße.“

Sie hob das Gesicht, das von Tränen überströmt war.

„Gib mir deinen Revolver, Mette, ich bitte dich, du tust ein gutes Werk. Ich schreibe noch einen Abschiedsbrief, damit dich kein Verdacht trifft. Ich bitte dich, sei barmherzig!“

„Ich habe ihn gar nicht mehr,“ log Mette, „ich habe ihn verborgt.“

Dabei fühlte sie sein Gewicht. Er hing vorn in ihrer Bluse, daß der Kragen wie eine feine drückende Schnur auf ihrem Nacken lag.

‚Was soll nun werden?‘ dachte sie, ‚niemals werde ich von ihr frei kommen. Es wird immer so weiter gehen, ich werde sie in meinem Zimmer finden, jedesmal, wenn ich heimkomme, sie wird keinen Beruf mehr haben, kein Geld, sie wird wie eine Klette an mir hängen – und das soll mein Leben sein. Warum nur das alles? Wodurch habe ich das verdient? Nur weil ich mir ihre Zärtlichkeiten habe gefallen lassen? Hat sie dadurch ein Anrecht auf mich, habe ich mich in ihre Hände gegeben, mit Leib und Seele?‘

Gisela kreuzte fröstelnd die nackten Arme über der Brust.

„Es ist kalt hier,“ sagte sie, „warum bist du nicht ins Bett gegangen, armes Tierchen? Es ist doch sicher schon sehr spät – viel zu spät, als daß ich noch eine Bahn nach Hause bekäme. Ach, ich bin wie gerädert. Komm, Mettelchen, wir legen uns beide in dein Bett, damit wir warm werden. Frierst du auch so mordsmäßig?“

„Nein,“ sagte Mette kurz. „Leg du dich nur ins Bett. Ich will noch ein bißchen lesen – ich bin noch zu wach.“

Gisela schlüpfte aus den Schuhen und kroch ins Bett.

„Ich lege mich ganz an die Wand,“ sagte sie, „du hast noch Platz.“

„Ja, ja, danke schön.“

Mette saß wieder ganz still in dem tiefen Sessel ...

Das Gewicht des Revolvers ließ sie wieder eine feine drückende Schnur im Nacken spüren ...

Sie dachte über sich selbst nach und ihr war schwindelig, als sähe sie einen Abgrund, den sie überquert hatte, ohne seine entsetzliche Tiefe gewahr zu werden.

Hatte nicht vor einigen Minuten eine Stimme in ihr geschrien: Tu es doch, gib ihr den Revolver, laß sie ein Ende machen, dann hast du Ruh’!

Wenn sie es getan hätte, dann hätte ein Schuß gekracht, Blut und Hirn hätte sie bespritzt, im Zimmer läge jetzt eine Tote – oder eine Sterbende.

Und sie, Mette Rudloff, hätte einen Mord begangen!

Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit, aus kleiner, erbärmlicher Selbstsucht.

Sie hatte diesen Mord in Gedanken begangen. Es hätte nur einer harmlosen Bewegung bedurft ...

Und dann ...

Sie schauderte zusammen.

Vom Bett her klang ein tiefes, ruhiges Atmen.

Mettes Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.

‚Sie hätte es nicht getan,‘ dachte sie, ‚die hätte es nicht getan.‘

Eine Landstraße dehnte sich weiß im Licht. In schattendunklen Ecken, wo die Sonne niemals hinkam, lagen noch kleine bräunlich-zermürbte Fleckchen Schnee. Die Obstbäume an beiden Seiten der Straße hatten kugeldicke Knospen, an denen die dunkle Hülle schon weißschimmernde Streifchen sehen ließ. Der Wald in der Ferne war überflogen mit einem rötlichen lebenverkündenden Schleier.

Mette und Sophie wanderten die Straße entlang.

„Gott, ist das schön,“ sagte Mette und zog mit offenem Mund die reine starke Luft in die Lungen, „es war ein wundervoller Gedanke von Nora, uns einmal hinauszujagen!“

„Nora hat immer wundervolle Ideen,“ meinte Sophie mit einem heitern und zärtlichen Stolz. „Sie weiß immer, was ich brauche und was mir gut tut, viel besser, als ich selbst. Ich weiß nun allerdings meistens nicht, was mir fehlt. Tatsächlich – ich fühle mich unbehaglich und weiß nicht, ob ich schlafen möchte, oder essen, oder spazierengehen. Aber Nora sagt mir dann: du mußt dich hinlegen, oder: du mußt an die Luft – und es ist immer das Richtige.“

„Du hast es gut,“ sagte Mette mit einem kleinen nachdenklichen Seufzer, „aber du weißt es wenigstens – darum gönne ich es dir auch.“

„Ja, ich weiß es,“ das klang fast andächtig. „Ich hab’ es so unmenschlich gut! Ich weiß es – und du weißt es. Aber die wenigsten Leute sonst machen sich einen rechten Begriff davon. Ich glaube, sie überschätzen mich vielfach. Man hält mich im allgemeinen für viel stärker und selbständiger, als ich in Wirklichkeit bin – für viel männlicher, können wir ja auch sagen. Und dabei bin ich im Grunde so entsetzlich hilflos! Ich kann arbeiten – aber doch nur, weil ich weiß, für wen ich arbeite. Ich glaube, wenn ich nach der Arbeit in eine leere Wohnung hinaufsteigen müßte, ich würde wahnsinnig vor Einsamkeitsangst, oder ich würde Abend für Abend im Kaffee sitzen und trinken und rauchen, bis mir das Leben erträglich erscheint. Ich weiß, daß manche Leute mich bedauern, weil Nora krank ist. Denke dir, vielleicht klingt es brutal und herzlos – aber manchmal empfinde ich es direkt als ein Glück, daß sie sozusagen mit dem Haus verwachsen ist. Das Haus und sie – es bleibt immer auf demselben Fleck und ist immer da für mich.“

„Es erwartet dich,“ sagte Mette mit trübem Lächeln, „und im Grunde freust du dich jetzt schon auf den Abend, wenn du wieder heimkommst. Das ist für dich das Schönste an dem ganzen Ausflug.“ – – –

* * * * *

Sie schritten bergan. Die Sonne brannte so, daß sie die Jacken öffnen mußten.

