Part 20
Miguel dachte eine Weile nach, und als ihm einfiel, daß die Felle und die Werkzeuge ja keinen Brand hatten, sagte er: „Gut, wenn ihr die Felle und die Werkzeuge haben wollt –. Was meint ihr?“ wandte er sich seinen Freunden zu.
„Wir sind einverstanden“, sagten die. „Die Sachen können weg.“
„Das sind doch eure Sachen?“ fragte der Alkalde.
„Natürlich“, antwortete Miguel.
„Warum hat denn der Amerikaner die Felle nicht in Durango verkauft? Warum schleppt ihr denn die Felle wieder hier zurück? Ihr tragt doch auch kein Wasser auf Eselsrücken in den Fluß?“
„Die Preise waren nicht gut in Durango, und wir wollen eine bessere Zeit abwarten.“ Miguel begann ein wenig auf und ab zu gehen, soweit ihm die Männer Platz ließen.
„Ist der Amerikaner nackt zur Bahn gegangen?“ Der Alkalde warf die Frage unerwartet auf.
„Was meinen Sie?“ Miguel wurde blaß.
„Sie haben doch seine Stiefel an, und der da hat seine Hosen an. Warum hat denn keiner von euch sein Hemd an, das noch ganz gut war? Es war jedenfalls so gut wie ein neues, verglichen mit dem Fetzen, den Sie da tragen.“
Miguel schwieg.
„Warum hat es keiner von euch genommen?“ wiederholte der Alkalde. „Ich kann es euch sagen,“ fuhr er fort, „warum das Hemd niemand von euch anziehen wollte.“
Weder Miguel noch einer der beiden andern wartete ab, was der Alkalde weiter sagen würde. Mit einem Satz war jeder auf die Männer gesprungen, die jedem am nächsten standen. Das war den Männern so überraschend gekommen, daß sie nicht schnell genug zugriffen. Die Burschen entwischten ihnen und rannten die Straße des Dorfes hinunter, um ins Freie zu kommen.
Der Alkalde winkte einigen der Männer, und wenige Minuten später sausten fünf Leute auf ihren Pferden hinter den Flüchtlingen her. Sie hatten sich nicht einmal Zeit genommen, die Pferde zu satteln. Lediglich die Kopfleinen hatten sie den Tieren übergeworfen.
Die Strauchdiebe waren nicht weit gekommen. Die Indianer holten sie ein, ehe sie das letzte Haus des Dorfes erreicht hatten. Sie wurden an den Lasso genommen und wieder auf den Dorfplatz gebracht.
„Wir werden nun den Amerikaner suchen gehen und ihn fragen, zu welchem Preise er euch die Esel verkauft hat, und warum er sich nackt ausgezogen hat, um euch seine Stiefel und seine Hosen zu schenken. Wir werden sein Hemd mitbringen, das keiner von euch haben wollte.“ Der Alkalde sagte es in einem mitteilenden Tone, ohne daß er eine Antwort erwartete.
Die Burschen waren gebunden worden und wurden nun von drei Indianern, die sich ihnen gegenüberhockten und ihren Machete auf den Knien liegen hatten, bewacht.
Die Männer sattelten ihre Pferde, packten Tortillas in ihre Basttäschchen und machten sich dann auf den Weg. Der Alkalde und Porfirio ritten mit ihnen.
24
Es kann schwerlich jemand lange in jenen Distrikten reisen, ohne daß er gesehen wird. Auch wenn er versucht, allen Ortschaften und allen Leuten aus dem Wege zu gehen, immer sind Augen da, die ihn sehen, die seinen Weg verfolgen und sein Tun beobachten. Er selbst weiß es meist nicht, daß er beobachtet wird. Die ihm entgegenkommen, weichen lange, ehe er sie sieht, vom Wege ab und kriechen in den Busch, wo sie ihn vorüberziehen lassen und nicht eher wieder hervorkommen, bis er außer Sicht ist. Sie haben ihn genau gesehen, er hat nicht einmal geahnt, daß er vom Kopf bis zu den Füßen so eingehend betrachtet wurde, daß wenige Stunden später das ganze Dorf weiß, wie der Mann ausgesehen hat, und was er mit sich führte. In Bewässerungsgräben, hinter Hügeln, hinter Felsblöcken, hinter Sträuchern sehen die Augen jede Bewegung und jeden Schritt, den der Fremde tut.
