Part 21
„Mich haben sie zum Wunderdoktor gemacht,“ blökte der Alte lachend, „ich habe mehr erfolgreiche Kuren und für weniger Medizin aufzuweisen als der beste Arzt in Chikago. Du bist zweimal totgeschossen worden und lebst immer noch, und der gute Dobbs hat den Kopf so völlig verloren, daß er ihn selber nicht einmal mehr damit suchen gehen kann. Und das alles für Gold, das uns gehört, und von dem niemand weiß, wo es ist, und das billiger ist als ein Säckchen Tabak für fünfunddreißig Centavos.“
Nun endlich begann Curtin zu lachen, und er wollte gerade ebenso kräftig damit herausbrüllen, wie es der Alte schon die ganze Zeit tat. Aber Howard hielt ihm die Hand auf den Mund: „Nicht so laut, alter Junge, sonst platzt dir der Lungenflügel. Und den mußt du behalten, weil wir sonst nicht nach Tampico kommen. Mit der Bahn wird es wohl kaum viel werden. Wir müssen auf den Eseln zurückreiten, und die wir nicht zum Reiten gebrauchen, die müssen wir verkaufen, damit wir wenigstens Tortillas und Frijoles zu essen haben, wir Millionäre, die wir sind.“
„Was können wir denn nur anfangen?“ fragte Curtin nach einer Weile.
„Ich überlege schon, ob ich mich hier nicht dauernd als Medizinmann niederlassen soll. Wir können das Geschäft gemeinsam betreiben. Ich komme allein sowieso nicht durch. Ich brauche einen Assistenten, und ich will dir alle meine Rezepte vermachen. Die sind gut, das kann ich dir versprechen.“
Als Howard die Packen alle einzeln durchzusuchen begann, fand er einen Packen, aus dem die Säckchen nicht ausgeschüttet waren. Entweder waren sie übersehen worden, oder der von den Strauchdieben, der sich diese Packen angeeignet hatte, war zu bequem gewesen, die Packen alle aufzuschnüren, weil er gedacht hatte, sich das für später aufzuheben, wenn sie es nicht so eilig hatten, weiterzukommen.
„Das wird gerade reichen für – für was?“ sagte Howard.
„Mit dem Kino wird es wohl nichts?“ fragte Curtin.
„Dazu reicht es nicht. Aber ich habe gedacht, vielleicht ein ganz kleines Delikatessen- und Konservengeschäft?“
„Wo? In Tampico?“ Curtin setzte sich halb auf.
„Natürlich. Wo dachtest du denn?“ erwiderte Howard.
„Aber im letzten Monat, als wir in Tampico waren, machten ja vier große Delikatessengeschäfte innerhalb von sechs Wochen Pleite.“ Curtin hielt es für wichtig, den Alten zu erinnern.
„Das ist richtig“, sagte Howard. „Aber das war vor zwölf Monaten. Das kann sich nun geändert haben. Man muß sich doch ein wenig auf sein Glück verlassen können.“
Curtin überlegte einen Augenblick und sagte dann: „Vielleicht ist doch dein erster Vorschlag der bessere. Wir versuchen es erst einmal eine Zeit mit dem Medizingeschäft, da ist uns wenigstens das Essen und die Wohnung sicher. Ob das bei den Delikatessen der Fall sein wird, weiß ich noch nicht recht.“
„Aber Mensch, da sitzt du doch mitten drin. Da brauchst du doch nur den Büchsenöffner zu nehmen und eine Büchse aufzumachen oder auch zwei, wenn es dir schmeckt.“
„Well und schön. Aber das sollst du mir erst noch sagen, was du essen willst, wenn sie kommen und das Delikatessengeschäft versiegeln. Dann kannst du doch nicht mehr ran an die Konservenbüchsen.“
„Daran habe ich nicht gedacht“, sagte Howard betrübt. „Das ist wahr, dann können wir nicht mehr ran an die Büchsen, und der schönste Büchsenöffner ist dann wertlos. Ich denke auch, es ist vielleicht doch besser, die Delikatessen vorläufig allein zu lassen und uns lieber auf Medizin zu legen. Außerdem ist es ein höchst ehrenwerter Beruf. Delikatessenwarenhändler kann schließlich jeder Esel werden, Medizinmann noch lange nicht. Dazu muß man geboren sein. Und das darf ich von mir mit Fug und Recht behaupten. Komm nur erst rüber in mein Dorf, da wirst du etwas sehen und lernen. Den Hut wirst du ziehen vor mir, mein Junge, wenn du siehst, was für eine geachtete Persönlichkeit ich da bin. Die wollten mich vor einigen Tagen schon zur gesetzgebenden Körperschaft machen. Was sie sich darunter denken, habe ich aber nicht erfahren können.“
In dem Augenblick kam sein Gastgeber herein.
„Senjor,“ sagte er, „wir müssen jetzt fortreiten. Es ist gerade ein Mann herübergeritten gekommen. Der sagt, es seien so viele Leute im Dorf, die den Doktor sehen wollten, daß sie im Dorf Angst bekämen. Darum müssen wir sofort losreiten.“
„Da hörst du es ja“, wandte sich Howard an Curtin, als er ihm die Hand gab.
Curtin lachte und sagte: „Ich denke, daß ich in drei Tagen rüberkommen kann, um den Wunderdoktor zu sehen.“
Howard hatte keine Zeit, zu antworten. Die Indianer hatten ihn untergefaßt, hinausgetragen und aufs Pferd gehoben.
Dann ritten sie mit ihm davon.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 31]: ... „Das ist aber der sicherste Platz.“ Dobbs bestand auf seinen Plan. ... ... „Das ist aber der sicherste Platz.“ Dobbs bestand auf seinem Plan. ...
[S. 55]: ... begann sich zu forden. ... ... begann sich zu formen. ...
[S. 145]: ... „Ein Nischt“, sagte Dobbs und trottete hinter den beiden, die voraufgegangen ... ... „Ein Nischt“, sagte Dobbs und trottete hinter den beiden, die vorausgegangen ...
[S. 149]: ... einem Male einer der Männer ihnen nach: „Holla, Senjores, un momento!“ ... ... einem Male einer der Männer ihnen nach: „Hola, Senjores, un momento!“ ...