„Was macht Gisela eigentlich?“ fragte Sophie. Man merkte es dem Ton an, daß die Frage beiläufig und harmlos klingen sollte, und vielleicht darum schon dreißigmal im letzten Moment zurückgehalten worden war.

„Es geht ihr schlecht,“ sagte Mette trotzig, „hast du schon einmal erlebt, daß es ihr nicht schlecht ging?“

Sophie schüttelte den Kopf:

„Daß du nicht mehr Einfluß auf sie hast! Du bist doch im Grunde so eine gesunde und kraftvolle Natur. Aber sie zieht dich hinunter, anstatt daß du sie heraufreißt. Woran liegt es, daß du gar keinen Einfluß auf sie hast?“

„Das liegt daran, daß ich sie nicht liebe,“ sagte Mette in einer verärgerten Stimmung, die ihr lange schweigend getragene Gedanken über die Lippen drängte, „und daran, daß sie mich nicht liebt. Glaub’ mir, in jedem großen Einfluß, den ein Mensch auf einen andern ausübt, steckt – ganz unbewußt vielleicht und ganz verborgen – ein Stück Liebe. Ich wenigstens bin sicher nur zu beeinflussen, wenn ich liebe.“

„Du wirst aber beeinflußt,“ Sophie wurde plötzlich sehr ernst, „obgleich du ja nicht liebst, wie du sagst. Du glaubst nicht, wie du dich für einen unbefangenen Beobachter verändert hast! Als wir dich kennenlernten, warst du so kinderjung – selbst wenn du ernst warst oder melancholisch, es war eine so ungebrochene Lebenskraft in dir. Du warst – wie soll ich es nur sagen? – wie eine Flamme, die noch fast bedeckt ist, aber man spürt, daß sie sich durchfressen wird und plötzlich hell und sieghaft auflohen.“

„Und jetzt?“ sagte Mette trübe. „Jetzt glimmt es und schwelt, und die Glut läuft an den Kanten entlang, und manchmal züngelt noch irgendwo ein ganz schwächliches blaues Flämmchen auf, aber man sieht, daß es keinen Atem hat, es wird erlöschen, die Glut wird erlöschen, und es bleibt ein dunkler, kalter, halbverkohlter rauchender Haufen – kein Aschenhaufen, denn der hat ja seinen Zweck erfüllt, der hat sich in Flammen verzehrt und hat Wärme gegeben – oder sonst seinen Zweck erfüllt. Glaub’ mir, ich könnte auch meinen Zweck in der Welt erfüllen, wenn er auch noch so gering ist – es müßte nur einer Feuer in mich hineinwerfen, mich in Flammen setzen – das Material ist ganz gut.“

„Vielleicht,“ lächelte Sophie, „ist jeder Mensch so ein Haufen Brennmaterial – mehr oder weniger gutes. Manche haben die Flamme direkt von Gott – manche haben sie von brennenden Menschen. Aber es kommt auch dann immer noch darauf an, ob das Häuflein am richtigen Platz verbrennt. Es kann einem einzigen Wärme spenden, es kann, in einem Maschinenkessel eingesperrt, Wunder vollbringen und Tausende übers Meer führen – es kann auch wild um sich brennen und Städte und Wälder in Asche legen. Aber, schön ist es immer, wenn’s brennt, und wenn es Pech und Werg und Moorerde ist.“

Mette hob die Achseln – ihr war, als höbe sie eine Last hoch: „Ich bin am Verlöschen, glaub’ mir – und habe mit meiner Kraft keinen erwärmt und kein Rädchen in Bewegung gesetzt – und bin noch nicht einmal ausgebrannt – das ist das schlimmste!“

Sie gingen ein paar Minuten schweigend. Sophie stieß mit der Stockspitze nach Kieseln, die im Wege lagen, als wollte sie sie zersplittern.

Plötzlich warf sie den Kopf hoch.

„Geh’ weg von hier!“ sagte sie zwingend, „pack’ deine Koffer und fahr’ morgen nach Hause!“

„Ich hab’ kein ‚Zuhause‘,“ sagte Mette bitter.

„Dann fahr’ irgendwohin – in eine fremde Stadt, oder in die Berge, oder in ein Bad. Irgendwohin, wo du fremd bist. Such’ dir einen Kreis intelligenter, anregender, aber vor allen Dingen reinlicher Menschen. Ich würde sagen: such’ dir _einen_ Menschen – aber da ist mit Suchen so wenig getan. Es ist ja auch vorgekommen, daß einer auf der Straße eine goldene Uhr oder eine gefüllte Brieftasche gefunden hat – darum wäre es doch recht töricht, auszugehen, um goldene Uhren oder Brieftaschen zu finden. Aber was du hier um dich hast – das sind ja keine Menschen für dich.“