Die Leute auf den Pferden verfolgten den Weg, den Dobbs gegangen war, und nicht den, den die Wegelagerer gekommen waren. Da sie auf Pferden saßen und kein Gepäck hatten, waren sie schon am Nachmittag an dem Platze, wo Dobbs haltgemacht hatte. Der Platz war leicht zu finden.
Zwei der Männer verfolgten die Spuren weiter vom Platze aus zur Stadt. Aber sie fanden bald, daß die Esel nur gestreut hatten und dann zurückgetrieben worden waren.
Nun war es ein leichtes Spiel für den Alkalden, selbst ein Vollblutindianer, die ganze Begebenheit zu erzählen. Die Esel hatten gestreut, also hatte niemand Zeit gehabt, sich um sie zu bekümmern. Infolgedessen mußte an dem Platze etwas vorgegangen sein, was alle Anwesenden, deren Fußspuren zu erkennen waren, so in Anspruch genommen hatte, daß sie nicht gesehen hatten, wann die Esel zu streuen begannen. Und der Vorgang mußte ein schwerwichtiger gewesen sein, denn sonst hätten die Esel nicht so weit streuen können.
Weder von dem Platze aus, wo die Bäume standen, zu der Stelle, wo die Esel wieder eingeholt worden waren, noch von dieser Stelle aus weiter zur Stadt waren Fußspuren des Amerikaners zu sehen. Auch wenn er barfuß gegangen wäre, seine Spuren hätte man leicht erkannt. Die Form seines Fußes ist nicht so schön wie die eines Indianers, weil er immer Stiefel trägt und häufig solche, die die Zehen verkrüppeln. Außerdem sind die Füße der Weißen viel größer als die der Indianer, die allgemein zierliche und kleine Füße haben.
Da von dem Platze keine Spuren des Amerikaners weiterführten, so mußte er noch auf dem Platze sein. Und da er nicht tief und nicht sorgfältig genug eingegraben war, auch kein Regen gefallen war, so hatten die Männer sein Grab in wenigen Minuten gefunden.
„Wegen Mord kann man nur angeklagt werden, wenn der Leichnam gezeigt werden kann“, hatte Miguel gesagt. Damit hatte er recht gehabt. Das ist das Gesetz, und das darf man ein gutes Gesetz nennen, denn in so großen Ländern können Menschen sich so unsichtbar machen, daß ein Leichnam leichter gefunden werden kann als der Mensch, der freiwillig verschwand.
Der Leichnam war gefunden, und da die drei Wegelagerer das Eigentum jenes Leichnams besaßen, ohne das Besitzrecht beweisen zu können, so war diese Angelegenheit im Grunde abgetan.
Der Alkalde betrachtete sich den Leichnam nur eine Sekunde, dann sagte er: „Machete.“
Dann zogen die Männer dem Körper das Hemd aus, das der Alkalde an sich nahm, und hierauf gruben die Indianer den Leichnam wieder ein. Sie taten es entblößten Hauptes, und als sie die Grube, die sie tiefer gemacht hatten, obgleich sie es nur mit ihren Machetes tun konnten, wieder zugeschüttet hatten, standen sie eine Weile ohne Hüte um den Hügel. Sie beteten nicht, aber sie sahen alle mit gebeugtem Kopfe auf den Hügel hinab.
Während die Männer noch vor dem Hügel standen, ging der Alkalde zum nächsten Baume. Er hieb mit dem Machete einen dünnen Ast ab und hieb den Ast dann in zwei Stücke. Er band sie mit einem Stück Faden zu einem Kreuz zusammen und steckte es in den Hügel, wo der Kopf lag.
Am nächsten Morgen waren die Männer wieder zurück in ihrem Dorfe. Der Alkalde zeigte den Burschen das Hemd. Sie sahen es an und zuckten mit den Schultern.
Zwei Männer waren inzwischen zur nächsten Station der berittenen Landpolizei geritten. Im Laufe des Vormittags kamen die Soldaten. Der Inspektor, nachdem er die Leute gesehen hatte, sagte zu dem Alkalden: „Auf dem da“, er deutete auf Miguel, „ist eine Belohnung. Ich glaube dreihundert Pesos oder zweihundertfünfzig. Genau weiß ich es nicht. Bandit. Hat vordem schon zwei umgebracht. Die beiden andern Vögel werden wohl von derselben Art sein. Ich kenne sie nicht. Die Belohnung wird auf Sie fallen, Senjor, auf Porfirio und auf die übrigen Männer hier. Was tun Sie denn nun mit den Eseln und dem Gepäck?“
„Das bringen wir morgen zu den Eigentümern“, sagte der Alkalde. „Ich weiß, wo sie sind. Der eine ist ein Doktor, den wollen sie drüben auf der andern Seite nicht fortlassen. Wir wollen ihn auch noch für eine Woche haben. Er bekommt ja nun seine Sachen und wird es nicht so eilig haben, fortzugehen.“
Dann wurden die drei Strauchdiebe von der Polizei übernommen. Sie kamen nicht an Lassos. Sie trotteten in der Mitte der berittenen Soldaten. Da ist das Hemd, da ist die Hose, da sind die Stiefel, da sind die Esel, da sind die Packen, und da ist das Kreuzlein auf dem Hügel. Also wird die Gerichtsverhandlung wohl schwerlich länger als zwei Stunden dauern. Ein kostspieliges Gerüst wird nicht gebaut, weiße Handschuhe werden auch nicht angezogen. Für diese Dinge hat der Staat nicht viel Geld übrig. Das Geld muß für wichtigere Sachen gespart werden.
25
Howard war ein viel beschäftigter Mann. Er konnte sich nicht der Ruhe so erfreuen, wie er gehofft hatte. Er war der große berühmte Wunderdoktor. Die Indianer des Hochgebirges sind alle sehr gesund, und sie erreichen ein Alter, das dem Europäer wie ein Märchen klingt. Nur gegen eingeschleppte Krankheiten sind sie wehrlos. Aber wenn sie auch alle eine beneidenswerte Gesundheit haben, so leiden sie doch an Krankheiten und Gebrechen, die sie sich so lange einreden, bis sie fest überzeugt sind, daß sie die Krankheit haben. Man braucht ihnen nur von einer Krankheit zu erzählen und die Symptome zu schildern, es vergehen keine drei Tage, und sie haben die Krankheit. Aus diesem Grunde machen Ärzte und Kirchen ein so gutes Geschäft im Lande.
Da kam eine Frau zu Howard, die wissen wollte, warum sie Läuse habe, während ihre Nachbarin keine hätte. Was sollte Howard verschreiben? Lausesalbe wäre das einzige Mittel gewesen. Aber wenn sie verbraucht ist, dann sind die Läuse wieder da, und die Frage taucht erneut auf: „Warum habe ich Läuse und meine Nachbarin keine?“ Howard half sich in einfacher Weise, denn er war ein echter Medizinmann. Er sagte: „Das kommt daher, daß Sie sehr gutes und gesundes Blut haben, das die Läuse lieben, während Ihre Nachbarin sehr schlechtes und krankes Blut hat.“
Darauf kam die Nachbarin, eine blühend gesunde Frau, die ein Mittel verschrieben haben wollte gegen ihr schlechtes und krankes Blut. Würde sie zur Stadt zu einem studierten Arzt gehen, der würde ihr Salvarsan verschreiben, obgleich sie keine Spur von einer Krankheit hat, gegen die sonst Salvarsan gegeben wird. Aber die Leute bilden sich ein, daß Salvarsan das Blut heile, und der Arzt verschreibt es ihnen.
Howard hatte kein Salvarsan zur Hand. Er hatte überhaupt keine Medizin. Er verschrieb immer „Heißes Wasser trinken, jeden Tag zwei Liter.“ Um genügend Variation hineinzubringen, verschrieb er zwei Liter oder eindreiviertel Liter oder einundeinhalb; dann wieder heißes Wasser mit Zitronensaft oder mit Apfelsinensaft oder mit sonst irgendeinem Kraut oder Gemüse, das er kannte, und von dem er wußte, daß es keinen Schaden anrichten könne.
Merkwürdigerweise für den, der die Heilkraft des Wassers nicht kennt, wurden die Männer, Frauen und Kinder, die den Wunderdoktor belagerten, alle gesund. Sie behaupteten es wenigstens. Und es ist ja mit allen Krankheiten so, wenn man überzeugt ist, daß man nicht mehr krank ist, so ist man eben gesund.
Gegen äußere Leiden, wo „der Tod directamente dicht unter der Haut lag“, wie die Leute erzählten, und sie den Tod schon deutlich fühlen konnten, wenn sie auf die Haut drückten, da verschrieb Howard heiße Umschläge. Der Abwechslung wegen manchmal wieder kalte Umschläge. Umschläge auf den Kopf, auf den Nacken, auf die Handflächen, auf den Puls, auf den Unterleib, auf die Fußsohlen, wo immer Platz war. Und die Leute wurden auch hier alle gesund. Der Tod kroch weg unter der Haut, weil es ihm, je nachdem, zu heiß oder zu kalt wurde.
Mit Arm- und Beinbrüchen, Verstauchungen und Verrenkungen wurden die Leute allein fertig. Da konnte ihnen kein Arzt etwas zeigen. Und Geburtshilfe brauchte Howard auch nicht leisten. Das ging ganz glatt.
Der Ruhm Howards wuchs mit jedem Tage, und hätte er mehr Sinn und Liebe für ein Zusammenleben mit natürlichen Menschen gehabt, so hätte er hier in Frieden und Glückseligkeit sein Leben verbringen können. Aber er dachte doch täglich an seine Abreise. Es waren ihm so verschiedene Gedanken gekommen hinsichtlich der beiden Mitarbeiter, ob sie sein Gut auch ordentlich abliefern würden, und ob sie sicher durchkommen möchten zur Bahn. Er tröstete sich damit, daß er jetzt nichts tun könne und sich auf die Geschicklichkeit und Ehrlichkeit der beiden verlassen müsse.
Dann kam eines Morgens ein Indianer ins Dorf geritten und suchte das Haus, wo der große Doktor wohnte. Er sprach zuerst mit dem Gastgeber selbst, und dann gingen beide auf Howard zu.
Der Gastgeber sagte: „Senjor, da ist ein Mann aus einem Dorfe von drüben über das Gebirge hinweg. Er hat Ihnen eine Geschichte zu erzählen.“
Der Indianer setzte sich nieder, drehte sich eine Zigarette, zündete sie an, und dann begann er zu erzählen.
„Lazaro war im Busch und brannte Holzkohle. Er ist ein Kohlenmann. Es war früh am Morgen. Er hatte gerade aufgeschichtet. Da sah er etwas auf der Erde kriechen. Und als er nun näher hinsah, da erkannte er, daß es ein weißer Mann war, der da kroch. Er war ganz voll Blut und konnte nicht mehr weiter. Lazaro gab ihm zu trinken. Dann ließ er seinen Holzhaufen allein, packte den weißen kranken Mann auf seinen Esel und brachte ihn ins Dorf in sein Haus.
Als der Mann im Hause auf eine Matte gelegt war, war er tot. Dann kam aber ein andrer Mann, sah sich den Weißen an und sagte: ‚Der ist nicht ganz tot. Der ist nur sehr krank oder sehr schwach. Da muß Filomeno hinüberreiten zu dem weißen Wunderdoktor, weil Filomeno ein Pferd hat, und weil ein Esel nicht so schnell läuft.‘
Ich bin Filomeno, Senjor, und ich habe ein schnelles und gutes Pferd. Ich bin nun gekommen. Sie können dem weißen kranken Mann gewiß helfen, wenn Sie gleich mitkommen.“
„Wie sieht der weiße Mann denn aus?“ fragte Howard.
Filomeno konnte ihn so deutlich beschreiben, als stünde er neben ihm, und Howard wußte, daß es Curtin war.
Er machte sich sofort bereit, zu gehen. Sein Gastgeber und noch drei andre Indianer begleiteten ihn.
Es war ein langer beschwerlicher Ritt. Aber als die Männer ankamen, hatte sich Curtin schon ein wenig mehr erholt und schien außer Gefahr zu sein. Den Leuten im Dorfe hatte Curtin mit wenigen Worten erzählt, daß er auf dem Wege angeschossen worden sei, von wem, das wisse er nicht. Er wollte vermeiden, daß man Dobbs verfolge, weil sonst alles verlorengegangen wäre.
„Diese nichtswürdige Kreatur hat mich kaltblütig niedergeschossen,“ sagte Curtin zu Howard, „weil ich mich weigerte, mit ihm dein Gut zu teilen. Er spielte erst einen Trick, als ob er in Notwehr sei. Aber ich wußte gleich, worauf er aus sei. Ich hätte ja eigentlich zustimmen können zu der Teilung, und wenn wir in der Stadt waren, die Sache wieder in Ordnung bringen können. Aber du wärest vielleicht früher bei uns gewesen, ehe ich erwartete, und dann würdest du geglaubt haben, ich hätte dich betrügen wollen. Du würdest sicher nicht geglaubt haben, daß ich der Teilung nur scheinbar zugestimmt hätte. Er kippte mir eine in die linke Seite und ließ mich im Busch liegen, damit ich dort verrecke. Nun habe ich aber zwei Schüsse, ich kann mich jedoch nur auf einen besinnen. Ich denke beinahe, dieser Schurke ist später, als ich bewußtlos dalag, noch einmal zurückgekehrt und hat mir noch eine gekippt, um seiner schönen Arbeit auch ganz sicher zu sein. Spät in der Nacht kam ich zu mir und torkelte und kroch so rasch von der Stelle fort, wie es nur möglich war. Ich dachte, der kommt sicher am Morgen, ehe er weitermarschiert, noch einmal her, und wenn er sieht, daß ich immer noch einen Atemzug habe, gibt er mir den Rest. Ich bin dann auf einen Indianer gestoßen, der im Busch Kohle brannte. Zuerst lief er weg, weil er sich fürchtete. Als ich aber dann zu ihm sprach und ihm sagte, daß ich in Not sei, half er mir sofort und brachte mich hierher. Ohne seine Hilfe wäre ich sicher umgekommen, denn ich konnte nicht mehr weiter, und kein Mensch würde mich da je gefunden haben.“
„Dann ist der Bursche also mit allem durchgegangen?“ fragte Howard.
„Ohne Zweifel.“
Der Alte dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „Eigentlich ein Lump war er nicht. Ich glaube, er ist im Grunde ein ehrlicher Kerl. Der Fehler war, daß er mit dir allein abzog. Es ist eine verdammt böse Versuchung, mit einer Menge Gold und nur mit einem Mann zur Seite, auf Seitenpfaden und Schleichwegen durch diesen einsamen Busch tagelang zu ziehen. Dieser Busch lockt und lockt und schreit und flüstert unaufhörlich: ‚Ich plaudere nichts aus, greif zu, es ist eine Gelegenheit, die nicht wiederkommt, ich bin verschwiegener als Gräber.‘ Wenn ich jung wäre wie Ihr, ich weiß nicht, ob ich die vielen Tage hindurch einer solchen verfluchten Lockung hätte widerstehen können. Es ist ja nur eine Sekunde, eine einzige Sekunde, um die es geht. Und rechne einmal selbst, wie viele Sekunden ein Tag von vierundzwanzig Stunden hat. Eine Sekunde, in der sich blitzschnell die Begriffe verschieben, und ehe die Begriffe sich in der nächsten Sekunde wieder in das alte Geleise einrenken, hat man schon geknipst. Dann kann man nicht mehr zurück und muß volle Arbeit tun.“
„Der Schurke hatte kein Gewissen, das ist alles“, sagte Curtin.
„Der hat soviel und sowenig Gewissen wie wir alle, wenn er denkt, daß er die Ellbogen gebrauchen muß, um raufzukommen. Wo kein Ankläger zu erwarten ist, da schweigt es wie eine leere Schnapsflasche, die in einem verstaubten Winkel liegt. Das Gewissen wird nur lebendig, wenn es unterstützt wird. Dafür sind ja die Zuchthäuser, die Henker, die Höllenstrafen. Haben unsre Munitionslieferanten, die ihr Geld machten, daß sie halfen, die europäischen Völker abzuschlachten, ein Gewissen? Hat unser Mr. Wilson ein Gewissen gehabt, als er fünfzigtausend von unsern Jungen ermorden ließ, weil Wallstreet fürchtete, ihr Geld zu verlieren, und die Munitionsmacher noch bessere Geschäfte machen wollten? Ich habe nie davon gehört. Immer nur wir kleinen Kicker müssen das Gewissen haben, andre brauchen keins. Jetzt wird wohl dem Freunde Dobbs das Gewissen lebendig werden, wenn er erfährt, daß er mit dir nur halbe Arbeit gemacht hat. Nein, lieber Junge, laß mich mit dem Gewissen nur ganz aus dem Spiele. Ich glaube nicht daran. Wir müssen uns jetzt nur darum bekümmern, wie wir dem Burschen die Beute wieder abjagen.“
Howard wollte nun sofort nach Durango reiten, um Dobbs noch einzuholen oder ihn wenigstens in Tampico zu erreichen, ehe er aus dem Lande verschwand. Curtin sollte hier im Dorfe in Pflege bleiben und später nachkommen.
Als Howard seinen Gastgebern erklärte, daß er nun nach seinem Eigentum sehen müsse, weil Curtin hier krank läge, gaben sie ihm recht, daß er abreisen müsse, wenngleich es ihnen schwerfiele, ihn so bald gehen zu lassen.
Am nächsten Morgen war Howard bereit, nach Durango zu gehen. Aber die indianischen Freunde wollten ihn nicht allein gehen lassen. Sie wollten ihn begleiten, damit er auch sicher in der Stadt ankäme, und damit ihm nicht ein ähnliches Schicksal widerfahre wie seinem Genossen Curtin. Deshalb ritten sie alle mit ihm.
Sie waren gerade bis zum nächsten Dorf gekommen, als sie den Indianern begegneten, mit dem Alkalden als Führer, die auf dem Wege waren, um die Esel und die Packen zu Howard zu bringen.
„Wo ist denn euer Senjor Dobbs, der Amerikaner, der diesen Zug nach Durango bringen sollte?“ fragte Howard, als er sich umgesehen hatte und keinen Dobbs finden konnte.
„Der ist erschlagen“, sagte der Alkalde ruhig.
„Erschlagen? Von wem?“ Howard sagte es rein mechanisch.
„Von drei Wegelagerern, die gestern von den Soldaten gefangen genommen wurden.“
Howard sah auf die Packen, und sie schienen ihm merkwürdig dünn zu sein. Er sprang hinzu und öffnete einen seiner eignen Packen. Die Felle waren vollzählig drin, aber die Säckchen waren fort.
„Wir müssen die Wegelagerer einholen,“ rief er, „ich muß sie etwas fragen.“
Seine Begleiter waren dazu bereit. Man ließ den Zug in das Dorf bringen, wo Curtin lag. Die übrigen Männer ritten auf geraden Pfaden den Soldaten nach.
Die Soldaten hatten sich nicht sehr beeilt, voranzukommen. Bei solchen Patrouillenritten werden immer noch die Ortschaften, die in der Nähe des Hauptweges verstreut liegen, besucht, um zu hören, was los ist, und den friedlichen Einwohnern zu zeigen, daß die Regierung sie nicht vergessen hat und sie unter Schutz hält. Die Gefangenen, die mitgeführt werden, vertiefen nur den Eindruck bei der indianischen Landbevölkerung, daß sie ruhig ihrer Arbeit nachgehen kann, und daß die Regierung nach dem Rechten sieht und den Banditen und den Wegelagerern tüchtig auf den Fersen sitzt. Die Banditen und diejenigen, die vielleicht gerade im Sinne haben, es einmal mit diesem Geschäft zu versuchen, werden durch die Gefangenen, deren Los vorher hinreichend bekannt ist, eindrucksvoll genug belehrt, daß es auch seine Schattenseiten hat, auf Straßenräuberei auszugehen. Solche Warnungen sind wirkungsvoller als Berichte in den Zeitungen, die hier nicht hinkommen, und wenn sie hinkommen, nicht gelesen werden können.
Am darauffolgenden Tage waren die Soldaten schon eingeholt. Der Alkalde stellte dem Offizier Howard als den rechtmäßigen Eigentümer der Esel und der Packen vor, und Howard erhielt ohne weiteres die Erlaubnis, die Banditen auszufragen. Wie sie Dobbs umgebracht hatten, das interessierte ihn nicht, der Alkalde hatte es ihm schon deutlich genug erzählt. Er wollte nur wissen, wo die Säckchen seien.
„Die Säckchen?“ fragte Miguel. „Ach ja, diese kleinen Säckchen, die haben wir alle ausgeschüttet. Da war nur Sand darin, um den Fellen mehr Gewicht zu geben.“
„Wo habt ihr denn die Säckchen ausgeschüttet?“ fragte Howard.
Miguel lachte. „Was weiß ich? Irgendwo im Busch. Das eine Säckchen hier, das andre weiter fort. Es war finster. Wir sind dann in der Nacht weitermarschiert, um fortzukommen. Wir haben kein Kreuz hingenagelt, wo wir die Säcke ausgeschüttet haben. Sand gibt es überall. Sie brauchen sich nur zu bücken. Und wenn Sie gerade den Sand, den Sie vielleicht als Proben hatten, suchen gehen wollen, ich glaube nicht, daß sie noch ein Körnchen finden. In der vorletzten Nacht hatten wir einen fürchterlichen Sturm. Der hat alles fortgeweht, auch wenn ich genau wüßte, wo es war, wo wir die Säckchen ausschütteten. Ich würde es Ihnen sonst gern sagen, für ein Säckchen Tabak. Aber ich weiß es nicht und kann mir den Tabak nicht verdienen.“
Howard wußte nicht, was er sagen sollte. Alles, was er äußern oder was er tun konnte, war nur, ein solches Gelächter anzustimmen, daß die übrigen Männer und auch die Soldaten mitlachen mußten, obgleich sie nicht wußten, wo der Witz lag. Aber das Lachen klang so gesund, daß sich niemand gegen seine Wirkung wehren konnte.
Howard warf den Strauchdieben ein Säckchen Tabak zu, dankte dem Offizier, verabschiedete sich von ihm, und dann ritt er mit seinen Freunden wieder zurück.
„Well, my boy“, sagte Howard, während er sich auf den Rand des Lagers setzte, auf dem Curtin lag. „Das Gold ist dahin gegangen, wo es herkam. Diese prachtvollen Halunken haben es für Sand gehalten, mit dem wir die Fellhändler in der Stadt betrügen wollten beim Auswiegen der Felle. Und diese Lämmer haben den Sand alle ausgeschüttet. Wo, wissen sie nicht mehr, weil es finster war. Und dann hat der Hurrikan in der vorletzten Nacht den Rest besorgt. Für ein Säckchen Tabak war jetzt die ganze Bronze zu haben, für die wir zehn Monate schufteten.“
Und er begann so zu lachen, daß er sich krümmen mußte, weil ihm der Bauch weh tat.
„Wie du da lachen kannst, das ist mir ganz und gar unverständlich“, sagte Curtin halb erbost.
„Das verstehe ich nicht“, sagte Howard, nur noch immer mehr lachend. „Wenn du hier nicht lachen kannst, bis du platzt, dann weißt du nicht, was ein guter Witz ist, und dann kannst du mir leid tun. Dieser Witz ist zehn Monate Arbeit wert.“
Und er lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen.